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Interview: Girts Ozolins, Erica Synths

Diese neuen Wege möchte Erica Synths gehen

9. Mai 2026
Interview: Girts Ozolins, Erica Synths

Interview: Girts Ozolins, Erica Synths

Girts Ozolins ist in der modularen Szene eine der schillerndsten Persönlichkeiten. Dieses Interview ist das erste aus einer neuen Serie von Interviews mit Personen rund um das Thema modulare Synthesizer, nicht zuletzt im Kontext der Superbooth 2026. Auf der Messe geht es jedoch sehr hektisch zu. Auf meine Anfrage hin bevorzugte Girts daher ein Online-Interview. So trafen wir uns via Zoom.

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Kurz & knapp

Worum geht es? Interview mit Girts Ozolins von Erica Synths über modulare Synthesizer, neue Ansätze und Projekte.

  • Interview: Girts Ozolins spricht über Entwicklungen und Perspektiven bei Erica Synths.
  • Neue Ansätze: Fokus liegt nicht nur auf Techno, sondern auch auf klassischer Musik.
  • Produkte: Einblicke in kommende Entwicklungen, etwa in der Education- und Bullfrog-Linie.
  • Wettbewerb: Kompositionsprojekt zur Notation von Musik für Synthesizer initiiert.
  • Einordnung: Weniger Eurorack-Komplettsysteme zugunsten individueller Modularsysteme.

Im Gespräch erfahren wir nicht nur Neuigkeiten zu kommenden Produkten, etwa im Bereich der Education- beziehungsweise Bullfrog-Linie, sondern auch, dass Erica Synths nicht vorrangig im Techno-Bereich aktiv ist. Stattdessen baut das Unternehmen verstärkt Brücken zur klassischen Musik. Dabei erhalten wir auch kurze Einblicke in die Vorbereitung einer Performance im Headquarter. Zudem sehen und hören wir von Girts, der locker im Motörhead-Shirt gekleidet ist, dass Erica Synths einen Kompositionswettbewerb initiiert hat, bei dem es auch um die Notation von Musik für Synthesizer geht.

Das Interview ging es auch in voller Länge als Video.

Für den Artikel wurde der Inhalt transkribiert und zum Teil noch optimiert oder gekürzt.

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Ich habe selbst gerade mein Buch über modulare Synthesizer ins Englische übersetzt und erweitert, das im Radial Verlag erscheint. Dabei war es mir, auch schon bei der ersten deutschen Ausgabe, besonders wichtig, gängige Klischees aufzulösen und herauszuarbeiten, dass man alle möglichen Arten von Musik mit modularen Synthesizern machen kann. Daher war ich besonders angetan davon, mehr über diese weniger bekannten Ansätze von Erica Synths zu erfahren, die hierzulande vielleicht vor allem für ihr „Techno System“ bekannt sind.

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Erica Synths Techno System
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Die englische Version meines Buches "Modular Synthesizers" erscheint Mai 2026 im Radial Verlag.

Die englische Version meines Buches „Modular Synthesizers“ erscheint Mai 2026 im Radial Verlag.

Girt Ozolins‘ DIY-Projekte

Heiner:

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Mein Name ist Heiner Kruse und hier bin ich mit Girt Ozolins, Gründer und Inhaber von Erica Synths, aus Lettland. Erica Synths ist eine sehr etablierte Marke und stellt viele verschiedene Eurorack-Module her, aber auch Synthesizer-Hardware- und Effektgeräte und vieles mehr. Du bist jetzt in Riga, richtig?

Girts Ozolins Interview Heiner

Heiner Kruse im Interview mit Girts Ozolins.

Girts Ozolins:

Ja!

Heiner:

Ich habe gehört, du warst am Anfang Mathematiklehrer. Wie hat das alles angefangen? Wie bist du darauf gekommen, Module zu bauen?

Girts Ozolins:

Also müssen wir ein bisschen in der Zeit zurückgehen, in meine frühen Teenagerjahre. Das war Mitte der 80er, als ich mir ein Buch ausgeliehen habe, aus dem naturwissenschaftlichen Unterricht in der Dorfschule. Das war ein Buch über DIY-Elektronik. Das Buch stammte aus etwa 1964 bis 1967, also aus der Zeit, als in den USA die ersten Synthesizer entstanden sind.

Ich habe damals eine ganze Menge seltsamer DIY-Sachen gebaut, hauptsächlich AM-Empfänger und solche Dinge, mit zehn Meter langen Antennen auf dem Dach. Aber irgendwie bin ich dann zu elektronischen Musikinstrumenten gekommen. Vor ein paar Jahren habe ich tatsächlich ein Skizzenbuch gefunden mit einem Blockdiagramm eines Synthesizers, den ich mir damals ausgedacht hatte.

Dann wurde Lettland unabhängig und plötzlich öffnete sich der Markt, denn im Sowjetsystem gab es keine echte Freiheit. Wenn jemand behauptet, man könne Kommunismus „richtig“ machen: Nein, das funktioniert nie. Millionen Menschen sterben oder hungern und es endet nie gut.

Heiner:

Also hattest du die Idee schon vor der Unabhängigkeit Lettlands?

Girts Ozolins:

Ja. Wir hatten kein Geld und in den Geschäften gab es keine Synthesizer – außer ein paar wenigen, die nach Planwirtschaft produziert wurden. Du konntest nicht einfach in einen Laden gehen und einen Synthesizer kaufen. Also habe ich versucht, selbst einen zu bauen. Es hat nicht wirklich funktioniert, aber die Idee war da.

Nach der Unabhängigkeit öffnete sich der Markt, doch ich habe das Hobby erst einmal beiseitegelegt. Ich bin an die Universität gegangen, um Physiklehrer zu werden. Ich habe Mathematik, Physik und Chemie unterrichtet und auch Kurse in Schmuck- und Metallkunst gemacht. Ich habe ziemlich viel Schmuck hergestellt, um meinen Lebensunterhalt zu sichern, weil Lehrer damals extrem schlecht bezahlt wurden.

Heiner:

So bist du also nicht nur an der Technik interessiert, sondern auch an Design und Haptik?

Girts Ozolins:

Genau. Ich musste schließlich das Unterrichten aufgeben, weil ich eine Familie hatte und vom Lehrergehalt keinen Haushalt in Riga führen konnte. Also bin ich in die Werbung gegangen und habe dort 20 Jahre gearbeitet. Die letzten zehn Jahre habe ich eine der größten Werbeagenturen Lettlands geleitet. Dort habe ich gelernt, wie man ein Unternehmen führt und Designprozesse umsetzt – also Ideen in etwas Greifbares verwandelt. Und das gilt für jede Branche, auch für Synthesizer: Man braucht Kreativität, aber auch Struktur und Prozesse.

Die Werbung hat mir sehr geholfen, sowohl im Management als auch beim Finden von Marktnischen. 2010 bin ich dann zu meinem Hobby zurückgekehrt und habe angefangen, modulare Synthesizer zu bauen. Da war das schon eine ganz andere Welt, mit vielen DIY-Websites. Ich habe damals fast alle DIY-Projekte nachgebaut, die es gab. Ich hatte Kontakt zu Ray Wilson von „Music From Outer Space“. Er schrieb mir einmal, ich müsse etwas Neues erfinden, weil ich bereits seine gesamte Seite nachgebaut hätte. Er ist leider verstorben, aber er war einer der einflussreichsten DIY Ingenieure.

Girts Ozolins Girts 2

Girts Ozolins in Riga.

Bullfrog, Schulmaterial und Weiterentwicklung

Heiner:

Du bist ja immer noch mit DIY verbunden, richtig? Du hast dieses Projekt mit Moritz Klein gemacht (siehe Links hier und hier) und das läuft immer noch. Und ihr habt Synthesizer veröffentlicht, die darauf ausgerichtet sind, Leuten beizubringen, wie man mit Synthesizern arbeitet, wie den Bullfrog und den größeren Bullfrog XL. Also was ist dein aktuelles DIY-Projekt oder dein aktueller Favorit in dieser Hinsicht?

Girts Ozolins:

Weißt du, wir haben als DIY-Firma angefangen. Als ich mein DIY-Modularsystem gebaut habe, habe ich gemerkt, dass ich der Community etwas zu sagen habe und habe angefangen, meine eigenen DIY-Projekte zu veröffentlichen. Und irgendwann ist das zu fabrikgefertigten Modulen gewachsen. Wir haben durch DIY sehr viel Know-how gesammelt. Und dann haben wir gemerkt, dass es auch Potenzial für fabrikgefertigte Module gibt.

Also haben wir damit angefangen, was natürlich Investitionen erfordert. Aber wenn man einmal ein fertiges Modul hat, öffnet sich ein anderer Markt. Aber DIY ist im Grunde dazu da, das Erbe von Erica Synths zu ehren und auch die Ingenieure, die uns inspiriert haben. Und gleichzeitig wollen wir die DIY-Szene fördern und das Lernen unterstützen. Moritz Klein ist zum Beispiel ein autodidaktischer Ingenieur ohne formale Ausbildung – ein gutes Beispiel dafür, was man erreichen kann mit Interesse und Engagement.

Und als ehemaliger Lehrer finde ich es sehr wichtig, Menschen dazu zu ermutigen, Dinge wirklich zu verstehen. Deshalb gehen unsere DIY-Projekte bewusst zurück zu den Grundlagen der Elektronik. Wir haben ältere DIY-Projekte eingestellt, die nur nach dem Prinzip funktionierten: Hier ist der Schaltplan, bau es einfach. Unsere aktuellen Projekte sind Lernprojekte – man versteht wirklich, wie sie funktionieren.

Girts Ozolins-DIY2

Erica Synths DIY Labor

Heute geht es darum zu verstehen, wie es funktioniert – wie Elektronen durch Schaltungen fließen und wie man Dinge modifizieren kann. Im Grunde ist jedes DIY-Modul ein kleines Elektronik-Labor. Einige Universitäten nutzen sie bereits im Unterricht. Und das Gleiche gilt für unseren Bullfrog, einen Lern-Synthesizer. Wir bringen gerade Bullfrog Drums heraus und bald auch einen Mixer.

Also werden wir im Grunde ein komplettes Ökosystem von Werkzeugen für das Lernen, die Produktion und die Performance elektronischer Musik haben. Denn allein auf den Bullfrog-Synthesizern kann man problemlos ganze Live-Sets im Club oder auf Festivals spielen, weil die Instrumente gut designt sind, sehr „hands-on“ –  und gut gebaut. Sie klingen gut und können direkt auf die Bühne mitgenommen und gespielt werden.

GirtsOzolins-Bullfrog

Die kleine Version des Bullfrog.

Heiner:

Ja, ich stimme zu, dass modulare Sachen sehr gut zum Lernen sind. Wie erwähnt, habe ich dieses Buch geschrieben. Ich komme eher von der anderen Seite, mehr vom Produzieren von Drum and Bass im Studio und dann merkt man, dass es interessant ist, all die kleinen Aufgaben in kleinere Teile zu zerlegen. So lässt sich vieles leichter verstehen.

Und da ist es natürlich interessant, wenn ihr etwas anbietet, mit dem man beides kann – lernen, wie ein Synthesizer funktioniert und live Musik zu machen, was ich nochmal als eine ganz andere große Herausforderung empfinde. Ich denke, es gibt kaum ein anderes Eurorack-Unternehmen mit einer so breiten Produktpalette. Ihr habt sehr viele und breit gefächerte Produkte, ich denke auch noch an die Pico-Serie, die wenig Platz braucht.

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Erica Synths Pico Drum 2
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Test: Erica Synths Perkons HD-01, digitaler Drumsynthesizer

Erica Synths macht auch viele interessante Sounddesign-Tools wie den Steampipe oder die Perkons Voice. Und ihr habt die Hexinverter Drums wieder herausgebracht (AMAZONA-Test hier). Ich habe darüber auf Amazona.de geschrieben und mag sie wirklich sehr. Also, was kannst du über neue Sounddesign-Abenteuer erzählen? Was kommt als Nächstes bei Erica? Was ist dein Lieblingsprodukt aus der letzten Zeit?

erica synths hexinverter mutant drum module test

Desktop-Instrumente von Erica Synths

Girts Ozolins:

Weißt du, zu einem bestimmten Zeitpunkt hatten wir etwa 150 Module. Verrückt eigentlich. Und mit jedem einzelnen Modul haben wir Know-how gesammelt – im analogen Design oder auch im Programmieren digitaler Module. Irgendwann haben wir gemerkt, dass wir genug Know-how haben, um auch Desktop-Instrumente oder Standalone-Geräte zu entwickeln, also nicht-modulare Instrumente. Und weil wir so viele Module und so viele Experimente mit verschiedenen Schaltungen gemacht haben, ist es für uns eigentlich relativ einfach und schnell, solche Desktop-Instrumente zu entwickeln.

Wir haben nach Nischen gesucht, wo es einen Mangel an inspirierenden Werkzeugen gibt. Einer unserer ersten Versuche in diesem Bereich war unser Bassline-Synthesizer DB-01, basierend auf unserem Bassline-Modul plus dem Polivoks-Filter und unserem eigenen Sequencer, der sehr einfach zu programmieren und sehr hands-on ist. Dann kam die LXR Drum Machine. Danach sind wir einen Schritt weiter gegangen mit dem Syntrx, einer modernen Interpretation des EMS Synthi. Und Peter Zinoviev selbst – der Erfinder des Originals – hat sogar ein Video aufgenommen und unseren Syntrx gewissermaßen unterstützt.

GirtsOzolins-syntrx

Erica Synths Syntrx

Heiner:

Geht euer Fokus inzwischen etwas weg vom Eurorack hin zu Desktop-Instrumenten?

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Erica Synths Steampipe
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Girts Ozolins:

Ja, genau. Denn wie du vielleicht merkst, wächst der Eurorack-Markt nicht mehr so schnell. Wir hatten das Glück, als Unternehmen mitzuwachsen, als die Eurorack-Szene schnell gewachsen ist. Wir konnten uns komplett selbst finanzieren, ohne externe Kredite. Wir sind mit der Branche gewachsen, also haben wir wohl etwas richtig gemacht.

Wir haben unsere Produktion so aufgebaut, dass ein relativ kleines Team große Mengen an Modulen und später auch Standalone-Instrumenten herstellen kann. Und Lettland hat eine sehr gute Infrastruktur für Elektronikfertigung. Es gibt mindestens zehn Firmen aus der Music-Tech-Branche, die ihre Produktion nach Lettland verlagert haben.

Heiner:

Und ihr macht alles in Lettland, richtig?

Girts Ozolins:

Ja, alles. Und ich empfehle das auch anderen. Einige Firmen sind auf unsere Empfehlung hin gekommen oder weil unsere Hersteller sich auf der Superbooth präsentiert haben.

Erica Synths KONTAKTOR-Festival

Heiner:

Ihr habt auch Festivals gemacht, wie das KONTAKTOR-Festival und ein Label gleichen Namens. Läuft das noch?

Girts Ozolins:

Leider nicht mehr. Wir hatten zwei Ausgaben des Festivals, aber dann kam COVID. Wir hatten schon alles für die dritte Ausgabe vorbereitet, mussten sie aber verschieben. Danach haben wir gemerkt, dass der Aufwand zu groß ist. Unsere Idee war nicht nur, Hardware zu produzieren, sondern auch die Kultur elektronischer Musik zu fördern.

Heiner:

Da bewegt ihr euch eher im Techno-Bereich, oder?

Girts Ozolins:

Nicht unbedingt. Wir wollen einen breiteren Ansatz. Neben dem Festival, das eher Techno und Industrial war, haben wir auch ein Konzert mit Pedro Eustache und der Sinfonietta Riga produziert – also Elektronik plus Sinfonieorchester. Ein Freund von uns hat ein Stück dafür geschrieben. Letztes Jahr hatten wir ein weiteres Event, bei dem wir ein Werk für ein Synthesizer-Orchester in Auftrag gegeben haben. Wir haben das gefilmt und werden es bald veröffentlichen. Außerdem haben wir einen Wettbewerb für Komponisten gestartet, die Stücke für elektroakustische Ensembles schreiben sollen, bei denen mindestens die Hälfte der Instrumente elektronisch ist.

Ich möchte, dass Synthesizer wieder stärker in die akademische Musik zurückkehren. Wenn man historisch schaut: Stockhausen oder Morton Subotnick hatten Ideen, die sie mit den damaligen Instrumenten nicht umsetzen konnten und haben deshalb Ingenieure beauftragt, neue Instrumente zu entwickeln – daraus entstanden Synthesizer.

Ursprünglich wurden sie also in experimenteller und akademischer Musik eingesetzt. Mit der Popularisierung in der Popmusik hat sich das verändert. Meine Vision ist es, Synthesizer wieder stärker in diesen Kontext zurückzubringen. Außerdem haben wir ein Residency-Studio, in dem wir Musiker einladen. Zum Beispiel heute filmen wir dort Performances. Warte, ich laufe mal kurz hin und zeige es dir mit meiner Kamera!

Performance-Vorbereitungen im Erica Synths HQ:

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GirtsOzolins-ericaperf

Wir veröffentlichen diese Videos und Interviews auf unserer Garage-Website bzw. im Rahmen des Garage-Projektes, welches elektronische Musik als Kultur fördern soll (garage.ericasynths.lv). Wir planen auch die Zusammenstellung eines Buches mit Interviews.

Heiner:

Super, das ist interessant zu sehen – und ja, das verstehe ich gut. Als ich für mein Buch recherchiert habe, wollte ich auch mit Klischees aufräumen. In Deutschland wird modulare Synthese oft mit Geräuschen und „Blips und Blops“ verbunden. Für mich geht es eher um Offenheit und individuelle Ansätze. Synthesizer wurden anfangs von manchen klassischen Musikern belächelt, haben sich aber dann als expressiv spielbare Instrumente etabliert.

Leute wie Wendy Carlos haben den Anfang gemacht. Ich habe zum Beispiel gerade die zweite Staffel der Serie „Beef“ auf Netflix gesehen und war angenehm überrascht von guter Synthesizer-Filmmusik an vielen Stellen, die beweist, wie expressiv spielbar ein Synthesizer sein kann. Trotzdem gibt es meiner Meinung nach im Bereich Filmmusik noch viel zu wenige Scores, die vorrangig auf Synthesizern basieren. Aber es gibt Entwicklungen in die richtige Richtung.

Girts Ozolins:

Ja klar, denk nur an Stranger Things und die ikonische Synth-Line. Aber in Europa spielen meiner Meinung nach sehr viele auf „Nummer sicher“. Viele Modular-Events drehen sich nur um Techno. Wenn man wirklich Inspiration sucht, sollte man zum Tokyo Modular Fest gehen. Dort gibt es alles – von Noise bis zu experimenteller Musik – und das zeigt das ganze Spektrum. In Europa schauen viele zuerst, was kommerziell funktioniert.

Heiner:

Ja, ich finde auch diese „No Input Mixing Board“ Feedback Musik oder die japanische „Onkyo“ Szene interessant, wo es oft um kleine Änderungen und Nuancen geht, die sensibel aufgegriffen und weiterverarbeitet werden. Ich glaube, dass dieses Phänomen, dass viele zu oft auf „Nummer sicher“ gehen, auch strukturell bedingt ist. In großen Firmen gibt es oft Alibi-Entscheidungen von Angestellten, die eine Position zu verlieren haben. Wenn man, so wie Du, ein eigenes Unternehmen führt, kann man mutiger sein. Aber zum Schluss noch mal was anderes – ihr habt auch Software-Module für VCV-Rack und VSTs gemacht – wie ist da der Stand?

Girts Ozolins:

Ja, es gibt VCV-Rack-Module, die ein belgischer Programmierer gecodet hat und ein ZenDelay-VST-Kollaborationsprojekt. Das hat gut funktioniert, sich gelohnt und wir haben viel positive Rückmeldung bekommen. Aber wir kümmern uns nicht mehr darum, gaben es in andere Hände (zum Teil waren es Kollaborationsprojekte) bzw. haben gemerkt, dass wir keine echte Verbindung dazu haben. Wir haben uns entschieden, uns auf Hardware zu konzentrieren.

Girts Ozolins im AMAZONA-Interview.

Girts Ozolins im AMAZONA-Interview.

Eigene Musik von Girts Ozolins

Heiner:

Machst du selbst Musik?

Girts Ozolins:

Ich sehe mich quasi als eine Art „Scharlatan“ als Musiker, ich bewundere Musiker und bin selbst eigentlich kein richtiger. Ich werde gelegentlich eingeladen, live zu performen und spiele dann normalerweise auf einem maßgeschneiderten Modularsystem, das ich speziell für die jeweilige Performance zusammenstelle. In letzter Zeit habe ich Steve Reichs Four Organs für Modularsynthesizer adaptiert. Und kürzlich wurde ich eingeladen, bei einer Art Pre-Concert-Paneldiskussion zu spielen.

Es gab das deutsche Duo Grandbrothers, das in einem der Konzertsäle hier in Lettland aufgetreten ist, ein Duo aus Klavier und Synthesizern. Absolut großartig, super talentierte Jungs. Ich wurde zu einem Vorgespräch mit den Konzertveranstaltern eingeladen. In diesem großen Konzertsaal hatten sie eine Bühne für Gespräche, zusammen mit Grandbrothers als Haupt-Act. Da waren auch einige Leute aus der Branche. Dafür habe ich Ligetis Continuum vorbereitet, ebenfalls auf dem Modularsynthesizer, einfach um in verschiedene musikalische Bereiche zu experimentieren. Dann spiele ich auch etwas Noise, etwas Industrial, aber ich sehe mich nicht als Musiker.

Heiner:

Aber du interessierst dich für diese Art von klassischer Musik und generell für verschiedene Arten von Musik, wenn du Musik hörst?

Girts Ozolins:

Ich habe keinerlei musikalischen Hintergrund, aber ja, in gewisser Weise schon. Meine Tochter hat hier an der Musikakademie eine Ausbildung abgeschlossen. Sie ist klassisch ausgebildete Klarinettistin und unterrichtet auch Klarinette an einer Musikschule. Wir spielen gelegentlich als Duo, Blasinstrumente plus Modularsystem. Ich bewundere wirklich Musiker mit fundierter musikalischer Ausbildung, die sich elektronischen Instrumenten zuwenden, ebenso wie Autodidakten. Einige meiner Kollegen sind Genies. Ich bewundere sehr, wie bei ihnen alles, was sie anfassen, zu Musik wird.

Heiner:

Man kann also sagen, dass die Philosophie von Erica Synths auch ein Stück weit darin besteht, Brücken zu bauen – zwischen klassischen Musikern, akustischen und elektronischen Musikern?

Girts Ozolins:

Ja, absolut. Genau das versuchen wir tatsächlich zu tun.

Heiner:

Vielen Dank. Das war ein sehr interessantes Interview.


Nachtrag: Nach dem Interview erläuterte mir Girts Ozolins noch, dass Erica Synths nicht mehr so viele Eurorack-Komplettsysteme wie früher anbietet (Anmerkung: Es gibt noch ein Techno-Komplettsystem). In seinen Augen widerspricht ein solches Angebot eigentlich der Idee modularer Eurorack-Systeme, bei denen man sich selbst etwas zusammenstellen kann. Zudem schickte er mir noch ein paar Informationen und Links:

Hier ein Video zum ersten Versuch der Notation für Musik mit Synthesizern:

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Hier noch ein Link zu einem von Erica Synths vor der Covid-Pandemie produzierten Event:

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Im letzten Herbst gab es ein „Chamber of Circuits“-Event. Hier wurde ein Komponist beauftragt, Musik für Synthesizer zu schreiben. Hier ein Link dazu. Ein Video und ein Interview dazu sollen zeitnah erscheinen.

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Über den Autor
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Heiner Kruse (TGM) RED

Im Mai 2026 erscheint die 2. und stark überarbeitete Auflage meines Buchs "Modular Synthesizers" im Radial Verlag in englischer Sprache.

Ich liebe Sound und Musik, veröffentliche vor allem D&B/Jungle als The Green Man (TGM), betreibe das Label/ Projekt Basswerk, mache aber auch filmische oder langsamere Sachen.
In vielen neuen Geräten und Modulen finde ich Innovationsgeist, ähnlich wie damals bei Jungle, und das interessiert mich. Ich habe 20 Jahre Erfahrung als Dozent und Coach ...

Forum
  1. Profilbild
    42day

    Vielen Dank für dieses sehr gute Interview mit vielfältigen inspirierenden Verweisen. Herr Ozolins ist ein sehr sympathischer und visionärer Mensch.

  2. Profilbild
    Filterpad AHU

    Ich besitze zwar nichts von Erica Synths, aber die Produkte sprechen mich durch die Bank an. Die einzige Ausnahme ist für mich der Bullfrog. Sowohl der Name als auch der Synth selbst wirken auf mich eher etwas kindlich bzw. verspielt. Ich verstehe nicht ganz, warum man konzeptionell diesen Weg eingeschlagen hat. Aufmerksam geworden bin ich damals zuerst durch den Plasma Drive. Ich dachte sofort: Was für ein irre geiles Teil! Auch der SYNTRX II und die vielen Module sind für mich das große Aushängeschild von Erica Synths. Der Bullfrog passt für mein Empfinden nicht ganz in dieses Bild. Trotzdem: eine Firma mit Charakter und eigenständigen Synthesizern, genau so darf es gerne weitergehen.

    • Profilbild
      Alexander Ewald

      @Filterpad Ich dachte die Bullfrog-Reihe IST für Kinder, um erste Erfahrungen mit elektronischer Musikproduktion zu machen. Daher die bunten Farben, großen Knöpfe und simplen Layouts.

      • Profilbild
        Filterpad AHU

        @Alexander Ewald Das ist die Frage aller Fragen. Es wird leider nicht deutlich kommuniziert, was ja marketingtechnisch meiner Ansicht nach so gewollt ist. Diese Zielgruppe (also Kinder denen man das erklären kann) wäre verhältnismäßig klein.

        • Profilbild
          ollo AHU

          @Filterpad Es ist nicht unbedingt direkt für Kinder, sondern für Bildungseinrichtungen, also Schulen usw. Es gibt ja auch eine besonders große Version, mit der zb der Lehrer etwas vormacht und die Schulkinder das nachmachen können.

        • Profilbild
          Heiner Kruse (TGM) RED

          @Filterpad ich denke, das hat man bewusst etwas offen gelassen. Ich hatte die Diskussion auf der superbooth im Kontext mit der Minibooth. Da wird teilweise diskutiert, welcher Synth geeignet ist für 4-8, 8-12 oder 12-15 jährige. Ich bin der Meinung, dass es im Detail eher nicht, sondern nur grob möglich ist, Synthesizer Altersgruppen zuzuweisen und es vor allem auf den Menschen ankommt. Jeder findet ein anderes Gerät leicht zu lernen oder angenehm. Extrem gesagt kann sich auch ein Kind besser anstellen als ein Erwachsener.

  3. Profilbild
    Toliman

    Sehr schöner Artikel. Ich bin großer Fan von der Black Serie, da spricht mich alles an, die Haptik, die Optik die Knöpfe, perfekt Schade, finde ich nur, dass es immer weniger von diesen Modulen gibt. Das neue Design, sorry ist aber 08 15. Würde mich freuen, wieder was Neues in der Black Serie zu sehen.

    • Profilbild
      Aljen AHU 1

      @Toliman Die Black-Serie hatte wohl ihre Zeit. Ich bin auch schon sowas wie ein Enthusiast dieser Serie, habe so einiges davon in meine. Rack — andererseits besteht die Kunst darin, zu wissen, wann man eine Lieblingsserie auslaufen lässt.

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