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Interview: Siggi Müller, Synth-Enthusiast und Score-Profi, Teil 2

Siggi Müller

Siggi Müller in seinem Studio in den 90ern

Wir trafen Siggi Müller privat zu Hause, wo er im ausgebauten Tiefgeschoss seines Hauses, umgeben von Dutzenden Synthesizern, Filmmusik für TV und Kino komponiert. In Teil 1 unseres Gesprächs hat uns Siggi ausgiebig von seinen ersten erfolgreichen Schritten in der 80er Pop-Szene erzählt – hier knüpft nun der zweite Teil an, da in der Pop-Szene jener Tage Koks nicht nur von Falco besungen, sondern auch wirklich in Mengen konsumiert wurde.

Peter:
Waren die Drogen in der Szene damals normal?

Siggi:
Der Studiobesitzer war ja auch so, der hat gekifft und gekokst. Koks war damals ganz normal, da hat kein Hahn nach gekräht. Das waren die 80er.

Peter:
Die Münchner Schickeria!

Siggi:
Die 80er waren die Zeit von Kokain. Ich bin immer in die Reitschule mitgegangen zum Essen, um meistens neue gut aussehende Mädels kennenzulernen, die von den Plattenfirmen angeschleppt wurden. Damals war es ja üblich, die vorne auf die Bühne hinzustellen und der Rest kam ja von Studiosänger-innen eingesungen vom Band. Also, gekokst wurde dort immer auf dem Klo. Ich habe dann die Werbung neu vertont, komplett mit Blasersätzen aus dem AKAI S1000. Ich habe Stunden damit verbracht, Aufnahmen zu sampeln und neu zusammenzuschneiden. Ich muss mal schauen, ob ich da noch irgendwo eine Aufnahme habe. Keiner hat es gemerkt, dass das am Ende keine richtige Blasmusik war. Ich erinnere mich, dass ich danach damals als „Samplekönig“ bezeichnet wurde. Das klappte wahrscheinlich auch deshalb so gut, da mir Volksmusik nicht fremd war.

Peter:
Und natürlich die passende Technik.

Siggi:
Ja genau, das Musische mit der Technik zu verknüpfen, denn die 80er waren diese glückliche Zeit, wo genau der Wechsel zwischen Technik einsetzten und Musik machen stattfand. Das ging Hand in Hand. Ich habe damals auf jeden Fall richtig gutes Geld verdient.

Peter:
Du hast dann Werbefilme gemacht?

Siggi:
Ja, du weißt, damals haben die noch viel Geld für Werbung ausgegeben.

Peter:
GEMA gab es auch dafür?

Siggi:
Ja, da gab es auch GEMA dafür.

Siggi Müller

Siggis Studio heute

Peter:
Aber du kamst ja von dieser Bandgeschichte, Werbung heißt natürlich Geld zu verdienen, aber hast du nicht gedacht: „Ich und meine Musik, ich muss da noch nen Charterfolg machen?“

Siggi:
Nein, gar nicht, ich habe damals gemerkt, dass es mir richtig Spaß macht, Musik zu bewegten Bildern zu schreiben.

Peter:
Also du hattest gar nicht mehr den Wunsch, einen Top-Pop-Song und Charterfolg zu machen?

Siggi:
Nein, überhaupt nicht. Weißt du, das war damals die Zeit, als ich guten Kontakt zu diesen ganzen Plattenfirmen hatte. Ich habe dann auch noch Sommerplatten gemacht, mit diesen ganzen südamerikanischen Traditionals, Copacabana usw.

Siggi Müller

Siggi live 1982 mit Elka Orgel, Micromoog, Elektro Harmonix EH-400

Peter:
Damals wollte ja jeder so was machen.

Siggi:
Genau, das war alles mit dem neuen „Uz-Uz-Uz“-Style unterlegt. Nicht mehr handgemacht, sondern wie es halt damals so war, mit den fetten Beats unterlegt, so in Richtung House. Die Platten waren richtig erfolgreich, wurde auch rauf und runter gespielt, aber es gab hier kaum GEMA, weil es ja keine Eigenkompositionen waren, das war mehr so ein Remix. Ich habe ja alles gemacht. (lacht)

Peter:
Du hast dann gar nicht mehr gedacht, ich bin der Siggi Müller, gründe eine Band und will mit denen in die Charts?

Siggi:
Das war ja gar nicht mein Interesse. Ich war immer irgendwie ein Produzententyp. Wenn ich mir Platten angehört habe, habe ich mich immer gefragt, wie hat der das hinbekommen? Das war auch damals die Zeit von Trevor Horn. Ich habe mir immer gedacht, um Gottes willen, wie hat der bloß diesen Sound gemacht, der Hammer. Aber ich wusste natürlich, der hat nen Synclavier und nen Fairlight, alles für mich nicht erreichbar. Ich fragte mich immer, wie geht so was?

Peter:
Das Studio in München damals, hattest du dir da eine Wohnung gesucht, wo du dir ein Studio einrichten konntest?

Siggi:
Ich war immer im Mediapool Studio.

Peter:
Und da gab es keinen Fairlight oder ähnliches?

Siggi:
Da gab es kein Synclavier, keinen Fairlight. Aber eben ein paar S1000 waren da, 1 MB Speichererweiterung für die hat damals über 2000 DM gekostet.

Siggi Müller

Siggi Anfang 90er als Endorser von Emagic zwischen Gerhard Lengeling (links) & Chris Adam (rechts)

Peter:
Ich weiß noch, 4 MB Erweiterung für den Emulator III kosteten 4.000 DM!

Siggi:
Viel später bin ich dann zu E-MU gegangen, also von AKAI weg, da ich die viel besser vom Sound fand. Die Filter waren auch viel besser, beim AKAI hattest du immer diese Key-Klick-Geräusche, wenn du die Taste losgelassen hast.

Ich bin dann damals immer für zwei Tage von Ulm nach München gefahren und habe im Studio übernachtet. Was mich immer gereizt hat, da ich nie so der Bühnentyp war, war das Produzieren im Studio. Ich stand zwar vorher mit meiner Formation auf der Bühne und hatte auch nie ein großes Problem damit, aber das war einfach nicht so interessant für mich. Technik, neuer Sound, Produzieren, das hat mir einfach immer mehr Spaß gemacht. Und was mir am Ende des Tages am meisten Spaß gemacht hat, war dramaturgische Musik zu bewegten Bildern zu machen.

Peter:
Was waren deine ersten Fernsehfilme?

Siggi:
Die ersten waren Industriefilme, dann gab es eine Ausschreibung für die Fernsehsendung „Nicht von schlechten Eltern“, einer damals ganz bekannten Serie mit Sabine Postel. Es wurden fünf Studios angefragt und der Regisseur hatte aber bereits einen Komponisten, mit dem er nicht klarkam. Fünf Leute haben dann von ihm ein Band bekommen und haben das nach ihrem Ermessen vertont. Ich hatte das Glück, dass das, was ich gemacht habe, dem Regisseur am besten geschmeckt hat. Das war damals noch der gute alte Regisseur Rainer Boldt und der Filmproduzent Bernd Burgemeister von der TV60. Ich habe dann den Job bekommen. Das war eine super Serie mit super Schauspielern und der Regisseur, der leider schon gestorben ist, war auch so ein ganz witziger Typ. Er hat es geliebt, wenn ich was Verrücktes gemacht habe.

(Info von von Siggi zum Sounddemo: Der Kniff dabei war, die Titelmelodie der Serie als Schotten Orchester zu bauen mit einem Solo-Dudelsack-Sample und Proteus-2 Solo Marching Drum.)

Da gab es zum Beispiel das Schäfer-Thema, so hieß die Familie, er hat es geliebt, wenn ich z.B. was mit Dudelsack vertont habe. Ich habe dann gemixt und gesampelt und habe es hinbekommen, dass das Thema wie ein 20-köpfiges Dudelsackorchester geklungen hat. Nach dem Aus der Serie hat man mich immer mehr für Filmmusik weiterempfohlen.

Du musst wissen, dass es in der Filmmusik meist so eheähnliche Beziehungen zwischen den Produzenten, der Regie und dem Komponisten gibt. Das Risiko ist immer hoch, dass man bei der Musik jemanden nimmt, den man gar nicht kennt, man nimmt meist jemanden, den man schon kennt. Außerdem steht die Musik in der Filmherstellungskette ganz hinten, wo meist die Ausstrahlungstermine schon festgelegt sind. Sprich, es gab knallharte Deadlines. Also, wenn du da einmal drin bist und keine Fehler machst, dann kannst du es weit schaffen.

Peter:
Hast du auch Kino gemacht?

Siggi:
Ja, z.B. „Der geilste Tag“ mit Matthias Schweighöfer, „Erkan und Stefan“, auch Horrorfilme, Kinderzeichentrickfilme und Dokumentarfilme.

Plakat-Galerie auf dem Weg zu Siggis Studio

Peter:
Du hast gesagt, dass du von heute auf morgen keine Drogen mehr genommen hast. Hatte das was mit deiner jetzigen Frau zu tun?

Siggi:
Ja, das war vor ca. 25 Jahren, als ich damit aufgehört habe. Meine Frau sagt immer: „Du hast einen guten Selbsterhaltungsbetrieb.“ Immer wenn ich gemerkt habe, dass es mir nicht gut tut, war ich sofort derjenige, der gesagt hat, es muss geändert werden. Ich war nie so einer, der versumpft ist. Vom Typ her bin ich einer, der neugierig ist, das ist mein Motor, Neugierde. Wenn ich wissen will, was dahinter steckt, lässt mich das nicht mehr los.

Peter:
Aber wo war dann der Schnitt? Da muss es doch ein Ereignis gegeben haben?

Siggi:
Wie gesagt, es war vor ungefähr 25 Jahren. Ich war Tag und Nacht im Studio, habe immer gearbeitet, während die anderen die Mädels abgeschleppt haben und ins P1 gegangen sind. Ich musste mich nie um das Zeug kümmern, also habe ich da immer meine Lines vor mir liegen gehabt und habe die Nächte durchgearbeitet. Das ging fast 1,5 Jahre so. Da bist du irgendwann durch. Ich weiß noch, ich bin irgendwann aufgestanden, habe geschwitzt wie ein Schwein und habe gemerkt, dass irgendwas nicht stimmt.

Ich habe ziemlich schnell gewusst, dass das was mit dem Zeug zu tun hat. Bei Kokain merkt man das am Anfang nicht. Wenn du das Zeug das erste Mal nimmst, merkst du es nicht direkt, du wartest und es passiert nix. Du nimmst es und bist irgendwie wach, redest mit jedem, hast keine Berührungsängste, da bist du einfach gut drauf. Schlecht ist es, wenn du das Koks mit Alkohol nimmst, es drückt nämlich den Alkohol weg. Wenn du am Abend eine halbe Flasche Wodka getrunken hast, hast du nix gemerkt. Am Tag danach allerdings schon.

Gerade nicht im Einsatz, Klassiker Ensoniq Fizmo

Peter:
Irgendwann hast du einen radikalen Schnitt gemacht und keine Drogen mehr angerührt. Gab es da ein besonderes Ereignis, das der Auslöser war?

Siggi:
Ja, ich bin damals vollkommen neben mir gestanden, war teilweise echt schizophren und habe Angst bekommen, denn irgendwas war einfach nicht mehr in Ordnung mit mir.

Peter:
Du hast aufgehört, Drogen zu nehmen, warst aber immer noch Workaholic. Wie du mir vorher erzählt hast, ist dein Arbeitspensum erst kleiner geworden mit der Familiengründung. Wann hast du dann mit der Familiengründung begonnen?

Siggi:
Spät!

Peter:
Wie habt ihr euch kennengelernt?

Siggi:
Es war an der Hochschule für Musik in München, da war damals der Prof. Schneider, der auch Filmkomponist ist. Ich habe den damals kennengelernt, da er die ersten Bücher über Filmmusik rausgegeben hat, das war in den 80er Jahren.

In seinem Buch stand ne Adresse, dort habe ich DAT-Bänder mit meiner Musik hingeschickt, daraufhin hat er mich angerufen und gesagt, er möchte mich kennenlernen, da ihm das so gut gefallen hat. Ich habe ihn dann kennengelernt.

Für seine Studenten hat er alle vier Wochen immer Filmkomponisten zu nem Abend mit Weißwein und Käsehäppchen eingeladen. Da durfte jeder Filmkomponist über sein Leben plaudern. In der Gruppe von Studenten war auch meine jetzige Frau.

Ich war damals Spezialist für Mockup, d.h. ein Orchester faken, das hatte mit der Blasmusikgeschichte für Fairy Ultra angefangen. Da hatte ich einen gewissen Ruf bekommen. Dann hatte ich meinen Abend vor den Studenten gehabt, wie man am besten so ein Orchester faken kann, welche Techniken es gibt und wie man die Librarys dazu verwendet. Meine Frau hat mir später gesagt, dass sie völlig begeistert war und sich gedacht hat: „Der Typ ist irgendwie gaga!“

Ich kannte die Teilnehmer alle nicht. Der Professor hat uns Komponisten dann zu nem Abschlusskonzert von den Studenten eingeladen. Meine jetzige Frau hatte ein Stück gemacht, was mit Filmmusik gar nix zu tun hatte, aber abgefahrene elektronische Sounds hatte. Das war ihr Steckpferd. Sie war drei Jahre in Göteborg beim Studium für elektronische Musik, das von IRCAM Paris aus geleitet wurde und sie hatte ein entsprechendes Händchen dafür. Heute macht sie Hörspiele, Theatermusiken und Zeitgenössische Klassik.

Korg Z1 mit Gartenblick

Peter:
Hat sich dann durch deine Beziehung zu deiner Frau deine Work-Life-Balance verschoben? Hast du dann nicht mehr die Nächte durchgearbeitet?

Siggi:
Mit zunehmendem Alter geht man halt auch früher ins Bett und steht früher auf.

Peter:
Arbeitet sie auch bei dir im Studio?

Siggi:
Sie hat ihr eigenes Studio. Sie macht auch sehr viel Live-Musik. Sie bekommt auch oft beim BR die Studios zur Verfügung gestellt und kann dort mit nem Tontechniker aufnehmen.

Peter:
Zwei Komponisten unter einem Dach, ist das anstrengend?

Siggi:
Als wir uns kennengelernt haben, das war so 1999, da hatte ich noch nicht mein Haus, das kam erst 2003. Ich wohnte in Strasslach bei Grünwald in einem kleinen Haus zur Miete. Sie ist damals bei mir eingezogen, das war aber so klein, dass wir uns gegenseitig gestört haben. 2003 haben wir dann gesagt, wir wollen nicht mehr zur Miete wohnen, wir wollen was kaufen. Dann sind wir schließlich nach Starnberg gezogen.

Das einzige, was ich nicht hatte, war viel Zeit, daher hat meine Frau nach nem Haus gesucht. Damals habe ich viel für die Bavaria Filmstudios gemacht, war z.B. für „Marienhof“ verantwortlich. Das habe ich 12 Jahre lang gemacht und war der Leiter über die restlichen Komponisten nachdem ich vorher ein musikalisches Archiv aufgebaut hatte. Das war ein richtig gut bezahlter Job. Daher habe ich meiner Frau gesagt, sie solle bitte im Münchner Süden suchen, da ich da die Nähe zu den Bavaria Studios hatte. Zu der Zeit war das Internet noch nicht schnell genug und die Arbeitsbänder wurden mit dem Kurier hin- und hergefahren.

Wir haben uns viel angeschaut, auch in Grünwald, das hat uns aber alles nicht gefallen. So 60er Jahre Stil, mit wenig Licht und tiefen Decken und man hätte Wände wegen der Studios rausreißen müssen. Wir haben ein dreiviertel Jahr lang gesucht, sind aber immer wieder immer wieder auf dieses Haus zurückgekommen. Am Schluss haben wir unser Bauchgefühl entscheiden lassen und leben seit 2003 hier in Starnberg.

Siggi Müller

„My Home is my Synth-Castle“

Peter:
War das schon fertig?

Siggi:
Ich habe zu meiner Frau gesagt, dass ich etwas brauche, was zu 90% fertig ist. Ich habe keine Lust, auf einer Baustelle zu arbeiten, das war meine einzige Bedingung.

Peter:
Bist du heute immer noch mit Musik eingespannt oder fährst du etwas zurück?

Siggi:
Ich würde gerne, aber es geht nicht wirklich.

Peter:
Stimmt, wenn man nein sagt, ist man raus.

Siggi:
Das ist das Problem, das hat sich so gewandelt. Früher, als ich angefangen habe, Ende der 80er, da hast du mit dem Produzenten übers Geld und mit dem Regisseur über die Kreativität gesprochen. Heute kann es passieren, dass ein Regisseur während eines Projektes rausfliegt und du dann nur noch mit nem Redakteur verhandeln darfst, der von dramaturgischer Musik keine Ahnung hat, aber am Ende alles entscheidet. Oft sind die ängstlich und stehen unter Quotendruck, das hat sich alles so gewandelt. Diese Freiheit früher, Musik zum Film zu machen, war viel größer und besser als heute. Ich bin einer, der alles machen kann, von Klassik bis Heavy Metal. Aber eine nicht zu unterschätzende Aufgabe ist heute eher psychologisch zu sehen.

Ein Beispiel: Vor 10 Jahren gab es einen SAT1 Redakteur, mit dem ich einen Film gemacht habe, der liebte Violine, also wollte er für nen Film ein Violinen-Score. Sein Vorgesetzter hasste jedoch Violinen und ich wusste das. Wenn ich also seinem Wunsch nachkommen würde, wird der Film an die Wand gefahren, d.h. das Ding fliegt ihm und mir um die Ohren, weil es ja der Vorgesetzte nicht gut findet. Ich bin heute noch mit dem Redakteur befreundet. Also habe ich versucht, das so hinzubiegen, dass es kein Violinen-Score wurde, es war etwas schwierig. Ich habe so Beispiele mit Violine vertont, die absichtlich richtig schlecht waren, gleichzeitig Gegenbeispiele, wie es ohne Violinen besser klingen kann. Damit konnte ich überzeugen, dass wir von der Violine wegkommen. Das hat super funktioniert und kam gut an. Das war nur so ein kleines Beispiel, was Filmmusik mit Psychologie zu tun hat.

Peter:
Du gibst also Produzenten und Regisseuren auch contra?

Siggi:
Ich werde niemals unverschämt, sage aber ehrlich meine Meinung. Ich biete immer gerne Klangbeispiele vorab an, wie ich mir das vorstelle. Über Musik reden ist das eine, wenn man sie aber nicht hört, wird es schwierig.

Roland CR-78 gerade nicht im Einsatz

Peter:
Hast du eigentlich irgendwann in deiner Karriere nach Amerika geschielt?

Siggi:
Vor „Marienhof“ hatte ich in der Bavaria damals für SAT1 diese Serie „Die Wagenfelds“ gemacht. Das war eine Daily Soap und die brauchten täglich 12-15 Minuten Musik. Da war damals eine österreichische Regisseurin dabei, die immer wollte, dass ich zu ihr nach Los Angeles komme. Sie hat immer gemeint, dass sie in Amerika über wichtige Kontakte verfügt. Ich hatte damals Komponisten-Kollegen, die gegangen sind und nach fünf Jahren wieder in Deutschland waren. Da habe ich mir gedacht, lieber hier unter den Top 20, als dort drüber die Nummer 5442. Man muss ja dann auch permanent drüben leben.

Peter:
Das hat mir der Harold Faltermeyer erzählt, nach seinem großen Erfolg mit Axel F. ist er wieder nach Deutschland zurück. Am Anfang sind die Produzenten und Regisseure noch zur Endabnahme zu ihm nach Deutschland geflogen. Aber letztendlich war das denen auf die Dauer zu weit. Er hat sich entscheiden müssen, entweder ich bleibe hier in meiner Heimat oder ich mache es wie der Hans Zimmer und verlasse Deutschland, um die großen Aufträge an Land zu ziehen. Beides gleichzeitig geht anscheinend nicht.

Siggi:
Genau, wäre ich damals 10 Jahre jünger gewesen, hätte ich es vielleicht gemacht. Aber ich hatte ja gute Jobs hier und war erfolgreich. Das war dann auch kein Thema mehr für mich. Wenn du drüben nicht zu den Top 20 gehörst, wird es schwierig.

Peter:
Hans Zimmer hat mit im Interview gesagt, er kann so gut wie keinen Urlaub machen, weil er sich seinen Freunden, also namhaften Regisseuren wie Chris Nolan, verpflichtet fühlt. Die setzen auf ihn und da steht das Privatleben anscheinend of hinten an.

Siggi:
Ich merke ja auch, wie sich die Projekte bei mir förmlich stapeln. Aufgrund meiner Vita kommen die in Deutschland nicht an mir vorbei. (lacht). Nein, nicht ganz so, aber die Leute, die die Aufträge vergeben, wissen auch oft nicht, was gute und schlechte Filmmusik ist. Oft hast du einen guten Film und du brauchst oft nur einen hohen schrägen Ton, um eine eh schon spannende Szene noch spannender zu machen. Hast du einen schlechten Film, kannst du machen was du willst, der Film wird auch nicht besser.

Peter:
Zum Beispiel die ganze Carpenter Musik aus den 80ern, die mich übrigens dazu gebracht hat, Musik zu machen, wie geil war das damals im Kino z.B. bei Escape from New York, einfach nur ein paar Bässe und ein einfacher Sequencer. Aber so einfach geht das heute nicht mehr. Kennst du die Serie Stranger Thing? Da ist der ganze 80er Sound wieder drin. Das klingt nach Giorgio Moroder.

Siggi:
Ja, die erste Staffel habe ich gesehen.

Peter:
Musikalisch gesehen haben die komplett die 80er kopiert. Das spielt natürlich auch in der 80ern.

Siggi:
Das kommt halt alles wieder. Ich habe in den 90ern viel Orchester Sachen gemacht. Da hatte man auch noch das Budget. Da war das mit Sampling auch noch nicht ganz so gut, da brauchte man Spezialisten. Heute bekommst du ja super Librarys. Aber damals habe ich viel mit Orchestern gearbeitet und habe das auch alles gelernt, aber nun freue ich mich, dass die ganzen Synthies wieder kommen, das ist meine Welt.

Peter:
Lass uns nochmals zurückkommen auf Synthesizer. Das hier ist ja für Synth-Nerds eine Traum-Umgebung. Ich sage nur mal als Beispiel Elka Synthex.

Schönes Duo: Alesis Andromeda und Bowen Solaris

Siggi:
Super Teil, einfach wunderbar.

Peter:
Nutzt du den noch?

Siggi:
Ja, ja … den habe ich zwar nicht unten im Studio, sondern zusammen mit dem Chroma Polaris in meinem anderen Musikraum hinten, aber der ist regelmäßig im Einsatz.

Peter:
Dann lieber global gefragt, was sind im Augenblick dein Lieblingssynthesizer, die du regelmäßg im Einsatz hast?

Siggi:
Hmm, schwer zu sagen. Jeder meiner Synth hat etwas, was ich mag. Favoriten von den polyphonen Analogen sind auf alle Fälle der Synthex, Matrix-12, Andromeda, MKS-80, DD (wenn er mal wieder geht) und Novation Peak. Außerdem habe ich fast alles von DSI.

Peter:
Und wenn du mir von den DSI einen benennen müsstest? Welcher gefällt dir am besten?

Siggi:
Der Prophet-12. Gar nicht mal wegen seinem analogen Sound, sondern der hat mit seinen Wavetables wahnsinnig viele Möglichkeiten, mit den speziellen Oszillatoren. Du kannst mit denen 4-fach FM in einer Reihe machen, ich mag den richtig gerne.

Peter:
Was ist mit VST?

Siggi:
Mach ich ganz viel!

Peter:
Also bist du in beiden Welten unterwegs?

Siggi:
VST ist halt bei meiner Arbeit einfach praktisch. Das funktioniert alles sofort, ohne Stress.

Peter:
Vorhin hast du vom Prophet REV2 geschwärmt und davon, dass du den Prophet-8 wieder verkauft hast. Klanglich sind die beiden doch nahezu identisch, oder?

Roland SH-2000 mit langer Geschichte … lieber ein andermal

Siggi:
Sind sie auch, aber Dave Smith hat beim REV2 den gleichen Fehler wie beim Prophet-8 gemacht. Das hat wohl etwas mit der internen Abtastrate bei den Hüllkurven zu tun. Da habe ich mich schon wieder geärgert. Wenn du einen ganz tiefen Sound hast und das Filter weit zu und du spielst ziemlich weit unten, dann hast du auch beim REV2 wieder diesen Digitalklick am Anfang eines Sounds, genau wie beim Prophet-8. Das stört mich irgendwie. Ich habe noch den OB6 und den Prophet-6, aber dort gibt es dieses Problem nicht.

Peter:
Aber klanglich findest du OB6 und Prophet-6 besser?

Siggi:
Vom Sound ja, aber von den Möglichkeiten ist der REV2 super, klar du hast 16 Stimmen und die Effektprozessoren und Sequencer, es ist alles da.

Peter:
Ich fand immer die Curtis-Chips wärmer als beim OB6 und Prophet-6 die diskret aufgebauten Filter benutzen. Ich besitze zum Beispiel den Poly-Evolver .

Siggi:
Oh ja, der ist nicht schlecht.

Peter:
… und da gibt es Klänge, die richtig überzeugend Vintage klingen, ganz nach den Klassikern von Sequential oder Oberheim. Vorausgesetzt, man nutzt die digitalen Oszillatoren nicht. Gerade bei Vangelis-artigen Bläsern ist das für mich immer noch der beste CS80 Ersatz. Diesen Klangcharakter habe ich einfach mit einem Prophet-6 nicht hinbekommen und habe mich deshalb auch wieder davon getrennt.

Siggi:
(zweifelnd) aaahhh… der Prophet-6 ist schon sehr gut finde ich und den OB6 finde ich auch sehr gut – für mich vor allem, weil beide mit polyphonem Aftertouch umgehen können, gut das kann der REV2 aber auch. Das mag ich ganz gerne. Ich benutze ein Midiboard von Kurzweil, womit ich zum Beispiel auch Deckards Dream ansteuere.

Was ich auch sehr mag, ist der Novation Peak. Ein echt toller Synthie. Der macht mir auch haptisch Spaß, der ist einfach wertig. Du musst die Dinge anfassen können, da geht mir der Andromeda manchmal ein bisserl auf den Zeiger. Die Knöpfe sind manchmal etwas „lummelig“, Theo, von dem ich den A6 damals abkaufte, hat schon Beilegscheiben untergelegt, damit es etwas fester wird. Aber dann war es wieder zu fest. Sonst liebe ich den Andromeda seit seinem Erscheinen sehr. Ein tolles Teil mit vielen Möglichkeiten und schönem Sound. Ich habe sogar zwei davon, schon alleine wegen der Tatsache, wenn mal einer kaputt geht, dann habe ich gleich Ersatz. (lacht)

Siggi Müller präsentiert Emagic Logic Pro 1 auf der Frankfurter Musikmesse

Peter:
Die Sachen haben ja alle eine enorme Wertsteigerung, aber ich begann eigentlich erst vor ein paar Jahren, mir die Klassiker zuzulegen, da waren die Preise bereits jenseit von Gut und Böse.

Siggi:
Du, ich habe in den 90ern schon alles gehabt. Ich hatte einen Minimoog, Prophet-5 und vieles andere. Nur die CS-Serie von Yamaha ist irgendwie komplett an mir vorbei gegangen. Und irgendwann hatte ich mich dann wieder davon getrennt.

Peter:
Du machst ja heute deine beruflichen Sachen fast alle mit dem Computer und jeder Menge VSTs,  da es einfach schneller geht. Wieso hast du hier noch so viele Hardware-Synthies stehen?

Siggi:
Pure Liebhaberei! Ich bin damit groß geworden.

Peter:
Werden all die schönen Hardware-Synths dann gar nicht mehr benutzt für deine Arbeit?

Siggi:
Oh doch, doch … es ist nicht so, dass ich ausschließlich mit VSTs arbeite. Ich benutze die Hardware Synths schon auch noch in Produktionen, wenn es die Zeit irgendwie zulässt. Ich habe so ein Event Movie gemacht: „Das Mädchen mit dem indischen Smaragd“. Da habe ich ganz viel mit DSI-Synthesizern und vor allem dem Prophet-12 gemacht. Auch mein Matrix-12 war mit von der Partie. Die Kombination vom breitem analogen Sound mit klassischen indischen Instrumenten hat allen sehr gut gefallen. Das hängt einfach vom Projekt ab. Den Novation Peak, der übrigens auch hervorragend polyphonen Aftertouch versteht, habe ich auch schon öfters in neuen Projekten eingesetzt. Wenn der DECKARDS DREAM dann mal wieder funktioniert, ist er mit Sicherheit bei einigen Projekten mit dabei.

Peter:
Womit wir wieder am Anfang unserer Geschichte wären, dem DECKARDS DREAM, der ja heute leider einfach nicht wollte. Lieber Siggi, ich möchte mich für das ausführliche Interview ganz herzlich bedanken und denke, wir müssen das Interview baldigst vorsetzen … spätestens dann, wenn dein DECKARDS DREAM wieder am Start ist.

Siggi:
Hat mich auch gefreut, Peter.

Wie versprochen, werden wir demnächst sicher einige von Siggis Synth-Raritäten oder Exoten noch gemeinsam mit Siggi in Wort und Bild vorstellen. Pläne gibt es da genügend, jetzt muss sich nur mal wieder ein freies Zeitfenster in Siggis gut gefüllten Terminkalender auftun. Aber … wir bleiben dran.

Forum
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    AMAZONA Archiv

    Eines der besten Interviews. Seit langem. Danke, und weiterhin viel Erfolg, Siggi!

      • Profilbild
        lena  

        Daumen nach oben!!!! (Ich hätte es vielleicht nicht ganz so krass ausgedrückt, aber mit der PC wird es schon oft sehr übertrieben)

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        TobyB  RED

        Hallo Tom,

        für sowas bin ich zu alt :-D Ich kenn hier drei Orte weiter ein Tonstudio, welches von einer „FKK World“ eingerahmt ist.

  2. Profilbild
    Trance-Ference  

    Ich stimme meinen Vorrednern zu, ein tolles Interview was sich spannend liest…besonders wie das so in den 80ern war.
    Die Synthsammlung von Siggi ist schon enorm. Da kann man glatt neidisch werden :-D

  3. Profilbild
    psv-ddv  AHU

    Danke für das sehr sympathische Interview!! Das Lesen hat viel Spass gemacht.
    Sigi Müller’s Antworten erinnern mich mal wieder daran, warum ich trotz Erfolgs die professionelle Filmmusikproduktion in den 90gern an den Nagel gehängt habe.
    Den leider unlängst verstorbenen Rainer Boldt kannte ich auch, das war Einer von den Guten.

  4. Profilbild
    Synthie-Fire  AHU

    Jupp, der 2. Teil gefällt mir auch sehr gut.
    Hoffe er hat bald Zeit für eine weitere Fortsetzung.
    Würde bestimmt gut ankommen ;-)

  5. Profilbild
    Ashatur  AHU

    Nach langem Flachliegen das erste was ich hier mal wieder gelesen hatte und ich war gebannt von dem herrlich ehrlichen Gespräch.

    Und ich muss sagen bei Peter`s Art zu schreiben und erlebte Eindrücke wörtlich so darzustellen das man denken könne man wäre selbst dabei gewesen entzückt mich immer wieder auf ein neues.

    Vielen Dank :-)

  6. Profilbild
    ISE500  

    Bisschen unnötig, das K-Wort in der Headline, welches jetzt für immer mit dem Künstler assoziiert werden könnte.

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