Vom besetzten Haus zum lautesten Plattenbau Berlin
Zwischen grauen Industriehallen und Berliner Subkultur erhebt sich ein Ort, an dem seit über 25 Jahren Musikgeschichte geschrieben wird: das ORWOhaus in der Frank-Zappa-Straße in Berlin-Marzahn. Wo einst in den Werkshallen der „Original Wolfen“-Fabrik Fotopapier für Farbfilme produziert wurden, proben heute über hundert Bands – von Newcomern bis zu bekannten Namen wie Knorkator, Die Happy oder Beirut.
Inhaltsverzeichnis
Was in den späten 90ern als Zufluchtsort für Musiker begann, die verzweifelt nach einem Platz zum Proben suchten, hat sich längst zu einem einzigartigen, selbstverwalteten Kulturprojekt entwickelt.
Hausverwalter Alex und Vereinsvorständin Anne erzählten uns, wie aus der ehemaligen Produktionsstätte ein lebendiges Zentrum für Musik und Gemeinschaft wurde, was das ORWOhaus von anderen Proberäumen unterscheidet – und warum es heute mehr denn je ein Symbol für gelebte Subkultur und Zusammenhalt ist.
Von der Filmfabrik zum Freiraum für Musik
Sonja:
Hey Alex, du bist der Hausverwalter vom ORWOhaus. Die Proberäume in den Räumen der des einstigen ostdeutschen Film-, Tonband- und Kassettenherstellers “ORWO”gibt es ja bereits seit über einem Vierteljahrhundert. Magst du uns mal mit auf die Reise von den Anfängen im Jahr 1998 bis zu dem heutigen Konzept nehmen?
Alex:
Hallo Sonja, schön, dass ihr da seid und so ein reges Interesse an unserem schönen kleinen Häuschen besteht.
Zu deiner Frage: Das Haus war ja eine ehemalige Produktionsstätte von ORWO (Original Wolfen). Der eine oder andere wird sich vielleicht an Farbfilme, Tonbänder und Kassetten der Marke ORWO erinnern.
Nach der Wende stand die Immobilie sowie auch andere Ostproduktionsstätten eine ganze Zeit lang leer und wurde von der TLG (Treuhand Liegenschaftsgesellschaft) verwaltet. In den 90er-Jahren war es fast unmöglich für angehende Musiker, Proberäume zu finden. Und so begab es sich, dass es von der damaligen Verwalterin zugelassen wurde, dass sich hier neben einigen anderen Firmen auch Musiker und Bands in die bestehenden Räumlichkeiten, übrig aus der vergangenen Ära des Hauses, einmieten konnten.
Ich bin auch einer der Ersten gewesen, die hier ihren Proberaum hatten. Jetzt sind wir ein von Musikern selbst verwaltetes Projekt, das es anderen auch ermöglichen will, Freiräume zur kreativen Entfaltung zu schaffen.
Selbstverwaltung, Subkultur und Zusammenhalt
Sonja:
Hallo Anne, du bist ja die Vorstandsvorsitzende. Magst du uns erzählen, was das Besondere am ORWOhaus ist und wodurch es sich von anderen Proberäumen unterscheidet?
Anne:
Hallo Sonja, ja, das ist im Gegensatz zu vielen anderen Proberaumtempeln ein wirkliches Herzensprojekt derer, die sich hier ausleben. Wir haben 105 Proberäume, die wir größtenteils selbst als Ehrenamtliche einst ausgebaut haben.
Wir haben nämlich, nachdem das Haus, das aufgrund von Brandschutzmängeln geschlossen werden sollte, besetzt und einen ziemlichen Medienrummel inklusive Besetzung der Landsberger Allee veranstaltet. Dann haben wir einen Verein gegründet und es gekauft.
Später haben wir es so angepasst und ausgebaut, dass es nun alles beherbergt, was ein Musiker für sein Musikerdasein benötigt. Wir finanzieren das Haus und die laufenden Kosten also durch den Betrieb des Hauses als Proberaumhaus, sind dabei aber niemals auf Profit aus. Wir konzentrieren uns auf die Stärkung der Subkultur und die Jugendförderung im Musikbereich.
Bandbüro, Merchandise und Workshops
Sonja:
Bandbüro, Merchandise und Workshops: Erzählst du uns etwas über die Projekte jenseits der Proberäume?
Anne:
Ja, wir haben eben neben dem „normalen“ Proberaumbetrieb auch echt viele andere Angebote zu bieten. Wir haben hier beispielsweise eine Gitarren- und Amp-Werkstatt, eine Bar, zwei Veranstaltungsräume – einmal für 120 Pax und einmal für 950 Pax. Es gibt bei uns einen Kumpel, der Siebdruck macht und auch dabei hilft, den eigenen Merch zu produzieren und wir haben auch unser Bandbüro und MePro als Projekte zur Unterstützung für Musiker.
Dabei ist das Bandbüro so etwas wie eine Anlaufstelle für Musiker, die an einem Punkt ihrer musikalischen Entwicklung stehen und bestimmte Fragen haben, auf die sie woanders keine Antworten bekommen. Da haben wir aufgrund der Masse an Menschen, die hier sind, recht viel Expertise, um ein bisschen zu helfen.

Im ORWOhaus finden quasi ständig Veranstaltungen statt. Hier ist noch ein Kunstwerk des Festivals Alice im Untergrund im Lager verborgen.
MePro ist unser Jugendförderungsprojekt, in dem wir jungen Erwachsenen und Jugendlichen ein paar Hilfsmittel an die Hand geben, um aus ihrem künstlerischen Hobby einen Beruf zu machen.
Sonja:
Welche Räume habt ihr ganz konkret für die Musikerinnen und Musiker, die zu euch kommen wollen?
Alex:
Wenn man bei uns einen Proberaum mieten möchte, dann gibt es dafür zwei Möglichkeiten. Wir vermieten die unterschiedlichsten Proberäume auf Langzeit und die meisten mieten über Jahre oder gar Jahrzehnte. Diese sind aber leider alle bereits vermietet. Dann haben wir noch einen Raum für Proben, den wir zur Zeitvermietung, also stündlich zur Verfügung stellen.

Die Proberäume im ORWOhaus sind alle von Langzeitmietern belegt und es gibt eine lange Warteliste, denn die Räume sind begehrt. Es gibt aber auch noch einen Raum, der stundenweise gemietet werden kann.
Während die Langzeitproberäume komplett leer vermietet und von den Musikern selbst eingerichtet werden, ist in unseren Zeitvermietungsräumen die komplette Backline bereits drin. Da kann man direkt anfangen zu proben, nachdem man angekommen ist.
Dann haben wir noch drei unterschiedlich große Veranstaltungsräume, die für Musiker interessant sein können, wenn sie beispielsweise ein Konzert selber veranstalten wollen.
Sonja:
Was muss ich selbst mitbringen, wenn ich es geschafft habe, einen Raum bei euch zu ergattern?
Alex:
Da hast du eben die beiden genannten Möglichkeiten. Wenn du dich für einen Zeitvermietungsproberaum entscheidest, brauchst du nur dein Instrument und ein Kabel und kannst direkt anfangen mit deinen Mitmusizierenden oder alleine. Wenn du einen langfristigen Proberaum ergattert hast, dann kannst du da alles frei einrichten, wie es für dich passt.

Das Bandbüro nimmt jede Band an die Hand und stellt den Kontakt zu allen Partnern her, die für eine Band wichtig sind.
Die meisten Musiker haben ja ihr eigenes Equipment und wollen es auch zum Proben benutzen und es irgendwo unterstellen. Das ist meist für Schlagzeuger uns Schlagzeugerinnen unerlässlich, da sie ja zu Hause auf jeden Fall nicht proben können.
Und am besten bringst du einen offenen Kopf mit, hier ist viel mehr zu erfahren und es sind krasse Leute zum Kennenlernen.
Sonja:
Welches Equipment habt ihr ganz konkret vor Ort?
Alex:
Wir haben 5 verschiedene Schlagzeuge hier sowie etliche schöne ältere, aber auch neuere Verstärker für Gitarren und Bässe und auch viele verschiedene Mikrophone.
Leider können wir zurzeit noch nicht mit Instrumenten dienen. Aber da sind wir noch dran. Und bei Interesse findet man gut die ein oder andere Musikerin, die jemandem mal kurz das eigene Equipment zum Testen zur Verfügung stellt.
Sonja:
Was sollte man unbedingt beachten, wenn man bei euch zu Gast ist?
Alex:
Prinzipiell gilt das gleiche wie an allen Orten, die sich als Freiraum für kreatives Schaffen und Begegnungsstätte für alle Menschen gleichermaßen verstehen. Jegliche Form von Diskriminierung gegenüber Menschen, egal aus welchem Motiv heraus, lehnen wir grundsätzlich ab. Wer diesen Gedanken mitträgt, ist bei uns herzlich willkommen.
Geschichten aus dem ORWOhaus:
Die Happy, Knorkator, Beirut
Sonja:
Gab es schon mal Momente, in denen ihr Leute rausschmeißen musstet?
Alex:
Auch das ist schon vorgekommen. Die gerade erwähnten Grundsätze bezüglich unserer Wertvorstellungen zum gemeinsamen Umgang miteinander bedürfen zuweilen, aber zum Glück nur selten, einer konsequenten Umsetzung.
Sonja:
Was war das kurioseste, witzigste oder emotionalste, was du im ORWOhaus bisher erlebt hast?
Alex:
Zurückblickend auf die letzten 20 Jahre gab es sicher viele Situationen, die einem nachhaltig im Gedächtnis geblieben sind. Kurios war sicher die Besetzung des Hauses, nachdem allen Mietern 2004 gekündigt wurden. Wir konnten ja nicht einfach aufhören, Musik zu machen und so ergab es sich das ein oder andere Mal, dass man das Wachpersonal, das den Zugang zum Haus regeln sollte, ablenken musste, um am anderen Ende des Hauses mittels Leiter Zugang zu erhalten. Wir mussten schließlich unsere Aufnahmen vollenden.

Während unseres Besuchs platzen wir dann direkt in die Vorbereitungen der Dreharbeiten für das neue Video der Band Theodor Richard Emil.
Emotional wird es sicher, wenn wir an die Musiker denken, mit denen man zum Teil selber musiziert hat und die mit der Zeit, mitunter viel zu jung, von uns gegangen sind.
Witzig ist es bei uns eigentlich fast immer. Wenn nicht gerade mal ernste Themen anstehen, dann lassen sich bei uns stets tolle Momente erleben.
Sonja:
Plauderst du ein bisschen aus dem Nähkästchen? Wer waren die bekanntesten Künstlerinnen und Künstler, die bei euch geprobt haben oder noch proben?
Alex:
Bands wie Die Happy, Knorkator, Beirut oder in Anfangszeiten auch Jeanette Biedermann oder Silbermond sind Teil der Geschichte des Hauses.
Sonja:
Hat dich von den großen Namen jemand ganz besonders beeindruckt?
Alex:
Beeindruckt bin ich immer dann, wenn gute Musik zustande kommt. Dafür gibt es in unserem Haus viele Beispiele auch jenseits der bekannten Namen.
Sonja:
Hörst du dir hin und wieder auch mal Proben von Bands bei euch an?
Alex:
Speziell wenn meine Proberaumnachbarn (Anmerkung der Redaktion: Es handelt sich um niemand Geringeres als Knorkator) proben, dann bin ich im Prinzip bei der Probe dabei. In dem Fall auch glücklich, weil ich die Band sehr mag. (Geheimtipp: Karsk)
Ansonsten, wenn nicht direkt bei der Probe, so sieht man doch die eine oder andere Band auf einer der Bühnen in unserem Haus.
Sonja:
Mit wem arbeitet ihr zusammen?
Alex:
Wir arbeiten im Rahmen verschiedener Projekte mit unterschiedlichsten Menschen und Institutionen zusammen. Verschiedene Jugendklubs und Vereine in unserer Umgebung zählen dazu, aber auch der Karneval der Kulturen, die Galerie M in Marzahn und Wohnungsbaugesellschaften. Aktuell das Konzerthaus Berlin und nicht zu vergessen verschiedene Veranstalter, die je nach Genre die Kontakte zu den entsprechenden Bands pflegen.
Sonja:
Gibt es Pläne für die Zukunft?
Alex:
Speziell in meinem Verantwortungsbereich gibt es am und um das Haus selbst noch einige Baustellen, wie zum Beispiel Dächer und die Fassade, die saniert werden müssen.
Kulturell schauen wir stets nach neuen Herausforderungen und Kooperationsmöglichkeiten. Ebenso wollen wir den eigenen Konzertbetrieb weiter ausbauen.
Sonja:
Gibt es etwas, das du den Leuten unbedingt mal sagen möchtest?
Alex:
Wir haben hier im ORWOhaus einen für uns besonderen Ort geschaffen, den wir gern mit Gleichgesinnten teilen. Gerade in Hinblick auf die oben angesprochenen Wertvorstellungen.
Alles das was wir hier leben können, scheint in der restlichen Gesellschaft in Teilen aktuell verloren zu gehen, vielmehr noch sehen sich der kulturelle Bereich und alle Menschen, die für eine offene und pluralistische Gesellschaft einstehen, zunehmend Angriffen durch undemokratische Kräfte ausgesetzt.
Besorgniserregend dabei ist umso mehr, dass diese gezielten Angriffe und Diffamierungen in einem mittlerweile großen Teil der Gesellschaft verfangen, ohne dass die Personen, die laut mitschreien, zur Kenntnis nehmen, dass auch ihre eigene Existenz und Zukunft in den Strategien der destruktiven Kräfte keinen Platz haben wird.










































Hallo Sonja, danke für diesen informativen Artikel. Gut, dass Kultur noch Unterstützunng findet und dieses im Rahmen von amazona darüber berichtet wird! 😬👍
Danke für den interessanten Artikel der wunderbar den Sonntagmorgenkaffee begleitete. Solche Kulturinstitutionen verdienen die Aufmerksamkeit und zwar nicht nur wegen dem musikalischen Impakt. Im Artikel werden Grundwerte genannt auf die sich hier geeinigt wird. Zusammen mit dem letzten Absatz des Artikels, eine Haltung die nur laut unterstrichen werden kann! Danke und schönen Sonntag.
Über 100 Proberäume zu verwalten ist schon eine beachtliche Leistung.
Es ist zu wünschen, dass diese Probeheimat für so viele Musiker nicht durch Überpolitisierung gespalten und kaputt gemacht wird.
wow!
echt super!
bei uns in Wien gibt’s die Arena.
1976 wurden hier auch Orte besetzt.
am Ende hat die Stadt einen alten Schlachthof
als Kulturort freigegeben.
es gibt eine große Konzerthalle und mehrere kleine.
und im Sommer eine besondere Open Air Location!
2004 hab ich dort Slayer gesehn.
viele Große Acts schätzen die Location auch sehr.