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Interview: Gert Jalass, MoonModular


Mondsüchtig in Berlin

Gert Jalass – Mastermind von MoonModular in Berlin © Wanja Janowski, Berlin

Vorwort der Redaktion:

Durch den enormen Siegeszug des Eurorack-Standards gerät der einstige Modular-Standard im typischen Moog-Format 5 HE ein wenig in Vergessenheit. Wer aber einmal ein 5 HE-System sein Eigen nennen konnte oder immer noch kann, dem erscheinen Eurorack-Module geradezu als winzig klein. Haptik, große Klinkenbuchsen und eine erstaunliche optische Präsenz sind die markanten Merkmal der 5 HE-Systeme. Leider findet man weltweit aber nur noch eine handvoll Anbieter, die sich ernsthaft mit diesem Format auseinandersetzen und eine umfangreiche Produktvielfalt im Sortiment haben. Hier auf AMAZONA.de finden sich bereits zahlreiche Reportagen zu CLUB OF THE KNOBS, zu SYNTH-WERK und auch MARIENBERG, obwohl nicht ganz formatgetreu, haben wir schon ausführlich besprochen. Den Auftakt zu einer Feature-Serie über die Berliner Schmiede MOONMODULR, macht nun ein Interview mit dem Gründer Gert Jalass, welches Bernd Kistenmachen für uns führte.

Wir wünschen einen wunderbaren Vintage-Samstag
Ihr Peter Grandl

Die Anonymität der Großstadt bringt einen manchmal dazu nicht zu erkennen, was für Nachbarn man hat und welcher tollen Beschäftigung sie nachgehen. So hatte es tatsächlich eine ganze Weile gedauert, bis ich realisiert hatte, dass eine von Deutschlands interessantesten Hardware-Schmieden quasi bei mir um die Ecke liegt. Wie auch immer. Der Fehler wurde korrigiert und mittlerweile treffen sich Gert Jalass und ich durchaus regelmäßig zu einem Gedankenaustausch. Und so ist es nun an der Zeit, die Leser von AMAZONA daran teilhaben zu lassen.

Bernd Kistenmacher:
Hallo Gert, ich fasse mal kurz dein bisheriges Leben wie folgt zusammen: Gert Jalass. Gebürtiger Berliner. Alt 68er. Aussteiger. Berliner Schule und Moog Fan von der ersten Stunde an. Dann schnell löten gelernt. Mit einer Jobanfrage bei Moog gescheitert. Aus Frust MoonModular auf die Beine gestellt. Das stimmt doch so, ODER?

Gert Jalass:
Tach Bernd, für einen „Alt 68er“ reicht es nicht ganz und ich bin gebürtiger Hamburger, im Großraum Kiel aufgewachsen und habe auch dort Physik und Informatik studiert..
Neben einem recht wechselvollen Berufsleben an verschiedenen Orten in Deutschland und der Schweiz hat mich die elektronische Musik und die damit einhergehende Technologie immer begleitet. Angefangen hat alles mit D.I.Y. auf Basis der Schaltungen des Elektor Formant bzw. des Electronotes von Bernie Hutchins. Natürlich träumte ich von den großen schwarzen Kisten; sprich Modularsystemen, wenn ich mir die Musik von Tangerine Dream und Klaus Schulze anhörte. Zu dieser Zeit bekam ich auch Kontakt zu Gleichgesinnten, d.h. im Rahmen des IME, des „Informationskreises Musikelektronik“, der dann später in den AME e.V., den „Arbeitskreis Musikelektronik“ aufging. Bekannte Kollegen aus jener Zeit sind z.B. Dieter Döpfer und Peter Kaminski.

Mit dem Aufkommen von MIDI gehörte für mich Analog natürlich zum alten Eisen und ich bin voll auf diese neue Schiene gesprungen. Hätte ich damals bloß Geld gehabt und die Zukunft vorausgesehen. Ich habe im Folgenden hauptsächlich Programme auf dem Atari geschrieben. Dadurch entstand dann auch Kontakt zu Florian Schneider. Sein Phonem-Compiler und Sequenzer für den VOTRAX, der auf der ersten Version der MIX Produktion von Kraftwerk zu hören ist, war eine der Arbeiten für ihn. In den späten 90ern stieß ich durch Zufall auf die MOTM Module von Synthesis Technology von Paul Schreiber. Dies erweckte wieder meine Lust zum Arbeiten mit analogen Schaltungen. Anfang der 2000er kam ich dann auch noch in den Besitz eines Moog Model 12 Systems. Es setzte eine rege Auktions- und Restaurationstätigkeit ein, die natürlich zu weiteren Kontakten führte. Zu nennen sind hierbei insbesondere Udo Hanten von der Band YOU. und Ed Buller vom englischen Synthesizerprojekt node. Beide bekanntermaßen Anwender großer Modularsysteme von Moog und PPG.

Udo fragte mich so Ende 2006, ob ich nicht auch richtige, neue Module bauen könnte. Ihm schwebte eine Art „Trigger-Sequenzer“ im Moog Format, Look und Feel vor. Ein Gerät also, mit dem er seine diversen Sequenzer synchronisieren konnte. Es gab dann diverse Prototypen, die in der öffentlichen Vorstellung des „Moon 563“ am 28.4.2008 mündeten. Dieses Datum ist sozusagen der kommerzielle Start von Moon Modular im Rahmen der „Lunar Experience“. Udo und Albin Meskes, der ebenfalls bei YOU mitspielt, hatten vorher schon verschiedene Module bei anderen Herstellern in Auftrag gegeben. Zu nennen seien hier Gerd Peun von Club of the Knobs und Matthias Schmidt von Curetronic. Für mich ging damit sozusagen ein Traum in Erfüllung. 2008 war mir allerdings nicht bewusst, in welche Größenordnungen sich MoonModular einmal entwickeln würde, nämlich zu einer Vollzeitaufgabe mit teils heftigem Arbeitscharakter.

Bernd Kistenmacher:
Du hast zu dieser Zeit in der Schweiz gelebt, hast aber den Wechsel nach Berlin vollzogen.  Hier lebst und arbeitest du. Wie kam es zu dem Umzug und weshalb gerade Berlin?

Gert Jalass:
Meine „richtige“ Arbeit hat mich von Kiel nach München, von München nach Berlin, von Berlin in die West-Schweiz und von dort wieder nach Berlin geführt. Meine erste Zeit in Berlin, das war so Mitte der 90er bis 2000, hat mir sehr gefallen. Das war dann auch der Grund, mich hier dauerhaft niederzulassen. Ich mag die Infrastruktur einer Großstadt. Das Kulturangebot beispielsweise. Und der Berliner lebt trotzdem sehr kiezbezogen, d.h. sozusagen im Dorf in einer Stadt, bestehend aus Dörfern. Und Berlin hat zudem den Vorteil, dass man schnell im Grünen ist. Auch innerhalb der Stadt – das Schöneberger Südgelände als eines der Beispiele – ist bei mir gleich um die Ecke. Und man kann andere Städte, wie z.B. Hamburg, recht leicht erreichen.

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    Synthfreak ••••

    Sehr schön, und der Vintage-Samstag bei Amazona gefällt mir mehr als der Super Samstag bei Netto (oder war es jetzt Lidl…?) Jetzt fehlt eigentlich nur noch ein Interview/Test mit den Leuten/Sachen von Synthesizers.com, nach den Artikeln zu MoonModular, Synth-Werk, KOTK und der vollständigkeit halber nehme ich auch noch mal Marienberg dazu.

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    Marius Seifferth AHU

    Interessantes Interview! Ich frage mich allerdings wie er auf „Moon Modular“ kam. Und natürlich frage ich mich auch, wann es die erste Modular-Performance auf dem Mond gibt :D

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    fritz808

    gratulation zum gelungenen interview. hatte bisher nicht die gelegenheit mir die firma näher anzusehen. wird zeit das nachzuholen!!!

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