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Interview: Thomas P. Heckmann – Body Music

2. Juni 2018

Techno-(Heck)mann is back!

Thomas P. Heckmann

Thomas P. Heckmann ist seit Langem erfolgreich in der internationalen Technoszene unterwegs und hat sich als Produzent, DJ und Mastering-Engineer fest etabliert.
Nach mehr als 25 Jahren im Musikgeschäft blickt er auf unzählige Veröffentlichungen in unterschiedlichsten Genres elektronischer Musik zurück, war und ist Betreiber von zahlreichen Labels und hat nebenbei eine der größten Synthesizer-Sammlungen Deutschlands.

AMAZONA.de war zu Gast in seinem Studio in Mainz und sprach mit ihm ausführlich über die Entstehung seines neuen Albums „Body Music“, seinen Produktionsstil, Mastering und viele andere Themen.

Vorab noch ein paar Empfehlungen zum Thema Techno:

Außerdem haben zwei Reportagen zusammengestellt mit ausgezeichneten:

In diesen findet ihr, umfangreich dokumentiert, die besten Video-Dokumentationen zum Thema Techno.

Eine kleine Auswahl an TB-303s

Amazona.de:
Dein neues Album „Body Music“ wirkt wie eine Reise durch die unterschiedlichen Musikstile, denen du dich im Verlauf deiner Karriere gewidmet hast. Es reicht von Elektro über EBM, Techno, Acid bis hin zu recht funkigen Grooves.
Wie kam es dazu?

Thomas P. Heckmann:
Ich habe mir ehrlich gesagt nicht so viele Gedanken darüber gemacht. Der Ursprung war, dass ich unbedingt mal wieder ein Album machen wollte. Das letzte Album von mir war auf Nachtstrom herausgekommen und ging mehr in die Richtung Industrial und EBM. Ich hatte dazwischen zwar viele Maxis raus, aber ein Album hat doch irgendwie mehr Substanz. Natürlich ist es auch immer eine Sauarbeit.

Amazona.de:
Dieses Mal hast du es auf Monnom Black, dem Label von Dax J veröffentlicht.

Thomas P. Heckmann:
Genau, just in dem Moment, wo ich da mit angefangen habe, fragt mich Dax J, ob ich eine Maxi für ihn machen könnte. Da habe ich ihn gefragt, ob er auch Bock auf ein größeres Projekt hätte – sprich ein Album. Er meinte „ja klar“, dann habe ich ihm verschiedene Tracks geschickt und irgendwann wurde daraus ein dreifaches Vinyl-Album, was ich geil finde, weil ich so was noch nicht hatte.

Amazona.de:
Wie verlief die Zusammenarbeit?

Thomas P. Heckmann:
Die ganze Albumproduktion ist selbstverständlich von mir, auch das Coverdesign, aber der Rest drum herum, der Vertrieb und die Promotion ist komplett aus meinen Händen, also kann ich diesmal nur Künstler sein – und das ist richtig cool.
Der Vertrieb läuft über Triplevision, das ist eine ganz andere Verteilung als das, was ich sonst mache und so merken die Leute auch, dass es den Heckmann noch gibt – auch wenn ich nie weg war. (lacht)
Mit Dax J ist sogar eine Freundschaft daraus entstanden und auch die nächsten Maxis, das ist eine Remix-Maxi vom Album und eine Neue von mir, erscheinen dann bei Monnom Black – vielleicht noch dieses Jahr, wahrscheinlich aber nächstes Jahr.

Body Music ist als dreifache Vinyl, CD oder bei diversen Streaming Anbietern (siehe Links) erhältlich

Amazona.de:
Inwieweit knüpft „Body Music“ an dein Album aus dem Jahre 2006 „Electronic Body Music“ an?

Thomas P. Heckmann:
Dax hatte die Idee, dass wir vielleicht an meine Maxis EBM.1 und EBM.2, die ich Ende der 90er Jahre herausgebracht habe, anschließen sollten.
EBM.3 als Album Titel lief mir dann aber zu sehr in derselben Schiene, weil da ja auch andere Sachen drauf sind. Dann hab ich mich für „Body Music“ entschieden, das ist universeller. Außerdem mache ich ja auch keinen richtigen EBM, das ist ja heutzutage vielmehr mit Gesang, aber ich nenne es EBM, weil auch meine „Welt in Scherben“ oder „Heckmann“ Sachen – das weiß ich von vielen Bands aus der Ecke – die Szene beeinflusst haben. Deshalb schließt sich der Kreis da wieder.

Amazona.de:
Was hat es mit dem Cover auf sich? Es erinnert ein wenig an den Rorschach-Test, ein psychodiagnostisches Verfahren.

Thomas P. Heckmann:
Ich bin ein großer Fan von Fotografien aus den 50er und 60er Jahren und habe auch viele Bücher aus der Zeit. Die Vorschläge, die vom Grafiker kamen, waren wie sonst immer mit einem Bild und dem Namen drauf, das hatte aber irgendwie keinen Bezug zum Album.
Da wollte ich das selber machen und hatte nach 5 Minuten genau dieses Bild, eine alte Fotografie, gefunden. Ich wollte auf gewisse Art und Weise etwas Ikonisches, das zu dem dreifach Vinyl Album passt. Außerdem sind auf der Fotografie gespiegelte Körper hintereinander zusehen, was wiederum zu „Body Music“ passt und ich dachte mir, das würde auch auf einem T-Shirt gut aussehen. (lacht)
Inzwischen habe ich viel gutes Feedback bekommen, weil jeder natürlich etwas anderes darin sieht.

Die Produktion von Body Music

Thomas P. Heckmanns Euroracks

Amazona.de:
Wie sind die Tracks zu „Body Music“ entstanden?

Thomas P. Heckmann:
Mittlerweile mache ich wieder viele Live-Sessions im Studio, ohne Computer. Dabei benutze ich viel von den Eurorack Geschichten, aber auch wieder viele meiner alten analogen Synthesizer, Sequencer und Drum Machines, weil es einfach Spaß macht. Natürlich ist das Ergebnis dann oft sehr linear oder straight, wenn ich dann noch was Frickeliges machen will, übertrage ich es auf den Computer und programmiere ein bisschen etwas.
Im Technobereich heißt es für mich einfach: Start drücken, rumschrauben, was aufnehmen, wenn es geil ist, dann ist es geil, wenn nicht, dann kannst du es wegschmeißen.

Amazona.de:
Gab es neues Equipment, das dich bei der Albumproduktion inspiriert hat?

Thomas P. Heckmann:
Wie gesagt, die Eurorack-Sachen. Es gibt ja viele Module, die Kopien von alten Sachen sind, aber es gibt auch gute Neue wie Make Noise, Erica Synths oder das Braids Modul von Mutable Instruments. Gerade die Bereiche, die die alten Modularsysteme nicht oder nur mit viel Aufwand können, sind spannend, wie zum Beispiel die modernen Sequencer, die ganzen digitalen Module und alles, was in Richtung Buchla geht – das macht dann schon Spaß. Es wird auch immer mehr, aber leider fehlt es mir an der Zeit.
Bei dem Album ist eigentlich immer irgendetwas aus dem Eurorack, das im Hintergrund läuft, gerade diese ganzen flirrigen und metallischen Sounds. Viele der Atmos stammen aus dem Waldorf nw1 Wavetable Modul, die machen viel Bewegung im Hintergrund, so dass man auch bei häufigem Hören immer noch was Neues entdecken kann. Es kommt natürlich auch auf den Track an, zum Beispiel bei „Zeitmaschine“ ist kein Platz dafür, die haut nur auf die Fresse.

Amazona.de:
Wie nimmst du auf?

Thomas P. Heckmann:
Der Großteil der Tracks entsteht in einem Guss bei einer Live-Session, also auch alle Synthdrehereien und Breaks. Die Sachen nehme ich dann im Computer in Stereo auf, manchmal schneide ich dann Parts raus, wenn der Track droht ein bisschen an Energie zu verlieren.

Amazona.de:
Du nimmst keine einzelnen Tracks oder Gruppen auf?

Thomas P. Heckmann:
Nein, meistens nur in Stereo, natürlich durchläuft das vorher eine Effektkette und einen Limiter, damit es nicht zu extrem übersteuert. Ich könnte auch alles separat in 64 Spuren aufnehmen, aber dafür bin ich zu faul. (lacht)

Amazona.de:
Das heißt, wenn nach einer Live-Aufnahme ein Instrument zu laut oder leise ist, war es das?

Thomas P. Heckmann:
Genau, natürlich kann ich im Mastering noch einzelne Sachen ein bisschen hervorheben. Ich hab schon eine gute Aufnahmekette vor dem Computer mit Side-Chain und Parallelkompression. Wenn natürlich ein grober Fehler drin ist, kann ich nichts mehr machen, aber das passiert mir eigentlich nicht.
Heutzutage nehme ich schon noch einzelne Spuren im Rechner auf, damit ich die für Remixe und Live-Auftritte hab, aber sobald sie im Computer sind, klingen sie nicht mehr so wie in der analogen Summierung.

Amazona.de:
Durch welche Geräte läuft die Summe?

Thomas P. Heckmann:
Sie läuft durch die P2 Dynamics Toolbox, das hast du diese Blende zwischen Original und Kompressor für die New York Kompression. Damit kann man auch noch schön übersteuern und dann geht es durch eine TL Audio Röhrenkiste und ab und zu noch durch einen Denoiser – das war es.

Amazona.de:
Das heißt, vor der Aufnahme einer Live-Session mischt du die Spuren schon analog vor?

Thomas P. Heckmann:
Selbstverständlich darf bei so einer Aufnahme dann kein Matsch mit drin sein.
Wenn ich den Track aufnehme, klingt er schon so fertig, das alles passt. Natürlich master ich den dann noch, um ihn zu perfektionieren, da kann man schon noch sehr viel machen.

Amazona.de:
Das ist beeindruckend, gerade da du bei der Aufnahme die komplette Song-Performance an den Geräten verrichten musst.

Thomas P. Heckmann:
Ich mach jetzt seit 1981 Musik und hab von der Pike auf mit nichts angefangen, immer nur von Monorecorder zu Monorecorder überspielt. Ich habe mir alles selber beigebracht, auch keine Bücher dazu gelesen. Das hast du dann irgendwann in dir drin.
Natürlich gibt es auch die Fälle, die mir zum live aufnehmen zu schwierig sind, dann übertrage ich alles separat in den Computer, kann das intern mischen oder auf meine Tascam Konsole legen, wobei die Mischungen im Computer meistens nicht so gut klingen.

Body Music – Track by Track

PPG und Moog Modular System

Amazona.de:
Magst du etwas zu der Entstehung der einzelnen Tracks von „Body Music“ sagen?

Thomas P. Heckmann:
Ja, klar.

Amazona.de:
Dann gehen wir mal Song für Song durch: Das Album beginnt mit „Provide the future“.

Thomas P. Heckmann:
Das Intro „Provide the future“ ist ein Electro-Track – ich habe ja früher auch viel Electro gemacht mit „Electro Nation“ – ein sehr frühes Electro-Techno Projekt von mir.

Amazona.de:
Es folgt „Parasomnia“.

Thomas P. Heckmann:
Die Sequenz von „Parasomnia“ ist ein bisschen beeinflusst durch Giorgio Moroder und Patrick Cowley, ein bisschen Acid-House mit Techno drunter.

Amazona.de:
Zeitmaschine?

Thomas P. Heckmann:
Zeitmaschine ist schon relativ alt, das hatte ich noch auf DAT.
Das war letztendlich nur ein ARP Sequencer und eine 909. Der ARP Sequencer hat irgendetwas angesteuert, ich denke mal das war damals ein CMU (Roland CMU-810) oder eine SH-101. Wenn man die anderen Sequencer gestoppt hat, lief der ARP weiter. Als ich dann mit seinem BPM-Regler gespielt habe, sind diese Tempo verschobenen Breaks entstanden.

Amazona.de:
Dann kommt der gleichnamige Track zum Album Titel: „Body Music“.

Thomas P. Heckmann:
Das ist ein klassischer EBM-Track, der im Gegensatz zu „Zeitmaschine“ allerdings ganz neu ist. Das ist so mein EBM-Techno, den ich in den frühen 90ern ein bisschen miterfunden habe, das hat halt früher nur wenige Leute interessiert. Etwas größer waren dann schon die Sachen, die ich Ende der 90er unter „Heckmann“ auf Wavescape veröffentlichte. Dieser ganze Sound ist damals dann aber von den großen Dancefloors verschwunden, weil er in dem ganzen Minimal untergegangen ist. Aber jetzt ist er wieder da und davon kann ich halt auch am Tag 10 Stück machen – wenn ich mal Zeit dazu finde.

Eines von vielen Synthesizer Racks

Amazona.de:
Woher stammen diese flirrenden Metallsounds?

Thomas P. Heckmann:
Die metallischen Sounds, das sind so Ringmodulations- oder FM-Geschichten, bei denen ich die Release oder das Sustain hochdrehe und dann diese flirrigen Fill-Ins für Breaks entstehen. Auch hier ist viel im Hintergrund aus dem Eurorack.

Amazona.de:
Bodywrap ist dann technoider, mit 909 Toms, Tribal-Percussion und diesem schönen Rave-Lead. Bei Cabin Fever wird es dann schon wieder deftiger durch die Distortion-Bassline.

Thomas P. Heckmann:
Das kommt halt daher, weil ich auch an vielen Orten spiele, wo viel Industrial läuft. Da sind dann diese ganz neuen, jüngeren EBM-Jungs, die so Mischungen aus harten und trotzdem interessanten Sounds machen, die nicht nur sinnlos draufhauen, sondern eben schön verrückt sind. Sowas habe ich halt auch schon früher gemacht, aber Cabin Fever ist eben moderner, mit fetter Bass-Drum, dem ganze Eurorack Zeugs, viel Gefuddel und Gefrickel und eben härter.

Amazona.de:
Weißt du noch, was du für die Bass-Drum und den Bass verwendet hast?

Thomas P. Heckmann:
Der Bass war irgendein Synthi, der direkt durch ein Distortion ging.
Die Bass-Drum ist ein eigen erstelltes Sample, über das ich noch irgendetwas Selbstgebasteltes gelegt habe. Das Ganze kommt aus der Elektron Analog Rytm.

Amazona.de:
Wie findest du die Haptik der Analog Rytm?

Thomas P. Heckmann:
Das ist die Einzige, die ich von den Elektron Kisten behalten hab – obwohl ich hab noch den AnalogFour, der vom Sound her ganz gut ist. Den Oktatrack wollte ich eigentlich behalten, aber nach einem Jahr habe ich ihn dann doch wieder verkauft. Die Haptik von Elektron ist noch nicht wirklich zu mir durchgedrungen, bei dem Analog Rytm ist es okay, gerade weil bei dem Neuen ja auch Sampling mit drin ist. Ein paar Sachen sind einfach sehr umständlich gemacht, gerade diese Doppelt-Shift-Geschichten, was bei den MK II Versionen schon besser ist, aber letztendlich doch ähnlich. Da ich aber von der Akai MPC komme, also MPC 60 und 3000, ist die Herangehensweise doch ein bisschen anders, da muss ich im Kopf dann schon wieder umprogrammieren. (lacht) Bei der Analog Rytm ist das aber okay und der Sound ist echt gut.

Roland System-100M

Amazona.de:
„The hand that rocks“ ist wieder ein bisschen langsamer, aber mit einem sehr prägnanten Lead-Synth. Woraus stammt dieser Sound?

Thomas P. Heckmann:
Das sind drei 110-Oszillatoren vom Roland 100 M System, die so einen leicht chordigen Klang machen.

Amazona.de:
Weiter geht es dann mit „Bloody Vacant“.

Thomas P. Heckmann:
„Bloody Vacant“ habe ich schon früher für eine Compilation gemacht. Dieser Bey-oy-oy-Sound ist ein SH-101 durch ein Electro Harmonix Hot Tube Distortion oder Big Muff Deluxe, die ich mit zwei Sequencern gesteuert hab: Der interne für das Filter und alles weitere mit einem Externen. Die Drums kamen aus der 909 und das Gezwitscher war irgendetwas Modulares aus dem Eurorack.

Amazona.de:
„No Saint“ eröffnet schließlich den Teil von „Body Music“, in dem die Tracks mehr funky werden.

Thomas P. Heckmann:
„No Saint“ war einer meiner ersten Ableton Tracks die ich gemacht habe, das muss so 1999 oder 2000 gewesen sein. Ich weiß auch gar nicht mehr, woher ich das Vocal-Sample hatte, wahrscheinlich von irgendwelchen Chicago House-Platten. Er ist sehr schnell, 140 BPM oder so und es passiert halt sauviel in der Nummer – das war mir aus damaliger Sicht zuviel, um ihn zu releasen. Lange Zeit konnte ich nichts mit dem Track anfangen, aber inzwischen finde ich ihn wieder sehr geil und spiele ihn auch wieder viel.
Dax J fand den richtig gut, ich hatte ihm den eigentlich nur mal so geschickt.

Amazona.de:
Mit „Acid Head“ hast du noch einen klassischen Acid Track auf deinem Album platziert.

Thomas P. Heckmann:
„Acid Head“ war ursprünglich ein ganz anderer Track, der mir irgendwie nicht so richtig gefiel. Da habe ich einfach nur den Backing Track genommen und eine neue Sequenz mit der 303 draufgelegt. Davon kommen jetzt auch noch ein paar Remixe, einen habe ich schon von CJ Bolland.

Eine kleine Auswahl an TB-303s

Amazona.de:
Dann geht es wieder funky weiter mit „Hardbeatfunk“.

Thomas P. Heckmann:
„Hardbeatfunk“ ist auch schon älter, so Ende der 90er. Da gab es im Technobereich auch viel Funky-Zeugs, immer etwas schneller, so 135 – 140 BPM. Selbst House DJs haben damals ihre Platten bei über 130 BPM gespielt.

Amazona.de:
Und „Drowning“?

Thomas P. Heckmann:
„Drowning“ ist noch relativ neu, den habe ich vor zwei Jahren oder so gemacht. Das sollte eigentlich eine Maxi werden, aber irgendwie habe ich dann verpeilt, sie zu veröffentlichen und darum ist er jetzt auf dem Album gelandet.
Ich hab den Track schon lange vor der Veröffentlichung oft aufgelegt, ohne dass irgendwer ihn kannte und er hat immer gut funktioniert. Diese einfache Sequenz, die irgendwann zum Offbeat wird, baut sich gut auf und dann kommen diese Tschong-Tschong-Breaks mit dem Boss Delay, die es noch intensiver machen.

Amazona.de:
Als Outro kommt dann zuletzt „Departure“.

Thomas P. Heckmann:
„Departure“ basiert komplett auf dem Eurorack. Ich hab zwar viele Speak & Spells, aber hierfür hatte ich das Talko Modul von Polaxis bekommen. Da ist ja der gleiche Sprach-Chip wie in den Speak & Spells drin und daraus stammte dann das „Departure“. Für den Bass hatte ich den Make Noise 0-Coast und dann kam noch mehr Eurorack Zeugs dazu.
Irgendwann hat das alles dann so gegroovt und gepasst, dass halt dieser Track dabei heraus gekommen ist. Ursprünglich war er 15 Minuten lang, aber ich habe ihn doch noch mal ein bisschen gekürzt, damit er auf das Album passte.

Tunefish Modular Drax Braids Edition

Tunefish Modular Drax Braids Edition

Amazona.de:
Du bietest auch ein eigenes Modul im Eurorack Format an, das in der Zusammenarbeit mit Tunefish Modular entstanden ist. Wie kam es dazu?

Thomas P. Heckmann:
Die Idee, einen dreifachen Clone des Braids Macro Oszillators von Mutabel Instruments mit meinem Drax-Logo zu bauen, kam von mir, die Umsetzung hat dann Tunefish Modular übernommen.

Amazona.de:
Die Informationen dazu sind ja im Netz eher spärlich.

Thomas P. Heckmann:
Tunefish Modular muss noch etwas an seiner Internetpräsenz arbeiten, daher ist das Modul momentan auch nur bei eBay oder direkt bei mir erhältlich. Den Break-even-Point haben wir aber schon erreicht.

Thomas P. Heckmann – Trope Mastering

Amazona.de:
Wann hast du mit dem Mastering angefangen?

Thomas P. Heckmann:
Mastering mache ich schon sehr lange, eigentlich habe ich es immer schon selber gemacht. In den 90ern hatte ich eine Zeit lang in England ein Presswerk, die meine Sachen gepresst und immer noch ein bisschen nachgemastert haben. Das war vom Sound her viel besser als das, was ich gemacht hatte.
Anfang der 90er habe ich noch nicht mal Kompressoren benutzt, sondern mit dem Mischpult Signale übersteuert, das war auch eine Form der Kompression. Aus heutiger Sicht hört man natürlich, dass diese alten Produktionen nicht perfekt waren.
Für andere Leute zu mastern, habe ich erst um 2006 herum angefangen, mit Andreas Kauffelt und der „Schnittstelle“ (Mastering Studio). Da habe ich auch Vinylschnitt gemacht, als sie noch in Frankfurt waren. Das mach ich auch heute noch.

Amazona.de:
Machst Du das Mastering nur für deine Labels oder auch für jedermann?

Thomas P. Heckmann:
Ich master eigentlich für jeden, der mich anfragt, vorausgesetzt der Mix passt. Wenn da jemand ankommt und der hat eine Bass-Drum bei 150 Hz und untenrum ist dann irgendein anderer Quatsch, dann weiß ich, es macht keinen Sinn, weil das Master wird danach nicht gut klingen. Das Master kann nur so gut werden, wie der Mix den ich kriege.
Daneben mache ich aber auch viel Restaurationsarbeit, sprich alte Plattenaufnahmen und Tapes retten. Es ist schon geil, was die digitale Welt dafür an Möglichkeiten bietet. Ich nenne das forensisches Mastering.

Amazona.de:
Du hast ja auch eine große Auswahl an feinstem Mastering-Outboard. Welche Geräte sind deine Favoriten?

Thomas P. Heckmann:
Ich mag den AMS Neve 33609, wobei ich ihn modifizieren musste. In der Outputstage war ein Widerstand eingebaut, der die Höhen um 4 dB weggenommen hat. Das Original hatte den auch nicht. Ich hab ihn dann abgeknipst und schon waren die Höhen wieder da.
Ansonsten ist er sehr flott und macht einen sehr schönen, kompakten Sound für alle möglichen Tracks, selbst wenn der Kompressor gar nicht arbeitet, öffnet er den Klang.
Genauso wie die ganzen Röhrensachen, Manley Massive Passive, Gyraf Audio Gyratec Equalizer oder der Drawmer S3, die schaltest du einfach nur an. Das reicht schon, weil die Röhren und Analogketten bereits den Sound öffnen, was im Computer einfach oft nicht so funktioniert.

Amazona.de:
Neben all der neueren Masteringhardware, hast du aber natürlich auch einiges an Vintage Studio Gear.

Thomas P. Heckmann:
Ja, die alten DBX Kompressoren liebe ich, weil die einfach so brutal schnell sind.
Den Urei 1178 mag ich wiederum, da er softer ist und so schön groovig pumpen kann.
Aus der DDR habe ich auch noch einen uralten Equalizer, den VEB W 735/1, die Höhen sind echt der Hammer.

Amazona.de:
Für welchen Teil des Mastering Prozesses nutzt du den Rechner?

Thomas P. Heckmann:
Bei dem analogen Mastering verschieben sich schnell durch die Geräte die Phasen, da ist es dann oft besser, auch mal einen digitalen EQ mit einzubringen, weil du damit viel sauberer arbeiten kannst. Manchmal will oder soll man halt auch nichts am Sound verändern, gerade wenn es analytisch sein soll. Ich mag natürlich immer lieber die Sachen, die auch ein bisschen Charakter haben, aber ich zwinge den Kunden nicht meinen Sound auf.

Thomas P. Heckmann – Labels und Managment

AFU Limited

Amazona.de:
Du bist bekannt dafür, jeden Schritt in deinen Produktionen selber zu machen, also vom Komponieren über das Aufnehmen und Mischen bis hin zum Mastern.

Thomas P. Heckmann:
Ja genau, das ist nicht unbedingt immer der beste Weg, aber ich habe es halt immer so gemacht.

Amazona.de:
Dein Booking und Management verwaltest du auch komplett selbst?

Thomas P. Heckmann:
Größtenteils schon. Für das Booking habe ich auch ein paar Agenturen – mache nichts exklusiv – und hab Trope Booking und Trope Mastering.

Amazona.de:
Es fällt etwas schwer, die Übersicht über all deine Labels zu behalten, welche gibt es aktuell noch?

Thomas P. Heckmann:
Im Moment habe ich nur ein Label, das ist AFU Limited. Die anderen gab es alle früher:
Trope Recordings war mein erstes, dann AFU Music – das hat immer mit Geldproblemen mit Vertrieben zusammengehangen. Außerdem gab es noch Wavescape mit dem Sublabel Sub-Wave und AFU Lab, wobei das jetzt am auslaufen ist. Ich mach halt AFU Limited weiter, das ist jetzt mein Hauptding.

Amazona.de:
Du warst auch eines der Neuton-Opfer?

Thomas P. Heckmann:
Ja, ich war eines der Neuton-Opfer. (lacht)

Amazona.de:
Sind es die schlechten Erfahrungen, weswegen du fast alles selber machst?

Thomas P. Heckmann:
Nein, das kommt eher durch meine Postpunk-DIY-Prägung.
Ich bin halt mit dem ganzen Electrokram Ende der 70er, Anfang der 80er aufgewachsen. Die Sachen haben mich absolut umgehauen, Donna Summers „I feel love“ war so ein Schlüsselerlebnis. Das lief immer als Instrumentalversion im Vorspann zu „Science Fiction“ im ZDF, genauso wie der Vorspann zum „Phantastischen Film“. Ich kannte zwar schon durch meine Eltern Kraftwerk, Jean-Michel Jarre und Pink Floyd, aber das war für mich völlig neu. Auch Gary Numan, Human League und Depeche Mode.
Dieses DIY-Ding von DAF, Mute- oder Factory-Records hat mich total begeistert, gerade die Blue Monday Maxi von 1983, wo überhaupt nichts draufstand und nur eine Diskette auf dem Cover abgebildet war – die haben bei jedem Exemplar sogar noch drauf gezahlt. (lacht)
Ich fand das einfach geil, alles selber zu machen, da bin ich drauf hängengeblieben.
Das ist aber nicht immer die beste Lösung, darum gebe ich auch Grafik und Bookings manchmal ab. Ich arbeite halt sehr effizient und mache es daher gerne schnell selbst, bevor ich es anderen Leuten zehn Mal erklären muss.

Amazona.de:
Wahrscheinlich auch, um die Kontrolle über dein Schaffen zu behalten?

Thomas P. Heckmann:
Ich bin kein Control-Freak, aber wenn ich etwas rausgebe, dann muss es schon so sein, dass es mir passt.

Thomas P. Heckmann – Auflegen und Live

Amazona.de:
Wie geht es dieses Jahr bei dir weiter? Tourst du noch ein bisschen zu dem neuen Album?

Thomas P. Heckmann:
Jetzt mach ich erst mal drei Wochen Urlaub und danach steht eigentlich jedes Wochenende das volle Programm mit Auflegen an.

Amazona.de:
Spielst du auch noch live?

Thomas P. Heckmann:
Ich hab sehr lange viel live gespielt, aber es wird halt auch immer schwieriger, alles zu kriegen, was man haben will. Entweder ist es nicht das richtige Mischpult oder irgendetwas ist daran defekt. Ich hätte auch mal wieder Bock, live zu spielen, aber dann müssen auch alle Voraussetzungen passen.

Amazona.de.
Legst du noch mit Vinyl auf?

Thomas P. Heckmann:
Nein, inzwischen mache ich alles mit dem Computer. Nach dem Umbruch von Vinyl zum Rechner hab ich es auch immer häufiger erlebt, dass Plattenspieler bei Partys noch nicht mal angeschlossen waren oder – noch besser – auf dem gleichen Tisch mit den Boxen standen.
Da ist man schon froh, wenn man einen Laptop dabei hat. Außerdem bin ich viel flexibler durch die ganzen Möglichkeiten und kann, wenn ich Lust hab, „on the fly“ einen Remix machen.
Das macht schon Spaß, ich verbringe inzwischen auch viel mehr Zeit mit der Vorbereitung im Studio für diese Sets, nicht nur für die Remixe, sondern auch für das Remastering von irgendwelchen Classic-Tracks, die einfach alle scheiße klingen, gerade im EBM Bereich. Da kann ich schon mal drei Tage für die Vorbereitung von zwei Sets fürs Wochenende verbringen. Tatsächlich ist das viel mehr Arbeit, im Gegensatz zu der Zeit, als ich noch mit Vinyl aufgelegt habe.

Amazona.de:
Noch eine gemeine Frage zum Ende: Wie ist es, als Underground-Szene-Größe in der „Ultimativen Chartshow“ bei RTL neben Oliver Geißen auf dem Sofa zu sitzen?

Thomas P. Heckmann:
Ich hab da keine Berührungsängste. Lustigerweise hatten die mich angefragt, weil die unbedingt mein Moog System als Deko für ihr 80s-Synth-Pop-Special haben wollten. Außerdem sollte ich den „Around The World“ Talkbox-Sound vorführen.
Das Lustige daran ist, dass ich am Vorabend mit Freunden einen saufen war und es mir extrem schlecht ging, weil ich einen tierischen Kater hatte – das sieht man in der Show nicht so.

Amazona.de:
Du wirktest schon sehr souverän.

Thomas P. Heckmann:
Manche Sachen waren auch echt absurd in der Sendung: Keine Ahnung was Roxette mit Synth-Pop zu tun haben sollen. (lacht)
Der Geißen konnte mit mir auch überhaupt nichts anfangen. Der ist halt so ein Showmaster, der mit Experten nicht umgehen kann und mich dann ein bisschen als Nerd darstellen wollte.
Mein Highlight war eher Backstage, mit Jean-Michel Jarre über Electro Harmonix Effekte zu diskutieren. Auch die Jungs von „Human League“ und einen von „Space“ habe ich da kennengelernt.

Amazona.de:
Thomas, vielen Dank für dieses ausführliche Interview und viel Erfolg mit deinem neuen Album.

Thomas P. Heckmann:
Gern geschehen, es war mir eine Freude.

Forum
  1. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Interessantes Interview. Jedoch bei der unglaublichen Menge an Equipment stellt sich mir die Frage ob das die Kreativität noch anregt oder eher verscheucht. Für mich zumindest wäre es zuviel des Guten. Aber als echter Freak kann es wohl nie genug sein.

    • Profilbild
      Monolith2063  

      Ich glaube, das muss jeder für sich selbst entscheiden. Manche Menschen kommen besser mit Minimalmitteln zurecht, andere haben gerne viel Equipment zur Auswahl und haben auch keine Probleme mit der Übersicht. Allerdings sammelt er nicht nur an, er schmeisst auch Sachen wieder raus. Ich habe vor vielen Jahren mal einen Roland VP 330 von ihm zu einem sehr fairen Preis gekauft und direkt bei ihm in Mainz abgeholt. Da hatte er auch schon extrem viele Synthesizer in seiner Burg. Daher ist da wohl auch immer mal Bewegung drin, was ja auch gut ist.

  2. Profilbild
    Ruby  

    Danke, ein Gourmet-Interview! Aber was hat es mit diesem „Neuton“ auf sich, was soll das sein?

    • Profilbild
      dilux  AHU

      neuton war ein deutscher platten-vertrieb, dessen konkurs 2008 viele deutsche labels mit sich riss, darunter auch echte perlen, wie z.b. force inc.

    • Profilbild
      TobyB  RED

      Hallo Ruby,

      guck dir mal bei discogs die Liste der Releases an. Die Meldung der Insolvenz hat 2008 schon eingeschlagen, https://bit.ly/2J4Pirf . Wie Dilux schreibt, waren davon etliche Perlen betroffen. Das hatte nicht nur im Rhein Main Gebiet Auswirkungen.

      • Profilbild
        Ruby  

        Hey, danke für die Info. Ist völlig an mir vorbeigegangen. War aber ungefähr genau die Zeit als ich das Plattensammeln aufgab. Trotzdem schade.

  3. Profilbild
    tomk  AHU

    Sehr interessantes Interview, absolutes „Fist in your Face“ Album!
    Die Aufnahmequelle die tph nach seiner Masteringkette nutzt würde mich interessieren! Denke es wird eine Bandmaschine sein? ABER … irgendwann muss dat Dingens dann doch in die Box, sonst könnte es ja gar nicht digital gelauscht werden. Soll heißen: was bringt diese Zwischenstation? Irgendwann findet dieser Verlust ja doch statt. Oder geht es auschließlich um Bandsättigung? Da hätte der Interviewer aus meiner Sicht gerne tiefer bohren können …
    @großer Fuhrpark
    Warum sollte man immer mit der Familienkutsche unterwegs sein wenn man ein Rennen im Sinn hat, oder gar eine Geländetour. Wichtig ist das man seinen Fuhrpark und dessen Vorzüge kennt, und zur richtigen Zeit das richtige Werzeug wählt. Anders gesagt: Wer baut denn schon sein Haus nur mit einer Pumpenzange!

  4. Profilbild
    tomk  AHU

    Bei der System 100-M Wand bekomm ich echt nen Ständer … WAHNSINN wie geil!!!!!!!!!!
    Die Sequence aus „the hand that rocks“ rockt aber auch sowas von.

  5. Profilbild
    Max Van Allen  

    Guter Mann. Drax ltd. Amphetamine. Was für ein geiler track das ist. Ich habe mich Ende der 90er mal in einem Forum (keyboards oder keys, keine Ahnung mehr) erkundigt, mit welchem Synth er das Hauptthema gemacht hat. Da meldete sich dann tatsächlich jemand, der behauptete, mit Heckmann befreundet zu sein und wisse, dass es ein Arp Odyssey war. Bedauerlicherweise habe ich mir aber damals diesen Synth nicht geshoppt. Da gabs die noch für einigermaßen lau. Was ich mir allerdings kaufte war ein PPG Wave. Ich bin fast vom Stuhl gefallen, als ich den PPG anschmiss und der erste Sound, der da rauskam war exakt der Introsound (die ersten 5 Sekunden oder so) von eben jenem „Amphetamine“.

  6. Profilbild
    solartron  

    Sehr sympathisches Interview…

    Kommentar zum letzten Bild:

    „Zwei ‚gestackte‘ Jupi-4s ergeben noch keinen Jupi-8.“ 😉

  7. Profilbild
    NightFight

    Kann mir einer sagen was man so für ein Musickstück mit ca. 10 Min. länge hinlegen muß´fürs Mastern ?

  8. Profilbild
    richard  AHU

    Tolles Interview von einem tollen Künstler. Das Schaffen von Herrn Heckmann verfolge ich seit der „Welt in Scherben“ Reihe. Da bin ich jetzt mal gespannt auf das neue Album.

  9. Profilbild
    GioGio  AHU

    Ich bin erstaunt, dass der Thomas häufig seine Sessions in einer Stereosumme aufnimmt. Es durchwandert zwar lau seiner Aussage einen Limiter, aber mit Abmischen einzelner Spuren ist ja dann nix mehr. Da mach ich mir Gedanken, wie man während einer Live-Session alles als Einzelspuren aufnehmen könnte und ärgere mich, dass kein Platz mehr für einen Riesen Mischer vorhanden ist und dann geht das auch alles anders…?!
    Ich dachte immer, wenn, dann müsste man so eine dermaßen optimale Akustik haben, dass das was man während der Sessionaufnahme hört auch ungefähr das ist, was sich dann wirklich auf der Aufnahme befindet. Man kann ja schließlich die Geräte von vornherein so einstellen, dass nicht mehr viel gemischt werden muss und z.B. weder Maskierungen stattfinden, noch unerwünschte Lautstärkeunterschiede bei Gruppen, wie z.B. Drums. Außerdem müsste man dann Kompression (z.B. Bass/Bassdrum) auch schon vorher in der Kette machen. Hmmm…
    Vielleicht kommt es stark auf die Musik an, aber vielleicht kennt sich der Thomas auch einfach so gut mit dem Mastering aus, dass er da noch einiges rausholen kann. Die Frage wäre wieviel Erfahrung das erfordert und ob ich schlicht zu ängstlich für einen solchen Weg bin.
    Falls sich jemand oder Thomas dazu äußern könnte, wäre ich dankbar (wenn auch länger her)
    Danke Thomas für Deine Mucke u. das Interview :)

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