Interview: Siggi Müller, Synth-Enthusiast und Score-Profi, Teil 2

Peter:
Was waren deine ersten Fernsehfilme?

Siggi:
Die ersten waren Industriefilme, dann gab es eine Ausschreibung für die Fernsehsendung „Nicht von schlechten Eltern“, einer damals ganz bekannten Serie mit Sabine Postel. Es wurden fünf Studios angefragt und der Regisseur hatte aber bereits einen Komponisten, mit dem er nicht klarkam. Fünf Leute haben dann von ihm ein Band bekommen und haben das nach ihrem Ermessen vertont. Ich hatte das Glück, dass das, was ich gemacht habe, dem Regisseur am besten geschmeckt hat. Das war damals noch der gute alte Regisseur Rainer Boldt und der Filmproduzent Bernd Burgemeister von der TV60. Ich habe dann den Job bekommen. Das war eine super Serie mit super Schauspielern und der Regisseur, der leider schon gestorben ist, war auch so ein ganz witziger Typ. Er hat es geliebt, wenn ich was Verrücktes gemacht habe.

(Info von von Siggi zum Sounddemo: Der Kniff dabei war, die Titelmelodie der Serie als Schotten Orchester zu bauen mit einem Solo-Dudelsack-Sample und Proteus-2 Solo Marching Drum.)

Da gab es zum Beispiel das Schäfer-Thema, so hieß die Familie, er hat es geliebt, wenn ich z.B. was mit Dudelsack vertont habe. Ich habe dann gemixt und gesampelt und habe es hinbekommen, dass das Thema wie ein 20-köpfiges Dudelsackorchester geklungen hat. Nach dem Aus der Serie hat man mich immer mehr für Filmmusik weiterempfohlen.

Du musst wissen, dass es in der Filmmusik meist so eheähnliche Beziehungen zwischen den Produzenten, der Regie und dem Komponisten gibt. Das Risiko ist immer hoch, dass man bei der Musik jemanden nimmt, den man gar nicht kennt, man nimmt meist jemanden, den man schon kennt. Außerdem steht die Musik in der Filmherstellungskette ganz hinten, wo meist die Ausstrahlungstermine schon festgelegt sind. Sprich, es gab knallharte Deadlines. Also, wenn du da einmal drin bist und keine Fehler machst, dann kannst du es weit schaffen.

Peter:
Hast du auch Kino gemacht?

Siggi:
Ja, z.B. „Der geilste Tag“ mit Matthias Schweighöfer, „Erkan und Stefan“, auch Horrorfilme, Kinderzeichentrickfilme und Dokumentarfilme.

Plakat-Galerie auf dem Weg zu Siggis Studio

Peter:
Du hast gesagt, dass du von heute auf morgen keine Drogen mehr genommen hast. Hatte das was mit deiner jetzigen Frau zu tun?

Siggi:
Ja, das war vor ca. 25 Jahren, als ich damit aufgehört habe. Meine Frau sagt immer: „Du hast einen guten Selbsterhaltungsbetrieb.“ Immer wenn ich gemerkt habe, dass es mir nicht gut tut, war ich sofort derjenige, der gesagt hat, es muss geändert werden. Ich war nie so einer, der versumpft ist. Vom Typ her bin ich einer, der neugierig ist, das ist mein Motor, Neugierde. Wenn ich wissen will, was dahinter steckt, lässt mich das nicht mehr los.

Peter:
Aber wo war dann der Schnitt? Da muss es doch ein Ereignis gegeben haben?

Siggi:
Wie gesagt, es war vor ungefähr 25 Jahren. Ich war Tag und Nacht im Studio, habe immer gearbeitet, während die anderen die Mädels abgeschleppt haben und ins P1 gegangen sind. Ich musste mich nie um das Zeug kümmern, also habe ich da immer meine Lines vor mir liegen gehabt und habe die Nächte durchgearbeitet. Das ging fast 1,5 Jahre so. Da bist du irgendwann durch. Ich weiß noch, ich bin irgendwann aufgestanden, habe geschwitzt wie ein Schwein und habe gemerkt, dass irgendwas nicht stimmt.

Ich habe ziemlich schnell gewusst, dass das was mit dem Zeug zu tun hat. Bei Kokain merkt man das am Anfang nicht. Wenn du das Zeug das erste Mal nimmst, merkst du es nicht direkt, du wartest und es passiert nix. Du nimmst es und bist irgendwie wach, redest mit jedem, hast keine Berührungsängste, da bist du einfach gut drauf. Schlecht ist es, wenn du das Koks mit Alkohol nimmst, es drückt nämlich den Alkohol weg. Wenn du am Abend eine halbe Flasche Wodka getrunken hast, hast du nix gemerkt. Am Tag danach allerdings schon.

Gerade nicht im Einsatz, Klassiker Ensoniq Fizmo

Peter:
Irgendwann hast du einen radikalen Schnitt gemacht und keine Drogen mehr angerührt. Gab es da ein besonderes Ereignis, das der Auslöser war?

Siggi:
Ja, ich bin damals vollkommen neben mir gestanden, war teilweise echt schizophren und habe Angst bekommen, denn irgendwas war einfach nicht mehr in Ordnung mit mir.

Peter:
Du hast aufgehört, Drogen zu nehmen, warst aber immer noch Workaholic. Wie du mir vorher erzählt hast, ist dein Arbeitspensum erst kleiner geworden mit der Familiengründung. Wann hast du dann mit der Familiengründung begonnen?

Siggi:
Spät!

Peter:
Wie habt ihr euch kennengelernt?

Siggi:
Es war an der Hochschule für Musik in München, da war damals der Prof. Schneider, der auch Filmkomponist ist. Ich habe den damals kennengelernt, da er die ersten Bücher über Filmmusik rausgegeben hat, das war in den 80er Jahren.

In seinem Buch stand ne Adresse, dort habe ich DAT-Bänder mit meiner Musik hingeschickt, daraufhin hat er mich angerufen und gesagt, er möchte mich kennenlernen, da ihm das so gut gefallen hat. Ich habe ihn dann kennengelernt.

Für seine Studenten hat er alle vier Wochen immer Filmkomponisten zu nem Abend mit Weißwein und Käsehäppchen eingeladen. Da durfte jeder Filmkomponist über sein Leben plaudern. In der Gruppe von Studenten war auch meine jetzige Frau.

Ich war damals Spezialist für Mockup, d.h. ein Orchester faken, das hatte mit der Blasmusikgeschichte für Fairy Ultra angefangen. Da hatte ich einen gewissen Ruf bekommen. Dann hatte ich meinen Abend vor den Studenten gehabt, wie man am besten so ein Orchester faken kann, welche Techniken es gibt und wie man die Librarys dazu verwendet. Meine Frau hat mir später gesagt, dass sie völlig begeistert war und sich gedacht hat: „Der Typ ist irgendwie gaga!“

Ich kannte die Teilnehmer alle nicht. Der Professor hat uns Komponisten dann zu nem Abschlusskonzert von den Studenten eingeladen. Meine jetzige Frau hatte ein Stück gemacht, was mit Filmmusik gar nix zu tun hatte, aber abgefahrene elektronische Sounds hatte. Das war ihr Steckpferd. Sie war drei Jahre in Göteborg beim Studium für elektronische Musik, das von IRCAM Paris aus geleitet wurde und sie hatte ein entsprechendes Händchen dafür. Heute macht sie Hörspiele, Theatermusiken und Zeitgenössische Klassik.

Korg Z1 mit Gartenblick

Peter:
Hat sich dann durch deine Beziehung zu deiner Frau deine Work-Life-Balance verschoben? Hast du dann nicht mehr die Nächte durchgearbeitet?

Siggi:
Mit zunehmendem Alter geht man halt auch früher ins Bett und steht früher auf.

Forum
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    AMAZONA Archiv

    Eines der besten Interviews. Seit langem. Danke, und weiterhin viel Erfolg, Siggi!

      • Profilbild
        lena  

        Daumen nach oben!!!! (Ich hätte es vielleicht nicht ganz so krass ausgedrückt, aber mit der PC wird es schon oft sehr übertrieben)

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        TobyB  RED

        Hallo Tom,

        für sowas bin ich zu alt :-D Ich kenn hier drei Orte weiter ein Tonstudio, welches von einer „FKK World“ eingerahmt ist.

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    Trance-Ference   1

    Ich stimme meinen Vorrednern zu, ein tolles Interview was sich spannend liest…besonders wie das so in den 80ern war.
    Die Synthsammlung von Siggi ist schon enorm. Da kann man glatt neidisch werden :-D

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    psv-ddv  AHU

    Danke für das sehr sympathische Interview!! Das Lesen hat viel Spass gemacht.
    Sigi Müller’s Antworten erinnern mich mal wieder daran, warum ich trotz Erfolgs die professionelle Filmmusikproduktion in den 90gern an den Nagel gehängt habe.
    Den leider unlängst verstorbenen Rainer Boldt kannte ich auch, das war Einer von den Guten.

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    Synthie-Fire  AHU

    Jupp, der 2. Teil gefällt mir auch sehr gut.
    Hoffe er hat bald Zeit für eine weitere Fortsetzung.
    Würde bestimmt gut ankommen ;-)

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    Ashatur  AHU

    Nach langem Flachliegen das erste was ich hier mal wieder gelesen hatte und ich war gebannt von dem herrlich ehrlichen Gespräch.

    Und ich muss sagen bei Peter`s Art zu schreiben und erlebte Eindrücke wörtlich so darzustellen das man denken könne man wäre selbst dabei gewesen entzückt mich immer wieder auf ein neues.

    Vielen Dank :-)

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