Was bedeutet Dorisch, Mixolydisch und Co?
Kirchentonarten – das klingt erst mal nach alt, verstaubt und konservativ. Dabei sind sie aus der aktuellen Pop- und Rockmusik nicht wegzudenken und seit Jahrhunderten in Gebrauch. Erstmals wurden sie bei den gregorianischen Gesängen systematisch beschrieben, daher der Name. In der Fachliteratur sind sie unter dem Stichwort „Kirchentonarten“ oder „Kirchentonleitern“ genauso zu finden wie unter „modale Tonleitern“. Im Englischen nennt man sie übrigens „Modes“, im Jazz findet man auch den Begriff des „modalen Jazz“. Was hat es damit auf sich? Und vor allem: Wie kann man die Kirchentonarten für die eigene Musik nutzen?
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- Modale Skalen: Kirchentonarten nutzen dieselben Töne wie Dur und Moll, verschieben aber den Grundton.
- Charakter & Wirkung: Jede Skala hat durch die Tonabstände eine eigene Klangfarbe – von fröhlich bis fremdartig.
- Praktischer Nutzen: Die sieben Modi bieten kreative Möglichkeiten zur Klanggestaltung jenseits der Dur/Moll-Dichotomie.
- Kein Hexenwerk: Mit etwas Interesse lassen sich Kirchentonarten genauso leicht begreifen wie andere musikalische Konzepte.
Inhaltsverzeichnis
Kirchentonarten
Wie eingangs bereits erklärt, stammt die Bezeichnung Kirchentonarten von ihrer hauptsächlichen Verwendung im Rahmen von gregorianischen Chorälen vor vielen Jahrhunderten ab. Sie darauf zu reduzieren, wäre aber falsch, denn auch in der weltlichen Musik spielten sie eine große Rolle, insbesondere auch in der volkstümlichen Musik des Mittelalters. Bis heute finden wir sie zum Beispiel in der irischen Musik: Ionisch, Äolisch, Dorisch und Mixolydisch sind hier vorherrschend.
Auch im Jazz und der Rockmusik nutzen Musiker gerne Kirchentonarten, um interessante Soli zu spielen. Dorisch und Mixolydisch werden gerne in Rocksoli verwendet und sind neben Pentatonik und Blues Skala wohl die Modi, die am häufigsten anzutreffen sind.

Vom Mittelalter über Jazz zur Rockmusik: Kirchentonleitern kommen keineswegs nur im kirchlichen Kontext vor. Die Bezeichnung „Modale Skalen“ oder kurz „Modi“ passt heutzutage besser.
Kirchentonarten einfach erklärt
Vorweg: Dieser Workshop umfasst zwei Teile. Den zweiten Teil des Workshops findest du hier.
Beginnen wir mit einer simplen Frage:
Was ist der Unterschied zwischen Dur und Moll?
Was ist eigentlich der Unterschied zwischen der C-Dur- und der A-Moll-Tonleiter? Die Antwort „Es sind halt zwei unterschiedliche Tonleitern!“ trifft die Sache nicht ganz, da beide Tonleitern mit exakt denselben Tönen gebildet werden:
C-Dur-Tonleiter: c, d, e, f, g, a, h (der Ton „h“ heißt im Englischen „b natural“)
A-Moll-Tonleiter: a, h, c, d, e, f, g
Der einzige Unterschied zwischen beiden Tonleitern ist der Anfangspunkt: Von c gespielt erklingt eine Dur-Tonleiter, von a eine Moll-Tonleiter. (Dass es neben dem sogenannten reinen auch noch harmonisches und melodisches Moll gibt, können wir für diesen Workshop ignorieren.) Der Grundton ist somit der entscheidende Punkt. Das mag banal klingen – was es auch ist –, hat aber einen entscheidenden Einfluss auf das Empfinden und Erleben von Musik.
Eine C-Dur-Tonleiter hat eine ganz andere Wirkung als eine A-Moll-Tonleiter, obwohl beide dieselben Töne enthalten. Sie unterscheiden sich nur durch den Grundton, also durch ihren tonalen Schwerpunkt. Man könnte auch von einer Art „Perspektivwechsel“ sprechen: Von c aus betrachtet bilden diese Töne eine Dur-Tonleiter, von a aus betrachtet eine in Moll.
Von C-Dur zu den Kirchentonleitern
Jetzt könnte man sich fragen, was passiert, wenn man dieses Prinzip auf die übrigen fünf Töne der Tonleiter anwendet. Und genau das entspricht den Kirchentonleitern: Sie übertragen diesen Gedanken auf alle anderen Töne der Tonleiter, woraus insgesamt sieben Skalen abgeleitet werden können. Im Tonraum C-Dur (also keine Vorzeichen, nur weiße Tasten) ergeben sich folgende Tonleitern, die man allgemein mit griechischen Namen beschreibt:
- Grundton C: C-Ionisch (oder eben C-Dur)
- Grundton D: D-Dorisch
- Grundton E: E-Phrygisch
- Grundton F: F-Lydisch
- Grundton G: G-Mixolydisch
- Grundton A: A-Äolisch (oder A-Moll)
- Grundton H (englisch B): H-Lokrisch
Wir haben es also mit sieben Tonleitern zu tun, die alle dieselben Töne nutzen und sich lediglich durch ihren Anfangston unterscheiden. Hier siehst du sie einmal dargestellt auf einer Tastatur und im Notensystem. Doch keine Angst, für Gitarristen halten wir am Ende natürlich auch eine Tabulatur für alle Kirchentonarten bereit.

Je nach Anfangspunkt ergibt sich eine andere Tonleiter.
Gleiche Töne, verschiedener Klang
Die Frage ist berechtigt: Wenn diese sieben Skalen aus denselben Tönen gebildet werden, weshalb klingen sie dann unterschiedlich?
Kurze Antwort: wegen der Verteilung der Ganz- und Halbtöne.
Bei der C-Dur-Tonleiter liegen die Halbtöne zwischen e und f beziehungsweise h und c; die übrigen Intervalle sind Ganztöne. Daraus ergibt sich folgendes Muster:
GT GT HT GT GT GT HT (GT = Ganzton, HT = Halbton)
Bei jeder Skala verschiebt sich dieses Muster um eine Position:
GT GT HT GT GT GT HT Ionisch
GT HT GT GT GT HT GT Dorisch
HT GT GT GT HT GT GT Phrygisch
GT GT GT HT GT GT HT Lydisch
GT GT HT GT GT HT GT Mixolydisch
GT HT GT GT HT GT GT Äolisch
HT GT GT HT GT GT GT Lokrisch
Dies ist natürlich auch in jedem anderen Tonraum möglich: Von jedem der zwölf Töne einer Oktave lassen sich jeweils sieben Kirchentonarten ableiten. So basiert z. B. C-lydisch auf G-Dur und A-phrygisch auf F-Dur. So weit, so gut. Doch worin liegt der Nutzen? Um verschiedene Stimmungen zu erzeugen.
Drei der sieben Skalen haben einen Dur-Charakter (ionisch, lydisch und mixolydisch), drei klingen nach Moll (dorisch, phrygisch und äolisch), und die siebte, lokrisch, bildet eine eigene Kategorie und klingt sehr ungewohnt.
Die sieben Kirchentonleitern von C
Wie unterscheidet sich C-Ionisch von C-Lydisch?
Diese Frage lässt sich am einfachsten graphisch beantworten. Beginnen wir mit C-Ionisch, dem normalen C-Dur, bestehend aus den weißen Tasten. Für die Gitarristen unter euch ist der Standardfingersatz ohne Leersaiten aufgeschrieben. Achtet in beiden Fällen, egal ob Tastenmusiker oder Gitarrist, auf die kleinen Änderungen, die sich von Tonleiter zu Tonleiter ergeben.
C-Ionisch
C-Lydisch
C-Mixolydisch

Mixolydisch unterscheidet sich von der Dur-Tonleiter nur in der erniedrigten siebten Stufe (h wird zu b)
C-Dorisch

Erniedrigen wir von unserem Dur-Fingersatz den dritten und siebten Ton, spielen wir eine dorische Skala
C-Äolisch
C-Phrygisch
C-Lokrisch
Hören wir uns das mal an.
Klang von Kirchentonarten
Bei den folgenden Klangbeispielen kannst du schön die drei durtonalen Kirchentonarten von den molltonalen Kirchentonarten unterscheiden. Dass Lokrisch aus dem Rahmen fällt, lässt sich ebenfalls sehr gut hören.
YouTube Empfehlung
Dass Musiktheorie nicht langweilig sein muss, zeigt das oben verlinkte Fachbuch „MusikDurchblick“. Zum Buch gibt es zahlreiche Erklärvideos auf YouTube, wie zum Beispiel das folgende Video zu Kirchentonleitern. Hier könnt ihr das oben Gesagte noch einmal anschauen.
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Kirchentonarten einfach erklärt, Teil 2
Hier kannst du direkt zum zweiten Teil des Workshops springen, in dem es vor allem auch um die praktische Anwendung der Skalen in der Pop- & Rockmusik geht.








































sehr schön🧡
Freue mich auf die Reihe … ich liebe Musiktheorie sehr
Danke!
Das klingt spannend 😊
Danke für diese Auffrischung! Toll geschieben, leicht verständlich und: Hört sich gut an!
🎝🎜
Wann geht es nur weiter… Das bringt Freude.
Gibt es auch Bezeichnungen für Tonleitern, die Schritte von 3 Halbtönen enthalten? Ich denke z.B. an die – obwohl in gleichmäßig temperierten Halbtonschritten – besonders „orientalisch“ anmutende D D# F# G A A# C# D
@bluebell Die nennt man „Harmonisch Moll von der fünften Stufe“ oder kurz HM5, manchmal auch als „Spanish Phrygian“ bezeichnet. Sie leitet sich von harmonisch Moll ab, in Deinem Beispiel wäre das G-Harmonisch Moll, gespielt mit Grundton D.
Harmonisch Moll (wie auch das damit verwandte Melodische Moll) sind nicht Teil der Kirchentonarten, sondern ein eigenständiges harmonisches Konzept, das viel später entstanden ist.
Bei Interesse kann ich auch gerne einen Workshop dazu schreiben.
@Martin Andersson Danke, Martin. Für mich haben diese Tonleitern immer eine besondere Anziehung gehabt. Mich würde solch ein Workshop sehr interessieren.
@Martin Andersson Ein Workshop zum Thema Harmonisch Moll würde mich auch interessieren. Ich lerne gerade E-Gitarre und war froh den A-HM5 entdeckt zu haben nachdem mich die „normale“ Moll-Pentatonik doch etwas gelangweilt hat. 😉
@bluebell Diese Skala kenne ich „technisch“ unter „double harmonic major scale“, griffiger bekannt als „byzantine“ oder „arabic“. Zu Zeiten von Django Reinhardt war auch noch eine andere Bezeichnung in Gebrauch, von deren Verwendung heute abgeraten wird … mehr sag ich nicht.
Aber, ja, es gibt noch eine ganze Menge sog. „nicht-diatonischer“ Skalen (Ganzton-Skala, Halbtonskala sprich chromatisch, Halbton-Ganzton, Ganzton-Halbton, …, alles mögliche alterierte Zeugs, …), und jede dieser „Ausgangsskalen kann man dann wieder nach dem Muster der Kirchentonarten durchrotieren …
@Klaus B. Ups, Asche auf mein Haupt.
Du hast ganz Recht: Bluebells Frage bezog sich auf eine Double Harmonic Major Skala (für Klugscheissser: der Unterschied macht das C# aus. Bei HM5 wäre dieser Ton ein C).
Und ja, es gibt wirklich zahlreiche Skalen, von Pentatonik (von denen es auch mehrere gibt), über Abwandlungen der Harmonischen und Melodischen Moll-Skalen bis zu Blues-Scales und den symmetrischen Skalen (z.B. Ganzton/Halbton).
Jede Skala hat einen eigenen Charakter, ihre eigene Klangfarbe.
Stufen / Funktionstheory sind auch interessant.🙂
Die Schott compact Reihe sehr zu empfehlen ist.
Verständlich und mit Exercise Teil.
Gibt / gab es auch auf englisch
@Viertelnote Da hatte ich doch in der Vergangenheit mal eine Übersicht der rein gestimmten diatonischen Modi erstellt, welche sehr schön den Aspekt der zyklischen Permutation verdeutlicht. Das unterscheidet die „Kirchentonarten“ letztlich von den vielen anderen harmonikalen Konzepten – die Stammtonleiter wird lediglich auf einer der gegebenen Tonstufen begonnen bzw. die jeweiligen Intervallbeziehungen genutzt. Für meinen Teil erhielt ich einen besseren Zugang durch die rationale Darstellung der Intervalle – alles geht eben exakt auf. Die gleichstufig temperierte Stimmung (12-TET) ergab erst im Nachhinein einen Sinn für mich. Hier der Link:
https://drive.google.com/file/d/1wJf_RZ5jfSA4YOuGoWQPwe7V9Yq9SR_O/view?usp=sharing
@johnsonmonsen Danke dafür!👌
Cyrill Kistler sagt Dir bestimmt da etwas …
Habe ich mit 14 statt der Ferien, auswendig lernen müssen..
verständlich wird zur Marter da. Vieles wird heute da toleranz,
gerade bei den verbotenen Stimmschritten. GruselLektüre.
@Viertelnote Gerne doch :-)! Ja, klassische Kontrapunktlehre wirkt zu Zeiten von Jazzharmonik & Co. oft sehr befremdlich; mich stört grundsätzlich die autoritäre Didaktik, mit welcher die Schüler drangsaliert werden. Dogmata werden regelmäßig als Naturgesetz behandelt. Selbst bin ich erst vor fünf Jahren zur Musiktheorie gekommen (mit 38), nachdem ich die Proportionen und Intervalle visualisierte und quasi geometrischen Zugang zur Musik bekam. An sich bin ich nicht sehr musikalisch, aber der Ton birgt eine Schönheit, welche sich auch mit den Augen erschließen lässt – und zusätzlich allerlei verblüffende numerische Koinzidenzen. Eine Welt, die jeder für sich entdecken kann …
@johnsonmonsen 4-stimmiger Satz sehe ich das auch ein, Vokalmusik ist da strikt gewesen.
Heut am Tage ist das entspannt, so ich meine.
Mein Lehrer hat selbst bei verdeckten Quintparallelen meine „Werke“ als Junk weggeworfen, hat mir sehr weh getan…aber anderes Thema, nicht die Sache jetzt.
Jedenfalls machst einen guten Workshop und ich mich da auf weiteres
freue🙂
Danke. Guter Beitrag, Martin.
Nicht jeder, der viel weiß, kann’s auch gut erklären – aber der Martin hat’s drauf! Freue mich auf die weiteren Folgen …
@Lewis da gebe ich Dir recht … Wissen und Vermittlung, sind der Schuhe zwei.
@Lewis Ich sag‘s mal mit Uli: We hear you. Weitere Folgen kommen.
Dank geht natürlich auch an @Martin_Andersson.
Wie geht denn hier das Zitat, also zitieren? Seh ich da die Zeilen vor Noten nicht?😕
Gerade erst gefunden! :)
Läuft unter „Was ich immer schon wissen wollte und nicht zu fragen wagte.”
Vielen Dank an @Martin_Andersson und in diesen Workshop werde ich sicherlich einsteigen.
PS: schon gelesen und gehört :)
Da ich gerne in Rockstücken die Blue Notes benutze, läuft das dann unter C-Dorisch, wenn der Song den Grundton C hat?