Interview: #RaHen, From Moskwa TV to Robotiko Rejekto

8. September 2018

From Moskwa TV to Robotiko Rejekto

RaHen Anfang der 80er

Für den im Großraum Frankfurt beheimateten Ralf Henrich aka RaHen beginnt 1982 das Schaffen als elektronischer Musikproduzent durch den Erwerb eines Moog Rogue. Er lernt in dieser Zeit den noch unbekannten DJ Andreas Tomalla (Talla 2XLC) kennen, was den Startpunkt ihres  musikalischen Schaffens in Form ihres ersten Projektes Axodry markierte. Es folgten diverse andere Projekte wie Moskwa TV oder Robotiko Rejekto, wobei letzteres bis zum heutigen Tage existiert. Frankfurt kann daher als eine Keimzelle dessen angesehen werden, was sich im späteren Verlauf als Techno etablierte.

Jens:
Ich erinnere mich noch recht gut, als bei mir „Electricity“ von OMD auf Mal Sandocks Hitparade im WDR meine Faszination für elektronische Musik bzw. Klänge geweckt hat, ab da war es um mich geschehen. Kannst du von dir ähnliches berichten oder wie kamst du zu eurem für damalige Verhältnisse sehr speziellen Sound? Welche Bands oder Ereignisse haben dich maßgeblich geprägt?

Ralf:
In den 70ern waren meine Lieblingsbands Sweet, Rainbow und Kiss. Besonders die harmonischen Strukturen von The Sweet beeindrucken mich bis heute. Später war meine musikalische Herangehensweise beeinflusst durch Funk, Soul und R&B wie Grandmaster Flash and the Furious Five, Sugar Hill Gang, Isley Brothers, Cameo, Shalamar und vielen mehr. In den frühen 80ern habe ich meine musikalische Identität auch der New Romantic Wave Bewegung geöffnet. Sounds wie Clan of Xymox, Dead Can Dance, This Mortal Coil, David Sylvian, Japan, Peter Nooten und Michael Brook (mit dem fantastischen Meisterwerk „Sleep with the fishes“), Depeche Mode sind für alle Zeiten meine Favoriten. Auch Künstler wie Gary Numan, John Foxx, Front 242, Yellow Magic Orchestra, Frontline Assembly, Brian Eno haben mich schwer beeinflusst. Bei all den von mir genannten unterschiedlichen Musikstilen ist der Song und die harmonische Struktur dahinter das entscheidende Kriterium und letztendlich der Trigger, ob eine Komposition mich berührt.

Jens: Bist du gelernter Instrumentalist, wie ist dein musikalischer Hintergrund?

Ralf:
Musik übte auf mich schon seit früher Kindheit eine besondere Faszination aus. Ich begann eine Gitarrenausbildung und das war der Beginn, mich immer mehr mit Musik zu beschäftigen. Ursprünglich war ich in den 70ern von Hardrock, Funk, Soul und Rap/ HipHop beeinflusst. Rap und HipHop war etwas wirklich Neues und ging mit Musik anders um als andere Genres.

Moskwa TV 1985

Jens:
Ich wollte seinerzeit selbstverständlich mit einem Schulfreund auch selbst derartige Musik machen, schließlich hatte ich ja mal Klavierunterricht und der sollte ja nicht umsonst gewesen sein. Allerdings standen wir immer nur neidisch und total enttäuscht ob der Preise dieser Gerätschaften, die dazu nötig waren, in diversen Musikaliengeschäften. Wie lief es bei dir, hattest du reiche Eltern? (lacht)

Ralf:
Ich stamme aus einer ganz normalen Arbeiterfamilie. Als ich 14 Jahre alt war, begann mein Interesse für Synthesizer und auch HiFi/High End. Jahrelang habe ich mein Taschengeld gespart und mir zu jeder Gelegenheit Geldgeschenke gewünscht. Dazu ging ich noch arbeiten und machte einen Ferienjob. In meiner Straße gab es ein kleines Musikgeschäft, dort kaufte ich mir meinen ersten Synth, einen Moog ROGUE – cooles Teil. Ich habe mit dem Besitzer des Ladens gesprochen und konnte den Synth dann monatlich mit meinem Ausbildungsgehalt abstottern, das war 1982. Mit Hilfe meiner Eltern und über Beziehungen meines Vaters kaufte ich mir ein Paar der für mich besten Lautsprecher der Welt – ESS AMT 1 Monitor. Den Moog ROGUE über diese Boxen gehört war sensationell. Abgrundtiefe Bässe und luftige Höhen. Hammergeil! Das war mein Startschuss zum Musikmachen. AXODRY – FEEL IT RIGHT (lachtie Lautsprecher habe ich immer noch!

Jens:
Womit sind die ersten Produktionen realisiert worden?

Ralf:
Mit dem eben erwähnten Moog Rogue (lacht). Später kamen Roland SH-01 und dann ein Teisco Synth dazu. Den hatte ich damals von meinem ersten eigenen Geld gekauft. Dazu benutzte ich einen Fricke Drumcomputer und Sequencer und begann, eigene Demotapes aufzunehmen. Am Anfang nahm ich auf Musikkassetten auf, später dann 4, 8, 16 und zum Schluss 24 Spur-Bandmaschinen. Wobei unsere Singles von Bands wie AXODRY, MCL, MOSKWA TV, ROBOTIKO REJEKTO von mir im Heimstudio komponiert und vorproduziert wurden. Studiozeit war teuer. Also war es nötig, in den Studios schnell und effektiv zu arbeiten. Daher die ganze Vorbereitung.

Jens:
Würdest du der These zustimmen, dass vor allem Roland für den gesamten damaligen bis zum heutigen Tag anhaltenden Sound der EDM verantwortlich ist, ja vielleicht sogar das gesamte Techno-Genre erst erzeugt hat?

Ralf:
Roland wurde, ohne es wahrscheinlich richtig zu wollen, zu einer ganz wichtigen Marke, weil sie einigermaßen bezahlbare Synths und Drumcomputer herstellten. Die 909 ist sicherlich die Ikone der Techno-Musik. Aber auch Akai ist mit dem S-1000 ein absoluter Standard in der Techno-Musik gelungen. Und ohne die 808 ist Electro, Rap und Trap auch nur schwer vorstellbar. Ohne die 909 hätte Techno anders geklungen oder wäre so nie entstanden?!

Robotiko Rejekto 1990 im Techno Drome

Jens:
Wie ich selbst erfahren habe, lässt sich über den Ursprung des Techno trefflich streiten. Die einen nennen Detroit, die anderen Frankfurt, noch andere sagen beide parallel. Der Begriff Techno kam ja erst einiges später aufs Tablett, bis dahin wussten wahrscheinlich weder die Detroiter noch ihr, was genau überhaupt produziert wurde, weil ja außerdem in der Anfangsphase vermutlich niemand den anderen Kontinent wahrgenommen hat. Wie siehst du das, lässt sich der Ursprung überhaupt genau definieren?

Ralf:
Ich persönlich hatte Detroit damals nicht wirklich auf dem Schirm. Mein musikalischer damaliger Partner Talla 2XLC war DJ und versorgte mich immer mit neuesten Releases. Er war und ist sehr gut in der DJ Szene etabliert und weiß genau, was angesagt ist.

Jens:
Würdest du sagen, dass euer Frankfurter Schaffen damals mitverantwortlich für das Entstehen des Techno im allgemeinen war?

Ralf im Studio

Ralf:
Auf jeden Fall. Im Rhein-Main-Gebiet und Frankfurt entstand wirklich viel neue und andere elektronische Musik. Wir haben einfach gemacht (lacht). In den 90ern dann wurde mir das stellenweise zu kommerziell und berechenbar.

Jens:
Warst oder bist du auch als DJ tätig oder ausschließlich als Produzent hinter den Kulissen?

Ralf:
Als DJ habe ich nicht gearbeitet. Damals war ich ausschließlich als Komponist und Produzent schaffend. Heute ist das etwas anders. Für meine aktuellen Projekte arbeite ich gelegentlich auch als Artist-DJ mit ausschließlich eigenem Material.

Jens:
Deine Projekte sind oder waren ja nicht genau dem zuzuordnen, was aus heutiger Sicht unter Techno verstanden wird. Hast du eine passende Bezeichnung parat, wie habt ihr es früher genannt?

Ralf:
Beim Musikkomponieren und -produzieren habe ich mir keine Gedanken um den Namen der Stilrichtung gemacht. Ich habe das gemacht, was ich wollte bzw. in meinem Kopf herumschwirrte. Talla 2XLC war es, der immer wieder neue Namen und Synonyme ins Spiel brachte. Technodrome International z. B. war seine Idee. Stilistisch ist so gut wie alles möglich in der elektronischen Musik. Neue Synthesizer … neue Sequencer … neue Technik … man konnte vieles ausprobieren … es war ein großes musikalisches Experimentierfeld. Es entstanden Klang- und Soundkreationen, die man zuvor niemals gehört hat. Das hatte eine unglaublich inspirierende und energetische Wirkung möglich gemacht.

Jens:
Wie kam es zu dem „Sound of Frankfurt“, wer war beteiligt, wie hat sich die Bewegung entwickelt?

Robotiko Rejekto heute

Ralf:
„Sound Of Frankfurt“ entstand meiner Meinung nach aus der Musik, die zu der Zeit den Dancefloor bestimmte. Wikipedia schreibt dazu: „Zunächst bezog sich die Bezeichnung Sound of Frankfurt auf
eine durch Hi-NRG und Italo Disco[3] geprägte musikalische Strömung, die ca. 1984 mit Formationen wie Two of China (Telk Mee), Axodry (You), Moskwa TV (Tekno Talk) und MCL (Communicate), alles Projekte von Ralf Henrich (Ra/Hen) und Andreas Tomalla (Talla 2XLC), im Raum Frankfurt am Main ihren Ausgangspunkt nahm.[3] Moskwa TVs „Tekno Talk“ zählte zu den erfolgreichsten Veröffentlichungen im Jahr 1985. Sie verkaufte sich nachfolgend etwa 30.000 mal.[3] Ein Remix des Titeltracks enterte die US-amerikanischen Billboard Dance Charts und ebnete dem „Sound of Frankfurt“ den Weg für zahlreiche nachkommende Erfolge auf internationaler Ebene.[3]“

Jens:
Was ist aus Westside Music und ZYX geworden, die ja seinerzeit für fast alle eure Releases verantwortlich waren?

Ralf:
Westside gibt seit langer Zeit nicht mehr. Sie gingen in Konkurs. Dem gingen einige Rechtsstreitigkeiten mit Künstlern voraus. Talla und ich sind da relativ früh ausgestiegen. Meine Erinnerungen daran sind sehr zwiegespalten. ZYX bot uns danach eine neue musikalische Heimat. Das brachte uns dann auch ganz andere Vertriebsmöglichkeiten. Nach vielen leeren Versprechungen und zweifelhaften Abrechnungen verlassen wir uns heute lieber auf uns selbst und die digitalen Labels mit ihrer hoffentlich transparenten Verkaufspolitik.

Jens:
Ende der 80er kamen ja etwas verspätet die Berliner hinzu, die damals auch rege Kontakte und Kollaborationen mit einigen DJs aus der Detroiter Szene pflegten. Gab es auch Verbindungen zur
Frankfurter Szene, war die Technobewegung eine Art große Familie oder blieb immer eine regionale Eigenständigkeit erhalten?

Ralf:
Anfänglich war es eine regionale Szene, aber schnell kam es zu einem überregionalen Austausch über die verschiedenen DJs, die ja überall unterwegs und eingeladen waren.

Jens:
Welche deiner damaligen Projekte sind heute noch aktiv?

Ralf:
Vor ca. 5 Jahren habe ich angefangen, meine Projekte wieder zu aktivieren. Mit Robotiko Rejekto habe ich 2012 mit „Corporate Power“ ein neues (Comeback-) Album veröffentlicht. Außerdem gab es zwei neue Singles von Axodry. Zur Zeit arbeite ich mit Ivo Draganac aus NY and einem neuen ROBOTIKO REJEKTO-Album. Danach werden wir uns MCL vornehmen. Damals wie heute geht es mir um Botschaften. Auf der 12″ zu „Umsturz jetzt!“ ist zu lesen: „It is high time for you to change – otherwise your children & descandants will perish in misery! So there is only one way: UMSTURZ JETZT! JETZT! JETZT!“ Thematisch griffen wir bereits damals in der Zeit des kalten Krieges die Notwendigkeit einer Veränderung der Gesellschaft auf.

RaHens wiederbelebtes Pojekt Robotiko Rejekto

Jens:
Wie produzierst du heute, analog, virtuell oder beides? Gibt es Geräte aus der Anfangszeit, die auch heute noch für dich unverzichtbar sind?

Ralf:
Das Motto lautet „Zurück zu den Wurzeln“. Ich nutze digitale Sequencer, analoge und digitale Synthesizer und analoge Bandmaschinen. Damit habe ich den eigenständigen ROBOTIKO REJEKTO und MOSKWA TV Sound kreiert. Bei neuen Songs ist es mir wichtig, beide Welten, die digitale und die analoge Technik, wieder miteinander zu verbinden. Ich habe mein altes Equipment wieder zum Einsatz gebracht und in oft tagelangen Sessions verschiedene Grooves und Beats entwickelt und programmiert. Diese Fragmente und Samples übertrage ich dann sorgfältig ins Digitale. Dort beginnt dann erst der eigentliche Arrangier- und Produktionsprozess.

Robotiko Rejekto live

Jens:
Gibt es Livegigs?

Ralf:
Mit Robotiko Rejekto haben wir ausgewählte Gigs in Spanien und Südamerika gespielt und hatten überwältigendes Feedback auf unsere Shows. Sowohl Veranstalter als auch die Leute, die uns auf
der Tour unterstützt haben, waren wirklich herzlich und sehr freundlich zu uns. Die nächsten Konzerte werden im Oktober in den USA in Houston, LA, New York und Dallas stattfinden.

Jens:
Mitte der 90er war der absolute Höhepunkt der Technobewegung erreicht, kommerziell war keine Luft mehr nach oben. Welchen Stellenwert hat heute der Techno inkl. allen Spielarten, ist er zum
Nischengenre geschrumpft?

Ralf:
Techno ist da. Ich mag die verschieden Genres von Techno. Besonders Dark Techno etc.

Ralfs aktuelles Studio

Jens:
Damals war teures Equipment ein Hindernis für so manches unentdeckte Talent, seit Mitte/Ende der 90er ist es umgekehrt, virtuelle Instrumente samt PC etc. kosten vergleichsweise fast nichts und haben eine ungeheure Masse an Produzenten hervorgerufen. Ist das vielleicht auch mit ein Grund für den Niedergang der Szene damals?

Ralf:
Die Qualität ist damals in der Tat gesunken. Masse statt Klasse. Es hat allerdings auch bei mir lange gedauert, bis ich gleichwertig und besser als früher ITB produzieren konnte. Die Plug-ins sind zusammen mit den richtigen Mix Skills für einen Quantensprung in der Audioproduktion verantwortlich.

Jens:
Die Technoszene war zur Blütezeit durch teilweise extremen Drogenkonsum in Verruf geraten, war der negative Ruf gerechtfertigt?

Ralf:
Ich war und bin drogenfrei (lacht). Aber das ist wohl charakterabhängig. Bei dieser Art von sehr energetischer und rhythmischer Musik ist der Anreiz wahrscheinlich höher, Drogen zu nehmen.

Jens:
Techno ist trotzdem nach wie vor aktuell, es gibt diverse große Festivals und Partys. Kann man aktuelle aufwendige Großveranstaltungen wie das Tomorrowland Festival mit denen der 90er
gleichsetzen? Sind die Partygänger die gleichen wie früher, hat, und wenn ja, wie hat sich die Musik gewandelt? Oder verfolgst du das Geschehen nicht bewusst?

Ralf:
Diese Szene verfolge ich nicht. Kann daher nichts dazu sagen. Generell schrecken mich so Mega-Veranstaltungen, egal welcher Musikrichtung, eher ab. Da steht der Kommerz zu sehr im Vordergrund.

Jens:
Ralf, vielen Dank für das interessante Interview!

Forum
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    Anthony Rother  

    Vielen dank für das Interview. „Generator 78“ (Gänsehaut) ist ein ALLTIME Favorite von mir, bin damit aufgewachsen.

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    AMAZONA Archiv

    Vielen Dank für das tolle Interview. Auch hier zeigt es deutlich auf, dass die Musik früher ein echtes kreatives Handwerk war. Man hat früher im Studio ganz anders gearbeitet als in der heutigen Zeit. Übrigens: Mein Lieblingssong war Generator 7/8 (Godzilla Mix). Ein Song, der u. a. mein musikalisches Schaffen mit beeinflusst hat. Einfach genial.

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    Lensman

    versteh nicht viel von Techno… aber das Interview macht Lust auf mehr. Werde mich mal einhören in Mr. #Rahen.

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    ISE500  

    „Jens:
    Wie ich selbst erfahren habe, lässt sich über den Ursprung des Techno trefflich streiten. Die einen nennen Detroit, die anderen Frankfurt, noch andere sagen beide parallel. Der Begriff Techno kam ja erst einiges später aufs Tablett, bis dahin wussten wahrscheinlich weder die Detroiter noch ihr, was genau überhaupt produziert wurde, weil ja außerdem in der Anfangsphase vermutlich niemand den anderen Kontinent wahrgenommen hat. Wie siehst du das, lässt sich der Ursprung überhaupt genau definieren?“

    KÖSTLICH !!!!!!

    Der Autor weigert sich immer noch stur, die Existenz von Detroit Techno und des Wortes anzuerkennen (siehe seine legendäre „History of Techno“ Reihe.)

    Wo ich auch noch schmunzeln musste:

    „Jens:
    Die Technoszene war zur Blütezeit durch teilweise extremen Drogenkonsum in Verruf geraten, war der negative Ruf gerechtfertigt?“

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