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Kultur in der Corona-Krise – eine Bestandsaufnahme

24. November 2020

Rettet uns die "Novemberhilfe"?

Als Gitarrist in derzeit zwei Unterhaltungsbands geht die Corona-Krise alles andere als spurlos an mir vorüber, ich bin direkt betroffen von den Einschränkungen, die der Veranstaltungsbranche auferlegt wurden. Gestattet mir einen kurzen Artikel über die aktuellen Entwicklungen, die nicht nur mich, sondern so ziemlich alle von uns Musikern betreffen, sei es als Profis, denen die größte Einnahmequelle schlagartig weggebrochen ist oder sei es als Hobbymusiker, denen es darum ging, ihren Spaß am gemeinsamen Musizieren mit einem größeren Publikum zu teilen. Die Langzeitfolgen des Lockdowns sind für keinen von uns vorhersehbar.

Knapp 3 Wochen ist es her, dass die Aktionsgruppe „Alarmstufe Rot“ zur Großdemonstration in Berlin aufgerufen hat. Ihr Anliegen: breite Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit und Forderungen der Veranstaltungswirtschaft an die Politik. Symbolträchtig die Uhrzeit der Demonstration am 28.10.2020: Fünf nach zwölf. Denn die Veranstaltungsbranche liegt am Boden. Die Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung treffen nahezu alle Branchen, aber wenn man sich die bisherigen Hilfsleistungen der Regierung ansieht, bekommt man schnell den Eindruck, andere Wirtschaftszweige würden bevorzugt bei der Verteilung der Hilfsgelder. Und tatsächlich ist es so, dass die von Wirtschaftsminister Altmeier vollmundig angekündigten „unbürokratischen Soforthilfen“ bei den Künstlern, Veranstaltungstechnikern, Caterern und überhaupt allen Aktiven in der Veranstaltungsbranche, nicht wirklich angekommen sind, während Großkonzerne wie zum Beispiel die Lufthansa nur mit den Fingern schnipsen mussten, um milliardenschwere Soforthilfen aus Steuergeldern zu erhalten. Es geht in diesem Artikel nicht darum, ob und wie die Soforthilfen fair und angemessen verteilt wurden und werden. Es geht darum zu schauen, wo wir stehen und wohin die Reise geht.

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Kultur in der Krise

Ein lange vermisstes Bild: Konzerte ohne Abstand und Maske. Wie geht es der Veranstaltungsbranche im Moment?

Corona-Hilfe für Musiker – „unbürokratische Soforthilfe“?

Mit Beginn des ersten Lockdowns im März dieses Jahres wurde uns freischaffenden Musikern eine Soforthilfe in Aussicht gestellt, die sich für die Meisten von uns schnell als Luftnummer entpuppt haben dürfte. Zwar konnten wir einen Antrag auf Soforthilfe stellen, doch schnell stellte sich heraus, dass diese Gelder nur für die Betriebskosten des selbstständigen Unternehmers genutzt werden dürfen. Und da wir als Berufsmusiker in der Regel kaum nennenswerte Fixkosten vorweisen können und zudem schnell Gerüchte aufkamen, dass unrechtmäßig beantragte Soforthilfen zurückgezahlt werden müssen und möglicherweise sogar Strafen drohen, sind hier schon viele meiner Kollegen und Kolleginnen leer ausgegangen. Was blieb, um die Lebenshaltungskosten erstattet zu bekommen, war ein vereinfachter Hartz IV-Antrag. Die zweite Hürde also. Überforderte Jobcenter und ein noch immer unübersichtlicher, seitenlanger Antrag haben die Situation nur bedingt entschärft. Zudem wurden Rücklagen für die Altersvorsorge angerechnet und somit vielen Antragstellern eine Hilfe verwehrt. Doch nun, nachdem die oben erwähnte Aktionsgruppe Alarmstufe Rot, die unter dem Hashtags #AlarmstufeRot und #SangUndKlanglos und der Aktion #NightOfLight breite mediale Aufmerksamkeit erreicht hat und viele Künstler und Künstlerinnen zum entweder lautstarken oder stummen Mitmachen motiviert hat, bewegt sich etwas in Berlin. Doch dazu später.

Hilfsanträge für Musiker in Zeiten von Covid

In Zeiten sozialer Medien bekommt der Hashtag eine zentrale Bedeutung. #AlarmstufeRot und #SangUndKlanglos sind nur zwei der bekannteren Vertreter dieser Gattung, die es ermöglicht, im riesigen Dschungel der Online-Medien Kraft zu bündeln und Solidarität zu bekunden. Ein weiterer verbreiteter Hashtag ist das etwas sperrigere, aber kreative #ohnekUNStwirdsstill. Macht euch die Mühe, falls noch nicht geschehen und sucht in den bekanntesten Social Media Kanälen nach diesen Hashtags und ihr werdet eine unglaubliche Flut am Informationen und Solidaritätsbekundungen vorfinden. Das macht Mut und zeigt, dass wir Freiberufler vielleicht doch eine größere Lobby haben, als wir denken. Eine weitere, sehr kreative und eindrückliche Initiative formt sich derzeit auf Instagram und Facebook. Unter dem Hashtag #kulturgesichter macht ein Netzwerk mit kunstvollen, aber mahnenden Schwarz-Weiß-Bildern auf sich aufmerksam. Diese Aktion, die auch unter dem Hashtag #ohneunsistsstill zu finden ist, ist eine Initiative der nationalen Veranstaltungsbranche, die sich regional formiert und zu den Fotosessions zusammenfindet.

Soziale Medien helfen Musikern und Künstlern während Lockdown

Natürlich sind soziale Netzwerke wie Facebook, Instagram, Twitter, YouTube und wie sie alle heißen auch immer Nährboden für Fake-News und irreführende Botschaften. Hier heißt es also vorsichtig zu sein und Informationen selbstbestimmt zu filtern und zu verifizieren. Musikernetzwerke auf Facebook geben aber oftmals wider, was draußen im Real-Life passiert und bieten wertvolle Informationen. Die derzeit knapp 1200 Mitglieder starke Gruppe „Musiker helfen Musikern“ von Initiator Oliver Plume, der als selbstständiger Finanzberater und Drummer tätig ist, und nebenbei recht wertvolle Tipps streut, wie man sinnvoll das Einkommen als selbstständiger Musiker verwaltet (so es das denn wieder geben wird…), ist ein solches Netzwerk. Fühlt euch frei, hilfreiche Tipps und Links auch hier in den Kommentaren zu posten. Denn wenn wir im Moment irgendetwas brauchen, dann ist es Zusammenhalt und Schwarmwissen!

Kultur in der Krise – Hilft eine Musikergewerkschaft?

„Ihr habt halt keine Lobby.“ So begrüßt den Besucher die Startseite der Initiative Pro Musik – Verband freier Musikschaffender, eines Mitte 2020 (also mitten in der Krise) neu gegründeten Vereins. Bestehend aus einem Team aus Profimusikern mit reichlich Erfahrung im Business, formiert sich hier ein Verein, der die Interessen von uns Musikern vertreten will und wird. Dort sucht man übrigens noch ehrenamtliche Aufbauhelfer und wirbt derzeit um „zusätzliche Brainpower“. Auf der Homepage könnt ihr euch für den Newsletter anmelden und euch auf dem Laufenden halten, bis der Verein für Mitgliedschaften öffnet oder ihr folgt den Aktivitäten des Vereins auf Facebook. Der Gedanke, so etwas wie eine Musikergewerkschaft zu gründen, ist tatsächlich nicht neu, bekommt aber in Zeiten, in denen die Kultur in der Krise steckt, neue Nahrung. Übrigens dürfte für viele neu sein, dass die Gewerkschaft ver.di auch eine „Fachgruppe Musik“ bietet. Ver.di preist sich dort als „Gewerkschaft aller Kultur- und Medienschaffenden.“ an. In der aktuellen Krise ist jedoch bisher wenig Aktivität seitens ver.di aufgefallen. Möglicherweise ist der Mitgliedsbeitrag einer Gewerkschaft für viele der selbstständigen Musiker, deren Einkommen oftmals unregelmäßig und alles andere als sicher ist, eine ernstzunehmende Hürde.

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Die „Novemberhilfe“ für Künstler und Musiker – Hoffnung oder ein erneutes Almosen?

Tatsächlich wurde der stumme Protest der letzten Wochen und Monate in Berlin offenbar lautstark wahrgenommen. Die neue, in Aussicht gestellte Hilfe aufgrund des erneuten Lockdowns sieht deutlich praxisnäher aus als die versandete Hilfe im Frühjahr dieses Jahres. Allerdings soll, so wie es sich bisher darstellt, für die Monate November 2020 bis Mai 2021 ein maximaler Betrag von 5000 Euro in Form eines „Unternehmerlohns“ ausgezahlt werden. Das wären gerade mal 714 Euro pro Monat, die zudem versteuert werden müssen, weil sie als Einnahme gelten. Allerdings nur dann, wenn das gesamte Jahreseinkommen 9400€ übersteigt. Der Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland e.V. VGSD spricht süffisant statt vom offiziellen Terminus „Neustarthilfe“ von einem „Unternehmerlöhnchen“ und sieht das Programm sehr kritisch. Ob und wie uns diese erneute Soforthilfe vor einer Pleitewelle in der Veranstaltungsbranche bewahrt, bleibt abzuwarten.

Kultur in der Krise social media

Die Alternative zum klassischen Live Konzert? Konzerte in sozialen Medien

Streaming Konzerte in Lockdown und Corona Zeiten – Alternative für Musiker?

Seien wir realistisch, vor Mitte nächsten Jahres werden wir keine größeren Veranstaltungen erwarten können. Diejenigen unter uns, die sich mit kleineren Jobs über Wasser halten konnten, indem sie zum Beispiel Hochzeiten oder ähnliche private Feiern musikalisch untermalen durften, werden vom erneuten Lockdown hart getroffen. Wer bis jetzt durchgehalten hat, hat möglicherweise seine Reserven aufgebraucht. Andere haben schon aufgegeben. Die Alternativen zu größeren Veranstaltungen sind rar gesät, die in den letzten Monaten immer wieder durchgeführten Konzerte in schnell aus dem Boden gestampften Autokinos blieben weitgehend den etablierten Kollegen vorbehalten, Musiker und Veranstalter, die von kleinen, regionalen Veranstaltungen abhängig sind, haben davon wenig bis nichts abbekommen. Im Internetzeitalter sind, während die Kultur in der Krise ist, Streaming-Konzerte möglicherweise eine überlebenswichtige Strategie. Doch fehlt da die Interaktion mit dem Publikum und da das Streamen von Musik mittlerweile durch Flatrates der gängigen Streaming-Plattformen ziemlich beliebig und omnipräsent geworden ist, bleibt die Frage offen, ob die Zuschauer bereit sind, für ein Konzert im Internet, das man mit einer Paywall versieht, entsprechend zu zahlen.

 

 

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Fazit

Alles in allem sieht es nicht besonders rosig aus für die Veranstaltungsbranche. Nachdem die Soforthilfe vom Frühjahr dieses Jahres nahezu wirkungslos geblieben ist, läuft auch der neue Versuch der Regierung, den krisengebeutelten Soloselbstständigen und Freiberuflern schnell unter die Arme zu greifen, Gefahr zu verpuffen oder das Leiden der am Boden liegenden Veranstaltungsbranche zwar zu verlängern, aber nicht wirklich wirkungsvoll zu helfen. Um VGSD-Vorstand Dr. Andreas Lutz zu zitieren: „Die Neustarthilfe ist (…) zu wenig, zu spät und falsch gedacht. Die Regierung behandelt die Selbstständigen einmal mehr als Erwerbstätige dritter Klasse.“ Ein düsteres Bild, das sich da abzeichnet. Und trotzdem werden viele von uns weiterkämpfen und versuchen, ihr künstlerisches Engagement aufrecht zu erhalten. Die Welle der Solidarität tut gut, auch wenn wir uns davon nichts kaufen können. Haltet die Ohren steif und sauber und vor allem: Haltet durch! Denn ohne uns wird’s still!

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Forum
  1. Profilbild
    lightman  AHU

    Unser Label und diverse Clubs im Umfeld haben Covid-Hilfe beantragt, wir versprechen uns aber nicht allzu viel davon, die Erfahrungen von Kollegen sind eher durchwachsen. Mal sehen, ob wir das Geld überhaupt kriegen.

    Soforthilfe ist nötig, man sollte jedoch den Leuten die Verplanung der Gelder selbst überlassen. Klar, Staatsknete ist immer an Bedingungen geknüpft, aber ein Solokünstler oder Freischaffender ist halt kein normales Unternehmen, sondern das Selbstmanagement eines Künstlers, dessen Leben und Arbeiten nicht immer geradlinig verläuft.

    Mit Streaming haben wir technisch und vom Feedback her ganz gute Erfahrungen, wenn aber dann der virtuelle PayPalhut rumgeht, sind da sozusgen mehr Knöpfe als Münzen drin.

    Wenn der Spuk vorbei ist, wird die Kulturlandschaft eine andere sein, soviel steht fest.

  2. Profilbild
    paap narF ZK  

    „November“hilfe
    ab heute beantragbar.
    das ist aber noch nicht alles, beantragen dürfen nur rechtsanwälte, steuerberater und noch ne andere lobbytruppe, weil der missbrauch..ach ja der missbrauch, gigantische ausmaße und so…

    und jetzt ratet mal, wohin dann ein teil der knete verschwinden wird, die man für den november gnädigerweise wirklich schon ende november – echt jetzt? so früh? – beantragen darf. wenn man es dann überhaupt bekommt, vorläufig erstmal und so. weil man kann ja nie wissen bei dem faulen künstlergesockse. sollen gefälligst arbeiten gehn, das geld muss schliesslich erwirtschaftet werden usw. blabla

    das ganze nennt man dann die „bedingungen“…
    ich nenne das verarschung.

    „wir lassen niemanden im stich“ hiess das „konzept“ mal hahaha

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