Interview: Jürgen Michaelis – Jomox, from X-Base to Sunsyn

AMAZONA.de:
Dass heißt aber auch, dass Du dann schon mal länger an so einem Projekt sitzt…

Jürgen:
Genau. Bei Xbase und Airbase war das nicht so kritisch, also für die Airbase hab ich ein halbes Jahr gebraucht, und das ist eigentlich ganz gut, wenn man bedenkt, wie komplex die ist. Total unterschätzt, die Airbase – nebenbei bemerkt. Für die Xbase 09 hab ich ein Jahr gebraucht… Aber SunSyn (stöhnt) – da hab ich vier Jahre gebraucht. Das hat mich viel Federn gekostet. Und so ein gewaltiges Projekt werde ich mit Sicherheit auch nicht mehr alleine machen. Das war die Oberkante dessen, was man alleine bewältigen kann.

Jomox Sunsyn

AMAZONA.de:
Der SunSyn ist ja am Ende mit 3390 € ziemlich teuer geworden. Konntest Du das vorher absehen?

Jürgen:
Nee, der sollte auch gar nicht so viel kosten. Aber dann kam dies dazu, jenes dazu und dann merkt man bei der Kalkulation irgendwann, dass der Preis nicht zu halten ist. Und außerdem produzieren wir ja auch nicht in riesigen Stückzahlen. Aber im Moment läuft’s eigentlich ganz gut damit.

AMAZONA.de:
Für all die, die den SunSyn noch nicht gehört haben – kannst Du den mal klanglich irgendwo einsortieren?

Jürgen:
Ich würde sagen, zwischen Memorymoog und Matrix 12… aber noch aggressiver als die beiden. Und hat außerdem wesentlich mehr Möglichkeiten. Aber das ist jetzt ganz grob gesagt.

AMAZONA.de:
Wie kommst Du eigentlich auf die Projekte? Schielst Du auf Marktlücken, oder machst Du, wozu Du Lust hast?

Jürgen:
Also, damals war es so, dass ich gemacht hatte, worauf ich Bock hatte… (Pause).. Na ja, nicht ganz.. als ich mit der XBase anfing, das war ein ganz deutliches Verlangen nach einem analogen Drumcomputer. Da bin ich wohl doch eher nach dem Markt gegangen. Ich hatte damals für die Szene ja jede Menge TR-909 modifiziert und hatte mitgekriegt, was da abgeht. Wobei die Xbase ja kein Clone der TR-909 geworden ist, die kann ja wesentlich mehr. Wenn Du die vernünftig modulierst und die Sachen mal als Instrument spielst, da kommen ja ganz unwahrscheinliche Grooves bei raus. Du kannst ja jeden Parameter mit dem Sequenzer modulieren.

AMAZONA.de:
Stichwort Resonator-Neuronium… wie kam es dazu?

Jürgen:
Einerseits war es so, dass ich über die lange SunSyn-Entwicklung und die Firmenentwicklung, wo es nicht immer so lief wie heute, auch mal ne längere Frustphase hatte. Da brauchte ich irgendein Ventil, um meine eigenen Gedanken zu formulieren. Wenn du kommerzielle Musikinstrumente baust, dann gehst du ja auch immer einen Kompromiss ein, auch wenn Jomox schon sehr individuell ist. Und damit steht man unter einem unheimlichen Zwang. Und das war beim Sunsyn besonders schlimm, da musste zigmal nachgebessert werden.. das sollte eben ein richtig analoger Synthesizer werden. Mit allem, was dazu gehört. Und da brauchte ich halt ein Ventil. Und das war die Resonator-Neuronium Geschichte.

Resonator Neuronium

Resonator Neuronium

AMAZONA.de:
Wie kommt man denn auf so was?

Jürgen:
Auf die resonante Neuronen-Synthese? Ach, ich interessiere mich auch privat für sehr viel weiter gehende Themen, so was wie Quantenphysik, Kosmologie und systemdynamische Netze, leben an sich, also unter wissenschaftlichen Aspekten. Ich hab in der Schule auch Chemie- und Bio-Leistungskurs gehabt und nicht Mathe und Physik, wie es normalerweise die ganzen E-Techniker haben. Ich interessier mich auch sehr für Lebensprozesse, Wachstumsprozesse und globale Umweltsachen. Ich hatte auch schon manchmal überlegt, ob ich nicht die Branche wechseln und in erneuerbare Energien einsteigen sollte (lacht). Und so ist diese Theorie dann entstanden. Ist eigentlich ein völlig abgelöstes Parallel-Universum bei mir jetzt.

AMAZONA.de:
Wie hat sich der Resonator Neuronium eigentlich verkauft. War ja nicht ganz billig…

Jürgen:
Das war eigentlich eine schöne Erfolgsstory, denn ich habe etwa 45 Geräte verkauft und bekomme auch regelmäßig wieder Anfragen. Es ist z.B. viel besser gelaufen als mit dem SunSyn – weil die Erwartungen niemals so hoch waren und ich von vornherein gesagt habe: Hey, dies ist ein absolut experimenteller Synth, keine Workstation. Ich habe es den Leuten bei Interesse gezeigt und lieber ausgeredet (viel zu kompliziert und individuell), aber die meisten wollten dann doch einen haben. Ich hatte fast keinen Stress mit Bugdiskussionen oder vermeintlichen Instabilitäten. Die experimentellen und theoretischen Neugebiete der Klangerzeugung sind auch das Feld, in dem ich mich wieder stärker engagieren möchte. Mal schauen…

– Jomox XBASE 888 –

AMAZONA.de:
Lass uns mal ein paar Jahre nach vorne springen und uns deine neueren Projekte anschauen. Mir fallen da zum Beispiel die XBase 888 und 999 ein. Lieblingskinder von dir oder dem Erfolg der XBase 09 geschuldet?

Jürgen:
Im Jahr 2005 musste ich die AirBase99 abkündigen, kurz darauf die XBase09. Dann gab es keine Drum Machines von Jomox mehr. Etliche Jahre waren ins Land gegangen und die Drum Machines, mit denen Jomox groß geworden ist, haben ein Schattendasein geführt. Da wollte ich mich auf alte Stärken besinnen und habe die 999 gebaut, die auf dem ganzen gesammelten Know-How der damaligen letzten 10 Jahre aufbaute.

AMAZONA.de:
Ist das nicht ziemlich mutig, heutzutage noch analoge Drum-Machines zu verkaufen? Gehört nicht den Software-Instrumenten die Zukunft? Oder gibt’s doch wieder einen Trend zurück zur Hardware?

Jürgen:
Absolut nicht – ich meine es auf das „mutig“ bezogen. Zum Beispiel gibt es auch Firmen, die noch richtig mechanische Uhren fertigen, obwohl die eigentlich nach marktwirtschaftlichen Prinzipien seit Aufkommen der Digitaluhren längst ausgestorben sein müssten. Immer wenn eine Major-Mainstream-Technologie die Welt erobert,  gibt es eine Gegenbewegung, weil viele Leute sich nicht einfach immer was vorsetzen lassen wollen und es unkritisch konsumieren wollen, obwohl es ihnen vielleicht manchmal gar nicht passt. Software heißt ja nicht einfach Glück auf Erden, da sind doch auch viele Nachteile mit verbunden.

Klar gibt es großartige digitale Tools. Aber es gibt auch großartig klingende analoge Tools – und eben Hardware – die sich seit etwa 5 Jahren eines wieder stetig wachsenden Trends erfreut. Es kann doch jeder selbst entscheiden, was er lieber mag. Und ich habe von dieser Schwarz-Weiß-Ideologie noch nie etwas gehalten.

AMAZONA.de:
Haben es so kleine Entwicklerstudios wie Jomox nun eigentlich leichter oder schwerer? Einerseits bist du ja sehr flexibel, aber andererseits dauern neue Sachen ja wesentlich länger….

Jürgen:
Das kommt doch auf das Individuum an. Ich bin froh, dass ich mich zurechtgeschrumpft habe und wieder mein eigener Herr geworden bin. Praktisch zeitgleich mit mir bei Jomox hatte ein versprengter Haufen von Berliner Individualisten Mitte/Ende der Neunziger mit Softwareinstrumenten angefangen – dort arbeiten heute 130 Leute, hier einer. Ich bin froh, dass ich nicht tauschen muss, denn mit Größe kommen ganz andere Probleme auf dich zu – jeder so wie er es braucht. Ich bin unglaublich effektiv, denn ich brauche keinem zu erklären, wie was zu tun ist oder welche Fehler hier oder dort auftreten können. Die Kommunikation frisst bestimmt 50% der Produktivität. Ich müsste also plötzlich wesentlich mehr Leute beschäftigen, um auf fast das gleiche Ergebnis zu kommen und dann darüber hinaus noch zu wachsen – das wirft die Nischen-Hardware nicht ab, dazu ist es dann doch zu klein. Und meine Nerven würden es auch nicht verkraften;)

AMAZONA.de:
Kannst Du davon leben? Wird man dadurch reich? Oder musst Du heimlich unter anderem Namen noch für andere Firmen knechten? Mach mal dem Nachwuchs Mut!

Jürgen:
Ja, ich kann davon leben! Und wenn ich nicht noch ein paar Altlasten aus der Zeit mit der Handvoll Angestellten und den ganz ambitionierten Projekten à la SunSyn hätte, sogar ganz gut. Zum Reichwerden reicht’s wohl eher nicht – da müsste man doch wohl lieber die Branche wechseln;) Aber ich habe viel gelernt und werde es hoffentlich demnächst etwas besser machen.

AMAZONA.de:
Bleibt dir noch Zeit, selber Musik zu machen? Kann man dich irgendwo hören? Vielleicht sogar mit den eigenen Instrumenten? Berlin bietet da ja jede Menge Möglichkeiten und Locations…

Jürgen:
Es ist nicht allzu oft, aber ich mache noch ab und zu ein bisschen Musik mit selbstgebauten Instrumenten;) Zu hören bei www.jayemsonic.de Auf dem Kunstmarkt bewege ich mich auch ab und zu, ich habe gerade eine Sensorsteuerung für das Objekt „Vertical Skip“ des Künstlers Thilo Frank auf der begleitenden Ausstellung zur Klimakonferenz in Kopenhagen  „Rethink“ gemacht.

AMAZONA.de:
Hast du Lieblingsinstrumente? Sowohl unter deinen eigenen als auch von der Konkurrenz?

Jürgen:
Mein Lieblingsinstrument ist immer noch – die Gitarre – lacht;) Die ist so schön haptisch, und ich kann wenigstens drauf spielen, he he. Über die Sachen der Konkurrenz möchte ich mich nicht äußern.

AMAZONA.de:
Und zum Schluss: Was kommt als nächstes? Und wo siehst Du Jomox in 10 Jahren?

Jürgen:
Ganz viel Entspanntes. Mit Sicherheit kommen mehr kleinere Produkte von Jomox. Vielleicht auch mal mehr Content aus 13 Jahren  Hardware. Genaueres kann ich nicht verraten. Und wo Jomox in 10 Jahren ist – da will ich mich in keine Prognose versteigen. Die hätte vor 10 Jahren auch jämmerlich daneben gelegen. Der Weg ist das Ziel. Kein Shareholder Value.

Forum
  1. Profilbild
    dibo

    Nach dem Artikel über Jürgen Michaelis mußte ich mich nun doch mal anmelden.
    Liebes Amazona Team, einen herzlichen Dank für eure Seite und für dieses Interview.

    Ich habe den T Resonator von Jomox und bin sehr zufrieden. Deshalb war ich sehr neugierig etwas über seinen Erfinder zu erfahren.
    Herr Michaelis, bitte weiter so.
    Und wenn die Sachen unkonventionell und experimentell sind, mein Schaden soll es nicht sein.

    Gruß Dirk

  2. Profilbild
    acidnoid  

    danke für das ausführliche interview. witzige und interessant. auch das projekt vom thilo frank spannend…

    in der auflistung fehlt dann doch die SE XBase 09 Dr. Walker edition…

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