Kaufberatung: das richtige Mikrofon bei der Gitarrenaufnahme

15. Dezember 2019

Welches Mikrofon für welchen Gitarrensound?

Gitarre Mikrofon Workshop

Es ist und bleibt die Königsdisziplin der Einzelinstrumentabnahme, die Gitarrenaufnahme. Neben dem Schlagzeug, was aufgrund seiner mannigfaltigen Klangerzeuger letztendlich nicht wirklich als einzelnes Instrument gesehen werden kann, ist es die E-Gitarre, die über das wohl größte Klangspektrum eines letztendlich akustischen Instruments verfügt. Die Kombination aus Holz, Pickups, Pedalen, Verstärker, Cabinet und Box ermöglicht eine schier unermessliche Anzahl von Klängen und Soundspektren, deren Aufzeichnung auf unterschiedlichen Speichermedien sich nach wie vor extrem komplex gestaltet.

Ich werde versuchen, in diesem Workshop die Grundlagen der Mikrofonierung einer E-Gitarre zu erörtern, muss aber schon eins vorneweg schicken. Egal wie viel man auch schreibt, man kratzt immer nur an der Oberfläche. Die letztendlichen Möglichkeiten sind nahezu unerschöpflich.

Workshop Gitarre Mikrofon

Je größer die Auswahl, umso flexibler der Sound

1.) Aufnahme von Gitarre: Raumklang oder nicht?

Für alte Hasen ist es Schnee von gestern, für interessierte Neueinsteiger immer wieder eine Wiederholung wert. Bevor wir mit dem ganzen Technikgeraffel loslegen, solltet ihr euch immer eins vor Augen halten. Eure Ohren sind keine Mikrofone, d. h. den Klang, den ihr aus euren Lautsprechern hört und der euch eventuell richtig anturnt, ist eine Mischung aus dem Grundklang eures Setups, der Reflexionen des Schalls innerhalb des Raums, in dem ihr euch befindet und die Position, wo ihr steht.

Ihr könnt euch das ganz einfach bewusst machen, indem ihr euch einfach einmal normal vor euren Verstärker stellt, euer Lieblingsriff anspielt und dann mal in die Knie geht und das Riff auf Ohrhöhe mit dem Lautsprecher spielt. Entweder ist der Sound jetzt viel zu aggressiv und höhenlastig oder aber er klingt plötzlich durchsichtiger und besser. Jetzt habt ihr einen groben Eindruck, was sich alles mit der Positionierung eines Mikrofons machen lässt. Wie gesagt, das ist erst der Anfang.

Apropos, in diesem Workshop geht es nur um echte Mikrofonierung. Keine Emulationen, kein Reamping oder Speaker-Simulationen, nur echtes, analoges Handwerk. Warum? Weil es richtig gemacht immer besser klingt als der ausgefuchsteste Algorithmus!

2.) Wo und wie platziere ich ein Mikrofon?

Die Antwort lautet wie so häufig, kommt darauf an, wobei es schon eine starke Tendenz in eine Richtung gibt. Die entscheidende Frage lautet, ob und wie viel Raumanteil man auf seiner Aufnahme dabei haben möchte. Ihr habt euch vielleicht schon einmal gefragt, warum im High-End-Bereich immer so ein Wirbel um den Aufnahmeraum gemacht wird. Hierfür gibt es zwei Komponenten, die zu berücksichtigen sind: eine physische und eine psychische.

Die physische bezieht sich primär auf unerwünschte Raummoden, die dafür sorgen, dass bestimmte Frequenzen aufgrund der Beschaffenheit des Raums zu laut oder zu leise wiedergegeben werden. Gerade im Bassbereich neigen die Frequenzen zum Aufschwingen und sorgen mit starkem Dröhnen dafür, dass das Frequenzspektrum der Gitarre ungleichmäßig wiedergegeben wird. Dies lässt sich auch nicht mit einer Klangregelung in den Griff kriegen, hier sind mehr oder minder bauliche Maßnahmen von Nöten.

Workshop Gitarre Mikrofon

Der psychische Grund ist der Fakt, dass unser Gehör extrem gut auf räumliche Eindrücke reagiert. Macht euch den Spaß, schließt die Augen, dreht euch ein paar Mal im Kreis und lasst euch von eurem Partner, eurer Partnerin in eurer Wohnung herumführen. Ihr hört schon an euren Schritten, in welchem Raum ihr euch befindet, d. h. ebenfalls, dass man hört, ob sich ein Drumset/Verstärker in einem „teuren“ Aufnahmeraum mit entsprechender Deckenhöhe, Parkettfußboden etc. befindet oder ob man die Aufnahme im muffigen Proberaum zusammengeschustert hat.

Da „echte“ Räume immer mit großen finanziellen Investitionen verbunden sind, hat sich aufgrund der Digitaltechnik zumindest im Gitarrenbereich die „Close Mike“ Methode durchgesetzt, sprich man platziert das Mikrofon möglichst nah am Lautsprecher, verringert dem Raumanteil bei der Aufnahme so stark wie möglich und imitiert den Raum seiner Träume nachher im Mix. Habt aber immer im Hinterkopf, die Position des Mikrofons hat in dieser Position NICHTS mit dem Klang zu tun, den ihr über euer Gehör wahrnimmt, aber es bietet im Mix die größten Editierungsmöglichkeiten bzgl. des Raumklangs.

3.) Welches Mikrofon für welchen Klang

Oha, ganz dünnes Eis. Wie immer in der Musik, erlaubt ist, was gefällt, allerdings gibt es auch hier ein paar Grundlagen, mit denen man sehr gut fährt. Wir gehen zunächst einmal von einer Ein-Mikrofon-Technik aus

a.) Tauchspulenmikrofon

Der häufig auch als dynamisches Mikrofon bezeichnete Mikrofontyp ist der Klassiker unter den Gitarrenmikrofonen. Mikrofone wie das Shure SM57 und Sennheiser E 906 erledigen knapp 95 % aller Live-Abnahmen und ca. 70 % aller Studioaufnahmen. Sie sind robust und besitzen je nach Typ einen Frequenzgang, der gerade den sehr wichtigen Bereich der Mitten gut abbildet.

Hier jetzt den bevorzugten Vertreter hervorzuheben, würde einen Forum-gleichen „Ich weiß es besser“ Sturm lostreten, daher beschränke ich mich auf die Grundsätze, die bei allen Mikrofonen gleich sind. Generell gilt bei einer Close-Mike-Situation, je weiter das Mikrofon in Richtung Lautsprecherrand zeigt, umso dumpfer wird der Klang. Diametral verhält es sich in die andere Richtung, wobei man die größte Höhenwiedergabe bei einer mittigen Ausrichtung auf den Konus erhält.

Hier gilt es, im Zentimeterabstand den persönlichen Hot-Spot zu finden. Ich persönlich habe bei einer Ausrichtung des Mikrofons auf den Kalottenrand bei gleichzeitiger Positionierung direkt am Bespannstoff des Cabinets die besten Erfahrungen gemacht. Gerade im High-Gain-Bereich kann man sich hier dumm und dusselig ausprobieren. Es empfiehlt sich, mehrere Mikrofone gleichzeitig am Cabinet zu positionieren und dann im A/B-Vergleich am Pult die unterschiedlichen Sounds unmittelbar zu vergleichen.

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Tauchspulenmikrofone im Einsatz

b.) Bändchenmikrofon

Das Bändchenmikrofon gilt als die Variante mit dem „natürlichsten“ Klangverhalten und wird gerne eingesetzt, wenn man einen weichen und raumbetonten Klang haben möchte. Aufgrund der festen 8-er Charakteristik nimmt das Mikrofon auch immer den Klang des Raums mit auf. Der Vorteil dieses Mikrofontyps ist ein ganz eigenes Frequenzspektrum, was bei cleanen und dezent crunchigen Sounds seine Stärken ausspielen kann.

Die Nachteile dieses Mikrofontyps liegen in einer seiner großen Empfindlichkeit gegen äußere Einwirkungen, seiner großen Basslastigkeit und dem sofortigen Tod bei versehentlich eingeschalteter Phantomspeisung.

Workshop Gitarre Mikrofon

Zwei Bändchenmikrofone der Firma Golden Age Project

c.) Kondensatormikrofon

Bekannt durch die Großmembran-Ausführungen, die bei Gesangsaufnahmen Standard sind, spielen diese zumeist teureren und hochwertigeren Mikrofone bei der Gitarrenaufnahme eine eher untergeordnete Rolle, was dem besseren Frequenzgang geschuldet ist. Gitarrensounds spielen sich in einem vergleichsweise mittenlastigen Frequenzspektrum ab, d. h. die meist feinere Auflösung eines Kondensatormikrofons in den Bässen und Höhen gestaltet sich bei einer Gitarrenaufnahme eher kontraproduktiv.

Allerdings sollte man auch hier ausprobieren, was dem persönlichen Klang am ehesten entgegenkommt. Ich habe auch schon Eddie van Halen mit 3 Röhren-Kondensatormikrofonen in einem Wet-Dry-Wet Setup gesehen, von daher …

Sonderlinge wie z. B. das Elektret-Kondesatormikrofon oder auch das Piezo-Mikrofon spielen bei der Gitarrenabnahme so gut wie keine Rolle.

4.) Abnahme von Gitarre: Mikrofonierungsvarianten

Um den Gitarresound flexibler zu gestalten, wird im Studio gerne auch mit mehreren Mikrofonen experimentiert. Indem man mehrere Mikrofon in optimierten Winkeln zueinander im richtigen Verhältnis mischt, kann man in Sachen Obertonverhalten und insbesondere im Höhenbereich den Klang des Instruments optimieren. Aber Vorsicht, eine kontraproduktive Phasenauslöschung steht immer Gewehr bei Fuß!

Die wohl beliebteste Methode im Studiobereich ist die sogenannte Fredman Methode, bei der zwei gleiche Mikrofone (wird gerne mit SM57 gemacht) in unterschiedlichen Winkeln auf unterschiedliche Flächen des Lautsprechers zeigen. Der Standard sieht eine ca. 45 Grad Positionierung eines Mikrofons Richtung des Randes der Kalotte vor, während das andere Mikrofon die in Einzelabnahme unbrauchbare Positionierung direkt auf den Konus vorsieht. Das richtige Mischungsverhältnis dieser beiden Signale sorgt in ihrer Kombination für einen der besten Hard und Heavy Sounds, den man erzeugen kann.

Gerne wird auch ein dynamisches Mikrofon als Close-up benutzt, während ein Kondensatormikrofon in einigem Abstand zum Lautsprecher den Raumklang mit aufzeichnet. Sehr schön, wenn man einen hervorragend klingenden Aufnahmeraum hat.

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Die Fredman Methode in zweifacher Ausführung

5. ) Gitarre Recording: Preamps

Die besten Mikrofone nutzen nichts, wenn man das anliegende Signal einfach nur über einen Wandler in die DAW schubst. Ich empfehle dringend, sich zumindest einen passenden Preamp, besser noch ein gut klingendes Mischpult zuzulegen, bevor ihr in die Wandlung geht. Der passende Vorverstärker ist maßgeblich am Klang des Instrumentes beteiligt, sowohl was den Frequenzgang, als auch die Kompression angeht.

Dabei hat man im Gitarrenbereich das Glück, dass es je nach angestrebtem Sound kein extrem teures Produkt sein muss. Es gibt Produzenten, die auf den quäkenden Sound der ersten Generation der Behringer Pulte (die Mackie Klone) schwören, die es auf dem Gebrauchtmarkt für ganz kleines Geld gibt. Man darf sich aber auch gerne preislich in die andere Richtung orientieren. Ich persönlich habe sehr gute Erfahrungen mit der Mackie VLZ-Serie gemacht oder wenn es etwas feiner sein darf, die SPL Outgear Produkte.

Die Auswahl ist gigantisch, von daher auch hier, viel ausprobieren und den Gain-Regler auch gerne einmal im gelben Bereich ausprobieren. Einige Preamps entwickeln hier klanglich ein großartiges Eigenleben, was dem Gitarrensound sehr zugute kommt.

Workshop Gitarre Mikrofon

Wall of Sound für E-Gitarre

Fazit

Nicht ohne Grund gilt die Aufnahme von Gitarrensounds als eine der Königsdisziplinen im Recording-Bereich. Die klanglichen Möglichkeiten sprengen alle Fachartikel und nur kontinuierliches Lernen und Ausprobieren führt letztendlich zu einem hochwertigen Sound.

Die Welt ist voll von wertlosen und lausig klingenden Gitarrensounds auf Platten und in Streams, tragt nicht dazu bei, diesen Pool weiter wachsen zu lassen.

Forum
  1. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Immer wieder gern gelesen, Übersichtsartikel wie dieser, in denen das Wesentliche zum Thema zusammengefasst ist. Die üblichen Nachteile bei der „Naturmikrofonierung“ (Zeit, Platz, Lärm) sind ja nun leider systemimmanent.

    Für die Fredman Methode gibt es übrigens einen Clip mit 3/8“ Flansch, der zwei SM57 oder ähnliche im 45° Winkel hält. So kommt man mit einem Ständer aus. Der Hersteller bietet diese Doppelclips sogar mit verschiedenen Winkeln von 30° bis 90° an. Da kann der geneigte Experimentator dann mal testen ;-)

  2. Profilbild
    uelef  

    Hallo Axel, danke für die Übersicht, die interessant ist, auch wenn es der Titel „Kaufberatung“ nur zum Teil trifft … Das ist eher eine Übersicht.
    Viele Audiointerfaces haben ja einen Mikrofonvorverstärker mit drin. Dann braucht man einen solchen aber nicht, oder? Weil du ja ein Mischpult oder einen Preamp empfiehlst …
    Viele Grüße, Ulf

    • Profilbild
      Axel Ritt  RED

      Hallo Ulf

      ja, viele Audio-Interfaces besitzen einen eingebauten Preamp, der aber gerade in der Budget Klasse nur mehr oder minder dazu dient, das Mikrofonsignal auf eine adäquaten Pegel anzuheben.

      Bei hochwertigen Konsolen oder Preamps tragen diese Komponenten dazu bei, dass der Sound an sich aufgrund des Eigenklangs der Komponenten deutlich besser wird. Hier ist Ausprobieren im A/B Vergleich angesagt, aber glaube mir, es lohnt sich!

      VG
      Axel

      • Profilbild
        uelef  

        Na ja, ich hab ein Metric Halo ULN-2 mit aktueller 3D-Karte … Da sollten die Preamps gut genug sein …

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