Vom Studio auf die Bühne: Henning Verlage über den Unheilig-Sound
Henning Verlage arbeitet seit vielen Jahren als Keyboarder und Produzent für Unheilig. Er ist an der Entstehung der Songs im Studio beteiligt, aber auch an deren Umsetzung auf der Bühne. Im AMAZONA-Interview spricht er über seinen Einstieg in die Band, über Produktionsprozesse, über sein Keyboard-Setup auf der Bühne und darüber, wie sich komplexe Arrangements für Konzerte umsetzen lassen.
Inhaltsverzeichnis
Henning Verlages Werdegang und Rolle innerhalb von Unheilig
Gereon:
Du bist nun schon seit vielen Jahren als Keyboarder Teil von Unheilig. Wie kamst du ursprünglich dazu und wie hat sich deine musikalische Rolle innerhalb der Band im Laufe der Zeit verändert?
Henning Verlage:
Angefangen hat alles Anfang der 2000er-Jahre, damals noch als reiner Live-Keyboarder. Der Kontakt kam über das bereits bestehende Management zustande, so haben wir uns kennengelernt. Über die Jahre hinweg ist daraus eine immer engere Zusammenarbeit entstanden: Wir haben begonnen, gemeinsam zu schreiben und zu produzieren und diese Verzahnung ist bis heute geblieben. Als Team sind wir über die Zeit sehr eng zusammengewachsen. Das haben wir auch deutlich gespürt, als wir uns nach neun Jahren wieder im Studio getroffen haben – es fühlte sich an, als hätten wir uns erst gestern zuletzt gesehen und wir konnten nahtlos anknüpfen.
Gereon:
Du arbeitest nicht nur als Musiker auf der Bühne, sondern auch als Produzent für Unheilig. Wie unterschiedlich fühlen sich diese beiden Rollen für dich an?
Henning Verlage:
Als Produzent bist du auf der kreativen Seite erst mal viel stärker eingebunden. Wir schreiben ja auch viele Songs gemeinsam. Dadurch gestaltet man den grundsätzlichen Sound von Anfang an mit. Bis zur Veröffentlichung überdenkt man dann jedes Sounddetail immer wieder und hat gefühlt jeden Ton der Produktion etliche Male in den Fingern gehabt. Wenn es dann an die Live-Umsetzung geht, kann man das erst mal loslassen, sich freuen und das, was wir uns vorher erarbeitet haben, genießen. An die Stelle tritt dann das Lampenfieber oder die Aufregung, weil man hier eben für den Moment spielt und nicht alles immer wiederholen kann wie im Studio.
Gereon:
Gab es einen bestimmten Moment in deiner Zeit mit Unheilig, in dem dir besonders bewusst wurde, wie eng Studioarbeit und Live-Performance miteinander verbunden sind?
Henning Verlage:
Immer dann, wenn es darum geht, eine Albumproduktion auf die Bühne zu übertragen. Die Fragen sind dabei stets: Welche Parts lassen sich live umsetzen? Welches Equipment wird benötigt? Wer übernimmt welche musikalische Rolle? Dabei ist es extrem hilfreich, tief in die Produktion eingebunden zu sein. Umgekehrt fließen aber auch die Erfahrungen und Resonanzen aus den Konzerten wieder zurück ins Studio – weil wir uns dort immer schon vorstellen, wie ein Song später beim Publikum wirken wird.
Songwriting und Produktion im Studio von Henning Verlage
Gereon:
Viele Songs von Unheilig leben von sehr dichten Arrangements. Wie entsteht bei dir im Studio dieser typische Unheilig-Sound? Gibt es bestimmte Tools, Instrumente oder Software, die du grundsätzlich nutzt?
Henning Verlage:
Wir mögen die „Wall of Sound“-Ästhetik à la Phil Spector – das ist eine ganz bewusste klangliche Entscheidung. In der Praxis bedeutet das vor allem viel Layering. Nicht, weil es technisch möglich ist, sondern um spannendere und komplexere Klangkombinationen zu erzeugen. Wenn zum Beispiel noch ein bestimmter Klangcharakter fehlt, suche ich gezielt nach einer Komponente, die den bestehenden Sound ergänzt. So kann ein anscheinend simples Pad letztlich aus mehreren Layern bestehen, die zusammen den eigentlichen Sound ergeben.
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Dieses Prinzip ziehen wir durch alle Instrumentengruppen bis hin zum Gesang, bei dem wir jede Stimme häufig bis zu achtmal doppeln. Dazu kommt unsere Vorliebe für die Kombination aus organischen und synthetischen Elementen: Etwa akustische Drums zusammen mit Sample-Kits und Loops oder ein E-Bass, der durch Synth-Bässe ergänzt wird. An Software-Instrumenten nutzen wir unter anderem die komplette Spectrasonics-Palette mit Stylus, Trilian, Omnisphere und Keyscape, dazu zahlreiche Filmscore-orientierte Librarys in Native Instruments Kontakt sowie immer wieder gerne Hardware-Synthesizer.
Gereon:
Denkst du beim Produzieren eines neuen Songs schon daran, wie er später live funktionieren soll oder sind das zwei aufeinanderfolgende Prozesse?
Henning Verlage:
Wir denken beim Schreiben schon darüber nach, wie sich ein Song später in einer Live-Setlist anfühlen könnte, damit ein Konzert – auch mit vielen neuen Titeln – einen stimmigen Spannungsbogen bekommt. Gleichzeitig darf man sich davon aber nicht einschränken lassen. Bestimmte Ideen sollte man nicht vorschnell verwerfen, nur weil sie live zunächst als schwierig umsetzbar erscheinen. Unsere Prämisse lautet: Erst einmal alles zulassen – und später überlegen, wie man es auf die Bühne bringt.
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Gereon:
Wie geht ihr vor, wenn es um Songideen, Songwriting und Arrangements geht? Schreibt ihr als Band die Lieder zusammen und wie läuft da auch die Zusammenarbeit mit dem Grafen im Studio ab?
Henning Verlage:
Meistens arbeiten wir im Dreiergespann aus dem Grafen, Markus (Management) und mir im Studio – oder auch nur zu zweit, der Graf und ich. Manchmal gibt es bereits musikalische Skizzen, manchmal bringt der Graf Texte oder vorproduzierte Demos mit und manchmal starten wir komplett bei Null. Dann spiele ich vielleicht etwas auf dem Klavier oder wir hören gemeinsam Musik und sagen: „Lass uns mal in diese oder jene Richtung gehen.“ Meist kommen wir so relativ schnell zu Ergebnissen. Manche Ideen entstehen in 30 Minuten, andere brauchen einen ganzen Tag und wieder andere müssen auch mal ein paar Tage oder Wochen ruhen, bevor man sie mit frischem Blick wieder aufgreift. Nur selten passiert es, dass wir gar nicht weiterkommen.
Gereon:
Was für Hardware und Software ist für dich um Studio unverzichtbar?
Henning Verlage:
Ich arbeite inzwischen komplett „in the box“. Mobilität, Flexibilität und ein schneller Total-Recall sind für mich die wichtigsten Kriterien. Lediglich bei der Aufnahme setze ich noch auf Hardware. Meine Standardkette besteht aus einem Neumann U87, einem Great River Preamp und einem Universal Audio 1176 Blue Stripe (Sonderedition) mit sehr moderater Gain-Reduction, bevor das Signal in mein Universal Audio Apollo Interface geht.
Diese Kette nutze ich auch für Instrumentenaufnahmen – alternativ gehe ich direkt ins Interface. Danach verlässt das Signal den Rechner in der Regel nicht mehr. Für kreative Sessions habe ich gerne einige Synthesizer um mich herum: Unter anderem den alten Access Virus TI, Roland Jupiter-XM, verschiedene Korg Synthesizer sowie ein SV-2S für direktes, rechnerunabhängiges Spiel. Diese Instrumente stehen spielbereit im Raum und dienen vor allem der Inspiration.

Henning Verlages Keyboard Setup der „Wieder zurück“-Tour: Korg KRONOS mit einer Vox Continental Orgel
Henning Verlages Keyboard Setup und Live-Umsetzung
Gereon:
Kannst du einen Einblick in dein aktuelles Live-Keyboard-Setup bei Unheilig geben und erklären, nach welchen Kriterien du dein Equipment auswählst?
Henning Verlage:
Ich setze seit jeher auf die Zusammenarbeit mit Korg und dem deutschen Vertrieb Musik Meyer aus Marburg. Korg-Workstations spiele ich bereits seit der 01/W FD und habe seitdem alle Generationen unter den Fingern gehabt. Dadurch kenne ich die Struktur und den Aufbau sehr genau und durfte auch für Korg Japan Sounds, Demos und Patterns programmieren. Gerade der KRONOS ist für mich ein echtes Arbeitspferd mit neun unabhängigen Sound-Engines, die von klassischen Workstation-Sounds, Sampling bis zu virtuell analoger Synthese alles abdecken. Ergänzt wird das Setup durch eine Vox Continental und für die kommende große Tour ist zusätzlich ein Grandstage X eingeplant.
Gereon:
Welches Equipment ist live für dich unverzichtbar?
Henning Verlage:
Ganz klar: Der Korg Kronos und unser aufwändiges Ableton-Live-Setup, das als Herzstück mit Timecode und Klicks die gesamte Show zusammenhält.

Das Herz einer Unheilig-Show: Timecode, Backing-Tracks und Click laufen über Ableton Live in einem redundanten MacBook-Setup
Gereon:
Wie gehst du damit um, komplexere Studioproduktionen so für die Bühne umzusetzen, dass sie live spielbar sind und trotzdem ihre Wirkung behalten?
Henning Verlage:
Hier ist die enge Verzahnung von Produktion und Live-Arbeit ein riesiger Vorteil. Da mir die komplette Produktion zur Verfügung steht, kann ich genau entscheiden, welche Parts live gespielt werden, welche entfallen können, ohne den Gesamtsound zu beeinträchtigen, und welche Elemente – etwa Effekte, Atmosphären oder bestimmte Klangbausteine aus Ableton zugespielt werden müssen. Dazu zählen beispielsweise Loops oder technoide Staccato-Sequenzen, die als Layer essenziell für die Soundästhetik sind.
Gereon:
Gibt es Sounds oder Parts aus dem Studio, die du live bewusst anders spielst oder versuchst du den Studio-Sound live 1:1 umzusetzen?
Henning Verlage:
Ich versuche grundsätzlich, so nah wie möglich am Studio-Sound zu bleiben – was teilweise auch viel Programmierarbeit im Kronos oder das Absampeln von Sounds erfordert. Manchmal entscheiden wir uns aber ganz bewusst für andere Ansätze, etwa in reduzierten Akustikblöcken. Beim MTV Unplugged war das besonders spannend: Dort standen wir mit insgesamt 36 Musikerinnen und Musikern auf der Bühne und ich musste teilweise völlig andere Funktionen übernehmen als sonst. Dadurch wurden viele Songs, die wir jahrelang gespielt hatten, plötzlich wieder zu einer Art Neuland.
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Persönliche Ziele von Henning Verlage und Blick nach vorn
Gereon:
Unabhängig von aktuellen Projekten und vielleicht auch unabhängig von der Machbarkeit: Welche musikalischen Ziele oder Träume hast du?
Henning Verlage:
Mich haben früher kreative Produzenten wie Michael Cretu und sein Enigma-Projekt fasziniert, der aus der Abgeschiedenheit heraus einen derart großen musikalischen Impact erzielen konnte. Sich in Ruhe ganz der klanglichen Welt zu widmen, ohne ständig an Deadlines, Folgeprojekte oder Veröffentlichbarkeit zu denken – vielleicht erreiche ich diesen Punkt ja irgendwann noch. ;-)
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Gereon:
Mit Blick auf deine Erfahrungen mit Unheilig: Was würdest du jungen Keyboardern und Produzenten mit auf den Weg geben?
Henning Verlage:
Im Grunde lässt sich beides zusammenfassen: Neben viel Spielen und Produzieren – und damit ist neben dem Selbststudium am Instrument auch Live-Praxis gemeint – sind eine schnelle Auffassungsgabe für unterschiedliche Stilistiken und Trends, die Entwicklung eines eigenen musikalischen Profils und vor allem Teamfähigkeit entscheidend. Seid nett und zuverlässig! Das sind aus meiner Sicht die wichtigsten Voraussetzungen, um sich ein Netzwerk aufzubauen – und genau darum geht es letztlich.
Darüber hinaus lohnt es sich, vielleicht über über ein Studium nachzudenken, etwa an der Musikhochschule der Universität Münster, wo ich selbst unterrichte. Dort kann man unter anderem Keyboards und Musikproduktion studieren und sich so eine solide Basis für den Einstieg in den freien Markt schaffen.
Gereon:
Vielen Dank für das tolle Interview, lieber Henning!
Wer einen genaueren Blick auf Henning Verlages Keyboard Setup bei der Unheilig-Tour „Wieder zurück“ werfen möchte, sollte sich dieses Video nicht entgehen lassen:
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Außerdem sprachen wir mit dem FoH-Mischer Bernd Michael Tombült und dem Monitor-Mischer Alex „Schmitti“ Schmidt über deren Setups und technische Entscheidungen rund um die Unheilig-Tour:
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Und wieder äußerst spannend. Dieses exzessive Layern finde ich immer faszinierend. Man liest es häufig, dass Bands sowas machen, aber immer, wenn ich selbst sowas mal versuche, wird es vom Resultat her einfach nur Matsch. 😄 haha… Ich denke, was da immer höflich verschwiegen wird, ist, wie viel Zeit und Handwerk beim Thema EQ reingesteckt wird. Auch das Panning muss doch ein Wahnsinnsjob sein bei so vielen Layern. Vor allem, wenn das alles dann auch live funktionieren soll. Krass!
@UAP Definitiv, gerade dass es live gut funktioniert, ist denke ich eine große Aufgabe!
Vielen Dank für das Berichts-Bundle. Ich habe Unheilig 2006 zum ersten Mal live erlebt und finde den Weg von Henning sehr beeindruckend. Vom studierten Musiker, welcher sein Fachwissen weiter geben kann und in versch. Projekten wie u.a. Neuroticfish unterwegs ist.
Da zeigt sich die lange Erfahrung und natürlich auch die Zeit, welche man zum Layern und finetunen hat.
Mich würde noch interessieren, wieviel „Trackausschussware“ es noch gibt, z.B. 1 Song in mehreren Soundkostümen oder ein Album und Songs für 3 Alben.