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Interview: Joost van den Broek, Produzent (Sabaton)

In seinem Studio spülen Weltstars ihr eigenes Geschirr

13. Juni 2026
Interview: Joost van den Broek, Produzent (Sabaton, Powerwolf)

Interview: Joost van den Broek, Produzent (Sabaton, Powerwolf)

Im Rahmen der MetalCon 2026 durfte ich den niederländischen Produzenten, Arrangeur und Komponisten Joost van den Broek interviewen. Sein Name steht für den großen, cineastischen Sound des modernen Symphonic Metal. Er arbeitete unter anderem mit Epica, Powerwolf, Ayreon, Blind Guardian, Sabaton und Blackbriar und spielte selbst bei After Forever, Star One und Demons & Wizards. Im Gespräch zeigt er sich überraschend bodenständig und spricht über echte Orchester, lange Produktionsprozesse, menschliche Performance und die Frage, warum selbst Weltstars in seinem Studio ihr eigenes Geschirr spülen.

Kurz & knapp

Worum geht es?

  • Symphonic Metal: Der Metal-Produzent Joost van den Broek spricht über seinen großen, cineastischen Produktionsstil.
  • Studioarbeit: Im Mittelpunkt stehen Vertrauen, Vorbereitung und eine entspannte Atmosphäre ohne Star-Allüren.
  • Orchester-Sound: Echte Chöre, Orchester und Live-Performance sind für ihn zentrale Bestandteile seines Sounds.
  • Songwriting: Bei Bands wie Epica und Powerwolf begleitet er den kreativen Prozess oft schon sehr früh.
  • Authentizität: Erfolg und Awards sind zweitrangig, wichtiger sind gute Musik und zufriedene Künstler.
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Bekanntheit und moderner Metal-Sound

Kai:
Joost van den Broek, danke, dass du es einrichten konntest!

Joost van den Broek:
Natürlich, sehr gerne.

Kai:
Wir sind sehr glücklich, dass es geklappt hat. Dann lass uns direkt loslegen. Wenn man sich mit Modern Metal Produktion beschäftigt, fallen Namen wie Jens Bogren und Buster Odeholm und natürlich auch dein Name. Siehst Du dich selber als einen aus dieser Gruppe von Produzenten, die den modernen Metal-Sound gestalten?

Joost van den Broek:
Wow, das ist jetzt mal eine große Frage. Um ehrlich zu sein, ist es schwierig, so über sich selber zu sprechen. Die coole Sache hier bei der MetalCon ist, dass ich normalerweise gar nicht so viel von da draußen mitbekomme, als Produzent bin ich nicht so sehr Teil der Publicity.

Ich stehe ja immer in den Credits und werde auf Social Media erwähnt. Manchmal besucht man auch ein Konzert einer von mir produzierten Band und wird dort angesagt, sowas halt. Aber mein Alltag sieht so aus: Ich gehe jeden morgen zu meinem Studio und schließe es nach getaner Arbeit abends ab. Ich gebe mein Bestes dort und tue das schon lange Jahre und es scheint zu funktionieren.

Ja klar bin ich sehr happy damit, wie sich alles entwickelt und auch mit den Bands, mit denen ich arbeite. Lustigerweise wird mir grade hier auf der MetalCon bewusst, dass ich wohl die ein oder andere Sache richtig machen muss. Offenbar habe ich Impact und die Menschen werden von meinem Schaffen inspiriert.

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Die Leute interessieren sich dafür, was ich zu sagen habe und hier hört man die Musik auch bewusst mit den Ohren des Produzenten, also anders als der Endkunde. Also wenn du mich in dieser Riege der Produzenten einreihst, dann fühle ich mich sehr geehrt.

Kai:
Diese Bescheidenheit spricht für dich, sehr sympathisch. Aber du bist ganz offensichtlich einer der angesagten Produzenten des Genres.

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Joost van den Broek:
Vielen, vielen Dank.

Kai:
Fühlst du dich jemals nicht berühmt oder fühlst Du dich vielleicht sogar gar nicht berühmt? Du gehst einfach ins Studio arbeiten und fühlst dich dabei nicht berühmt?

Joost van den Broek:
Nein, ich fühle mich nie berühmt. Die Sache ist sogar: Die bekanntesten Bands, mit denen ich arbeite; wir arbeiten einfach nicht in einer Umgebung, wo Fame eine Rolle spielt. Wir sind nur ein paar Jungs und Mädels, die Musik schreiben, Ambitionen haben und von Ihrer gemeinsamen Leidenschaft getrieben die Arbeit ernst nehmen, aber auch dann wieder viele lockere Momente gemeinsam haben. Wir verbringen einfach Zeit miteinander und haben Spaß.

Wenn ich dann mal eine meiner Bands auf einem Festival besuche oder sie in einer riesigen Arena spielen sehe, dann merke ich: „Hier geht aber was ab!“ Also nein: Ich fühle mich gar nicht berühmt und meine Bands und ich begegnen uns auf Augenhöhe. Es ist alles ziemlich normal und wir versuchen alle zusammen eine gute Zeit zu haben. Ansonsten wäre es auch ein wenig komisch. Ich will auf demselben Level sein wie alle, egal ob Musiker, Sänger oder Techniker.

Metal-Produzent Joost van den Broek im Interview

Metal-Produzent Joost van den Broek im Interview

Ich möchte eine gute, entspannte Stimmung und niemanden auf einen Sockel erheben, weil sie in der Welt das draußen große Stars sind. Es wäre auch irgendwie ein bisschen weniger ehrlich, das so zu tun. Ich glaube, was die Leute bei mir im Studio gerne mögen ist, dass ich versuche für diese Zeit quasi einer von ihnen zu werden, also ein zusätzliches Bandmitglied.

Versteh mich nicht falsch – ich will nicht in die Bands einsteigen, sondern durch diese Nähe verstehe ich meine Künstler einfach besser. Was denken sie sich, was ist ihr Background und wir reden dann über ihre Kids, ihren Urlaub oder auch ihre Sorgen. Dadurch schafft man einen gegenseitigen Respekt und Verständnis füreinander.

So kann ich auch mit den größten Stars über alles, was in dieser langen Phase des Schreibens, der Pre-Production und den Aufnahmen in ihren Leben vor sich geht, sprechen. Das geschieht dann auf einem sehr ehrlichen Niveau, ohne es irgendwie in Zuckerwatte zu packen. So muss man auch nicht alle aufgrund ihres Status unterschiedlich behandeln. Also ich fühle mich nicht berühmt und bei mir im Studio tun das die Bands auch nicht.

Sie spülen selbst ihr Geschirr bei mir, sie gehen selber ihr Essen einkaufen, ganz normal. In der Nähe meines Studios gibt es einen Aldi und wir holen da meistens unser Essen. Ich weiß, dass einige der Leute, die da arbeiten, meine Künstler erkennen. Da ich ja seit Jahren da hingehe, kommen sie zu mir hin und fragen mich aus über die Stars.

Oder mir kommt in meinem Dorf jemand auf einem Fahrrad mit einem T-Shirt einer meiner Bands entgegen. Dann wird mir auf einmal klar: „Okay, ich produziere bekannte Bands.“ Aber wenn ich mit den Künstlern im Studio bin, wenn ich mixe, komponiere, arrangiere und wir das Geschirr abspülen und wir zusammen abhängen, dann spielt das alles keine Rolle.

Vertrauen im Studio

Kai:
Vielleicht ist das auch ein Rezept für Größe: Einfach kein Ego und keine Bullshit-Kämpfe zulassen.

Joost van den Broek:
Ja, vielleicht. Ganz ehrlich: Die Egos, die ich mal kennengelernt habe, das sind meistens nicht die großen Acts. Meistens rührt das eher von einer Unsicherheit her, als von einem Ego. Aber auch das gehört zu meinem Job, da muss ich das Beste draus machen und versuche, das aufzulösen […] und dem Problem auf den Grund zu gehen. Versteckt da jemand etwas oder woher rührt die Unsicherheit? Ich versuche in meinem Studio eine nette Arbeitsatmosphäre für alle zu schaffen.

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Kai:
Manche Musiker haben vielleicht auch Angst vor dem Erfolg, beziehungsweise dem Nicht-Erfolg. Jedenfalls ist diese Art von Druck nicht grade hilfreich bei einer Produktion.

Joost van den Broek:
Ja genau. Ich versuche solche Sachen nicht ins Studio zu lassen, sofern mir das möglich ist. Das mag jetzt etwas komisch klingen, aber ich mag auch nicht viele Gäste im Studio, die nicht in der Band spielen. Wenn sie das wollen, kann das Management gerne auf einen Kaffee vorbei kommen. Das ist cool, aber sie sollten nicht den ganzen Tag dort abhängen. Dasselbe gilt für die Plattenfirma.

"Das mag jetzt etwas komisch klingen, aber ich mag auch nicht viele Gäste im Studio, die nicht in der Band spielen." – Joost van den Broek über Gäste in seinem Studio

„Das mag jetzt etwas komisch klingen, aber ich mag auch nicht viele Gäste im Studio, die nicht in der Band spielen.“ – Joost van den Broek über Gäste in seinem Studio

Diese Anwesenheit macht auch was mit den Bands. Sie fühlen sich beobachtet und agieren anders. Eventuell sind sie auf einmal gehemmt oder genieren sich. Das soll jetzt nicht gegen das Management oder ein Label per se gehen, es ist einfach die Dynamik, die entsteht, die kontraproduktiv sein kann.

Cineastischer Sound zwischen Orchester und Metal

Kai:
Ja, jeder kennt auch die Situation im Proberaum, wo die Girls reinkommen und sich auf einmal alles in der Band ändert. Vermutlich ist es im Studio genauso mit der Befangenheit. Nächste Frage: Bogren steht für einen sehr organischen, großen Sound, während Buster mehr für den ultra-aggressiven modernen Sound bekannt ist. Wo ordnest du dich selber ein, wenn du ähnliche Adjektive verwenden würdest, wenn du dein Sound-Design mit diesem Spektrum vergleichst?

Joost van den Broek:
Natürlich konzentriere ich mich mehr auf den Symphonic Metal. Ich bemühe mich bei meinen Produktionen um einen möglichst epischen Sound, was auch immer das bedeuten soll (lacht). Es sollte Larger than Life sein. Das heißt konkret: Es passiert unheimlich viel Interessantes, sollte aber die Ohren des Zuhörers nicht anstrengen. Es gibt eine Art Listening Direction, wo der Zuhörer entlang der musikalischen Erzählungen geführt wird.

Ich versuche ein möglichst fokussiertes Produkt herzustellen, wobei trotzdem eine Menge Details stattfinden sollten. Es soll eine Wall of Sound sein – nicht im traditionellen, aber im symphonischen Sinne. Was den Metal-Aspekt angeht versuche ich zwar Metal, aber vielleicht eher mit Rock-Anspruch. Ich übertreibe es nicht mit dem Heavy Gain auf den Gitarren, es ist da eher mittenbetont. Auch die Drums sind nicht super heavy mit Samples getriggert.

Das ist übrigens auch etwas, was ich bei den Bogren-Produktionen sehr mag. Es ist druckvoll und episch, aber du hast nie das Gefühl, nicht genau zu wissen, ob du Programming hörst oder ob das ein richtiger Drummer ist. Ich bevorzuge eine richtige Performance von Musikern, aber im Zweifelsfalle werde ich nachhelfen, um das der Größe des Orchesters anzupassen. Die Ebenen sollen sehr dreidimensional sein.

Kai:
Benutzt Du immer ein echtes Orchester?

Joost van den Broek:
Wenn ich kann, dann ja, immer. Es hängt natürlich von der Band, dem Style und dem Budget ab. Manche Bands benutzten hauptsächlich Programming und ein echter Chor singt dann als Overdub darüber. Mit EPICA zum Beispiel ist alles live. Sogar die kleinsten Percussion-Details wie eine kleine Glocke werden immer live gespielt sein.

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Von Ayreon bis After Forever: Wie der Signature-Sound entstand

Kai:
Das klingt nach einer Menge Arbeit. Alleine schon die ganzen Gesänge, Wahnsinn. Dieser Signature-Sound von dir: War das etwas, was du von langer Hand geplant hast wie ein Business Plan, der dann verfolgt und realisiert wurde oder hat sich das ganz natürlich durch die Artists, mit denen du gearbeitet hast entwickelt? Besonders ARJEN LUCASSEN scheint da eine Rolle gespielt zu haben, oder?

Joost van den Broek:
Ja, absolut. Arjen war immer schon ein großer Einfluss auf mich. In meinem Leben wie in meiner Karriere. Damals, als ich 18 Jahre alt war, gab er mir die Chance auf seiner ersten Europa-Tour mitzuspielen, wo ich den Sänger Russell Allan von SYMPHONY X und Floor Jansen von AFTER FOREVER kennenlernte. Arjen hätte jeden haben können und hat mir den Vertrauensvorschuss gegeben, weil er an mich geglaubt hat.

AMAZONA-Autor Kai Lemke traf den Produzenten von Powerwolf und Sabato auf der MetalCon in Berlin

AMAZONA-Autor Kai Lemke traf den Produzenten von Powerwolf und Sabato auf der MetalCon in Berlin

Ich habe natürlich alles von AYREON gehört, besonders die früheren Alben und das sprach meine Fantasie an. Die Kombination aus einer Heavy Rock Band mit vielen Synthesizern und alle diese Ebenen mit Gesängen, das hat mich stark beeindruckt und inspiriert. Auch die meisten der Bands, die ich produziere, haben diesen Background und sie sind damit groß geworden.

Kai:
Da ist also eine starke Symphonic Metal Szene aus Musikern herangewachsen.

Joost van den Broek:
Total. Wenn du die nach ihren Einflüssen fragst, werden die meisten Arjen oder Ayreon nennen.

Kai:
Und er ist auch schon lange dabei, oder?

Joost van den Broek:
Ja, ich glaube sein erstes AYREON-Album wurde vor über 30 Jahren veröffentlicht und davor hatte er schon Solo-Projekte am Start, die auch schon in dieselbe Richtung gingen. Aber die coole Sache ist, dass Arjen bereits früh diese ganzen Talente so platziert und eingesetzt hat, wie sie es sich selber nie hätten ausdenken können und daraus wieder neue Projekte entstanden. All diese Sängerinnen und Sänger wurden dann ihrerseits Pioniere dieses neuen Styles.

Aber zurückkehrend zum ersten Teil Deiner Frage: Es war definitiv kein Business-Plan. Ich habe immer schon Heavy Rock gehört. Da ich aber selber Keyboards spielte, wusste ich nicht, wo da mein Platz sein sollte. Dann hat mir ein Freund in der Schule DREAM THEATRE vorgespielt und ich wusste zunächst nicht, was ich davon halten sollte.

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Es war irgendwie nicht so kantig und powervoll, aber es hatte eine Menge Keyboards und ich fing an, zu experimentieren. Also involvierte ich mich in der progressiven Metal Szene und deren Vorgänger, die sie beeinflusst haben. Damals kam die Symphonic Metal Szene in Holland richtig in Schwung und ich hatte das Glück bei AFTER FOREVER einsteigen zu dürfen. Das war sozusagen mein Einstieg in die Szene und ich konnte komponieren, arrangieren, orchestrieren und Ensembles und Chöre aufnehmen.

Ich merkte, dass genau das mir Spaß machte: Diese großen Produktions-Prozesse mit Bands, mit denen ich zum Teil on and off anderthalb Jahre an einem Album arbeite. Manchmal nehme wir drei Monate am Stück auf. Ich liebe das. Jeder Tag ist anders, es sind nicht nur Gitarren. Heute oder diese Woche sind die Streicher dran. Nächste Woche kommt der Chor, dann sind die Solo-Gitarren dran. Als Nächstes kommen die Lead Vocals.

Kai:
Notierst du auch alles in Partituren?

Joost van den Broek:
Ja, natürlich.

Kai:
Das ist sehr anders als in anderen Metal-Genres, oder?

Joost van den Broek:
Ich schreibe natürlich keine Noten für die Bands, sondern für alle Gastmusiker wie das Orchester, die sind ja Klassiker. Es ist sehr abwechslungsreich, da so viele Disziplinen gefragt sind. Es ist eine Herausforderung dieses Puzzle zusammen zu setzen und diesen Crossover der Genres zum Funktionieren zu bringen.

Metal-Produzent Joost van den Broek im Interview

Metal-Produzent Joost van den Broek im Interview

Zusammenarbeit mit Epica und Powerwolf

Kai:
Ok, cool. Wenn du mit EPICA oder POWERWOLF arbeitest, wieviel des finalen Sounds ist deine Produktion und machst du Songwriting als Teil der Pre-Production mit den Bands?

Joost van den Broek:
Insbesondere mit EPICA bin ich immer von Anfang an beteiligt. Wir organisieren Writing-Camps, um Songs zu schreiben und wir verabreden uns zu Online Sessions. Dann treffen wir uns auch vorher im Studio und nehmen separate Gesangs-Demos auf. Dieser ganze langatmige Prozess zieht sich bis zum endgültigen Mastering hin.

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Mit EPICA ist die Pro-Production sehr ausgiebig. Als Erstes gibt es die Demo-Phase, dann die digitale Pre-Production, wo ich zunächst noch sehr viel programmiere. Kann auch sein, dass ich etwas auf MIDI mache und es einem Musiker schicke mit der Bitte, dass er das auf seinem Instrument nachspielt und mir dann zurückschickt. In der Zeit nehmen die Vocals dann allmählich auch Form an.

Kai:
Ich kann wortwörtlich das Puzzle sehen, von dem du gerade sprachst.

Joost van den Broek:
Es ist wirklich so. Ich baue es auf von einem ersten Demo über die digitale Phase der Produktion. Dann tue ich etwas für die meisten Produzenten Unübliches und bitte die Bands zu proben (lacht). Das klingt blöd, aber viele Bands proben einfach nicht, bevor sie ins Studio gehen. Alles wird in der DAW programmiert.

Kai:
Quantisierung und Auto-Tune was das Zeug hält….

Joost van den Broek:
Genau! Und dann kann jemand das Riff gar nicht spielen oder fühlen bis der Produzent sagt: „Lass es uns aufnehmen!“ Daran glaube ich nicht, es sollte immer einen Schritt dazwischen geben und deshalb bitte ich sie zu proben. Manchmal komme ich auch dazu, um ein bisschen die Richtung anzugeben.

Danach lade ich die Band ein, eine Band Pre-Production zu machen. An dem Zeitpunkt habe ich bereits das meiste der Orchestrierung und den Chor als Demos fertiggestellt. Die Band hört das dann zusammen mit dem Klick Track auf ihren Ohren und sie fangen an, dazu Gitarren, Bass und Drums zu spielen.

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Man beginnt zu fühlen, ob zum Beispiel das Tempo optimal ist, ob es Sinn macht zum nächsten Part zu gehen und ähnliches. Funktioniert der Übergang von dem Chorus zu der Bridge an der Stelle? Sowas eben. Ich finde, man muss als Musiker mit seinem Herzen spüren, wo der Song lang geht.

Es hat auch noch den Vorteil, dass die Bandmitglieder richtig gut vorbereitet sind, wenn es an das echte Aufnehmen geht. So kann man immer an den nächsten Schritt anknüpfen, statt einfach ziellos ins Studio zu gehen und zu gucken, was jetzt passiert. Man ist sehr im Moment und alle bemühen sich auch sehr, immer ihr Bestes zu geben. Also ja, das ist schon eine sehr langwierige Arbeitsweise.

"Dann tue ich etwas für die meisten Produzenten Unübliches und bitte die Bands zu proben." – Joost van den Broek

„Dann tue ich etwas für die meisten Produzenten Unübliches und bitte die Bands zu proben.“ – Joost van den Broek

Mit POWERWOLF ist es etwas anders, da sie einen Haupt-Songwriter haben, der mir seine Demos alle auf einmal schickt. Die sind aber noch nicht fertig, sondern in Verse, Chorus etc. aufgeteilt. Ich mache dann Vorschläge, wie man die typischen musikalischen Ausflüge aus diesen Skizzen macht.

Die coole Sache mit POWERWOLF ist, dass sie sich von vornherein auf die Vocals fokussieren. Mit Symphonic Metal Bands ist es oftmals erst zu spät im gesamten Prozess-Thema und ich versuche das nach ganz vorne zu stellen. Weil ich finde, dass – egal, was auch immer wir uns ausdenken und orchestrieren: Am Ende ist es der Gesang, der den Song ausmacht.

Der Sänger muss strahlen und die richtigen Töne zum richtigen Zeitpunkt singen. Es klingt offensichtlich, aber die meisten Symphonic Metal Bands konzentrieren sich sehr auf die Instrumente, dass sie sich nicht genug um die Gesänge kümmern. Wenn der Song fertig ist rufen sie die Sängerin ins Studio. So funktioniert das aber nicht. POWERWOLF starten den ganzen Prozess mit Vocal Sessions. Der Sänger hat einen sehr prägnanten Sound. Wenn sich irgendwas nicht stark genug anfühlt, dann wird es verworfen.

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So werden die Songs ausgesucht, die auf ihr Album kommen. Da sich alles um die Stimme dreht, ist das eine sehr effektive Arbeitsweise, zumindest für die Band. Im Publikum muss der Chorus durch den Gesang alle abholen. Das klingt vielleicht cheesy, aber das ist es, worum es bei gutem Songwriting geht.

Kai:
Es geht um Emotion.

Joost van den Broek:
Exakt. Du musst den Punkt mit dem Gesang treffen. Der Grund, warum das funktioniert ist, dass der Sound und die Power stimmen müssen.

Kai:
Das ist mir auch aufgefallen, der Sänger ist sehr on Point.

Joost van den Broek:
Oh ja, das ist er. Es ist sehr schwierig, was er tut. Du kannst dir vorstellen: Wenn auch nur eine Note nicht überzeugt, wenn der powervolle Sound nicht erzielt wird, dann wird die Erwartung nicht erfüllt. Die Latte hängt da sehr hoch.

Kai:
Interessant, wow. Wenn während des kreativen Prozesses oder dem Mixing etwas nicht funktioniert, ist es dann die Rolle des Produzenten, das Zepter an sich zu reißen, die Situation zu lösen und das letzte Wort zu haben? Auch, wenn es zu dem Zeitpunkt gegen den Willen der Band wäre?

Joost van den Broek:
Das ist schwer zu sagen. Ich finde, bei einer Production geht es um eine Gruppenarbeit, nicht nur um die Band oder nur um den Produzenten. Es geht um Jeden. Jeder Beteiligte hat einen Anteil daran und ich werde mir von jedem die Ideen anhören.

Wir werden dss berücksichtigen, darüber nachdenken und es ausprobieren. Ich werde niemals sagen: Das wird nicht funktionieren“, nur weil ich der Produzent bin. Wenn ich weiß, dass die Idee aus einer ehrlichen Quelle kommt, dann wird die Person es aus gutem Grund sagen und dann ist es das wert, es zu verfolgen. Dann ist da ein ernstzunehmender Funke, wenn die Person sagt: „Ich höre da die ganze Zeit das und das.“

Metal-Produzent Joost van den Broek im Interview

Metal-Produzent Joost van den Broek im Interview

Vielleicht denke ich zunächst: „Was redest du da?“, aber ich denke mir das nur, ich würde es niemals sagen. Aber ich werden dem eine Chance geben und manchmal entstehen da sehr aufregende Dinge, die einen überraschen und die Reise an einen zuvor ungeahnten Ort bringen. Aber wenn etwas ausprobiert wurde und es aus meiner Sicht nicht funktioniert, dann werde ich das auch ehrlich sagen. Aus meiner Sicht hat der Produzent kein Vetorecht, so sollte es aus meiner Sicht nicht sein. Heutzutage sind Bands sehr involviert in der Produktion, besonders bestimmte Mitglieder der Band, die den ganzen Prozess aufmerksam begleiten.

Die haben auch mittlerweile eine Menge Know-how, was Produktion angeht. Das hält mich und sie angespitzt und wird zu einem gemeinsamen Guten. Wenn die Pre-Production gut war, gibt es am Ende meistens keine bösen Überraschungen. Wenn dann irgendwas anbrennen sollte, ist man sich dann schnell einig, weil ja immer alle involviert sind und sagt dann: „Okay, lass uns den Part loswerden.“ Mit den High Level Bands passiert sowas eigentlich nicht, da sie wissen, worauf es ankommt.

Kai:
Die klingen alle extrem engagiert, sodass man im Studio einfach keinen Bullshit bekommt.

Joost van den Broek:
Ja, das müssen sie auch sein. Es gibt dafür einfach keinen Platz. Ich arbeite mit einigen Bands zusammen, die bereits ihr achtes oder neuntes Studioalbum raushauen.

Die haben Erfahrung, haben viele Meinungen gehört und viel durchlebt. Sie haben dann aber irgendwann auch Familien. Sie mögen es effektiv zu sein in ihrem Job. Sie sind effizient, produktiv und müssen ihre Zeit gut managen. Da muss man anders arbeiten. Wenn du am Anfang keine Verpflichtungen hast, dann kannst du machen, was du willst. Wenn man mehr Verpflichtungen hast, da hat man einfach keine Zeit mehr zu verschwenden.

Kai:
Es wirkt aber auch nicht grade so, als hättet ihr das früher gemacht. Irgendwie ward ihr doch immer ziemlich straight und habt gemeinsam am Strang gezogen. Vielleicht liegt das auch am Genre, an diesem Grad des Commitments zur Musik. Symphonic Metal entspricht nicht so den Rock ‘n‘ Roll Klischees, oder?

Joost van den Broek:
Ja, Ja. Das geht alles gar nicht, wenn man sich so gut vorbereiten muss. Es gibt immer mal Probleme aller Art, die gelöst werden müssen. Aber eine straighte, starke Vision und gute Vorbereitung in der Pre-Production hilft der gesamten Produktion ungeheuer.

Ich verstehe meine Rolle unter anderem auch so, dass ich die Beteiligten dabei unterstütze, das richtige Mind-Set zur richtigen Zeit zu haben. Eine der Dinge, die kreative Künstler meistens nicht so gut können, ist es, die Übersicht zu behalten. Schedules, Zeitabläufe. Was wird zu welchem Zeitpunkt benötigt? Die Bands sind oft ein bisschen weniger durchorganisiert. Das gilt nicht für alle, aber für viele.

Sie sehen nicht immer das Bigger Picture. Sehr erfahrende Bands haben da natürlich mehr Überblick als jüngere Bands. Mein Ziel ist es, diesen Prozess zu gestalten. Dann sage ich: „Wir fangen hier jetzt an, aber glaubt mir: In ein paar Monaten sind wir an Punkt X und dann machen wir das und das. Und zu der Zeit haben wir die und die Deadline. Und für die eine Sache holen wir uns jemanden von außen, der das dann erledigt und danach wieder aus dem Prozess raus ist. Dann werdet ihr einen Tourplan haben. Lass uns nicht direkt in der Woche danach arbeiten, weil ihr müsst mal nach Hause und euch ausruhen.“

Metal-Produzent Joost van den Broek im Interview

Metal-Produzent Joost van den Broek im Interview

Kai:
Du erinnerst sie also an ihre Verantwortungen. Das hat auch etwas mit Respekt zu tun und zwar gegenseitiger Art. Sehr erwachsen.

Joost van den Broek:
Und dadurch fühlen sie sich sicher und gut aufgehoben. Es gibt ihnen einen Rahmen, in dem sie funktionieren können.

Kai:
Ok, das klingt cool. Meine nächste Frage klingt jetzt vielleicht etwas doof, weil wir bereits so tief ins Rabbit Hole eingedrungen sind. Was ist dir wichtiger: Nummer-1-Hit-Alben oder Einfluss in der Szene und als authentisch wahrgenommen zu werden?

Joost van den Broek:
(Lacht) Ich glaube ehrlich gesagt, weder das Eine noch das Andere sind wirklich wichtig. Ich würde für keines der Beiden zur Arbeit gehen. Mein Ziel ist es die Leute, mit denen ich arbeite, glücklich und zufrieden zu machen. Wenn die Band das fertige Album oder den finalen Mix hören, sollten sie stolz sein auf das, was wir im letzten Jahr oder in anderthalb Jahren geschaffen haben.

Wir haben das zusammen gemacht, es ist eine Momentaufnahme einer bestimmten Zeit in aller unserer Leben. Das zählt mehr, als alles andere. Natürlich ist es cool, einen Number-1-Award überreicht zu bekommen. Es ist fun, es ist etwas Besonderes und man ist sehr dankbar für die Ehre, die einem zuteilwird. Aber in dem Augenblick, in dem ich es erhalte, ist das Album nur noch auf der Nummer 10. Der Award kommt auf mein Regal und ich bin schon irgendwo anders. Es ist ein sehr kurzer Moment.

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Authentisch genannt zu werden ist toll. Die Menschen schätzen meine Arbeit und das gefällt mir auch. Aber wenn ich mir über so etwas die ganze Zeit Gedanken machen würde, würde ich jetzt nicht hier sitzen. Mein Ziel ist es, meine Künstler wirklich zufrieden zu stellen. Und ich hoffe, dass sich das dann auch in die äußere Wahrnehmung übersetzt und der Erfolg nach dem Release kommt.

Kai:
Sicher. Offensichtlich ist es für die Psychologie von Performance und dem Druck, ein gutes Album zu produzieren, sinnvoll, sich wohl zu fühlen, weil man dann auch besser performt. Da ist ja eh schon so viel Druck, die Messlatte ist hoch, ich muss diese hohen Noten treffen, das Riff nageln, das geile Solo spielen, es gibt unisono Parts – da ist also so viel abzuarbeiten.

Joost van den Broek:
Wenn ich die ganze Zeit denke: „Ist das jetzt auch authentisch genug oder werde ich damit Nummer 1 in den Charts oder gewinne ich damit eine Trophäe?“ Nein, darüber reden wir wirklich nicht im Studio.

Kai:
Ich sagte ja, es wird eine dumme Frage…(beide lachen).

Joost van den Broek:
Ich glaube schon, dass viele Leute in ähnlichen Situationen so denken. Die Frage ist schon interessant.

Kai:
Wir wollen ja auch alle wissen, wie es innen drin ist. Das ist für uns interessant. Die Fans haben Träume und Ideen davon, wie es im Studio so ist. Aber meist ist die Realität dann ganz anders. Und du sagst ja auch ganz bodenständig: Es ist einfach mein Job und es macht mir Spaß.

Joost van den Broek:
Ja, verstehe mich nicht Falsch: Ich freue mich über Awards und andere Ehrungen, aber ganz früher am Anfang dachte ich immer, meine Belohnung nach einer langen und schwierigen Produktion wäre es, dann endlich den fertigen Tonträger in meinen Händen zu halten. Und ich erinnere mich noch, wie ich davon geträumt habe meine eigene Musik auf Vinyl [zu besitzen]. Es ist einfach der Hammer, aber wenn du es dann bekommst, ist auch das wieder nur ein kurzer Moment im Ganzen und wirklich auch nicht der Grund, wofür man das alles überhaupt gemacht hat.

Es ist nicht der Moment, sondern der Weg ist das Ziel. Die Reise dahin, tatsächlich der ganze Zeitraum der Produktion selber. Ich weiß noch, wie ich damals dachte: „Wie wäre es wohl, auf der Main Stage von Wacken zu spielen? Das wird bestimmt der Höhepunkt meiner Karriere.“

Natürlich sieht es super auf deiner Vita aus, aber in dem Moment ist es tatsächlich einer der beängstigendsten Augenblicke deines Lebens. Du wirst es nie vergessen, aber in dem Moment ist es auch eher beinahe unangenehm. Wenn du das von außen siehst mit der riesigen Crowd, denkst du: „Wow, das ist so krass!“ Aber wenn du auf der Bühne stehst, ist es was anderes. Es ist nicht so episch und geil, wie es aussieht. Sehr viel Druck und auch mehr Hemmungen, als das Publikum denkt.

Kai:
Witzigerweise sieht man es von außen nicht. Du erinnerst dich eventuell noch an das Gefühl, das du hattest: Du willst deinen Kopf ausschalten und abrocken, aber die Birne geht nicht so richtig aus. Und so ein großer Gig fühlt sich mitunter wegen der Aufregung wie nervöse, lange 5 Minuten an und du fragst dich nachher, was das jetzt eigentlich war.

"Wie wäre es wohl, auf der Main Stage von Wacken zu spielen? Das wird bestimmt der Höhepunkt meiner Karriere." – Metal-Produzent und Keyboarder Joost van den Broek

„Wie wäre es wohl, auf der Main Stage von Wacken zu spielen? Das wird bestimmt der Höhepunkt meiner Karriere.“ – Metal-Produzent und Keyboarder Joost van den Broek

Joost van den Broek:
Ganz genau. Dann sehe ich Jahre später das Video vom Konzert und denke: „Wow, das war riesig!“ Aber in dem Augenblick war es doch anders für mich.

Kai:
Ja, verrückt, oder? Gab es Projekte, die vielleicht nicht so erfolgreich waren, die es aber deiner Meinung nach verdient hätten? Produktionen, die ein kreativer Durchbruch für dich waren, aber sich nicht zu einem großen Publikum durchgesetzt haben?

Joost van den Broek:
Interessante Frage, das muss ich nachdenken.

Kai:
Ist das vielleicht auch gar nicht so wichtig? Wenn du ein Projekt nach dem anderen produzierst und eher immer im Moment bist, statt dir darüber Gedanken zu machen, ob es Erfolg haben wird oder scheitert, dann ist es doch einfach für Dich, was es ist und die Aussenwirkung spielt keine große Rolle, oder?

Joost van den Broek:
Ich finde, wenn der Prozess erfolgreich war, dann ist es auch die Produktion. Ob es jetzt das große Ding ist oder nur ein weiteres Album in meiner Discography, das ist manchmal sogar ein paar Jahre später schwer zu sagen. […] Woran macht man das auch heutzutage noch fest? Streaming? Das ist echt schwierig zu ermitteln. Was ist Erfolg überhaupt? Mittlerweile kann eine Band – und zwar besonders in unserem Genre – ihren Erfolg an Ticketverkäufen bei den Konzerten festmachen. Daran sieht man es besser, als an Albumverkäufen.

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Kai:
Oder sogar am Merchandising.

Joost van den Broek:
Ja, auch das.

Kai:
Popularität hängt nicht zuletzt von einer starken visuellen Identität ab, das verkauft Merch.

Joost van den Broek:
Ja und manche Bands werden viel gestreamt und andere weniger, weil es irgendwie nicht so die Musik ist. Aber unter Umständen verkauft die letztere Band mehr Tickets als die, die viel gestreamed wird. Aber ich werde immer Produktionen mit Bands machen, bei denen ich das Gefühl habe, dass sie es wert sind. Nicht, weil sie überaus erfolgreich sind und bereits zig Alben veröffentlicht haben und meinen, sie brauchen meine Art der Produktion für ihren nächsten Hit. Natürlich fühle ich mich bei solchen Anfragen geehrt und wenn alles passt, mache ich das auch.

Manchmal ist es aber auch sehr inspirierend und motivierend, neuen Bands eine Chance zu geben und ihnen zu einem riesigen Entwicklungssprung zu verhelfen. Wenn ich etwas wirklich Cooles höre und denke: „Wow, das ist anders, das ist neu.“ und ich kann da etwas machen, das auch für mich neu ist, dann ist das auch für mich gut. Eventuell veröffentlicht die Band das dann alleine oder auf einem kleinen Indie-Label und das Management sagt: „Warum hast du mit dieser Band gearbeitet, die haben nur 30.000 Streams?“ Die sagen dann: „Da ist doch gar kein Prestige drin!“ Aber das ist nicht die Motivation für meine Arbeit.

Kai:
Es ist so cool, dass du offenbar auch nicht davon abhängst. Wahrscheinlich bekommst du nicht einmal Anfragen, denen du eine Absage erteilen müsstest, weil deine Einstellung vermutlich in der Industrie bekannt ist.

Joost van den Broek:
Ich werde jetzt keine Namen nennen, aber tatsächlich habe ich ein Projekt einer recht großen und bekannten Band beendet. Die brauchten ein neues Album, hatten aber null Inspiration. Es gab für mich keinen guten Grund, dass ich die Person sein sollte, die das produziert. Es sollte schnell gehen und egal wie fertig werden und ich hatte da kein gutes Gefühl bei.

Abgesehen davon, dass es mit der Zeit nicht geklappt hätte, hat mich das überhaupt nicht motiviert. Vor zehn Jahren wäre das die größte Band gewesen, mit der ich je gearbeitet hätte. Es ist irgendwo eine luxuriöse Position, zu so einem Angebot „Nein“ sagen zu können, aber mir geht es vor allem darum, kreativ gesund zu bleiben, wenn du weißt, was ich meine.

Kai:
Klar. Sonst ist es ein Ausverkauf, es nur für das Geld oder das Prestige zu machen.

Joost van den Broek:
Es gibt ja auch diese Production Factorys, in die man reingeht, da produziert ein großer Name und der hat fünf Assistenten, die das alles bewältigen. Ich habe da Respekt vor und weiß ehrlich nicht, wie man sowas macht. Ich würde dabei wahrscheinlich verrückt werden, weil ich immer bei allem involviert sein will.

Aber das ist auch einfach nicht das, was ich machen will. Ich will, dass es persönlich bleibt und dass wir die kreative Kontrolle behalten. Ich bin nicht dabei, um so viel wie möglich für mich raus zu holen, egal was es kostet. Ich möchte Musik produzieren, die mir gefällt und dabei eine gute Zeit haben. Es ist immer noch harte Arbeit.

Kai:
Es klingt aber auch total gesund!

Joost van den Broek:
Wenn du dir die Tage und die Stunden und den Stress, den wir auch haben, angucken würdest, was es alles erfordert, all diese Bälle in der Luft zu halten, dann ist es vielleicht nicht die gesündeste Sache. Aber ich bin stolz darauf und ich glaube, ich tue das alles aus den richtigen Gründen. Und die Bands, mit denen ich arbeite, wissen das zu schätzen. Die spüren den gegenseitigen Respekt.

Kai:
Das ist echt schön.

Joost van den Broek:
Danke dir.

Joost van den Broek über echte Performance statt Perfektion

Kai:
Die nächste Frage ist ein bisschen merkwürdig, weil du ja Symphonic Metal machst. Aber die Frage möchte ich eigentlich allen Produzenten stellen: Modern Metal ist über die Jahre immer cleaner und polierter geworden. Stichwort: Processing und die ganzen mächtigen Sounds. Dein Sound ist sehr cinematisch, es klingt zum Teil wie Filmmusik und dann kommt die Rockband rein.

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Joost van den Broek:
Exakt.

Kai:
Es gibt eine lange Story mit Verlauf, ähnlich dem Progressive Metal. Es arbeitet zum Beispiel mit Leitmotiven, wie in der Klassik. Aber im Modern Metal ist viel programmiert und prozessiert, vielleicht war es früher etwas roher und mehr live, dreckig und kantig. Siehst du das als eine positive Entwicklung, also, dass es immer perfekter wird oder ist es Zeit dafür, dass es wieder etwas roher wird?

Joost van den Broek:
Ich glaube, es wird gerade wieder roher. Für viele Jahre hat es sich in einigen Styles so entwickelt, dass du nicht genau sagen konntest, ob es ein echter Drummer ist, der da spielt. Oder wer oder wieviele Gitarristen du da hörst. Bei Symphonic Metal ist das anders. Diese Styles habe ich nie verfolgt, obwohl ich da auch viel Respekt für habe.

Ich wüsste nicht einmal, wie ich das hinkriegen sollte. Aber ich mag mehr so einen Old-School-Ansatz. Das resoniert auch viel besser mit einem echten Chor und dem Orchester, weil alles organischer ist. Wenn du eine super tighte fette Sache produzierst, musst du das immer mehr aufbauen und dann muss halt alles mehr programmiert sein.

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Das letzte EPICA-Album wurde live im Raum aufgenommen. Wir wollten organischer aufnehmen und nicht mehr so perfektionistisch mit jedem Detail sein – auch, um mehr Spaß dabei zu haben. Die Band kriegt das hin, es war aber eine Herausforderung und alle mussten fresh und wach sein. Vielleicht ist das auch eine Antwort auf die ganze KI-Geschichte: Die Bands wollen beweisen, dass sie live spielen können, also [tun sie es] auch im Studio.

Kai:
Als richtige Menschen.

Joost van den Broek:
Genau, als richtige Menschen. Es ist eine Menge Arbeit, auf der Gitarre fit zu werden und wir wollen das zeigen. Es gab eine Zeit, in der Produzenten es auf die Spitze getrieben haben mit der Tightness und noch fetteren Sounds, aber heute können die Computer das sogar besser als Menschen. Es wird jetzt wahrscheinlich wieder roher, zumindest in meinem Genre. Es war natürlich immer schon etwas mehr Old School.

Aber mit dem neuen EPICA-Album und meiner nächsten Produktion, bei der wir es auch live einspielen werden, macht das wirklich richtig Spaß, weil es eine ganz andere Energie ist. Es funktioniert, wenn man etwas mehr lose sieht und kleine Imperfektionen drin bleiben. Die Herzen der Musiker schlagen höher, weil sie echt gefordert sind. Sie müssen hart arbeiten, aber danach ist man auch sehr stolz darauf, die Herausforderung bestanden zu haben.

Kai:
Cool. Alle berühmten Brands oder Bands – weil alle Bands sind ja auch Brands – müssen sich mit den Erwartungen ihrer Fans auseinander setzen. Fan-Serving ist sehr wichtig für erfolgreiche Bands. Wie wichtig ist Fan-Serving bei der Produktion? Kommt es in den kreativen Diskussionen vor?

Joost van den Broek:
Ja und Nein. Ich würde sagen: Klar ist da etwas, das den Fans an der Band gefällt, was sich auch festmachen lässt. Und bestimmte Songs funktionieren live besonders gut oder man sieht, wie etwas bestimmtes viel gestreamt wird. Das spielt natürlich schon eine Rolle. Es hängt natürlich auch von der Band ab, welchen Stellenwert die solchen Dingen geben. Natürlich sind sich viele Bands der Stärken ihres Styles auch einfach bewusst und arbeiten damit.

Joost van den Broek produziert unter anderem Powerwolf, Epica und Sabaton

Joost van den Broek produziert unter anderem Powerwolf, Epica und Sabaton

Besonders im Metal wollen die Fans nicht jedes Mal ein komplett anderes Album hören. Die haben sich irgendwann in diese Band verliebt, wahrscheinlich als sie selber noch recht jung waren. Jetzt sind sie 15 oder 20 Jahre älter und wollen dieses Feeling von damals immer ein stückweit erneut fühlen. Sie wollen denken: „Ich liebe diesen Gitarrensound, diesen Vibe, diese Art des Grooves.“

Kai:
Und vielleicht kommt dann noch das Orchester dazu.

Joost van den Broek:
Ja und das sollte sich nicht zu sehr ändern. Also sollte man es immer weiter verbessern, mit dem Flow gehen, verfolgen, wie die Kreativität der Band sich in der Zeit mit all den Einflüssen entwickelt und auch beobachten, was live mit den Fans resoniert. Also ja: Es spielt eine Rolle und man sollte es berücksichtigen. Allerdings passiert es bei uns auf eine organische Weise.

Kai:
Vielleicht findet man immer mehr heraus, wer man ist.

Joost van den Broek:
Ja, man lernt sich besser kennen. Ich glaube, mit der Tour-Erfahrung ändert sich auch das Songwriting. Vielleicht hören sie sozusagen nach der Tour noch das Publikum vor ihrem geistigen Ohr und visualisieren bei neuen Riffs, wie es sich anfühlen würde, das auf der Bühne zu spielen. Und wenn man das von einem bereits vorhandenen Song weiß, dass der live so funktioniert, kann man vielleicht einen neuen Song mit ähnlich starker Wirkung produzieren.

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Kai:
Und eine neue Höhe im bereits bekannten Style erreichen und noch einen drauf setzen.

Joost van den Broek:
Exakt. Wir machen das vielleicht nicht einmal bewusst so, aber unterbewusst geht das schon ab. Deswegen gehe ich auch ab und zu gerne auf Konzerte meiner Künstler, um die Wirkung auf Festivals zu erleben. Manchmal dachten wir im Studio, dass etwas zu komplex oder zu lang sei und live ist es dann genau das Gegenteil. Oder man hört etwas live und merkt, dass wir prätentiös sind, das holt niemanden ab.

Kai:
Musiker haben diese Tendenz ja sowieso oft.

Joost van den Broek:
So ist es. Manche Bands machen sich da keine Gedanken drüber, andere reflektieren das schon.

Kai:
Das war ein tolles Gespräch. Es war großartig, dich kennenzulernen.

Joost van den Broek:
Cool, das geht mir genauso, danke.

Kai:
Ich werde deine kommenden Produktionen mit Spannung verfolgen. Der Sound ist mächtig und da sind so viele Instrumente im Spiel. Ich mag die Klarheit. Es muss echt so clean und ausgecheckt sein, dass man gespannt sein darf, wie du das alles so hinbekommst und was aus deinem Hause noch alles kommen wird.

Joost van den Broek:
Vielen Dank.

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Über den Autor
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kailemke-bass RED

I am Kai Lemke! Purer Rock´n´Roll mit mindestens einem großem Herzen für Pop, Funk und Jazz. Ich habe 10 Jahre Mucke gemacht in London UK vor dem doofen Brexit und habe danach 3 Jahre in den USA mit Plattenvertrag als Support von Aerosmith, Godsmack, INXS, Kid Rock, Stone Temple Pilots getourt.

Mit Nuno Bettencourt von Extreme und Keziah Jones habe ich gejammt. After coming home to Germany bin ich direkt bei Sub7even mit Sänger Daniel Wirtz eingestiegen und was haben wird das Land ...

Forum
  1. Profilbild
    Filterpad AHU

    Ein sehr langes Interview wo mir persönlich, wie so oft, eine gewisse Tiefe fehlt. Es ist aber nur meine persönliche Meinung. Cool ist allerdings, das er auf musikalische Emotionen achtet. 90% aller Musiker können das nämlich nicht! Hört man bei Sabaton melodisch betrachtet durchaus heraus. – Nicht schlecht!

  2. Profilbild
    MatthiasH AHU

    Wer 10mal das gleiche Interviewfoto verwendet, hat sein Stempelkärtchen voll und darf dann eigentlich noch eins gratis. Eine verpasste Chance, schade 😭

  3. Profilbild
    Sunphormant

    ….verdammt schade, ich hätte mir durchaus noch das ein oder andere Interviewfoto gewünscht.
    Ansonsten. Haut rein. Happy Sunday! 🌈

  4. Profilbild
    Gereon Gwosdek RED

    Schön finde ich vor allem, dass Joost trotz seiner Arbeit mit großen Bands sehr bodenständig rüberkommt und es ihm bei seinen Produktionen nicht nur um Sound und Technik geht, sondern auch ganz stark darum, eine gute Atmosphäre zu schaffen.

  5. Profilbild
    MadMac AHU

    Ich kenne Joost van den Broek eigentlich primär als exzellenten Live-Keyborder von Arjen Lucassens Projekten „Star One“ und natürlich „Aryeon“. Heute ist Joost bei den großen Liveevents von Ayreon, die meistens nur an einem Wochenende in Tilburg stattfinden, u.a. der Musical Director und Keyborder. Auch bei den Studioalben spielte er bei Ayreon das eine oder andere Synthsolo oder unterstützte an der Hammond.

    Schade, das die Liveperformance von Joost van den Broek bei Ayreon bei der Videoauswahl nicht berücksichtigt wurde. Ansonsten danke für das ausführliche Interview und vielleicht liest man ja in Zukunft auch mal was von Arjen Lucassen bei Amazona.😉

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