Von M1 bis Kronos: Das Vermächtnis von Jack Hotop
Jack Hotop war einer der wichtigsten Klangarchitekten der Popgeschichte. Seinen Namen liest man vielleicht nicht auf Plattencovern oder in Konzertprogrammen, doch seine Arbeit für Korg als Klangdesigner, speziell bei der legendären M1, ist allgegenwärtig. Vor allem in Pop- und Dance-Produktionen der 80er- und 90er-Jahre: „Vogue“ von Madonna, „Right on Time“ von Black Box, „I’ve Been Thinking About You“ von Londonbeat, „Don’t Try So Hard“ von Queen und „Rhythm is a Dancer“ von Snap!, um nur einige Beispiele zu nennen.
Worum geht es?
- Sounddesign: Jack Hotop prägte bei Korg den Klang zahlreicher Instrumente, vor allem der Korg M1.
- Korg M1: Viele ikonische Presets fanden ihren Weg in Pop, Dance, House sowie Film- und TV-Musik.
- Musikerfahrung: Jack Hotops Arbeit als Livekeyboarder half ihm, Sounds für Bühne und Studio zu entwickeln.
- Korg-Legacy: Von Poly-800 über Wavestation, Trinity und Triton bis Kronos und Nautilus wirkte Hotop an vielen Produkten mit.
- Vermächtnis: Kollegen, Freunde und Musiker würdigen Jack Hotop als einflussreichen Klanggestalter und außergewöhnlich herzlichen Menschen.
Inhaltsverzeichnis
- Vom Piano House zu Beyoncés „Break My Soul“
- Abschied von Jack Hotop
- Presets verkaufen Synthesizer — Wie ich an meinen M1 kam
- Korg M1 — Ein Soundset für die ganze Welt
- Korg M1 — demokratische Soundauswahl
- Das Geheimnis der M1-Sounds
- Warum klingen die M1-Pianos so drahtig?
- Jack Hotop reist achtmal nach Japan
- Ein Blueprint für die Bearbeitung von PCM-Samples
- Jack Hotops musikalische Kindheit
- Jack Hotop lernt in Boston das ABC der Synthesizer
- 36 Stunden ohne Schlaf — Der erste Kontakt mit Korg
- Jack Hotop als Tournee-Keyboarder
- Die Anfangszeit bei Korg
- Die Programmierarbeit wurde niemals weniger
- Der Einfluss des Sounddesigners auf MIDI
- Jack Hotop — Eine Seele von Mensch
- Afterglow
Vom Piano House zu Beyoncés „Break My Soul“
Auch Film- und TV-Musikproduzenten haben auf die einzigartige Soundpalette der Korg M1 gerne zurückgegriffen. Und für ein ganzes Genre, die House Music, war die M1 als Tasteninstrument mindestens so wichtig wie Rolands TR-909 als Klopfgeist. Und wer jetzt abwinkt und sagt, diese Sounds seien bei aller Retrobegeisterung inzwischen doch reichlich ausgelutscht? Beyoncés Hit „Break My Soul“ bringt die M1-Orgel und die ebenso legendären M1-Piano-Klänge sehr prominent zum Einsatz. Und dieser Song ist aus dem Jahr 2022.
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Abschied von Jack Hotop
Am 22. Mai 2026 ist Jack Hotop in seiner Heimatstadt New York nach längerer, schwerer Krankheit gestorben. AMAZONA hat bereits einen Nachruf auf ihn veröffentlicht. Wir möchten euch Jack Hotop in diesem Artikel gerne näher vorstellen: Den Mann, der das Korg-Sounddesign vom Poly-61 bis hin zum Kronos und Nautilus verantwortete, der aber auch ein begnadeter Messepräsentator, Keyboarder und Live-Musiker war. Und nach übereinstimmender Aussage früherer Kollegen und Freunde einer der sympathischsten Menschen, die sich im internationalen Musikbusiness getummelt haben.
Presets verkaufen Synthesizer — Wie ich an meinen M1 kam
Am 25. Mai 1988 stand ich im Berliner Sound & Drumland vor einem edel designten Instrument in Schwarz. Kaum Regler und Spielhilfen, nur ein paar rot leuchtende Taster und ein schmales Display. Nach einer kurzen Einweisung legte ich los. Und kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Gleich der erste Sound „Universe“ haute mich um. Ein Chor, gedoppelt mit einem geloopten perkussiven Klang, ließ mich in den Weltraum schweben. Die Pianos 16’ und 8’ („endlich ein Klavier!“), die Orgeln 1 und 2, das auf Anschlagdynamik reagierende Ooh-Ahh-Preset, die orchestralen Ouverture- und Symphonic-Klanggemälde, ziemlich brauchbare E-Gitarren, das SoloSax, mehrere Presets mit kompletten Drum-Mappings, ein hauchender Bottle-Sound. My goodness: Wer braucht da noch einen Fairlight?
Jedes einzelne Preset war ein einziges Verkaufsargument, dem mein binnen weniger Minuten mit dem Korg-M1-Virus infizierter Körper nichts entgegenzusetzen hatte. Und da hatte ich die phantastisch gestackten Kombisounds noch nicht einmal gehört. Ich zahlte 100,- DM an und einen Monat später ließ ich noch mal 3.690 DM über den Tisch wandern und durfte die M1 endlich mit nach Hause nehmen.
Wer hinter diesen großartigen Sounds steckte, wusste ich damals noch nicht. Aber eines war mir sofort bewusst: Tolle Presets verkaufen Instrumente!
Zur Korg M1 und ihren ikonischen Klängen gibt es übrigens einen ganz aktuellen Artikel: Hier geht es zum M1-Artikel von Franz Kreimer mit vielen Klangbeispielen.
Korg M1 — Ein Soundset für die ganze Welt
Korg hatte Mitte der 80er-Jahre die Idee zu einer neuen Gattung von Tasteninstrumenten: Der Workstation. „Mit Programmen, Kombis und einem Sequencer, der batteriegepuffert war“, erinnert sich Jack Hotop im YT-Interview mit André Cholmondeley. „Und: Korg-Gründer und Chairman Tsutomu Katoh und sein Sohn Seiki wollten ein Voicing für die ganze Welt, keine speziellen Soundsets für verschiedene Länder und Regionen.“ Zuvor wurden häufig regionale Teams beauftragt, die Sounds eines Synthesizers konnten in Japan anders klingen als in Europa.
Jack Hotop stellte bei der Entwicklung des Sounddesigns für die M1 eine handverlesene Gruppe von Tasten- und Soundspezialisten zusammen: Robby Kilgore (Carly Simon, Ryūichi Sakamoto, Steve Winwood, Cyndi Lauper), Peter Schwartz (später Musical Director u. a. für Bowie, Cher, Madonna) und Ben Dowling (Michael Jackson, Joe Zawinul). Verstärkt wurde die Truppe mit Athan Billias, James Becher, Michael Geisel und Michele Paciulli. Korg-Direktor Rob Taste gab ihnen später den legendären Spitznamen „MIDI Patch Boys“.

Die drahtigen, etwas knalligen Piano-Sounds der M1 waren in den 80er- und 90er-Jahren sehr gefragt und in Hitproduktionen omnipräsent
Korg M1 — demokratische Soundauswahl
„Ich glaube, die M1 war wirklich das erste Projekt, bei dem wir als Team aus Musikern und Sounddesignern zusammengearbeitet haben“, erzählte Jack Hotop in einem Interview. „Jeder von uns hatte einen anderen Spielstil. Wenn ein Sound auch von den Programmierern gut gespielt werden konnte, erhielt er eine sehr hohe Bewertung. Ein großer Teil des Erfolgs lag darin, dass wir als Team ziemlich demokratisch an der Soundauswahl arbeiteten.“ (GuitarCenter, 12/2024)
Das Team musste mit einigen Restriktionen auskommen: Die Korg M1 hat keine Filterresonanz, was natürlich schon eine ziemliche Einschränkung darstellte. Frohnatur Jack Hotop konzentrierte sich deshalb auf die „Haben“-Seite: „Der Chip war gut und groß genug, um auch Effekte anbieten zu können. Nicht nur Chorus und Hall, sondern Delays, Distortion, Phaser, Flanger usw.“
Die clevere Programmierung der Effekte wurde später genutzt, um von dem Filtermanko ein wenig abzulenken.
Das Geheimnis der M1-Sounds
Doch zunächst mussten die Samples gefunden werden: Manche eher zufällig, als das Team nach einem Mittagessen in Yokohama auf einem Straßenmarkt über eine Panflöte stolperte. Oder der Bottle-Sound, der mithilfe einer riesigen Sake-Flasche erzeugt wurde: „Alle anderen Flaschen-Samples und Bibliotheken hatten eine höhere Tonhöhe und man konnte das Aliasing am unteren Ende der Tastatur hören. Bei der M1-Flasche war das anders, weil sie eine so tiefe Grundtonhöhe hatte. Sie wurde also nach oben gedehnt, und das verlieh ihr einen anderen, einzigartigen Charakter.“ (GuitarCenter, 12/2024)
Michael Geisel brachte aus Deutschland das legendäre Saxophon-Sample mit, das er mit einem befreundeten Saxophonisten und einem einfachen Kassettendeck aufgenommen hatte, bevor er am nächsten Tag nach Japan flog.
Warum klingen die M1-Pianos so drahtig?
Der Synth-Bass war Hotops eigener Minimoog. Die legendäre M1-Orgel gibt es zweimal, aber eigentlich ist es das gleiche Sample. Hotop kürzte einfach das Attack weg, sodass die Orgel einmal nicht perkussiv klingt. Das berühmte M1-Piano lag eigentlich schon für das Korg Piano SG-1 vor. Allerdings musste Hotop angesichts des nur 4 MB fassenden ROMs mit dem Speicherplatz haushalten: „Wir haben mit der Sample-Rate experimentiert. Wir haben weniger Samples verwendet, die Tonhöhe gedehnt und das verlieh dem M1-Piano einen metallischen Klang, der damals sehr begehrt war. Ein anständiger akustischer Klavierklang war ein schwer zu erreichendes Ziel. Mit der M1 gelang uns das durch einige Tricks und dieser spezielle Charakter wird bis heute eingesetzt.“ (GuitarCenter, 12/2024)
Jack Hotop reist achtmal nach Japan
Genauso entscheidend war es, die Samples klanglich zu optimieren, das Beste aus ihnen herauszuholen. Dafür musste Jack Hotop sich eng mit den Korg-Ingenieuren abstimmen: „Ich bin seit Ende 1986 achtmal wegen der M1 nach Japan gereist. Ich durfte direkt mit den großartigen Ingenieuren von Korg zusammenarbeiten, die nicht einfach nur Typen in Laborkitteln sind. Sie sind auch Musiker und das zeigt sich in ihrer Arbeit. Als ich mich zum ersten Mal mit ihnen wegen der M1 traf, bat ich sie, zumindest bei den Minimal- und Maximalwerten der LFOs eine höhere Auflösung zu ermöglichen.“ (SoundonSound 02/2002)
Ein Blueprint für die Bearbeitung von PCM-Samples
Jack Hotop und Peter Schwartz arbeiteten mit den Korg-Ingenieuren auch an der Implementierung der Anschlagsstärke, dem Keyboard-Tracking und der Intensität des Envelope-Generators. Das waren wichtige Parameter für die Veränderung der Klangfarbe. „Peter und ich haben mit den Korg-Entwicklern gemeinsam ein System geschaffen, mit dem wir PCM-Samples bearbeiten konnten. Es war schon schwer genug, gute Samples zusammenzustellen. Aber nur mit diesen Werkzeugen konnten wir den Sound, die Klangform und den Charakter so gestalten, dass sie so gut wie möglich klangen. Das war die eigentliche Stärke der M1 und Teil des Entwicklungsprozesses in den 80er-Jahren.“ (GuitarCenter, 12/2024)
Und das alles lange vor Teams und Zoom. Hotop plagte damals bestimmt öfter Jetlag. Aber das Ergebnis rechtfertigte die Mühen: Die Korg M1 wurde mit 250.000 verkauften Exemplaren ein echter Hit.

Eine Wahrzeichen von Queens: Die Unisphere, die 1964 zur Weltausstellung im Flushing Meadows Park errichtet wurde (Foto: Costello)
Jack Hotops musikalische Kindheit
Jack Hotop wurde am 6. Dezember 1954 in New York im Stadtteil Queens geboren. Der Vater war professioneller Gitarrist und Big-Band-Musiker. Jack Hotop Senior arbeitete an Dutzenden von Broadway-Aufnahmen mit und trat mit dem Jazzsänger und Entertainer Tony Bennett auf, aber auch mit einer Swingband wie dem Joe Mooney Quartett. In den Jazz-Clubs in der 52nd Street war er ein häufiger Gast.
Jacks Mutter spielte zwar kein Instrument, wohl aber die Großmutter: „Bei meinen Großeltern stand ein großartiges Klavier … Ich bekam Klavierstunden, aber Vater sagte: ‚Oh bitte, nicht noch einen Musiker in der Familie.‘ Aber meine Mutter bestand darauf. Es ist ihr Verdienst, dass ich über die Jahre drangeblieben bin und geübt habe. Meine Eltern waren einfach wunderbar.“ Interview mit A. Cholmondeley
Dass der Frau Mama für ihr Insistieren nicht genug zu danken ist, zeigt das nächste Video. Jack Hotop stellt auf der NAMM 2010 das Korg SV-1 vor. Ab 0:45 gibt es Klavier pur.
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Jack Hotop lernt in Boston das ABC der Synthesizer
Schon als Jugendlicher spielte Jack in verschiedenen Bands. Später ging er nach Boston an das private Berklee College of Music, um Arrangement und Komposition zu studieren: „Die Musikgeschäfte waren damals voll mit Minimoogs, ARP Odysseys und Mellotrons“, erinnert sich Jack. Er kam bald in Kontakt mit Jim Michmerhuizen, der 1972 die Boston School of Electronic Music gegründet hatte. Und mit Roger Powell, der an der BSEM studierte: „Damals erlernte ich das ABC der Synthesizer mit dem ARP 2600 und den EMS-Synthesizern aus Putney.“
Die Liebe zu den frühen analogen Synthesizern und ihren Schöpfern hat er sich zeitlebens bewahrt. Obwohl hauptsächlich ein „Korg-Mann“, hat er auch mal für Spectrasonics gearbeitet und dort an der Klangbibliothek zu Ehren von Bob Moog mitgewirkt, bei der 50 Künstler 1.300 Sounds für Omnisphere erstellten.
36 Stunden ohne Schlaf — Der erste Kontakt mit Korg
Anfang der 80er-Jahre bekam Jack Hotop einen Korg Polysix unter die Finger. Der erste bezahlbare Polysynthesizer begeisterte ihn, er erkannte aber auch sofort, wo Luft nach oben war: „Ich wollte mehr Preset-Plätze haben, Ringmodulation, eine Modulationshüllkurve, einen Rauschgenerator …“ Anschließend hatte er ein langes Gespräch mit Paul Turino, der bei Korg als Product Development and Design Engineer arbeitete. Jack wurde eingeladen, um zu zeigen, was er draufhat.

Ein von Jack Hotop komplett umprogrammierter Polysix war der Anfang einer Jahrzehnte andauernden Zusammenarbeit
„Ich hatte den Korg komplett umprogrammiert, praktisch 36 Stunden lang kein Auge zugetan.“ Der Schlafverzicht sollte sich lohnen. „Er hörte sich die Klänge an und sagte, das ist großartig, und das war der Beginn unserer wunderbaren Zusammenarbeit“, berichtet Hotop im Interview mit A. Cholmondeley Jack bekam ein Jobangebot von Korg USA, die damals noch unter dem Namen Unicord firmierte. So kann der Einstieg in die Musikbranche also auch gelingen: keine großen Bewerbungsunterlagen, sondern einfach mal voller Elan loslegen und dann zum Telefonhörer greifen.
Jack Hotop als Tournee-Keyboarder
Das Spannende für Korg an dieser Zusammenarbeit war, dass sie sich mit Jack Hotop keinen reinen Tech-Nerd an Bord geholt hatten. Sondern einen erfahrenen Musiker und Keyboarder, der bei Live-Auftritten oft in die Rolle des musikalischen Leiters schlüpfte. Bevor sich Jack dem Sounddesign widmete, war er als Bühnenmusiker ständig auf Achse: Er war bei Tourneen von The Drifters, Gloria Gaynor und Silver Convention dabei.
Später kamen die John Entwistle Band, Leslie West und die Robin Zander Band dazu. Das zeigt, dass Jack Hotop eine beachtliche stilistische Bandbreite draufhatte: von Rhythm and Blues und Soul über Disco bis zu solidem Hard Rock. John Entwistle war schließlich der Bassist von The Who, Mountain-Gründer Leslie West war immer für eine krachende Rock-Gitarre gut. Und Robin Zander ist bis heute Mitglied von Cheap Trick.
Jack Hotops eigenes Herz schlug vor allem für den Progrock. So war er zeitweilig Mitglied der New Yorker Progrockband Rat Race Choir, über die er auch John Entwistle kennengelernt hatte. Und Jack Hotop war ein Riesenfan von Genesis und spielte selbst in der Genesis-Tribute-Band Afterglow. Auf FB berichtet ein Freund Hotops, der Gitarrist Jeff Allegue, wie Jack bei einem Steve-Hackett-Konzert bei „Supper’s Ready“ die Freudentränen in die Augen stiegen.
Jacks Vorliebe für Prog ist auch bei seiner Präsentation der Korg M3 und der Oasys auf der NAMM 2010 deutlich zu spüren. Keith Emerson lässt grüßen.
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Die Anfangszeit bei Korg
Von diesen Jahren als Bühnen-Keyboarder konnte Jack Hotop später profitieren: „Ich hatte Hammondorgeln, Mellotrons, Clavinets, Moog- und ARP-Synthesizer in diversen Bands gespielt. Das war eine großartige Lernerfahrung, um diese Sounds später zu imitieren.“
Jack Hotop entwickelte ein sehr genaues Verständnis dafür, welche Sounds nicht nur im Musikladen oder im Studio funktionieren, sondern sich auch auf der lauten Bühne im Mix durchsetzen. Und er war durch seine langjährige Arbeit als Live-Musiker später prädestiniert, die Korg-Produkte zu präsentieren. Seit Mitte der 80er-Jahre war Jack Hotop praktisch bei jeder Winter NAMM in Anaheim dabei.
Durch sein mitreißendes Spiel, das die musikalischen Möglichkeiten eines neuen Instruments in allen Facetten ausleuchtete, wurde der Korg-Stand zu einem Magneten für Musiker, Händler und Fachleute.
Jack Hotops enger Kontakt mit vielen Musikstars führte auch dazu, dass er für einige Künstler „customized Soundsets“ kreierte: Herbie Hancock, Keith Emerson, Joe Zawinul und Brian Auger.
1983 trat Jack Hotop seinen Posten als Voicing Manager bei Unicord/Korg USA in Melville, New York, an. Der Poly-61 war da schon fertigentwickelt, sodass der Poly-800 der erste Korg-Synthesizer war, für den er Sounds entwickelte. Weiter ging es mit den Modellen DW-6000 und DW-8000, die dank digitaler Schwingungsformen und analoger Nachbearbeitung die Klangmöglichkeiten erweiterten.
Über Jack Hotops absoluten Meilenstein, die M1, haben wir schon ausführlich gesprochen. In der Folgezeit sollte Hotop nach Angaben von Korg USA an über 100 Produkten mitgearbeitet haben.
Die Programmierarbeit wurde niemals weniger
Auf die M1 folgte die T-Serie, 1990 dann die Wavestation: Korg hatte eine neue Abteilung für Forschung und Entwicklung gegründet. Hier experimentierte Hotop gemeinsam mit John Lehmkuhl, Ben Dowling und John Bowen mit Vektorsynthese und Wave-Sequencing und entwickelte die Wavestation. Weiter ging es mit der Korg 01/W, schließlich mit der Trinity, mit der 1995 die Resonanzfilter zurückkehrten. Es folgte die Triton, bei der Jack Hotop die Gestaltung der Werkssounds übernahm und sechs Erweiterungskarten entwickelte. Danach sorgte er dafür, dass Stephen Kays neuartige KARMA-Algorithmen, eine Art Super-Arpeggiator, in die Oasys implementiert wurden. Die Oasys arbeitete mit integrierten Software-Modeling-Engines, die u. a. auf analoge Synthesizersounds und Orgelklänge spezialisiert sind.
Später übertrug Hotop diese Kernarchitektur auf die M3, die auch Little Oasys genannt wurde. 2011 gab es wieder einen echten Meilenstein der Korg-Geschichte: den Korg Kronos. Und hier wird deutlich, was Hotop neben seiner Arbeit als Soundtüftler noch auszeichnete: Er behielt jederzeit die ständig wachsende Korg-Legacy im Blick und prüfte wie bei einem Baukastensystem, was sich davon für die neuen Produkte wiederverwenden und weiterentwickeln ließ. So integrierte Hotop in den Kronos die Polysix- und MS-20-Engines sowie die SGX-1- und EP-1-Piano-Engines. Für den Kronos und den ab 2021 erhältlichen Nautilus gab es übrigens auch M1-Soundsets. Der Klassiker war einfach nicht totzukriegen. 
Der Korg Kronos ist auf vielen Bühnen der Welt noch zu sehen. Auch bei der Entwicklung des Flaggschiffs spielte Jack Hotop eine bedeutende Rolle. Gleichwohl war Jack Hotop immer eine Spur zurückhaltender, wenn es um seine Nach-M1-Zeit ging. Er betonte stets bescheiden die Teamarbeit, die umso notwendiger war, je komplexer die Instrumente wurden. „Mein Titel ist Senior Voicing Manager, also mache ich sehr viel Sounddesign. Meine Programmierarbeit für Korg scheint niemals weniger zu werden. Aber das ist ein Geschenk und ein Segen. Tue, was du liebst, und liebe, was du tust.“Interview mit A. Cholmondeley)
Der Einfluss des Sounddesigners auf MIDI
Die MIDI Association würdigt auch Jack Hotops Verdienste bei der Weiterentwicklung von MIDI-Instrumenten. Dabei ging es aber nicht so sehr um die technischen Spezifikationen, sondern um die musikalische Seite. Jack konnte die Sichtweisen von Technikern und Entwicklern mit der des Musikers zusammenbringen. MIDI ist eine segensreiche Angelegenheit, weil Instrumente, Sequencer, Drum-Machines, Computer und DAWs miteinander kommunizieren können.
Doch diese Interaktion stellt allein noch keine emotionale Verbindung zum Zuhörer her. „Hotop erkannte, dass die technischen Eigenschaften eines Instruments in etwas Spielbares umgesetzt werden mussten.“ (Jack Hotop: Midi Patch Boy 05/2026) Die Übertragung von Anschlagsstärke, Aftertouch, Modulation und Controller-Zuweisungen soll dem Künstler letztlich helfen, seine Ideen auszudrücken. Nur so werden sie im Idealfall zum Teil des musikalischen Erlebnisses.

Der Korg M1 von hinten mit dem MIDI-Trio neben dem Logo. Für Jack Hotop war jede technische Neuerung nur so gut, wie sie sich auch musikalisch einsetzen ließ.
Jack Hotop — Eine Seele von Mensch
Es gibt im Musikbusiness viele Charaktere — und nicht alle sind angenehm. Da kommt einem zuweilen viel Ego, Arroganz und Ellenbogen entgegen geflogen.
Jack Hotop war nichts davon zu eigen. Keith Emersons langjährige Lebensgefährtin Mari Kawaguchi schreibt in einem FB-Post, was ihr an Jack auffiel: „Seine Herzlichkeit, seine Sanftheit, sein kindliches Lächeln, sein wunderbarer Charakter.“ Verbunden mit einer enormen Professionalität, von der auch Keith Emerson sehr profitierte. „Keith verließ sich enorm auf Jacks Wissen, sein Gehör und seine Klänge.“ Plagte Emerson ein technisches Problem, kam er mit dem Programmieren nicht so recht voran, dann wurde Jack Hotop kontaktiert. Und der half immer gerne aus: „Keith liebte wirklich nur sehr wenige Menschen außerhalb seiner Familie. Jack war einer von ihnen.“
Athan Billias, ein langjähriger Weggefährte von Jack Hotop bei Korg, erinnert sich an eine typische Szene im lauten Trubel einer NAMM-Show in den 90ern. John Entwistle, der damals schon ziemlich taub war, kam auf den Korg-Stand zugelaufen. Jack instruierte seinen Partner: „Wenn John zu uns kommt, nick einfach und lächle, egal was er sagt.“ Tatsächlich bekamen sie nicht ein einziges Wort von Johns Rede mit, denn der flüsterte nur. Aus Angst, zu laut zu sprechen. „Das war für mich typisch Jack“, resümiert Athan. „Er beschützte mich, indem er mir sagte, was ich tun sollte, und er bewahrte seinen Freund John davor, in Verlegenheit zu geraten.“ (Jack Hotop: Midi Patch Boy 05/2026)
Jack Hotops berufliches Vermächtnis und seine Bedeutung für die Musikwelt bringt Joe Castronovo, CEO von Korg USA, auf den Punkt: „Jacks Beiträge zur weltweiten Musikinstrumentenbranche waren bahnbrechend. Seine Arbeit hat den Klang der modernen Musik mitgeprägt und sein Vermächtnis wird Musiker weltweit noch über Generationen hinweg inspirieren. Während seiner bemerkenswerten Karriere verkörperte Jack Korgs Leitprinzip ‚New Music Always‘ und vereinte in all seinen Kreationen Innovation, künstlerisches Gespür und ein tiefes Verständnis für die Erfahrungen der Musiker.“ (synth and software)
Die Trauer um Jack Hotop ist jetzt groß: Die Bob Moog Foundation, die MIDI Patch Boys und viele alte Weggefährten melden sich zu Wort. Jordan Rudess, der eine enge Verbindung mit ihm hatte, bezeichnet ihn als Bruder und lebenslangen Freund. Jetzt setzte er sich spontan ans Klavier und improvisierte ein musikalisches Tribut.
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Afterglow
Jack Hotops Nachwirkung ist kaum zu überschätzen. Er hat dem Musikkosmos seinen eigenen Stempel aufgedrückt. Er hat von der Korg-Werkbank aus die Popkultur bereichert und auch verändert. Auf wie vielen Bühnen in Berlin, New York oder Tokio steht ein Kronos oder ein anderes Korg-Instrument, an dem Jack Hotop gearbeitet hat? Und wenn der Keyboarder loslegt, ist sicher auch Jack Hotop zu hören. Nicht mehr so unverkennbar wie bei der M1.
Und selbst die ist noch nicht ganz abgeschrieben. Was Jack Hotop selbst überraschte, aber auch gefreut hat: „Die M1-Orgel und das M1-Piano erlebten in den 90ern ein Comeback, wurden in vielen richtig coolen Hits eingesetzt. Ich dachte: ‚Okay, die Leute haben davon genug.‘ Aber anscheinend ist das nicht der Fall. Ähnlich wie bei Hammond-Orgel, Minimoog, Les Paul, Stratocaster,… . Es gibt immer noch einen Hunger und ein Verlangen danach. Ich bin also angenehm überrascht von der Langlebigkeit und der Nützlichkeit.“ (GuitarCenter, 12/2024)






































Natürlich könnte ich mich täuschen, aber ich bin relativ sicher, dass mir der Name Mitte der Achtziger dauernd in der Keyboards begegnet ist. Damals gab es Dutzende von Editoren für einzelne Synthesizer auf Atari. Und es gab reichlich Anbieter von Sounds Sets in den Kleinanzeigen. Da fiel mir der Name Hotop nicht nur einmal auf. Der war einer der aktivsten Sound Anbieter. Das müsste alles vor seiner Zeit bei Korg gewesen sein.
@Tai War das nicht Michael Hotop ?? Der hatte damals die ersten Patches für den Casio CZ angeboten ( mit Demokasette) . Hatte mal die Sounds wie „Flashdance“ und „Sample Strings“ gekauft. Später erschienen seine Anzeigen als Hotop mit so ein Sonnenbrillen Logo. Gab auch mal ein Interview in der Keys oder Keyboards
@Jedi Danke für die Erklärung! Ich kann mich auch noch gut an diese Anzeigen erinnern.
@Jedi Du hast Recht. Ich erinnerte mich nur nich an Hotop, ein nicht unbedingt gängiger Name
@Jedi Ja, Herr Hotop war damals auch für die CASIO CZ Synthesizer aktiv. Herr Hotop wohnte auch eine zeitlang in Osnabrück, am Petersburger Wall. Nachdem ich über seine Annoucen in der Keyboard-Zeitschrift Kontakt mit ihm aufgenommen hatte, lud er mich zu sich ein und zeigte mir seinen Gerätepark und erzählte mir von seinen Projekten. Da ich damals den CZ-1 neu hatte, schien mir dieser Mann der Richtige zu sein, um aus dem CZ mehr Interessantes herauszuholen. Die Sounds brachte er auch per Datenblatt unter die Leute und es waren wirklich schöne Sounds dabei. Ich habe noch den CZ-1 (der intakt ist) und auch noch diese Datenblätter (irgendwo). In der damaligen Zeit musste man noch beträchtlich mehr selbst investieren um sein Synthesizer-Hobby auszuleben: Zeit, Wegstrecken, langwierige Kommunikation und auch sauer verdientes Geld. —- Aber es war schön und ich bereue nichts!
Hier im Nachhinein noch soviel Angenehmes über diesen Herrn zu lesen, hat mir viel Freude bereitet. Danke für den Artikel.
Sehr schön geschrieben Mr.C ! Wir hatten uns ja zu Jack Hotop schon mal ausgetauscht. Ich weiss noch wie ich den als amazona.de Neuling auf der Musikmesse in FFM kennengelernt hab. Ich war am Korg Stand und da stand halt Jordan Rudess rum und verteilte fleissig Poster. Dann lief da Jack Hotop auf und das verteilen von Postern wurde eingestellt. Dann lief da eine nette Dame aus Hanau rum und begrüsste Jack Hotop herzlich. Und machte uns bekannt. Es stellte sich raus das es eine der Sängerinnen von Silver Convention war, für die Hotop Klavier, Synth spielte und Streicher arrangierte, live wie Studio. Das Klavier und Rhodes Riff von Fly Robin Fly muss man erstmal so können. Grade in der Bridge, da geht das Rhodes durch ein Wah Wah und mach nur den Groove. Die Arbeiten für Korg sind „outstandig“. Die MIDI Patch Boys waren und sind schon eine coole Truppe. Der Einfluss ging weit über MIDI und Patch hinaus. Ohne den gäbe es heute viele so nicht oder eben gar nicht. Vermutlich gäbe es ohne kein Korg und Sequential mehr.
Ich zieh den Hut.
PS: Sein Foto mit der netten Dame von Silver Convention hängt direkt neben dem Jordan Rudess Poster.
@TobyB Interessante Geschichte. Ähnliches kann ich berichten von der Musikmesse Friedrichshafen Anfang der Nuller Jahre. Ich, noch kaum Ahnung von Synthesizer, schaute an einem Stand und ein Mann drehte relativ zügig und gekonnt an einem Modularsystem herum. Fasziniert schaute ich zu. Jahre später, unter anderem durch Amazona fand ich heraus, das dies Dieter Doepfer persönlich war, mit seinem damals relativ neuen Modularsystem A100 (oder halt Teile davon). 🎛🎚🎛🎚
Danke für diesen schönen Beitrag. Ich kannte Jack Hotop bislang gar nicht. Erst sein Tod hat mich auf ihn aufmerksam gemacht. Es ist schon faszinierend, einem absoluten Könner und Profi beim Spielen zuzusehen …
@fitzgeraldo Was ich immer beeindruckend finde, sind die musikalischen und klanglichen Ergebnisse, die Leute wie Jack Hotop mit den Instrumenten erzielten, die selbst heute noch beeindrucken. Die haben sich natürlich sehr intensiv mit den Instrumenten und den Möglichkeiten beschäftigt. Das sind Sphäre, in die die meisten Musiker, die diese Instrumente gekauft haben, nur selten vordringen, was nicht zuletzt an den hundsmiserablen Bedienungsanleitungen liegt.
Meine Frau hat mir vor vielen Jahren einen Roland Jupiter-80 geschenkt. Ich würde behaupten, dass ich schon viel aus dem Instrument herausgeholt habe und dennoch bei weitem noch nicht alle Möglichkeiten erkundet habe. Ich habe damals viele Videos von Vorführungen gesehen, bei denen ich gedacht habe: Das kann unmöglich aus diesem einen Instrument kommen. Es ist aber so.
Ähnlich ergeht es mir mit meinem Roland Fantom. Ich habe noch nicht einmal die EX-Erweiterung installiert, weil ich mit den alten Features noch nicht einmal zu einem Achtel durch bin. In den 80ern war das anders. Damals kannte ich meine Instrumente extrem gut, weil einerseits extrem gute Anleitungen existierten, dann gab es tolle Bücher, z. B. das fantastische Kawai K-1 Handbuch von Peter Gorges. So viele YouTube Videos für die Infos, die in diesen Büchern an Infos drinstehen, kann ich mir gar nicht anschauen.
@Markus Galla Das kommt mir sehr bekannt vor 😉. Ich habe vor vielen Jahren mal Orgel gelernt. Kirchenorgel. Und selbst bei diesem relativ klar definiertem Instrument (im Gegensatz zu modernen Synths oder Workstations) sind mir im Laufe der Jahre immer wieder neue „Entdeckungen“ geglückt, die einem erst dann gelingen, wenn man das Instrument für sich erforscht. Aus dem gleich Grund stehen immer noch so alte Kammelen wie DW-8000 oder Yamaha EX 7 bei mir herum. Einfach aus dem Gefühl heraus, dass ich mit diesen Instrumenten noch nicht „durch“ bin. Von so manchem Softsynthmonster spreche ich hier gar nicht mal …
Super Artikel, vielen Dank!
Kurzer Nachfrage :Cyndi Lauper?
War beteiligt by der Entwicklung der Presets?
… Kaum zu Glauben.