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Interview: Jesper Munk, Singer-Songwriter

Mit Gitarre und Filmorchester

15. November 2025
Jesper Munk

Jesper Munk by Rainer Germann

Jesper Munk hat sich in den letzten Jahren vom „Blues-Wunderkind zum vielseitigen Musiker entwickelt, der mit seiner rauen Stimme und seinen ehrlichen Songs zwischen Soul, Indie und Vintage-Sounds pendelt. Ob auf der Bühne oder im Studio – bei ihm geht es immer um Authentizität und das richtige Gefühl im Moment.

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Im Interview spricht Jesper über sein Lieblings-Equipment, verrät, wie er seine Songs aufnimmt, und erzählt von kleinen „Happy Accidents“, die seine Musik manchmal erst richtig besonders machen. Außerdem blicken wir gemeinsam auf Highlights seiner bisherigen Karriere – und auf das, was er als Nächstes ausprobieren will.

Der Straßenmusikant

Sonja:
Du kommst aus einer extrem musikalischen Familie und bist tatsächlich auf der Straße „entdeckt“ worden. Nimmst du uns mit auf eine Reise durch deine musikalische Entwicklung?

Jesper:
Ich habe meinem Vater und seinen Bandkollegen und -Kolleginnen viel beim Musizieren zugesehen. Die meisten waren Autodidakten. Alle auf der Bühne, wie auch im Studio gute Zuhörer, gefühlvolle Spieler und sehr emphatische Erwachsene. Hier hat Musik für mich angefangen. Ich war mit eineinhalb Jahren mit auf Tour auf einer kleinen Matratze neben dem Equipment im angesprühten Hippie-Bus.

Musik hatte einen ähnlichen Stellenwert wie Religion bei anderen Familien. Allerdings ohne Dogma, elitärem Verständnis, oder erzwungener Disziplin. Hier und da wurden Gitarrenstunden, oder Klavierunterricht vorgeschlagen, aber auch schnell dankend abgelehnt: “Unterricht ist nix für mich …”.

Die Helden meiner Jugend: Jimi Hendrix, Etta James, Rolling Stones, Tom Waits. (by Julio Cordey)

Mit 16 bin ich meiner ersten Band als Bassist beigetreten, womit sich viele der Existenzfragen und Sinneskrisen erstmal erledigt hatten. Mit 18 habe ich angefangen Cover-Versionen und Eigenkompositionen auf der Straße auszuprobieren und wurde von einem Redakteur vom BR2 Zündfunk entdeckt.

Nachdem ich mein Abi schlecht bestanden hatte, nahm ich das Debüt-Album mit Clemens Graf Finck von Finckenstein am Schlagzeug auf. Mein Vater stand als Berater/Producer zur Hilfe, während ich versuchte, mir das Mischen selbst beizubringen. Das Debüt erschien auf einem Indie-Label, die nächsten beiden beim Major, danach eine EP, ein Cover-Album, Album Nr. 5 aka “Yesterdaze” und dieses Jahr das Live-Album.

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2019 gründete ich die Art-Punk Band P.D.O.A. mit meiner damaligen Partnerin Madeleine Rose, welche eine EP und zwei Alben veröffentlichte. Im gleichen Jahr trat ich der Ghost-Punk Band Plattenbau bei, einer meiner Lieblings-Bands in Berlin. P.D.O.A. hat sich leider inzwischen aufgelöst, mit Plattenbau sitze ich gerade im Bus und führe dieses Interview.

Sonja:
Wer hat dich musikalisch am meisten beeinflusst?

Jesper:
Die Heldinnen und Helden meiner Jugend waren Jimi Hendrix, Etta James, Rolling Stones, Tom Waits, Junior Wells, Son House und Brian Wilson. Ansonsten hinterlässt jeder Mensch, mit dem ich zusammen musiziere einen nicht löschbaren Eindruck bei mir und beeinflusst mich zutiefst.

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Sonja:
Dein Sound ist über die Jahre sehr vielseitig geworden – welches Gear war für dich ein absoluter Gamechanger?

Jesper:
Mein erstes Telefon-Mic und meine 8-Track Tascam 488 MkII Cassette-Tape-Machine.

Jesper Munk: Die Gitarre spielte sich wie LoFi-Seide

Sonja:
Früher sah man dich häufig mit der Kay Galaxy P3 – was reizte dich an ihr im Vergleich zu Solid-Bodys, und wie beeinflusst die Gitarre deine Spielweise?

Jesper:
Tatsächlich spiele ich meine Kay nur noch selten auf der Bühne und habe immer schon Solid-Body-Gitarren bevorzugt, meist nur wegen der Feedback-Anfälligkeit. Diese Kay Galaxy P3 war die erste Gitarre, die ich mir selbst gekauft habe und leisten konnte (700,- US-Dollar, Eastvillage, NYC). Spielweisen sind modalabhängig, daher kann ich kaum Allgemeines sagen. Die besagte spielt sich wie LoFi-Seide.

Sonja:
Wenn du einen Song im Studio aufnimmst, arbeitest du lieber „live im Raum“ oder eher Spur für Spur?

Jesper:
Das Skelett live im Raum auf Kassette, mit Guide Vocals, dann werden die restlichen Spuren auf die Kassette gefüllt, digitalisiert und zuletzt die restlichen Overdubs aufgenommen.

Sonja:
Welche Rolle spielen Amps und Pedale für deinen Signature-Sound? Gibt es ein Setup, ohne das du nicht arbeiten würdest?

Jesper Munk Potsdam

Jesper Munk @ Nikolaisaal Potsdam (by Alina Marie Gärtig)

Jesper:
Amps nicht so sehr, ich probiere gerne aus, was rumsteht.
Es ist länger her, dass ich ein Studio ohne mein Reverb-Pedal (Reverberation Machine – DEATH BY AUDIO), und mein Telefon-Mic betreten habe.

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Sonja:
Wie unterscheidet sich deine Klangästhetik zwischen Live-Performance und Studioaufnahme?

Jesper:
Die Live-Performance ist wahrscheinlich mehr HiFi als “Yesterdaze” war.
Auf Platte sind mehr atmosphärische Soundscapes, dafür knallt es live deutlich härter.

Sonja:
Hast du einen speziellen Aufnahme- oder Produktions-Hack, der dir besonders am Herzen liegt?

Jesper:
When in doubt: stop watching, sit, listen – screen off; stop meddling with plug ins, touch pedal – liberate by limiting.

Sonja:
Gab es schon Momente im Studio, in denen ein „Happy Accident“ plötzlich den Song auf ein neues Level gebracht hat?

Jesper Munk Interview

(Foto: Maria Secio)

Jesper:
Im Leben wie auch der Musik kommt mir jeder Schritt wie ein Happy Accident vor, daher: Ja, dankbarerweise die ganze Zeit.

Sonja:
Deine Stimme trägt viel Charakter – wie gehst du beim Recording mit Vocal-Effekten und Raumakustik um? Und welches Gear setzt du hier am liebsten ein?

Jesper:
Ich bin großer Fan von dynamischen Mikrofonen, da ich viel mit Distanz zum Mikrofon arbeite. Meine Lieblinge sind MD 21, SM 57, SM 7  über einen Roland Akustik Amp, den Roland AC40.

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Sonja:
Gibt es einen Live-Moment oder eine Zusammenarbeit, die für dich bisher alles überstrahlt?

Jesper:
Das Konzert mit dem Filmorchester Babelsberg, das wir im Oktober als Live-Album veröffentlichen werden, ist natürlich unvergesslich. Alle Songs, die als kleine Gedanken im Schlafzimmer – teilweise noch bei den Eltern lebend – angefangen haben als majestätische Orchester-Version zu hören, war unbeschreiblich.

Jesper Munk Filmorchester Babelsberg

Jesper Munk und das Deutsche Filmorchester Babelberg (by Alina Marie Gärtig)

Sonja:
Dein neues Live-Album wirkt wie ein Resümee deiner bisherigen Karriere. Was bedeutet es dir persönlich?

Der „Retter des Blues“ – das hat mich kaputt gemacht

Jesper:
Für mich hat jede Note Bedeutung – egal ob sie mal schief klingt oder perfekt sitzt. Es geht um Echtheit, um das Menschliche. Nick Cave hat das mal so schön beschrieben: Unsere Kunst ist die Reise durch die eigenen Schwächen. Genau das wollte ich auf diesem Album festhalten.

Der Abend mit dem Babelsberger Filmorchester war dabei ein Traum – meine Songs haben sich angefühlt, als wären sie plötzlich vom Heimvideo zum Kinofilm geworden. Gleichzeitig liebe ich die Club-Gigs mit meinen Cassette Heads, weil dort diese Intimität und Direktheit entstehen.

Es war ein langer Weg hierher. Mit Anfang 20 wurde ich als „Retter des Blues“ gefeiert – das hat mich mehr kaputt als glücklich gemacht. Ich musste raus aus dieser Schublade, weg vom Druck. Favourite Stranger war für mich der Befreiungsschlag, danach brauchte ich Projekte wie P.D.O.A. oder Plattenbau, um mich als Musiker im Kollektiv wiederzufinden.

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Mit Yesterdaze hab ich dann 2023 ein Comeback hingelegt – und jetzt ist Best Of … Live wie ein Kreis, der sich schließt. Ein Versöhnungsangebot an meine alten Songs, ein Reset. Und dass ich das auf meinem eigenen Label rausbringe, fühlt sich nach totaler Freiheit an.

Am Ende zählt für mich: Die Fehler, die Brüche, all das gehört dazu. Das macht meine Musik lebendig. Genau das möchte ich den Leuten geben.

Sonja:
Blick nach vorn: Gibt es ein Instrument, Gear oder eine Recording-Technik, die du unbedingt als nächstes ausprobieren willst?

Jesper:
Ich möchte für das nächste Album viele Alltagsgeräte verwenden. Vom Kochtopf als Mikrofon-Mantel bis hin zum Akkuschrauber als Schlagzeug-Element. Bon Appetit!

Jesper Munk Best of ... live

Wie ein Kreis, der sich schließt: Das neue Album von Jesper Munk mit dem Filmorchester Babelsberg.

There is no single genius

Sonja:
Was bringt dich so richtig auf die Palme?

Jesper:
Spotify

Sonja:
Was war der beste Tipp, den du bisher bekommen hast?

Jesper:
There is no single genius.

Sonja:
Was würdest du den Menschen gerne noch sagen?

Jesper:
Empathy is hot. Sei lieb, sei wachsam. One love, one organism.

Vielen Dank, Jesper für dieses Interview und wer Lust hat, Jesper Munk einmal live zu sehen, der findet hier die Daten der aktuellen Tour:

09.10. Potsdam, Waschhaus
10.10. Hamburg, MS Stubnitz
11.10. Husum, Speicher
12.10. Bremen, Lagerhaus
14.10. Soest, Schlachthof
15.10. Köln, Stadtgarten
16.10. NL-Amersfoort, Flour
17.10. NL-Roermond, ECI Cultuurfabriek
18.10. NL-Haarlem, Patronaat
19.10. Frankfurt, Nachtleben
21.10. CH-Winterthur, Albani
22.10. AT-Dornbirn, Spielboden
23.10. München, Ampere
24.10. Dorfen, Jakobmayer
25.10. Konstanz, Kulturladen
26.10. Reutlingen, franz.K
28.10. Ulm, Roxy
29.10. AT-Wien, Chelsea
30.10. AT-Graz, ppc
31.10. Helmbrechts, Textilmuseum
22.11. Leipzig, Naumanns im Felsenkeller
27.11. Ansbach, Kammerspiele
28.11. Erfurt, Franz Mehlhose
29.11. Berlin, Frannz

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Über den Autor
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Sonja (Team DelayDude) RED

Sonja ist seit ihrer Jugend dem Bass verfallen. Im Jahr 2018 machte sie gemeinsam mit ihrem Mann ihre Leidenschaft für Musik zum Beruf und betreibt seither mit DelayDude.de einen Blog und einen Shop für Gear-Reparaturen und Custom-Effektgeräte. Dementsprechend findet man sie auch bei AMAZONA vermutlich in der Guitar&Bass-Sparte. Als verantwortliche Redakteurin in der PEOPLE-Redaktion ist sie zudem immer auf der Suche nach spannenden Gesprächspartnern aus der Musikbranche.   

Forum
  1. Profilbild
    Filterpad AHU

    Seine Stimme ist tatsächlich sehr einzigartig und ich denke seine verhältnismäßig melancholische Mukke passt ganz gut zu seiner Stimme. Aber meinen persönlichen Geschmack trifft es ehrlich gesagt nicht. Ich kann hier auch nichts emotionales finden. Ruhige und melancholische Musik ist nicht automatisch gefühlvoller als der härteste Techno. Es ist eine Sache des Arrangements in Form von Melodien, Pausen und Akkorden. Aber es ist aktuell ein großer Trend, solche Musik bei jungen Leuten. Um nicht umzukippen würde ich beim Konzert die engste Stelle suchen und gemütlich im Stehen einschlafen – Nichts für ungut Herr Munk. Musik hat nun mal viele Geschmäcker.

  2. Profilbild
    Markus Galla RED

    Ich würde mir auch allgemein mehr Interviews und Berichte über Künstler aus dem Ruhrgebiet wünschen. Wir haben genügend junge Leute hier, die gut sind – und verdammt viele ältere Musiker, die „Geschichte“ geschrieben haben. Einer, der hier aufgewachsen ist (in Essen) wäre zum Beispiel Stefan Stoppok. Von den berühmten Stars und Produzenten mal ganz abgesehen.

    Dann natürlich die ganzen bekannten Metal Bands, die teils immer noch hier aktiv sind. Da gibt es sogar Fachliteratur zu, weil es so viele Bands sind/waren: Kumpels in Kutten. Heavy Metal im Ruhrgebiet.

    Und natürlich der Gitarrenlehrer der Nation Peter Bursch aus Duisburg. Eine lebende Legende, nicht nur wegen der Gitarrenbücher. Ein Interview ist hier längst überfällig.

    Ebenso genial und wichtig für die deutsche Musikszene: Axel Rudi Pell aus Bochum.

    Bei den erfolgreichen Produzenten: Markus Paul Gorecki (Gorex) aus Gelsenkirchen.

    Ich könnte noch lange weitermachen 🙂

  3. Profilbild
    Markus Galla RED

    Dass Konzerte bestimmter Genres im Ruhrgebiet nicht stattfinden, hat sicherlich auch damit zu tun, dass wir viele Sparten-Locations haben, in denen eine bestimmte Klientel ein- und ausgeht. Ich denke da nur an die Zeche Bochum, die halt sehr viel Rock-Publikum zieht und ansonsten eine Party-Location ist. Interessante Konzerte gibt es immer mal wieder im Planetarium Bochum, wo auch mal Electro-Musiker Konzerte veranstalten. Ansonsten ist das Ruhrgebiet aber fest verwurzelt in den Bereichen Rock, Hip Hop, Schlager. Zumindest sind das die Sachen, die ich so mitbekomme. Jetzt von Konzerten bekannter Stars in den Arenen/großen Hallen mal abgesehen.

    Da ziehen Köln oder auch Düsseldorf halt mehr. Dort gibt es mehr Auswahl an Locations aller Größenordnungen und ein breiter gestreutes Publikum, das aus dem ganzen Umland gezogen wird.

    • Profilbild
      CDRowell AHU

      @Markus Galla Naja, was soll denn die gemeine Masse wollen, wenn es an Kultur, musikalischen Angeboten mangelt und der schnöde Mammon nur noch bei „Bauch voll Kopf leer“ über die Tresen geht?😇

    • Profilbild
      Markus Galla RED

      @Markus Galla Ich glaube, dass das sehr mit Tradition zu tun hat. Das Ruhrgebiet stand schon immer für Rockmusik, etwas Pop, aber eben aufgrund vieler bekannter Schlagerstars auch für Schlager. Das hat sich bis heute gehalten. Man denke nur mal an all die Jahre Rockpalast aus der Essener Grugahalle.

      Natürlich kommen auch andere Veranstaltungen vor, aber für mein Gefühl deutlich seltener als Rock und Schlager. Aktuell laufen hier total viele Tribute Shows (Pink Floyd sehr regelmäßig von unterschiedlichen teils internationalen Bands, Dire Straits usw). Oft ausverkauft. Ich kenne aber auch kaum noch kleinere Räume oder Hallen, die für unbekanntere Künstler interessant wären, die nicht 1000+ Karten verkaufen. Da trägt sich ein Konzert dann nicht.

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