Vom Jazz-Schlagzeuger zu Front 242 zum Finger-Drummer
Viele dürften Tim Kroker als langjährigen Drummer der legendären EBM-Band Front 242 kennen. Was er mit Jazz, Finger-Drumming und ausgefallenen Instrumenten am Hut hat, erzählt er mir in unserem großen AMAZONA.de-Interview.
Inhaltsverzeichnis
Vom Akkordeon zum Jazz-Schlagzeuger, der EBM-Drummer wurde
Wer sich einmal mit der Geschichte der Electronic Body Music, kurz EBM befasst hat, hat definitiv schon einmal von Tim Kroker gehört. Seit der Wiedervereinigung der Band Front 242 im Jahr 1997 war er als Drummer maßgeblich für den stilprägenden Live-Sound der Band verantwortlich.
Dabei startete Tim, der ein Studium als Jazz-Schlagzeuger abschloss, seine musikalische Laufbahn am Akkordeon und kam zu Front 242 eher wie die berühmte Jungfrau zu dem Kinde. Wie eine Lebensphase auf Bali ihn zum Finger-Drumming brachte, warum er so für die ausgefallenen Geräte von SOMA brennt und was er mit dem Sample Music Festival in Berlin zu tun hat, erzählt er mir in unserem ausführlichen Interview.
Sonja:
Bis vor Kurzem warst du als Drummer in der sehr erfolgreichen EBM-Band Front 242 aktiv. Wie bist du Teil von Front 242 geworden und wie bist du überhaupt zur Musik gekommen?
Tim:
Musik spielte schon immer eine zentrale Rolle in meinem Leben. Kurioserweise begann meine musikalische Laufbahn mit dem Akkordeon, ich wechselte jedoch schon bald zum Schlagzeug – meinem heutigen Hauptinstrument. Später studierte ich Schlagzeug mit dem Schwerpunkt auf Jazz und Popmusik. Mit elektronischer Musik hatte ich damals allerdings noch nichts am Hut.
Als elektronische Musik in den 90er-Jahren vielfältiger wurde, entdeckte ich neben Drum & Bass auch Gruppen wie The Prodigy und Björk für mich. Mein erstes rein elektronisches Projekt war Sabotage Q.C.Q.C., die zu diesem Zeitpunkt von Mitgliedern von Front 242 produziert wurden. Ironischerweise kannte ich Front 242 damals noch gar nicht – und bin 1997 eher zufällig in die Rolle des Schlagzeugers der Band hineingerutscht.
Es ist immer gut, wenn man offen ist für Chancen, die sich einem bieten, man sollte sie ergreifen und einfach machen.
Sonja:
Wie war es vor dem Hintergrund deines Studiums dann für dich, Drums in einem Genre zu spielen, das ja vorrangig für den Einsatz von Drum-Machines bekannt ist? Gab es für dich ein Spannungsverhältnis zwischen menschlicher Dynamik und dieser elektronischen Präzision?
Tim:
Tatsächlich konnte ich mit elektronischer Musik in den 80er-Jahren wenig anfangen – die Drums wirkten auf mich oft eintönig und man hörte deutlich, dass sie aus dem Drum-Computer kamen.
In den 90er-Jahren änderte sich vieles. Durch bessere Samples und den Einsatz kompletter Loops wurde elektronische Musik für mich plötzlich viel lebendiger. Ich fand es spannend, elektronische Grooves auf mein akustisches Schlagzeug zu übertragen. Besonders fasziniert haben mich die Drum & Bass Rhythmen, die ursprünglich von alten Soul- und Funkplatten gesampelt wurden. Diese zerschnittenen und hoch gepitchten Grooves nachzubauen, hat mir besonders viel Spaß gemacht.
Aber auch zu einem Klick zu spielen, hat mich nie gestört und es langweilt mich auch nicht, über längere Zeit dasselbe zu spielen, wenn es die Musik verlangt. Vor allem, wenn die Musik gut ist, spiele ich gerne mal eine Stunde lang das Gleiche.
In meiner Anfangszeit bei Front 242 dachte ich, dass ich viele Besonderheiten in mein Spiel einbringen muss. Doch der Wunsch der Bandmitglieder war immer: Spiel doch bitte etwas ganz Einfaches. Das fand ich zu Beginn befremdlich, doch im Laufe der Zeit habe ich eingesehen, dass ich mich nicht ständig neu erfinden oder meine Licks & Tricks präsentieren muss. In einem Interview hat mal jemand gesagt, dass der Sänger seinen Gesang ja auch nicht ständig neu erfindet. Genauso sehe ich es auch.
Ich versuche nur so viel zu spielen, wie der Song wirklich braucht – ohne ihn zu überladen. Aber alles, was ich spiele, versuche ich natürlich so gut und genau wie möglich zu spielen. Dennoch bleibe ich ein Mensch und bin keine Maschine.
Die Symbiose von akustischem Schlagzeug und Drum-Machines
Sonja:
Für viele sind Drum-Machines und ein akustisches Schlagzeug noch immer ein Gegensatz. Du hast bei Front 242 aber immer beides miteinander verbunden, richtig?
Tim:
Ja, das stimmt. Heute gibt es Programme mit so hochwertigen Loops, dass selbst ich oft nicht mehr unterscheiden kann, ob ein Sound programmiert oder eingespielt wurde. Aktuell faszinieren mich jedoch wieder verstärkt die Produktionen aus den 80er-Jahren – vielleicht, weil ich sie heute mit ganz anderen Ohren höre und ihre Ästhetik besser verstehe. Die Klangwelt von damals begeistert mich mittlerweile sehr.
In meinen Augen gehört beides zusammen. Nur weil Drums etwas Menschliches haben, sind sie nicht automatisch besser oder schlechter als maschinelle Beats. Spannend wird es, wenn man beides zu einer Einheit verschmelzen kann. Genau das ist aber oft gar nicht so leicht. Manchmal klingt es einfach nicht gut – sei es, weil es nicht präzise genug gespielt oder nicht richtig quantisiert ist. Dann hilft nur eins: dranbleiben. Ein Geheimrezept gibt es dafür nicht.
Teilweise ist es auch gut, einfach alles zu quantisieren – aber es hat bei mir lange gedauert, bis ich das wirklich verstanden habe. Das erste Mal, dass mir das bewusst wurde, war bei einem Konzert von Karl Bartos um das Jahr 2000. Da fiel bei mir der Groschen: Es geht um eine eigene Ästhetik, bei der der Sound bisweilen quantisiert sein MUSS.

„In einer Jazzband würde ich meine Drums nicht quantisieren, weil es dort einfach nicht passt. Das macht das Quantisieren per se aber nicht schlecht.“
Ich versuche deshalb immer, aus beiden Welten zu schöpfen. Wenn ich merke, dass die menschlichen Drums nicht das Richtige sind, quantisiere ich eben doch. Am Ende ist es eine Frage des Geschmacks und vor allem dessen, was der Song oder die Band gerade verlangt.
In einer Jazzband würde ich meine Drums nicht quantisieren, weil es dort einfach nicht passt. Das macht das Quantisieren per se aber nicht schlecht.
Sonja:
Wie genau sah dein Setup bei Front 242 konkret aus?
Tim:
Front 242 hatte ja bis zu meinem Einstieg nur selten mit Schlagzeugern gearbeitet. Es war also für alle neu und ich habe zunächst ganz normal mein akustisches Set gespielt. Das war 1997. Damals gab es im Hinblick auf elektronische Drums auch noch nicht so viel.
Wir haben aber schnell festgestellt, dass es sehr kompliziert wurde, wenn man immer sein gesamtes Set mitschleppt oder sich beispielsweise in Spanien eins ausleiht. Ein geliehenes Set ist letztlich auch nie so, wie man das gerne hätte.
1998 kam von Roland das erste V-Drum auf den Markt. Eines der ersten elektronischen Schlagzeuge mit Mash-Heads. Und da Front 242 zu Roland in Belgien sehr gute Beziehungen hatte, haben sie uns eins gestellt. Dieses Set hat das Reisen natürlich extrem vereinfacht. Damals aber noch mit richtigen akustischen Becken. Erst 2005 wurden auch die Becken durch eine elektronische Variante ersetzt.
In den letzten 5 Jahren habe ich dann, angelehnt an die 80er-Jahre, ein E-Standschlagzeug gespielt. Das hat großen Spaß gemacht und ich habe noch nie so schnell mein Schlagzeug auf- und abgebaut. Da wir das Equipment selber in ganz normalen Koffern transportiert haben, war es sehr wichtig, dass es nicht zu schwer und groß ist.
Wir haben zum Schluss auch wieder die originalen Drum-Sounds verwendet. Die Samples von damals klingen super. Wir nutzten das Roland TM6, da man in die V-Drum Modelle (jedenfalls bis TD-30) keine eigenen Samples laden konnte.
Das war für den original Front 242 Sound sehr wichtig. Und was die Pads betrifft, so haben wir wirklich ganz reguläre kleine E-Pads genutzt.
Sonja:
Du bist also nicht jemand, der ganz besonders auf eine bestimmte Marke schwört?
Tim:
Nein. Die Sachen von Roland waren immer sehr verlässlich, aber ich denke, dass auch die E-Drums von z. B. Yamaha heute sehr, sehr gut sind.
Von der optischen Ästhetik her hätte ich eigentlich gerne Simmons-Pads gehabt. Diese sechseckigen, wabenförmigen Pads sehen toll aus. Aber darauf spielen möchte ich nicht, weil sie zu hart und schlecht für die Arme und Handgelenke sind (reibt sich den Unterarm).
Der Weg zum Finger-Drummer
Sonja:
Du bist ja nicht nur ein „normaler“ Drummer, sondern auch ein Experte in Sachen Finger-Drumming. Wie bist du zum Finger-Drumming gekommen und was fasziniert daran?
Tim:
Zum Finger-Drumming kam ich 2010. Damals lebte ich mit meiner Frau neun Monate auf Bali, Indonesien – natürlich ohne Schlagzeug. Anfangs programmierte ich viel am Computer, merkte aber schnell, dass mich das nicht so erfüllte wie das Spielen eines echten Instruments.
Daraus entstand für mich eine Frage, die mich bis heute beschäftigt: Was ist eigentlich ein Musikinstrument? Was macht es aus, dass ich bereit bin, mich jeden Tag stundenlang damit zu beschäftigen? Ich habe allerdings darauf bis heute keine endgültige Antwort gefunden.
Etwa zu dieser Zeit entdeckte ich auch das Finger-Drumming, das mir sofort riesigen Spaß machte. Auch heute, wenn ich unterwegs bin, finde ich es großartig, in jedem Hotelzimmer mein Instrument dabei zu haben. Zudem lassen sich Finger-Drumming und Schlagzeugspiel wunderbar miteinander kombinieren und integrieren.
Sonja:
Also hast du dir das Finger-Drumming autodidaktisch beigebracht?
Tim:
Ja, denn es gab letztlich keine andere Möglichkeit. Es gab keine Lehrer und man konnte auch nicht einfach in den Laden gehen und sich ein Lehrbuch kaufen. Heute gibt es zumindest ein paar Ressourcen und sogar einen Finger-Drumming-Kurs von mir. Dennoch sind wir noch weit von einheitlichen Regeln und Techniken entfernt.
Vor zwei Jahren hat Yamaha einen speziellen Finger-Drumming-Controller herausgebracht, um das Ganze etwas zu systematisieren. Ich denke, das ist ein guter Ansatz.
Sonja:
Mit welchem Controller hast du vorher gearbeitet?
Tim:
Ich bin relativ schnell zur Native Instruments Maschine gekommen und denke nach wie vor, dass es ein sehr guter Controller, beziehungsweise als Standalone auch ein wirklich eigenes Instrument ist. Vollkommen ohne Computer.
Ich habe auch mal eine AKAI MPC gehabt, aber ich fand es zu kompliziert, in den komplett anderen Workflow hineinzukommen.
Tipps vom Dozenten für Schlagzeug-Anfänger
Sonja:
Du bist ja sowohl Live-Performer als auch Dozent. Unterscheidet sich dein Ansatz in den beiden Feldern sehr?
Tim:
Ich unterrichte in Berlin an der BIMM, der British/Irish Modern Music University. Dort bin ich Schlagzeugdozent und gebe verschiedene Kurse. Natürlich versuche ich, meine Live-Erfahrung einzubringen und vermittle das Wissen, das ich für professionelle Schlagzeuger als besonders wichtig erachte.

Tim Kroker gibt sein Wissen gerne weiter. Sei es als Dozent im BIMM oder wie hier auf dem Sample Music Festival.
In diesem Semester habe ich zum ersten Mal einen Kurs für absolute Schlagzeuganfänger angeboten. Vier Mal zwei Stunden lang wollte ich zeigen, dass jeder mit ein paar Grundlagen direkt loslegen kann. Man muss nicht 100 Jahre studieren, um Spaß zu haben und etwas zu machen, sondern kann einfach starten. Es geht vor allem darum, die Scheu zu verlieren. Mir hat es wirklich viel Spaß gemacht, auf diese Weise mit den Teilnehmern zu arbeiten.
Sonja:
Sicher hast du hier eine ganz andere Herangehensweise als in Seminaren für Leute, die professionelle Schlagzeuger werden wollen.
Tim:
Total! Den meisten Nicht-Schlagzeugern geht es vor allem darum, Songs einfach und solide zu begleiten. Wir haben ganz einfache Grooves erarbeitet, mit denen sich bestimmt 90 % aller Pop- und Rock-Songs begleiten lassen. Schlagzeuger hingegen sind heute – nicht zuletzt durchs Internet – oft extrem technikorientiert. Viele denken, schneller, höher, weiter ist automatisch besser. Im Bandkontext führt das schnell zu Frust, wenn der Drummer ständig nur komplizierte Fills und Breaks spielt. Die Mitmusiker wollen einfach einen soliden Groove, zu dem man gut singen oder Gitarre spielen kann.
Und das ist genau das, was man versucht, den Schülern zu vermitteln. Aber natürlich gibt es auch Bereiche wie z. B. Speed Metal, die darauf beruhen, dass man schnell und kompliziert spielt. Das ist aber nicht meins.
Sonja:
Wenn du jetzt einen Kurs für Finger-Drumming geben würdest, würde dieser sich von deinem üblichen Ansatz ein akustisches Schlagzeug sehr unterscheiden?
Tim:
Also am Anfang würde ich sagen: nein. Es geht zunächst darum, möglichst einfach zu spielen, Spaß zu haben und auf die musikalischen Grundlagen zu achten. Zum Beispiel: Spiele ich mit anderen oder mit dem Playback genau zusammen – also bin ich „In Time“?
Mit den meisten beginne ich mit ganz einfachen Grooves – manchmal nur mit Bassdrum und Snare. Selbst mit nur zwei Instrumenten kann man schon viele Songs begleiten.
Mir ist wichtig zu vermitteln: Man kann sich einfach mit Freundinnen und Freunden treffen und anfangen, Musik zu machen – ohne Druck, einfach aus Freude am Spielen. Später kann man sich dann Tricks und Technik aneignen – genau dann, wenn man merkt, dass man sich weiterentwickeln möchte.
Und wenn man das Gefühl hat: „So wie ich spiele, reicht es vollkommen für das, was ich machen will“, dann ist das genauso in Ordnung.
Tim Kroker über SOMA Laboratories
Sonja:
Einfach mal machen, ist ja auch ein Ansatz, den du im Hinblick auf die Geräte von SOMA verfolgst. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit SOMA Laboratories?
Tim:
Modularsynthesizer sind ja seit einigen Jahren wieder ein großes Thema und ich habe mich gefragt, ob die Art der Bedienung und Haptik mein musikalisches Schaffen beeinflusst. Allerdings habe ich mich nie wirklich herangetraut, weil es ja bekanntermaßen ein Fass ohne Boden ist. Vor zwei oder drei Jahren entdeckte ich dann SOMAs Plusar-23 und dachte mir, dass ich mit diesem abgeschlossenen System vielleicht einfach mal einen Versuch wagen kann.
Ich habe dann ein Video damit gemacht – das hat SOMA gesehen, und offenbar hat es ihnen ziemlich gut gefallen, denn aktuell arbeiten wir zusammen. Ich bin ein riesiger SOMA-Fan – ihre Geräte sind einfach beeindruckend, spannend und wahnsinnig inspirierend.
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Egal ob Terra, Enner oder Flux – die Geräte von SOMA sind durchweg innovativ. Sie ermöglichen einerseits einen intuitiven Einstieg, bei dem man sofort loslegen und frei experimentieren kann, und bieten andererseits extrem komplexe Möglichkeiten zur Klanggestaltung.
Im Selbstversuch habe ich festgestellt, wie stark man vom Layout eines Instruments beeinflusst wird. Durch die angedeutete Klaviatur des Flux habe ich sofort begonnen, Melodien zu spielen. Beim Terra hingegen, mit seinen asymmetrischen Metallknubbeln, war mein Zugang zunächst deutlich experimenteller – ich habe vor allem meine Finger-Drumming-Techniken eingesetzt. Erst mit der Zeit begann ich, es anders zu stimmen und auch melodischer zu nutzen.
Auch in die anderen Geräte wie Lyra 8, Pulsar-23 oder Cosmos muss man sich vielleicht erst ein bisschen hineinfuchsen, aber man kommt erstaunlich schnell zu ersten Ergebnissen und kann sich dann Schritt für Schritt weiter steigern..
Sonja:
Das kann ich absolut unterschreiben. Ich liebe das Pulsar-23, weil es auch für Anfänger ein sehr „gnädiges“ Gerät ist, das einem die Möglichkeit bietet, gleich als Einsteiger erste Erfolge zu erleben.
Tim:
Absolut und ich denke, dass das Interface dich, je nachdem, wie es aufgebaut ist, wahnsinnig beeinflusst.
Beim Pulsar-23 ist es zum Beispiel so, dass man Sequenzen patchen und programmieren kann, die dann gewissermaßen „vor sich hinlaufen“. Und manchmal freue ich mich einfach nur darüber und höre zu. Für mich bietet der Pulsar-23 die ideale Mischung aus Möglichkeiten und Begrenzung.

Analog, digital oder modular: der Ex-Front 242-Drummer ist vollkommen offen. (Photo byAlexander Jung Tales_Konzertfotografie)
Auch nach drei Jahren entdecke ich immer noch Dinge oder probiere neue Kombinationen aus – das finde ich extrem inspirierend. Gleichzeitig überfordert mich das Gerät nicht mit einer Flut an Optionen.
Im Gegensatz dazu habe ich festgestellt, dass mich das Durchhören von etwa 8000 Bassdrum-Samples total überfordert. Nach fünf Minuten habe eigentlich keine Lust mehr, überhaupt noch Musik zu machen. Und dann habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich ja 7.950 Bassdrums immer noch nicht gehört habe. Es könnte auch noch eine viel bessere dabei sein … Dieser Ansatz funktioniert zumindest für mich persönlich nicht.
Bei Pulsar-23 muss ich die Parameter der Bassdrum selber einstellen und freue mich, wenn ich einen passenden Sound gefunden habe.
Sonja:
Was würdest du jungen Musikern oder auch Soundfreaks gerne mit auf den Weg geben, wenn sie sich fragen, wie sie den Spagat zwischen den klassischen Instrumenten und moderner Technik hinkriegen?
Tim:
Ich denke, dass es unglaublich wichtig ist, über den Tellerrand hinauszuschauen. Jeder, der klassische Instrumente spielt, sollte sich durchaus auch mal mit der elektronischen Musik beschäftigen. Und diejenigen, die nur elektronische Musik machen, sollten beispielsweise einfach einmal in die Philharmonie gehen. Es muss einem nicht alles gefallen, aber man sollte offen sein.
Natürlich gibt es auch Sachen, die mir persönlich nicht gefallen. Die kann ich dann, nachdem ich sie kennengelernt habe, erst einmal links liegen lassen. Aber wer weiß, vielleicht gefällt es mir in ein paar Jahren ja doch. Man sollte in meinen Augen weniger kritisch sein und vor allem auch andere Menschen weniger kritisieren und stattdessen einfach selbst neue Dinge ausprobieren. Wenn ich gar nichts mache, dann werde ich natürlich auch nicht an meine Grenzen stoßen und dann schöpfe ich nicht aus, was ich bin.
Der Finger-Drummer auf dem Sample Music Festival
Sonja:
Absolut! Und ganz im Sinne dieser Einstellung wurde ja auch das Sample Music Festival ins Leben gerufen, das du mitorganisierst. Alex Sonnenfeld stand uns in einem tollen Interview ja bereits Rede und Antwort zu diesem herausragenden Event, das sich immer mehr auch für neue Bereiche der Musik öffnet.
In diesem Jahr wird es dort auch zum ersten Mal die SOMA Experience geben, mit der ihr diese Offenheit für andere musikalische Sphären klar demonstriert. Magst du uns darüber etwas erzählen?
Tim:
Ja, gerne. Wie du bereits gesagt hast, findet die SOMA Experience in diesem Jahr zum ersten Mal statt. Das Event richtet sich sowohl an Musiker und Musikerinnen, die bereits Erfahrungen mit SOMA-Geräten haben als auch an diejenigen, die die besonderen Instrumente kennenlernen möchten. Wir möchten einerseits einen Austausch neuer User untereinander als auch einen Austausch zwischen den Leuten, die bereits mit den SOMA-Geräten arbeiten. Und natürlich auch, dass diejenigen, die bisher noch keine Berührungspunkte mit Beatboxing, Scratching und Finger-Drumming hatten, einen Grund haben, zu unserem Festival zu kommen und auch diese großartigen Kunstformen kennenzulernen.

Demos, Workshops und ein Austausch unter Musikern: Tim ist fester Teil des Sample Music Festivals (Photo by Sample Music Festival)
Hierfür wird es dann im Rahmen des Sample Music Festivals, das an den Tagen vom 17. bis zum 20. Juli auf dem RAW-Gelände in Berlin-Friedrichshain stattfindet dann ein Programm an zwei Tagen geben. Am 19. Juli haben die Besucherinnen und Besucher die Möglichkeit, unterschiedliche Geräte von SOMA kennenzulernen und sich mit Experten und erfahrenen Nutzern auszutauschen. Am Sonntag wird es dann auch noch Workshops geben und natürlich geht es auch an diesem zweiten Tag darum, Tipps, Tricks und Erfahrungen auszutauschen. Dieser Austausch kann dann auch ganz praktisch erfolgen, denn an allen Demo-Geräten, die wir in den Noisy Rooms zur Verfügung stellen, werden zwei Kopfhörer verfügbar sein. Man kann natürlich aber auch einfach ganz für sich alleine einfach mal ein SOMA-Gerät ausprobieren und eventuell gleich die Tricks aus den Workshops umsetzen.
Highlight der SOMA Experience wird ein Contest sein, in dem SOMA-Fans in 2 Minuten ihre ganz persönliche Performance zum Besten geben und dann SOMA-Devices gewinnen können.
Gerne würden wir, wenn das Feedback entsprechend positiv ist, diese Events auch regelmäßig stattfinden zu lassen. Die Noisy Rooms sind ein idealer Ort dafür, da wir in unterschiedlichen Räumen verschiedene Angebote machen können.
Unsere Workshops richten sich auch später sowohl an SOMA-Anfänger und –Einsteiger als auch an erfahrene User, die gerne mehr über ihre Geräte lernen wollen. Und auch bei diesen regelmäßigen Events soll der Austausch bei uns im Fokus stehen.
Gesprächskonzerte und offene Räume für Gear-Talk vom Feinsten sind geplant. Und natürlich wird es auch Performances geben, die dem Ganzen ein musikalisches Fundament geben. Dafür müssen wir aber natürlich erst einmal sehen, ob die Musikerinnen und Musiker auf so etwas überhaupt Lust haben. Wir jedenfalls würden es wahnsinnig gerne umsetzen.
Es gibt online so eine lebendige Community und eben jene wollen wir auch offline zusammenbringen. Und wir wollen zeigen, dass diese Community kein geschlossener Kreis ist, sondern wir uns immer freuen, unsere Erfahrungen auch mit interessierten Musikern und Musikerinnen zu teilen, die erst einmal in diesem Bereich hineinschnuppern wollen.
Also, kommt zahlreich zum Sample Music Festival und der ersten SOMA Experience in Berlin-Friedrichshain! Tickets für das Festival bekommt ihr hier. Und für die kostenlose Teilnahme an der SOMA Experience ist eine Anmeldung per E-Mail an die Adresse soma@samplemusicfestival.com erforderlich. Wir freuen uns auf euch!
Vielen Dank, lieber Tim für dieses großartige Interview! Es hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht, war extrem spannend und ich freue mich schon jetzt, beim Sample Music Festival mal über meinen Tellerrand zu schauen!




































Sonja, danke für diesen informativen und interessanten Artikel.
Einfach mal mitmachen, ist kein Leichtes, wenn Schlagzeuger sich von Machinen bedrängt fühlen. Das habe ich in den 90ern auch mitbekommen, als ich den Roland R-8 gekauft habe und unsere Band sich aufgrund der Querelen dazu entschied die Band aufzulösen. 😱
Es ist spannend wodurch sich neue Musikrichtungen auszeichnen… Wie zu lesen ist, kann man sich als Schlagwerker mit den DrumComputern „anfreunden“ und dabei noch ne Menge für seine eigene Laufbahn mitnehmen und lernen.👍
Die Begeisterung für die Sache ist im Artikel sofort spürbar. Und bei Tim gibt es mehr als ein Drumset, an dem er sich festhält. Das erkenne ich als wahre Größe. Euch nochmal für den Artikel: Danke!❤️
Den besten Fingerdrummer kennt ihr? https://youtu.be/fqM7bN3Kc7I?feature=shared😁
@teofilo Was für ein geniales Video😂👍Ich kannte es noch nicht und kann jeden nur empfehlen, ab dem Satz „This is Rock&Roll“ durchzuhalten😉Bombe! Vielen Dank fürs Teilen!
Danke für das interessante Interview!
Als Tim Kroker damals bei Front242 auftauchte, fiel dies in eine Zeit als Sie sich als Band in musikalische Gefilde hineinbewegten, die mich als Fan weniger interessierten.
Dass da jemand mit akademischem Haarschnitt mit einem Akustikset auftauchte habe ich daher zunächst mit Argwohn beobachtet und danach mich anderen musikalischen Vertretern zugewendet.
Allerdings war ich neulich (um dieses F242 Kapitel zu einem runden Abschluss zu bringen) bei deren Abschiedskonzert im Huxleys Berlin und speziell die Performance von Tim hat mich (inzwischen selber elekronischer Drummer) wirklich umgehauen! Beindruckend präzise, musikalisch geschmackvoll, dennoch genregerecht und an keiner Stelle aufdringlich.
Für mich Vorbild für eigene Versuche…