Über das Wunsch-Keyboard und die Kunst der Improvisation
Im ersten Teil des Interviews mit Xaver Fischer ging es unter anderem um die Frage, was einen guten Cover-Sound ausmacht und welche Tipps der Keyboarder mit dem handlichen Equipment im Gepäck hat. Wir klärten die Frage, ob ein virtuell analoger Synthesizer so gut klingt wie an analoger Synthesizer und gegen welches Instrument er sein Roland Fantom XR Modul nach 20 Jahren ersetzte.
Im zweiten Teil unseres Interviews sprechen wir mit dem Keyboarder Xaver Fischer über musikalische Inspiration, die Kunst der Improvisation und das perfekte Keyboard für die Bühne.
Inhaltsverzeichnis
Das Traum-Keyboard
Martin:
Wie sähe dein Wunsch-Keyboard aus?
Xaver:
Ich habe da ziemlich genaue Vorstellungen: Es wäre zweimanualig mit zweimal fünf Oktaven, ähnlich wie eine Nord-C2-Orgel, aber mit Hammermechanik auf dem unteren Manual und einer Synth- oder Waterfall-Tastatur oben. Dazu eine direkte Bedienung wie beim Virus, zusätzlich mit der Funktion, eigene Samples zu laden.
Du machst eine Tasche auf, schraubst die Beine dran, stellst das Ding hin, steckst einen Stecker rein und ein Klinkenkabel und fertig. In einer Minute aufgebaut, in einer Minute abgebaut. Kein Doppel-Keyboard-Ständer, kein Mischpult, keine komplizierte Verkabelung, sondern alles schön in so einem zweimanualigen Ding komplett integriert, das wäre mein Wunsch. Aber leider hat sich keiner von den Herstellern, mit denen ich gesprochen habe, auf diese Idee eingelassen.
Martin:
Was ist (oder war) deine wichtigste Inspiration?
Xaver:
Als Jugendlicher hatte ich nur ganz wenige Platten: eine Best of von Oscar Peterson, eine Best of Chick Corea und Herbie Hancock Mr. Hands. Von den drei Platten hab ich eigentlich alles gelernt.
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Und da kommen dann diese ganzen Inside-Outside, BeBop-Lines, Hancock und Kirkland und so weiter, die haben es ja perfektioniert: über einfache Akkorde harmonisch komplexe Sachen zu spielen, das finde ich sehr spannend. Bring On The Night, das Klaviersolo von Kirkland, ist so ein Klassiker, wie man über einen Pop-Song auf drei Akkorden wahnsinnig komplexe Sachen spielen kann.
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Ich brauche gar nicht so viele Akkorde, ich habe gerne einfach 16 Takte D-Moll, aber dann mach ich da drauf etwas. Das finde ich spannend.
Und ich improvisiere gerne mit Sounds, in der Form, dass ich beim Spielen an den Filtern und an den Effekten drehe. Also eher eine Modularimprovisation als das klassische Leadsolo.
Martin:
Hörst du viel Musik?
Xaver:
Fast gar nicht. Ich höre, was der DJ spielt, während wir abbauen und kriege so ein bisschen was mit, was gerade angesagt ist. Aber ich höre tatsächlich erschreckend wenig Musik. Einfach die Ruhe genießen, das ist sehr wichtig.
Xaver Fischer der Sessionmusiker der Stars
Martin:
Magst du kurz einen Überblick geben, in welchen Projekten du spielst?
Xaver:
Als Jugendlicher habe ich vor allem Jazz gespielt, im Jugend-Jazzorchester und ein bisschen Jazz studiert, was ich aber abgebrochen habe.
Mit 20 bekam ich ein Angebot von der Band Birth Control. Da bin ich eingestiegen und habe sieben Jahre mitgespielt, Krautrock mit Hammond und so.
1997 habe ich mein Trio gegründet, damit haben wir dann sehr viel gespielt, bis 2002 ungefähr mit einigen hundert Gigs.
Danach spielte ich eine Zeit lang für den Popstar Sasha und war in Anke Engelkes TV-Band. 2005 bis 2010 spielte ich mit einigen Popgrößen: Sarah Connor, Ray Garvey, Roger Cicero, Peter Schilling, meistens als Aushilfe. Da habe ich gelernt, wie es in der Pop-Branche läuft und erlebte auch einige Flops: Newcomer, die irgendwo auf einem Label waren und dann mit der Band losgeschickt wurden auf Showcases, Stadtfeste und Fernsehshows und dann hinterher als Flop eingestampft wurden.
2009 kam ich zur Kamehameha-Club-Band, die ich später als musikalischer Leiter übernommen habe. So bin ich im Cover-Business gelandet. Außerdem habe ich ein Ragtime-Trio und spiele auch gerne in einer Big Band mit, wenn man mich braucht.
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Im Cover-Bereich wird leider oft zu viel gespielt
Martin:
Komponierst du viel?
Xaver:
Früher schon, ich habe ja fünf Alben gemacht, aber jetzt eigentlich gar nicht mehr. Wenn wir heute mit unserem Trio spielen, dann improvisieren wir alles, wir spielen keine vorbereiteten Stücke mehr. Das Trio ist mittlerweile eine reine Improvisationsband, das macht mir am meisten Spaß und da entstehen auch erstaunliche Sachen. Wir spielen dabei aber nicht drei Minuten lang E-Moll, sondern harmonisch und musikalisch komplexe Sachen – alles so aus dem Stehgreif.
Das geht nur mit einer Handvoll Leute, da braucht man die passenden Musiker, die die Ohren für so was haben und sich in den Dienst der Musik stellen und nicht nur vom Instrument her denken, also so: „Guck mal, was ich für ein geiler Drummer bin!“, sondern die mehr wie ein Produzent denken – von übergeordneten Positionen heraus, was für Musik spielen wir hier gerade und was braucht diese Musik jetzt gerade? Braucht sie vielleicht nur einen ganz simplen Beat? Und wann kommt der Punkt, wo es langweilig wird?
Man muss auch bereit sein, vier Minuten lang denselben Beat oder dieselbe Bassline zu spielen und nicht anfangen, ständig irgendwelche Fills reinzuspielen, um zu zeigen, was wir für eine tolle Technik haben, sondern einfach sagen, okay, die Nummer ist halt so. Das ist in vielen Bands auch im Cover-Bereich leider nicht der Fall, da wird oft zu viel gespielt und Sachen hinzugedichtet, einfach aus Langeweile, die aber musikalisch überhaupt keinen Sinn ergeben.
Martin:
Wie kommen die improvisierten Konzerte beim Publikum an?
Xaver:
Erstaunlich gut. Wenn man das kommuniziert, dass das spontan ist, was wir da machen, dann kommen die Leute mit auf die Reise und fiebern mit: Wo geht es jetzt hin und kriegen sie die Kurve noch?
Die Leute feiern das und glauben natürlich oft nicht, dass alles spontan war. Es darf halt nicht langweilig sein, also es ist natürlich nicht diese klassische Jam Session auf einem Akkord, sondern da passiert wirklich viel. Auch stilistisch gehen wir quer durch den Garten von Tangerine Dream bis Krautrock, Techno und Jazz. Ich sage mal so, ich könnte so komplex gar nicht komponieren, wie wir da improvisieren: Über eine halbe Stunde so ein Spannungsbogen, als Komposition könnte ich niemals schreiben, aber spontan kriegt man das hin.
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Martin:
Dir liegt viel an einem klaren Sound.
Xaver:
Ja, das ist mir sehr wichtig, diese Aufgeräumtheit. Konzentriert, effizient, spartanisch könnte man sagen und aufs Wesentliche reduziert.
Martin:
Wie siehst du die aktuellen Entwicklungen in der Musik?
Xaver:
Ach ja, ich meine, die Stücke werden immer kürzer, es gibt mittlerweile nicht mal eine Bridge: Strophe – Refrain, Strophe – Refrain, Strophe – Refrain, dann ist es schon vorbei. In den Charts gibt es immer noch Songs, die ich gut finde, z. B. von Calvin Harris, David Guetta und Dua Lipa. Es gibt immer wieder echt gute Hits, die auch mit wenig Akkorden und Tönen auskommen und gleichzeitig so gute Hooklines haben, die sich einfach festsetzen.
Martin:
Was löst das Thema Künstliche Intelligenz in der Musik bei dir aus?
Xaver:
Ich habe keine Meinung zu, ich finde es erstaunlich, was da so rauskommt, natürlich, wenn du einen Song hörst, der komplett auf KI basiert, denkst du dir, das kann ja nicht sein, wie ist so was überhaupt möglich, aber es ist nicht mein Thema.
Es wird sich ja einiges ändern, vor allem bei den Studios, die Hintergrundmusik für Dokumentationen machen und davon jahrelang gelebt haben. Viele dieser Jobs werden wegfallen.
Musik und Klimaschutz
Martin:
Zum Schluss eine etwas kitschige Frage: Wie sehen deine Wünsche für die Zukunft aus?
Xaver:
Klimawandel bekämpfen ist mein Hauptthema. Ich habe nicht nur mein Haus dekarbonisiert, sondern auch die Band. Die ganze Band mit jeder Menge Stuff in Sprinter packen und dann 1000 Kilometer weit fahren, das find ich nicht mehr zeitgemäß. Als ich vor 20 Jahren mit dieser Mobilitätslösung angefangen habe, hoffte ich insgeheim, dass ich Nachahmer finde und das ganze Business etwas effizienter wird.
Was ich früher als Keyboarder machte, betrifft heute die ganze Band: Bass und Gitarre sind nur noch digital. Die Drums sind zwar akustisch, aber stark reduziert mit einer 18 x 13 Zoll Bass-Drum, die durchgesägt ist, um die Snare drin zu transportieren. Hinzu kommt ganz dünne Jazz-Hardware, HiHat, zwei Becken, ein Roland Trigger-Pad für Samples. Und kein einziges Tom. So passt alles ins Elektro-Auto. Diese Reduktion ist auch für die Musik gut. Etwas wegzulassen, ist gar nicht verkehrt.
Und für die ganz aktuellen Songs braucht es eh keine Toms, so was wie ein Drum-Fill kommt ja kaum noch vor.
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Vielen Dank an Xaver Fischer für dieses Interview.
































Schönes Interview. Ich kenne Xaver und finde ihn nicht nur mit seinen musikalischen Fähigkeiten und seinem Equipment-Minimalismus beeindruckend. Er ist auch ein sehr sympathischer Mensch.
Die Idee mit dem doppelmanualigen Keyboard ist zukunftsweisend. Schon jetzt würden (anders als vor 10 Jahren) aus meiner Sicht reine Software- plus Controller-Lösungen mehr Sinn machen als Hardware-Synths – vorausgesetzt die Controller-Oberfläche und die Software spielen gut zusammen.
Wie das gehen kann zeigt u.a. das aktuelle NI Kontrol Mk3 OS, das die wichtigsten Parameter des jeweiligen Instruments im Display passend zu den vorhandenen Reglern vorkonfiguriert. Bei einem mit mehr Reglern und ein paar Buttons und Slidern ausgerüsteten Oberfläche könnten Standard-Funktionen beim simplen Betätigen des Reglers entsprechend konfigurierter Software zugewiesen werden, so dass sich jeder Keyboarder sein Setup mit geringem Aufwand maßschneidern könnte – demnächst auch mit Konfiguration per Sprachbefehl.
Eigentlich ist all das, was Xaver’s Keyboard-Idee so praktisch macht, schon am Start oder fast am Start und wartet nur auf Umsetzung durch Hersteller, die so wie er nach vorne sehen, statt nur das zu verwalten, was es schon gibt.
@defrigge ….. letztlich gehts um Stückzahlen. Sonst gehen die Hersteller (insbesondere die Grossen) garnicht erst in Markt.
Machts ein Kleiner wirds teuer und dann schreit die Zielgruppe (weil sie eh nur nen Hungerlohn verdient) es ist zu teuer…..
Ich habe eine Nord C2 Orgel genau so genutzt. Die Tastatur ist, anders als die vieler Synthesizer, gut genug, um da auch Klavier-Sounds drauf zu spielen. Das untere Manual war durchgängig mit Piano und bei Bedarf Pads oder Strings belegt, ab und zu kam auch die Orgel zum Einsatz. Oben dann Synthies, Orgel, Bläser und so weiter. Alles aus Ableton Live heraus. Bestes Setup. Eigentlich wäre ein Expander daran wie der Roland Integra gut. Leider gibt es den nicht mehr. Ich hätte gerne wieder Roland oder Yamaha Expander auf 1HE mit 9,5″ Breite. Kleines Display reicht. Dann mit ZEN-Core und etwas Sample Speicher oder bei Yamaha mit AWM2, FM und AN1X, sodass ich die Sounds von meinem Fantom draufspielen kann oder von einem Montage. Schade, dass Nord noch keine Expander für seine Piano & Sample Library baut. Wäre auch eine tolle Sache für die Orgel.
@Markus Galla Dieses Solo von Kenny Kirkland fasziniert mich seit meinen Jugendtagen, als ich „Bring on the night live“ zum ersten Mal bei meinem Bruder hörte, und ich fand es immer beeindruckend inspirierend…aber es war auch immer kilometerweit von meinen eigenen Spielfähigkeiten entfernt.
Gestern habe ich dann dieses Video mit Transkription angeschaut, mehrfach, und dachte mir: vielleicht sollte ich jetzt, nicht mehr ganz so jugendlich, mal einen Versuch wagen.
Und ja, Xaver Fischer war mir auch eine sehr große Inspiration, seit der blauen Xaver Fischer Trio CD (den Titel weiß ich gerade nicht mehr)
Danke für dieses tolle Interview!
Das Kirkland Solo ist richtig gut. Auch dass bei fehlendem Bewegtbild nicht einfach nur ein Albumcover da steht, sondern die Notation mitläuft. Sehr gut.
Ah, die lustige Live-Band von Sting. Aus der Serie „ich bin nen super-erfolgreicher Pop/Rock-Musiker, aber die Band ist gerade implodiert. Ok, dann miete ich mir einfach die Musiker von Miles Davis, Herbie Hancock, Weather Report und so, geb‘ denen einen meiner alten Songs und schau‘ was passiert“. Alles richtig gemacht 😉.
(als ich die Nummer das erste Mal hörte, hatte ich folgendes Bild vor Augen: da kommt jemand mit ein paar sehr athletischen jungen Hunden an der Leine in den Stadpark. Irgendwann macht er die Leine weg und sagt „Los!“ Und das Publikum schaut).
Echt cool, dass Xaver das so umsetzt. Ich spiele bei weitem nicht so viel live, aber mache auch alles per Zug. Bin inzwischen auf eine Strandberg und nen einzelnen Modeller mit Effekten integriert umgestiegen (im Vergleich zum Pedalboard spar ich da schon ne Menge Platz und Gewicht – passt so sogar noch mit ins Gitarrencase). Keys spiel ich übers Ipad mit nem Keyboard das ein AUdiointerface gleich mit verbaut hat. Das Studiologic SL Mk2 76 wäre der nächste Schritt – da braucht es dann nichtmal mehr extra Strom. Finde diese Vereinfachung des Setups wirklich sehr erleichternd und es führt auch dazu, dass ich mich mehr damit beschäftige was aus den Fingern kommt, als aus der Technik :)