Interview: Harold Faltermeyer – Teil 1, Giorgio Moroder & Donna Summer

31. Oktober 2010

For Ever "Axel F"? - Teil 1

Es hat eine Zeit gedauert, bis wir Harold Faltermeyer interviewen konnten. Aber nicht nur sein Terminkalender war ein Problem, sondern auch sein Dialekt. Ursprünglich war geplant, das Interview als Audio-File zu veröffentlichen. Da Harold Faltermeyer, gebürtiger Münchener, sich aber einen urbayerischen Dialekt bewahrt hat, folgt nun doch eine Niederschrift in hochdeutscher Sprache.

Geboren wurde Harold Faltermeyer am 5. Oktober 1952 in München und studierte in seiner Heimatstadt Musik. Weltweite Bekanntheit erlange Harold Faltermeyer 1985 durch seinen Titelsong „Axel F“ zum US-Spielfilm BEVERLY HILLS COP. Zahlreiche Hollywood Blockbuster folgten, bis es Mitte der Neunziger ruhig wurde um ihn. Mit knapp 60 Jahren hat Harold F aber nun zum fulminanten Comeback auf der Hollywood-Bühne angesetzt. Zwischen Jet-Lag und nächstem US-Termin trafen wir den – trotz allem – gemütlichen Harold Faltermeyer in seiner grünen Stadtoase bei Vaterstetten, Nähe München, in Gärtner-Arbeitskleidung, um über seine bewegte Karriere zu sprechen.

Aufgrund der Länge des Interviews veröffentlichen wir es als Dreiteiler. Teil 2 folgt am kommenden Sonntag, den 7.11. und Teil 3 am Sonntag darauf, den 14.11.

AMAZONA.de:
Fangen wir vielleicht ganz vorne an – wie bist du in die Filmbranche reingerutscht?

Harold Faltermeyer:
Tja, wie bin ich da reingerutscht? Ich bin in München im Insider-Kreis als Tontechniker und als Musiker schon relativ bekannt gewesen.  Ich hatte damals im „Arcor-Studio“, dem ehemaligen deutschen Grammophon-Studio, einen Job und habe mit deutschen Künstlern gearbeitet. Ich war eine Art „Zwitterfigur“ zwischen Technik und Musik. Von diesen Typen hat es damals relativ wenige gegeben.

AMAZONA.de:
Wann war das?

Harold Faltermeyer:
Das war Anfang der Siebziger Jahre. 1968 habe ich auf der Musikhochschule in München studiert, und in den Siebziger Jahren hatte ich dann den Job im „Arcor-Studio“. Ich habe dort quasi eigene Aufnahmen am Mischpult gemacht und auch selber gespielt, was damals noch relativ selten und sehr mühsam war. Aber irgendwie musste ich ja anfangen. Da hatte man Bandmaschinen – das waren nicht „Pro Tools“ oder „Logic“ oder irgend so etwas. Das war wirklich heftig. So hat damals Giorgio Moroder von mir gehört, der mir in seiner Arbeit sehr ähnlich war und ebenfalls ein Technik-Begeisterter. Er war aber schon ein wesentliches Stück bekannter als ich.

AMAZONA.de:
Giorgio war schon im Geschäft?

Harold Faltermeyer:
Ja, der war schon richtig im Geschäft. Donna Summer hatte durch ihn bereits ihren ersten Hit. Das war um 1975. Er hat dann wohl irgendwie von mir gehört und mich gefragt: „Wollen wir nicht mal etwas miteinander machen?“ Das war für mich natürlich eine riesen Ehre! Er galt damals als Erfinder des Synthesizer-Disco-Sounds.

AMAZONA.de:
Wie alt warst Du damals?

Harold Faltermeyer:
Da war ich ca. 22. Er hat mich eingeladen ins Musicland Studio. Das Studio war im Arabellahaus in München. Es war ein ganz verrücktes Studio mit all den analogen Synthesizern und Krimskrams, mit viel Elektronik, mit einem alten Cadak Pult, also unglaublich. Oder es gab sogar noch ein Helios – ganz urtümliche Gerätschaften.
Das war damals für uns unglaublich, etwas ganz anderes. Ich habe ja auch bei der deutschen Grammophon Gesellschaft Technik gelernt, und die Klientel, die wir hatten, reichte von Peter Kraus bis Rita Pavone, von Freddy Quinn bis hin zu Hildegard Knef. Als ich aber zu Giorgio kam, stand auf einmal Donna Summer im Studio. Das war eine ganz andere Welt! Giorgio Moroder war für mich das Tor nach Amerika.

Harold Faltermeyer

Synthesizer-Disco-Sound mit Donna Summer

AMAZONA.de:
Und zu dem Zeitpunkt warst du nur in der Schlagerszene?

Harold Faltermeyer:
Ja genau, über die Schlagerszene möchte ich auch gar nicht schlecht reden. Das hat alles seinen Platz, aber ich habe schon sehr wehmütig zu dem geschaut, was die anderen gemacht haben. Und dann bekam ich die tolle Gelegenheit, mit Giorgio zu arbeiten.

Mit Giorgio Moroder in den 70ern im Studio

AMAZONA.de:
Anfang der Siebziger kamen ja die ganzen Disco-Geschichten erst auf. Dein Jahrgang war doch aber eher dem Rock zugeneigt. Was ja ganz normal gewesen wäre Ende der Sechziger, Rolling Stones, Beatles, was auch immer. Du bist aber doch eher in diese Disco-Schiene reingerutscht.

Harold Faltermeyer:
Die Beatles haben mich damals wesentlich mehr fasziniert als die Stones. Ich war nie der Rocker. Ich war eher der, der versuchte, innovativ zu sein. Ich fand z.B. die Swing-Rhythmen bei „Michelle“ großartig. Das war meine Welt. Diese Verbindung, die Spielerei mit der klassischen Musik. Das waren meine großen Vorbilder und ich habe damals schon versucht, auch in die Richtung zu komponieren.
Aber München war so „discoverseucht“ – es gab den Munich-Sound, es gab Giorgios Munich-Machine. Es hat alles nur Bum-Zack geklopft, und die Art von Musik ist dann natürlich in alle Bereiche hineingekrochen. Wie ein Geschwür, und insofern konntest du in München gar nicht mehr ausgehen, wenn du Disco nicht mochtest.
Ich weiß nicht mehr wie viele Disco-Arrangements ich damals geschrieben habe, diese typischen Disco-Arrangements mit den Geigen, wie damals auch Silver Convention mit „Fly, Robin, fly“. Das durfte plötzlich bei keinem Lied mehr fehlen, und es machte auch vor der Schlagerszene keinen Halt mehr. Ich weiß noch, als ich damals für Rex Gildo Beats geschrieben habe, waren diese Geigen auch drauf. Das sind einfach Signaturen gewesen, da musste man mit. Das waren Stilmittel, und Synth-Leads statt E-Gitarren einzusetzen, war ein weiteres Stilmittel. Ich erinnere mich genau an die Anschaffung meines ersten Synthesizers. Das war ein „ARP Odyssey“. Ich fand das plötzlich so spannend, dass ich Nächte lang an diesem Instrument gesessen habe und erst einmal versucht habe zu lernen, wie das überhaupt technisch funktioniert und alle Komponenten zusammenhängen. Wie dieser oder jene Klang entsteht.

AMAZONA.de:
Wie wurde der eingesetzt, nur monophon als Solosynthesizer?

Harold Faltermeyer:
So und so, wenn wir einen dreistimmigen Satz haben wollten, haben wir drei Mal gespielt und drei Spuren aufgenommen.

AMAZONA.de:
Das hast Du wirklich so gemacht?

Harold Faltermeyer:
Ja klar. Anfangs war das schon heftig, die ersten Versuche. Ich weiß noch, dass es sogar eine Platte gibt, bei der wir überhaupt keine Synthesizer bei der Deutschen Grammophon Gesellschaft hatten, wir aber unbedingt einen elektronischen Sound einbauen wollten. Alles was ich hatte war ein stimmbarer Oszillator. Mit dem habe ich quasi die Melodien gespielt – natürlich alles mit Glide. Kannst du dir das vorstellen?

AMAZONA.de:
Laß uns zurückkehren zu Moroder und deinem Sprung in die Filmmusik.

Harold Faltermeyer:
Moroder hatte plötzlich einen Auftrag, eine Filmmusik zu schreiben, das war 1978. Allen Parker hat ihn damals gefragt, ob er nicht die Musik zu „Midnight Express“ schreiben möchte. Damals gab es schon „den“ Giorgio Music-Sound. Zum Teil war seine Arbeit „avantgardistische Elektronik“, und zum anderen gab es bereits zu der Zeit seinen Donna Summer Disco-Sound mit „I feel love“.
Diese Synthesizer-Technik mit Sequenzen, Arpeggios und allem hat sich Allen Parker als Stilistik für seinen Film ausgesucht.
Ich weiß noch genau, für das Hauptthema aus Midnight Express verwendeten wir ein Preset aus dem Roland SH2000. Ein Oboen-Sound der für damalige Verhältnisse sehr authentisch klang. Mit diesem Sound haben wir schließlich alle Melodien des Films eingespielt. Und darauf habe ich dann noch Geigen arrangiert.

Einstieg über Giorgio Moroder ins Hollywood Business

„Midnight Express“ war mein erstes wirkliches Projekt, das ich mit Giorgio gemacht habe. Ich habe ihn damals davon überzeugt, dass wir den Elektronik-Sound für den Film auch mit klassischem Orchester verbinden müssen. Allen Parker und Gorgio fanden das gut, Geld war genug da, und so haben wir ein Swing-Orchester ins Studio geholt.

AMAZONA.de:
Das war dann schon in Amerika?

Harold Faltermeyer:
Nein, das war in München 1986. So bin ich zur Filmmusik gekommen.

AMAZONA.de:
Die Titelmelodie von „Midnight Express“ ist ja auch als Auskopplung ein riesen Hit geworden.

Harold Faltermeyer:
Oh ja, das war ein riesen Ding. Giorgio hat damals dafür sogar einen Oscar bekommen.

AMAZONA.de:
Was man heute ja eigentlich gar nicht mehr fassen kann, weil so spektakulär ist die Musik ja eigentlich nicht gewesen.

Harold Faltermeyer:
Nein, eigentlich nicht, aber es war unverwechselbar, es war quasi wie der dritte Mann von „Karras“. Das war eine Filmmusik, bei der vielleicht die ganz großen Klassiker wie John Williams oder Leonard Bernstein ein wenig gelacht und die Nase gerümpft hätten, aber es war etwas ganz Neues, und die „Academy“ hat das schließlich mit einem Oscar für den besten Soundtrack gewürdigt. „Midnight Express“, das ist Kult. Und das war mein Einstieg in das ganze Filmgeschäft, und dabei wussten wir ja noch nicht einmal, wie man ein Bild mit der Bandmaschine synchronisiert.

AMAZONA.de:
Den Eindruck hatte ich übrigens auch. MIDNIGHT EXPRESS wirkt an vielen Stellen so, als wenn die Musik darunter geschnitten worden wäre und nicht darauf komponiert.

Harold Faltermeyer:
Das ist sie auch. Da wurde wirklich nicht lange herum komponiert, es sind einfach irgendwelche Images kreiert worden, und wir haben zur Filmproduktion  gesagt, macht damit was ihr wollt. Dort gab es die Musik-Editoren, die alles zusammengeschnitzelt haben. Also, eine ganz andere Art der Arbeit, als du sie heute machst.

AMAZONA.de:
Reizt dich das heute nicht auch ab und zu nochmal? So ein richtig großer Analog-Schrank?

Harold Faltermeyer:
Das reizt mich immer noch absolut.  Ich habe noch alle meine alten Schätze und nehme sie auch immer wieder her. Auch bei meinem letzten Soundtrack „Cop-Out“ mit Bruce Willis sind meine alten Kisten wieder zum Einsatz gekommen. Im Moment sind sie alle in meinem Studio in den USA.

AMAZONA.de:
Der Film hieß Cop-Out?

Harold Faltermeyers aktueller Score 2010

Harold Faltermeyer:
Der hieß Cop-Out „Geladen und Entsichert“. Hier ist er leider nicht gut gelaufen. Aber was willst du von einem Film erwarten, bei dem es um eine gestohlene Baseball-Karte geht? Außerdem kennt hier auch niemand Tracy Morgan, der den Partner von Bruce Willis spielt. Tracy Morgen ist drüben einer der ganz großen Comedy-Stars. In USA ist er ein Brüller, und wenn Tracy auf den Bildschirmen erscheint, schreien alle.

AMAZONA.de:
Zurück zu der Zeit nach Midnight Express. Wie kamst Du zu deinem ersten eigenen US-Film-Job?

Harold Faltermeyer:
Der nächste Schritt kam dadurch, dass Giorgio den Filmmusik-Oscar für Midnight Express bekam und so einen Haufen Filmangebote hatte. Er hat dann 1980 „Foxes“ (dt. Titel: Jeanies Clique) mit Jodie Foster gemacht, das war die zweite Filmmusik, bei der ich mitgearbeitet habe.

AMAZONA.de:
Da war es dann aber schon professioneller, und ihr habt schon aufs Bild komponieren müssen?

Harold Faltermeyer:
Zu der Zeit war es dann schon ein bisschen professioneller, es gab schon „U-matic“, ein Videocassettenformat für Profis ,und die konnte bereits über Timecode mit den Bandmaschinen synchronisiert werden.
Wir haben also die großen Mehrspurmaschinen mit Timecode synchronisiert, und das Bild ist unter diesen Maschinen synchron gelaufen. Die Mehrspurmaschine hat dann wiederum einen Klick ausgespuckt, mit dem wir über „Doctor. Click“ und über einen „DSX-Sync“ von Oberheim die ersten Sachen gekoppelt haben. Das war super kompliziert im Gegensatz zu heute, aber es hat funktioniert. Da konnte man schon konkreter direkt auf das Bild komponieren.

AMAZONA.de
Was war das für ein FIlm? Foxes, habe ich nie gehört? 

Harold Faltermeyer:
Regie führte Adrian Lyne, der kurze Zeit später durch sein nächstes Werk „Flash Dance“ weltberühmt wurde und dort abermals mit Giorgio zusammen gearbeitet hat. Es geht um „San-Fernando-Valley Girls“. Es ist eigentlich ein recht tragischer Film mit dramatischem Handlungsverlauf. Wie gesagt, das war dann der zweite Film für uns. Danach kam schließlich der Film, der für mich extrem wichtig war. Das war mit Richard Gere „American Gigolo“.

Harold F lieferte die Arrangements zu American Gigolo

AMAZONA.de:
Du hast die Musik zu „American Gigolo“ gemacht?

Harold Faltermeyer:
Giorgio hat die Musik gemacht, und ich hab arrangiert, aber – und deshalb war das für mich irrsinnig wichtig – ich habe bei dem Film Jerry Bruckheimer kennengelernt. Jerry war damals „Line Producer“ bei Paramount. Er hat diesen Film für Paramount produziert, und Paul Schrader war der Regisseur.  Neben den Arrangements habe ich an dem Song „Call me“ der Gruppe „Blondie“ mitgearbeitet. Der Song wurde weltweit ein riesen Hit. Erst gestern habe ich den Titel wieder im Radio gehört.

AMAZONA.de:
Da gibt es ja inzwischen schon etliche Cover-Versionen davon.

Harold Faltermeyer:
Ja genau. Wie gesagt, da eben habe ich Jerry Bruckheimer kennengelernt. Und zu dieser Zeit, das war so ab 1979, bin ich nach USA  gezogen, fast zeitgleich mit Donna Summer.

AMAZONA.de:
Als du angefangen hast Musik zu machen, hattest du ja noch gar nicht das Ziel Komponist für Filmmusik zu werden. Du wolltest ja wahrscheinlich irgendwie die großen Songs schreiben und warst plötzlich in der Filmmusikszene.

Harold Faltermeyer:
Ich wollte Lieder schreiben und wollte mit Gruppen zusammenarbeiten oder irgendetwas. Aber ich wusste das damals wirklich noch gar nicht so genau.

AMAZONA.de:
Wie war das dann? Hast du gesagt „Vergiss Songs und Donna Summer, jetzt mach ich Filmmusik“? Wie war das für dich vom Gefühl her?

Harold Faltermeyer:

Das war gut. Mit Donna war ich ja auch sehr erfolgreich und nun mit Filmmusik ebenfalls. Das waren beides Welten, die mir Spaß gemacht haben.

1981 war der Film „American Gigolo“ fertig, und ich bin wieder für eine Zeit lang zurück nach Deutschland gegangen und habe zwei, drei Produktionen hier gemacht. Ich war wirklich ein ganzes Jahr lang ohne Unterbrechung hier in München und  habe zum Beispiel auch mal mit Udo Jürgens den Song gemacht  „Ich war noch niemals in New York“ und noch ein zwei drei andere Platten.

Da ruft Jerry aus LA an und sagt „Hör mal, wir machen einen Film und wir haben Giorgio gefragt, ob er die Musik machen will, aber mit Giorgio kannst du da nicht reden. Der hat gerade Flash Dance gemacht und er will keinen Film mehr machen. Wir erinnern uns aber immer noch gerne an unsere Zusammenarbeit bei American Gigolo und würden dich gerne fragen, ob du die Musik machen würdest.“

AMAZONA.de:
Sie wollten quasi den Giorgio Moroder Sound von dir?

Harold Faltermeyer:
Die wollten eigentlich den Sound von Giorgio haben, aber mit einen Schritt zu „Tangerine Dream“ hin mit all diesen elegischen Flächen und all dem. Da habe ich geantwortet: „Das mache ich gerne“. Ich war zu  Hause in der Elektronik, und davon gab es damals kaum Filmmusik-Komponisten. Ich bin also wieder nach Amerika gegangen und habe das damals sogar in Giorgios US-Studio gemacht.

AMAZONA.de:
Für welchen Film?

Harold Faltermeyer:
Der Film hieß „Thief of Hearts“ – „Nachts werden Träume wahr“ mit Steven Bauer und Barbara Williams. Dabei ging es um die Geschichte der gestohlenen Tagebücher.

AMAZONA.de:
Und Giorgio hatte kein Problem damit?

Harold Faltermeyer:
Nein, überhaupt nicht. Wir sind heute noch Freunde. Ich war jetzt gerade auch auf seinem siebzigsten Geburtstag drüben und habe ihn nach wie vor gerne. Er ist ein unglaublich großzügiger und netter Kerl. Auf alle Fälle habe ich den Film gemacht, bei dem ich mir wirklich viel Mühe und Arbeit reingesteckt habe.
Ich denke, ich habe mir sogar noch mehr Mühe gegeben, als man sich hätte eigentlich machen müssen. Ich war einfach sehr gewissenhaft, schließlich war es mein erster Film, bei dem ich alleine die Musik geschrieben habe.

Harold in den 80ern mit Dauerwelle und langer Mähne

Der Film ist zwar überhaupt nicht gut gelaufen, während er aber produziert wurde, haben Jerry Bruckheimer und Don Simpson Beverly Hills Cop gemacht. Sie wollten das ursprünglich mit irgendeinem anderen Komponisten machen, was aber überhaupt nicht funktioniert hat. So kam Jerry zu mir und meinte: „We might have a second movie for you“, daraufhin sagte ich: „Make my day“. Er wollte dann, dass ich den Regisseur kennenlernte und hat mir Marty Brest vorgestellt. Mit Marty habe ich mich auf Anhieb sehr gut verstanden, und so habe ich den Job von Beverly Hills Cop bekommen. Und das, das war dann der große Kracher.

AMAZONA.de:
Ja, weil du hast einfach diesen wahnsinnigen Ohrwurm in der Titelmelodie.

Harold Faltermeyer:
Und der Sound war zu seiner Zeit auch wieder unverwechselbar.

AMAZONA.de:
Auch heute habe ich jungen Kollegen erzählt, dass ich zum Interview mit Harold Faltermeyer fahre, die meinten nur „Wer ist das?“. Ich habe dann kurz Axel F vorgesungen und schon wussten sie Bescheid.

Harold Faltermeyer:
Das war eine Signatur, die unglaublich war.

Harolds Durchbruch in Hollywood mit Axel F (Beverly Hills Cop)

AMAZONA.de:
Weißt du noch, mit welchem Synthesizer du die Melodie eingespielt hast?

Harold Faltermeyer:
Selbstverständlich, ich kann dir genau sagen, was es da für Instrumente gab. Die Leadmelodie stammt von einem Jupiter 8 und der Bass stammt aus einem Moog Modular 15.

Außerdem gab es noch einen zweiten Bass, das war ein Oberheim OB-8. Die „Marimba“ Sounds sind vom DX7. Die Drums sind mit der Linn Drum gemacht worden, und dieses kleine Geschnattere und Gedings ist von der TR-808.
Mit mehr wurde der Titelsong nicht gemacht. Wir haben die alten Bänder vor zwei, drei Jahren digitalisiert. Da sind, glaube ich, inklusive Click Track keine vierundzwanzig Spuren voll. Das ist ganz minimalistisch.

AMAZONA.de:
Das war trotzdem ein wahnsinniger Wurf. Wie war es denn damals vertragsmäßig – du bist ja relativ grün nach Amerika gekommen, und die großen Hollywood Firmen wissen ja schon, wie sie mit einem unerfahrenen deutschen Komponisten umgehen. Hattest du das Gefühl, dass das alles sehr offen war? Hast du dich da übers Ohr gehauen gefühlt, wenn es um Rechte oder Lizenzen ging? Den Song könntest du ja heute noch vermarkten.

Harold Faltermeyer:
Ich habe mich überhaupt nicht übers Ohr gehauen gefühlt, weil ich in dieser Branche sehr früh gelernt hatte, mit rechtlichen Sachen umzugehen.

In Deutschland habe ich fast alle Verträge selbst gemacht. In Amerika geht das allerdings nicht, da brauchst du einen Anwalt. Dort spricht der Gegenanwalt überhaupt nicht mit dir, wenn du kein Anwalt bist, das hat sich einfach so eingebürgert.

Ich hatte das Glück, dass ich dort auch teilweise Giorgios Logistik benutzen durfte. Und Giorgio hat mir empfohlen, mit wem ich zusammenarbeiten soll und mit wem nicht. Wegen des ersten Filmmusik Vertrages, den ich mit Bruckheimer gemacht habe, kamen natürlich sofort alle Agenturen zu mir und wollen mir Agenturverträge anbieten.

Die sahen in mir ein neues Licht in der Filmmusik und wollten Geld mit mir verdienen. Da kam dann ein ganzer Rattenschwanz von Leuten auf mich zu, worunter natürlich auch ein Haufen Anwälte waren. Giorgio hat mir schließlich John Pranca empfohlen. John Pranca war damals immerhin der Anwalt von Michael Jackson. Schließlich hatte ich also John Pranka als meinen Anwalt.

AMAZONA.de:
Hattest Du auch eine Agentur?

Harold Faltermeyer:
Eine Agentur ist dann auch sehr schnell dazu gekommen. Ich bin heute noch bei CAA, Creative Artists Agency und habe immer noch den selben Agenten, mit dem ich damals anfing.
Ein junger Komponist hat aber natürlich noch keine Gage, wie es heute zum Beispiel ein Hans Zimmer, aber auch der Hans hat am Anfang nicht viel bekommen. Wir haben ja alle mal angefangen.

AMAZONA.de:
Wer hat denn nun die Rechte an Axel F? Und sind die Verwertung des Songs als Single und deren Auskopplung über deinen Tisch gelaufen?

Harold Faltermeyer:
Die Autorenrechte obliegen mir. Es gibt einen treffenden Satz in Amerika, den hat mir damals Henry Manzini gesagt: „Harold, you have to know one thing, when you drive through the arc of Paramount … ist das der Moment an dem du deine Verlagsrechte verlierst.“ Den Verlag für einen Score bekommst du bei Paramount einfach nicht raus. Den bekommt auch der Hans nicht raus, und den hat auch Henry Mancini nicht raus bekommen. Die Verlagsrechte sind einfach eine unverhandelbare Angelegenheit, das muss man gar nicht erst versuchen. Ich habe beispielsweise bei Top Gun gesagt, ich mache die Musik umsonst und möchte dafür die Hälfte der Verlagsrechte haben. Auch damit hatte ich keine Chance, weil die genau wissen, wie viel Geld sie mit den Rechten verdienen können. Was meinst du, was die mit Axel F. Geld verdient haben?

AMAZONA.de:
Genau das hat mich interessiert – man könnte ja denken, dass du allein mit dem Vertragsrecht ein Vermögen gemacht haben müsstest.

Harold Faltermeyer auf seinem Anwesen bei Vaterstetten 2010

Harold Faltermeyer:
Das war ein riesen Verlagsgeschäft. Es gab unzählige Cover-Versionen, und auch in der Werbung wurde die Melodie verwendet, ganz zu schweigen von den „Syncrights“. Im letzten „Monsters versus Aliens“ ist eine der Melodie, die aufgespielt wurde, „Closing Encounters“ von John Williams und die andere ist Axel F. Daran kann man leicht erkennen, wie viel die Verlagsrechte Wert sind.

AMAZONA.de:
Du bekommst heute also nichts außer die Gema.

Harold Faltermeyer:
An den Syncrights beispielsweise verdiene ich schon etwas, aber das eigentliche Verlagsrecht, also alle Aufführungssachen, liegt bei Paramount. Dabei gehe ich leer aus.

AMAZONA.de:
Musst du gefragt werden, wenn plötzlich Firma XY sagt, ich will „Axel F.“ beim nächsten Werbespot haben?

Harold Faltermeyer:
Wenn eine Werkveränderung notwendig ist, das heißt, wenn sie es umschneiden würden, müssen sie fragen. Das ist meistens der Fall, da bereits eine Kürzung eine Werkveränderung ist. Die Vergabe obliegt letztendlich dem Paramount-Verlag, die müssen die Syncrights dann mit mir in einer gewissen Art und Weise teilen.

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Forum
  1. Profilbild
    laubi  

    sehr fein, das interview! axel f…. ein schönes Stück 80er-Geschichte. Mein Ohr sagte mir immer – der Bass, so weich und breit – das kann nur ein moog sein… ;)

  2. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Ich würde Harold gern mal in meiner Landessprache hören. Wie wäre es denn mit einem kurzen Ausschnitt für uns Bayern?

  3. Profilbild
    ambee

    ach, also ich finde seinen dialekt nicht so schlimm. der klingt viel eher sympatisch und freundschaftlich. für die chatshow auf RTL hats auch gelangt.

    bin auch sehr gespannt auf die weiteren teile!

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