Keys-Legenden: Jon Lord von Deep Purple

21. Juli 2018

Rock meets Classic

Wenn es um Rock-Orgel geht, assoziiert so mancher Keyboarder als Erstes damit einen ganz bestimmten Mann: Jon Lord.

Jon Lord Kiel 2009. Credits: Jon Lord Official

Jon Lord Kiel 2009. Foto Credits: Jon Lord Official

Seine Spielweise und ebenso der Sound seiner Hammond prägten vor allem den Stil der Band Deep Purple. Child in Time und Smoke on the Water etwa sind nicht zuletzt durch seinen musikalischen Einfluss Songklassiker der Rockszene. Deep Purple wurde 1968 gegründet und in der Folgezeit zu einem der wichtigsten Vertreter des Hard Rock. Ihre Live-Gigs waren legendär und auch laut. Eine Wand Marshall Amps und Lautsprecherboxen allein für die Gitarre sorgte schon für entsprechenden Bühnenpegel. Und als Keyboarder lag es an Gründungsmitglied Jon Lord, dem was entgegenzusetzen.

Die Musik wurde ihm wohl schon in die Wiege gelegt, sein Vater war Performance Artist und weil es ein Piano im Haus der Familie gab, bekam Jon bereits als Fünfjähriger Klavierunterricht. Als Teenager interessierte er sich für den Jazzsound des Organisten Jimmy Smith, beim Rock ’n‘ Roll fand er die Klavierparts etwa von Jerry Lee Lewis besonders toll. Keine Überraschung also, dass es ihn bald in die britische Hauptstadt zog, die in den 60er Jahren als Swinging London bezeichnet wurde und fortan spielte er in verschiedenen Rhythm & Blues Bands. Kleinere Gigs in Kneipen und Clubs vor allem in der Region, doch der Aktionsradius sollte sich bald erweitern. Während mehrerer Engagements reifte Jon als Twen allmählich zum Profi und spätestens ab 1968 sollte der weltweite Durchbruch nicht mehr auf sich warten lassen.

Deep Purple Fireball LP Cover

Fireball, 1971

Deep Purple war in Sachen Rock seine musikalische Heimat. Gemeinsam mit dem anderen Gründungsmitglied, Gitarrist Richie Blackmore, sorgte er für einen satten Ensemblesound, basierend auf mit Effekten angereicherter Hammondorgel plus Stratocaster, die von einer Batterie Marshall Türmen verstärkt wurde. Den Rest erledigten die charismatischen Vocalparts von Ian Gillan sowie das bodenständige Groove-Brett von Drummer Ian Paice und Bassist Roger Glover. Dieses Quintett brachte in ihrer Frühzeit, trotz kleinerer Umbesetzungen, innerhalb von sieben Jahren auf neun Longplay Alben und darunter waren nicht wenige Meilensteine der Rocksonggeschichte. Child in Time, Strange Kind of Woman, Black Night, Speed King, Smoke on the Water, Highway Star, Lazy, Woman from Tokyo – die Liste ist lang und eindrucksvoll. Und John Lords dominanter Orgelsound in jedem dieser Titel unüberhörbar, alleine das Drawbar-Setting von Child in Time ist heute in nahezu allen Hammond Clones zu finden. Die erste Live-Performance dieses Titels ist auf den 24.8.1969 datiert und fand im Amsterdamer Paradiso statt. Obwohl eher simpel gestrickt, der Song basiert auf gerade mal zwei Akkorden G/Am und F/G, ist es neben der emotional vorgetragenen Vocalline besonders Lords Orgelintro und -part, die den Charme ausmachen. Sogar in verschiedenen Filmen fanden die prägnanten Riffs Verwendung, darunter Der Baader Meinhof Komplex, 23 – Nichts ist so wie es scheint sowie Twister.

Für Besitzer einer Hammond oder eines solchen Clones, hier die Drawbar-Settings: Upper 860 080 000 oder als Variante 800 600 000, Lower 646 000 000, 2nd Percussion Fast, Slow Speed oder Stop Rotary Speaker und ein wenig Reverb. In der Strophe wird die Percussion weggenommen, die Drawbars etwa in diese Position gebracht: Upper 868 888 888, Slow/Fast Rotary Speaker. Und während des Gitarrensolos: Upper 868 888 765, Slow Rotary Speaker.

Und wenn wir gerade bei den Einstellungen der Zugriegel sind, typischer Lord Sound für Songs wie Highway Star und Speed King ist Upper 888 833 100, dazu ordentlich Overdrive und kein Rotary-Speaker-Effekt. Bei Solo-Parts kann durchaus Slow/Fast-Rotary-Speaker funktionieren sowie bei Staccato Passagen 2nd Percussion. Wer einen Marshall Amp hat, ist im Vorteil. Und verstehen Sie das am besten als Ansatz, Feinabstimmung je nach Hammond Clone empfohlen. Gewöhnlich werden solche Drawbar-Setting Diskussionen in einschlägigen Orgelforen geführt.

Ebenso Musikgeschichte geschrieben hat das Quartriff für Orgel und Gitarre im Intro bei Smoke on the Water, wobei die Abfolge auch der nachfolgenden Instrumenteneinsätze ein Klassiker des Spannungsaufbaus für einen Rocksong darstellt. Auf dem Album Made in Japan gibt’s übrigens eine Fassung mit Soloduell Orgel und Gitarre.

Jon Lord Hammond hinten offen

Bei dieser Gelegenheit ein kurzer Ausflug zu seinem Equipment: Gelistet sind neben Grand Piano die Hammond Modelle B3, C3, A100 und XB-2, dazu die Synthesizer ARP Odyssey Mark 1 und ProSoloist, Moog Memorymoog und Yamaha DX7. Außerdem Hohner Clavinet D6, Fender Rhodes Suitcase 73 Mk1, Solina String Ensemble. Ebenso ein RMI Electra Piano, das via Tastaturkontakte mit einer C3 verbunden war. Zusätzlich konnte dank John „Dawk“ Stillwell von den untersten beiden Oktaven des Lower Manuals ein Moog Minimoog getriggert werden. Dawk war Richie Blackmores Guitar Tech. Jon Lord äußert sich gelegentlich in Interviews zu seinen Sounds, siehe YouTube-Clip unten. Seine Amp/Speaker-Systeme waren meistens von Marshall, dazu natürlich verschiedene Leslie-Rotary-Speaker-Cabinets. In der Abteilung Effektgeräte wurden unter anderem gesichtet Schulte Compact Phasing A und WEM Copycat Tape-Echo.

Jons Neigung zur Klassik hält schon früh auch bei Deep Purple Einzug. April aus dem Jahr 1969 ist eine dreiteilige Crossover-Suite für Rockband und Orchester und hat er gemeinsam mit Blackmore geschrieben. Dieser Titel war nicht der erste Ansatz in Sachen Progressive Rock, bereits Anthem vom vorherigen Album The Book of Taliesyn (1968) ging in diese Richtung. Von Jon Lords Klassikambitionen sollte man anschließend noch viele Jahre hören.

Jon Lord Hammond seitlich mit Orchester

Live galt die Band damals als eine der Lautesten und der Gig am 30.6.1972 im Rainbow Theatre schaffte es mit 117 dB sogar ins Guiness Buch der Rekorde. Bei Auftritten wurden die Songs oft in unterschiedlichen Versionen gespielt und – zur Freude des Publikums – um teils ellenlange Soloparts ergänzt. Trotz dieser unglaublichen Banderfolge war 1976 erstmal Schluss mit Deep Purple. Während dieser Jahre war Jon zusätzlich auch immer wieder auf Solopfaden unterwegs: Sarabande, Windows, Gemini Suite, dazu gemeinsam mit Tony Ashton die Filmmusik zu The Last Rebel. In Sachen Klassik war damit erstmal alles gesagt, es folgte eine längere Pause. Erst mit Boom of the Tingling Strings im Jahre 2002 und Disguises (2003) ging es wieder weiter.

Jon gründete unmittelbar danach Paice Ashton Lord und bereits 1976 wurde das Debutalbum Malice in Wonderland veröffentlicht. Das war es dann auch schon mit dieser Band, weitergehen sollte es für ihn dann direkt bei Whitesnake. Im Nebenjob wurde er während dieser Zeit auch von Cozy Powell, Graham Bonnet und einigen anderen Musikern für die Keyboards engagiert. Und als ob er damit nicht schon genügend beschäftigt gewesen wäre, fand er noch Zeit für ein weiteres Soloalbum: Before I forget.

Deep Purple Fan Perfect Strangers Tour T Shirt

Merchandise: Fan T-Shirt Perfect Strangers Tour, 18.2.1987 Stuttgart Schleyer-Halle

Forum
  1. Profilbild
    MidiDino  AHU

    Als KInd / Jugendlicher habe ich ‚Deep Purple‘ geliebt, doch eine Kombination von Pop/Rock / Klassik ist nach meinem Ermessen niemals gelungen. Dies lag an der relativ einfachen Struktur von Songs/Liedern in sich musikalisch wiederholenden Strophen und jeweiligem, ebenfalls sich wiederholendem Refrain. Klassische Instrumente, besonders die Streicher, lediglich als Soundbegleitung zum Pop/Rock zu benutzen, lässt alle Möglichkeiten außer Acht, die Klassik bietet. – Zappa hatte dies begriffen!

  2. Profilbild
    costello  RED

    „Violator als Leslie-Ersatz“ – schätze mal, Thilo meint den „Ventilator“ von Neo Instruments. Sehr schöner Bericht. Bin auch großer Jon Lord-Fan :-)

Kommentar erstellen

Die AMAZONA.de-Kommentarfunktion ist Ihr Forum um sich persönlich zu den Inhalten der Artikel auszutauschen. Sich daraus ergebende Diskussionen sollten höflich und sachlich geführt werden. Haben Sie eigene Erfahrungen mit einem Produkt gemacht, stellen Sie diese bitte über die Funktion Leser-Story erstellen ein. Für persönliche Nachrichten verwenden Sie bitte die Nachrichtenfunktion im Profil.