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Blue Box: Farfisa Polychrome, Ensemble Synthesizer

11. Januar 2020

Vintage Orgel oder Synthesizer?

Seien wir doch mal ehrlich: Wenn wir den Namen FARFISA hören, dann wird eine Reflexreaktion ausgelöst. Wir denken sofort an Orgeln. Und zwar entweder an die berühmte Compact-Serie, durch die der italienische Hersteller in den 60er Jahren zur Legende wurde – oder an jene musikalischen, sperrigen Möbelstücke mit eingebauter Tastatur, die die Wohnungseinrichtung der 70er Jahre stilvoll ergänzten und gleichzeitig noch einen Zeitungsständer oder sogar einen Sekretär überflüssig machten. Auch Blumenvasen und eingerahmte Hochzeitsfotos in stolzem Format fanden hier Platz. Ja, so eine elektronische Orgel war schon ein Statussymbol – und musste in der Regel einmal im Jahr für Weihnachtslieder herhalten.

Der Farfisa Polychrome: Skurriles Objekt der Begierde

In den 70er Jahren hatte Farfisa bereits einen sehr guten Namen als Orgelhersteller und weitete seine Produktpalette mit „zeitgemäßen“ Instrumenten aus. So wurden neben Orgeln auch E-Pianos, String Machines und später auch synthesizerverwandte, polyphone Instrumente – sprich Multikeyboards – hergestellt. Die Klangerzeugung dieser Geräte war in verschiedenen Bereichen unterteilt, z. B. in Strings, Brass, Piano, Orgel oder Synthesizer – seltener auch mal Chor. Diese analogen Multikeyboards basierten zwar auf dem Orgelprinzip, verfügten jedoch schon z. B. über einstellbare Filter und Hüllkurven. In dieser Zeit entstanden einige recht interessante Instrumente (übrigens nicht nur von Farfisa). Eines der aufwendigeren und „weniger preiswerten“ Instrumente dieser Gattung ist das Farfisa Polychrome, das 1979 auf dem Markt kam. Leider blieb dem Instrument der kommerzielle Erfolg versagt. Es war relativ teuer, außerdem versäumte es der Hersteller, den Polychrome in der richtigen Weise zu bewerben, sodass das Instrument weitgehend unbekannt blieb.

Polychrome – was für ein Name! Das Wort kommt aus dem Griechischen und bedeutet soviel wie „bunt“ oder „vielfarbig“. Das trifft allein schon optisch zu – hier markieren die unterschiedlichen Farben unterschiedliche Funktionen bzw. Soundgruppen. Neben der größeren Übersichtlichkeit kommt ein netter Nebeneffekt hinzu – es sieht alles klasse aus! Nun ja, ich mag es halt ein wenig bunter … Die ersten zwei Silben „Poly“ deuten aber auch Polyphonie an – damals das magische Wort bei Synthesizern. In der Tat ist das Polychrome vollpolyphon.

Haptik und Anschlüsse des Polychrome

Das Instrument ist mit seinen 31 kg nicht gerade ein Leichtgewicht und sieht mit seinen Holzseitenteilen und dem stabilen Stahlgehäuse recht beeindruckend aus. Die Tastatur umfasst 5 Oktaven und besitzt sogar Aftertouch – ein sehr interessantes Feature für einen analogen polyphonen Synthesizer. Ebenso positiv fällt der PITCHBENDER auf, der etwas an den „Levers“ eines Oberheim erinnert.

Auf der Rückseite befinden sich folgende Anschlüsse: GENERAL OUTPUT, VOCAL CHORUS OUTPUT, HEADPHONES und EXT INPUT mit Eingangspegelregler.

Im Lieferumfang enthalten waren übrigens auch eine nette Tragetasche aus Kunstleder mit dem Farfisa-Logo und ein Pedal.

Die 4 Klang-Sektionen des Polychrome

Die Klangerzeugung besteht aus 4 KLANGERZEUGUNGS-SEKTIONEN, die sich auch gleichzeitig aktivieren und sich stufenlos miteinander mischen lassen. Die VOCAL Sektion lässt sich leicht gegen den anderen Sektionen verstimmen, um einen volleren Sound zu ermöglichen.

PERCUSSIVE

Die erste Sektion heißt PERCUSSIVE. Hier hat man die Wahl zwischen den Presets PIANO, HARPSICHORD, HONKY-TONK, CLAVICHORD, ELECTRIC GUITAR und CLASSIC GUITAR. Im „FREE“-Modus lassen sich VOLUME, DECAY, BRILLIANCE (Filter-Cutoff) und EMPHASIS (Filter-Resonance) der Presets frei einstellen. Es lassen sich hier auch schnell abklingende Sounds programmieren – mit dieser Sektion kann man auch prima den „Click-Anteil“ des Gesamtsounds basteln.

STRINGS

Die nächste Sektion liefert die beliebten STRINGS. Analoge Strings waren in den 70ern seit dem Erscheinen des Solina String-Ensemble in Musikerkreisen schwer angesagt. Der sehr brauchbare String-Sound erreicht nicht ganz die Qualitäten eines ARP/Solina String-Ensemble, ist aber dafür recht neutral, was vor allem in Zusammenspiel mit den anderen Sektionen vorteilhaft ist. Neben den obligatorischen Regelmöglichkeiten VOLUME, ATTACK und RELEASE lassen sich sogar BRILLIANCE per Schieberegler einstellen. Drei unterschiedliche Fußlagen lassen sich zuschalten, auf Wunsch auch gleichzeitig.

ENSEMBLE

Anschließend folgt die ENSEMBLE Sektion. Hier gibt es die Presets BRASS, REED und ACCORDION. Regeln lassen sich VOLUME, ATTACK, SUSTAIN – und hier wieder das Resonanzfilter mit BRILLIANCE und EMPHASIS.

VOCAL CHORUS

Schließlich kommen wir zu der VOCAL CHORUS Sektion – neben den Strings dem Pad-Lieferanten Nr. 1. Hier stehen drei Fußlagen zu Auswahl – auch gleichzeitig. Editierbar sind VOLUME, ATTACK, SUSTAIN, CUTOFF, und RESONANCE. Fällt jemandem was auf? Hier heißt es plötzlich nicht mehr „Brilliance“ und „Emphasis“, jetzt wird das Kind endlich mal beim Namen genannt. Die Chorus-Sektion lässt sich mit einem Knopf gegenüber den anderen Sektionen feinstimmen, dadurch gewinnen Flächensounds deutlich an Tiefe. Die Taste FREE heißt, dass die Vocal Chorus-Sektion der Editierwut des Spielers schutzlos ausgeliefert ist. Eine Vocal-Sektion haben übrigens nur ganz wenige Multikeyboards. Diese Sektion ist eindeutig eines der Highlights des Polychrome, das sehr zu seinem Charakter beiträgt.

Der Phaser des Farfisa Polychrome

Die vier Sektionen des Polychrome lassen schon ziemlich viele interessante Kombinationen zu. Die netten Farfisa-Entwickler haben dem Instrument aber noch einiges mehr an Möglichkeiten verpasst: quasi als „Sahnehäubchen“ wurde dem Polychrome ein PHASER spendiert. Regelbar sind VOLUME, EMPHASIS, SPEED und TREMOLO. Mit den Zuordnungstasten lässt sich der Phaser den Sektionen STRINGS, ENSEMBLE oder PERCUSSION zuordnen – auch gleichzeitig. Der Phaser klingt ordentlich und erzeugt mit Emphasis eine Art Resonanz und zusätzlich einen Tremolo-Effekt, der mit der Geschwindigkeit des Phasers gekoppelt ist. Eine feine Sache.

Modulation

In dieser Sektion kann bestimmt werden, ob die Modulation (die meistens von der String-Sektion genutzt wird) normal (Stellung FAST) oder langsamer arbeiten soll (SLOW klingt dann wie Chorus) und welchen Sektionen sie zugeordnet werden soll (PERCUSSION, STRINGS oder ENSEMBLE). Nach dem Einschalten sind die Standardzuordnungen aktiviert – der kreative Anwender kann die Modulationen jedoch nach Belieben umprogrammieren.

An dem externen Eingang angeschlossene Soundquellen können übrigens mit dieser „fetten“ Modulation bearbeitet werden, was auch ein tolles Feature ist. in den ersten zwei Klangbeispielen ist zusätzlich ein Stylophone 350-S zu hören, das über den externen Signaleingang gespielt wurde.

General Controls

Hier gibt es einige interessante Funktionen:

DOUBLE OCTAVE verdoppelt die gesamte Klangerzeugung und spielt sie zusätzlich eine Oktave tiefer – da der Polychrome ja vollpolyphon ist, gibt es bezüglich Stimmenanzahl natürlich keinerlei Probleme. Ein KEYBOARD SPLIT lässt sich programmieren und auf Wunsch auch invertieren. Ein NOISE GENERATOR lässt sich per Kippschalter den Sektionen ENSEMBLE, PERCUSSION oder PHASER zuordnen – genauso ungewöhnlich wie interessant, kann man da nur sagen. Habe ich schon erwähnt, dass die Tastatur des Polychrome mit TOUCH BRILLIANCE ein Aftertouch auf die Filter besitzt? Hier lässt sich die Wirkung per Kippschalter in drei Stufen einstellen – Minimum, Medium oder Maximum. Per Kippschalter lässt sich hier das Routing des externen Signals ebenfalls bestimmen – ob das Signal dem Phaser oder der Modulation (FAST oder SLOW) zugeführt werden soll.

Der Klang des Polychrom

Ich hatte schon einige „polyphone Multikeyboards“ in meinem Besitz, aber nur wenige hatten einen so ausgeprägten Charakter. Die Welt des Farfisa Polychrome sind einzigartige Flächensounds – in Kombination mit Phaser und Rauschgenerator sind sehr eigene, typische Sounds möglich. Oft glaubt man es kaum, dass alles aus einem analogen Multikeyboard kommen soll. Der Aftertouch auf die Filter trägt auch seinen Teil dazu bei. Auch die Tatsache, dass jede Klangerzeugungs-Sektion ein eigenes Filter besitzt, macht aus dem Polychrome einen nuanciert einstellbaren Synthesizer. Den Sound sollte man nicht mit Instrumenten wie Prophet-5 oder Memorymoog vergleichen – der Sound geht hier in eine vollkommen andere Richtung. Den Charme des Farfisa Polychrome machen die interessanten Soundkombinationen mit Detuning der einzelnen Blöcke und seinen Effekten aus – nicht hochwertige Einzelsounds mit unendlichen Möglichkeiten.

Leider ist der Polychrome weder rauschfrei noch besonders zuverlässig. Einzelne Noten der Sektionen können sich im Laufe der Zeit verabschieden und sind von der Tastatur nicht mehr spielbar. Dieses Phänomen kennt man z. B. auch von der Farfisa Syntorchestra. Diesen Defekt kann man aber in den Griff bekommen. Das Farfisa Polychrome ist einer der interessanteren Stücke aus dem Raritätenkabinett – sein charaktervoller Sound ist noch frisch unverbraucht. Platten, auf denen er zu hören ist, sind so selten und unbekannt wie der Synthesizer selbst. Also wenn der Polychrome weder ein Kassenschlager war, noch von irgendwelchen Promis gespielt wurde, dann kann er auch noch kein Kultstatus erreicht haben, richtig? Für ein total „unkultiges“ Instrument ist das Farfisa Polychrome aber ein sehr interessantes Teil, das irre Spaß macht und das leider auch sehr selten zu finden ist.

Der Farfisa Polychrom on YouTube

Fazit

Zum Schluss noch ein Geheimtipp: Wer für relativ wenig Geld Polychrome-ähnliche Sounds haben möchte und viel Platz zuhause hat, der sollte sich mal die Farfisa Pergamon genauer anschauen. Dies ist eine (200 kg schwere) Luxus-Orgel, die mit der Polychrome interessante Parallelen aufweist. Dieses Gerät enthält die Vocal Chorus-Sektion, Strings und u. a. sogar einen monophonen Synthesizer.

Plus

  • einzigartige Sounds
  • vollpolyphone Klangerzeugung
  • Tastatur mit Aftertouch
  • viele Kombinationsmöglichkeiten
  • Fremdsignale können mit Ensemble und Phaser bearbeitet werden

Minus

  • relativ anfällig
  • Größe/Gewicht

Preis

  • aufgrund der Seltenheit kein Gebrauchtmarktpreis ermittelbar
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    whitebaracuda  

    Ja es gibt sie noch die verstossenen und vergessenen Trouvaillen. Das Instrument hat Charme und Charakter, vielen Dank für den schönen Artikel!
    Wie du richtig schreibst assoziiere ich Farfisa normalerweise eher mit den schweren Möbelstücken auf denen ich vor 30 Jahren den ersten Musikunterricht „genoss“.

    Viele Grüsse
    ‚cuda

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    phil_dr110  

    Ein anderes cooles Instrument von Farfisa war der Soundmaker, den ich mal in den 90ern besaß.
    Neben Strings, einer Preset- Poly- Sektion gab es noch einen Solosynthesizer, der sich auch relativ gut einstellen ließ. Und Aftertouch hatte der Gute auch.
    War ewig groß und sauschwer. 50 DM habe ich damals dafür bezahlt…

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      krautkopf  

      Das Syntorchestra ist auch gigantisch gänsehauterzeugend, leider auch sau anfällig und ist mehr defekt als arbeitend. Aber ich gebs nie wieder her!

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          krautkopf  

          sicher auch schön, hatte ich leider noch nie zw. den Fingern. Nur mal nen Lambda, aber irgendwie war der nicht so richtig meiner. obwohl der auch was hat, aber manchmal wächst man eben nicht so zusammen. :)

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          krautkopf  

          mein meist eingestztes multikeyboard ist der Yamaha SK 20. auch ein wunderbares Instrument!
          und das Syntorchestra, ein traum!

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          iggy_pop  AHU

          Es gab einen wundervollen Korg Delta…?

          An einem Synthorchestra hätte ich auch noch Spaß. Eher als an einem Polychrome, um ehrlich zu sein.

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    Moogfeld  

    Sehr cooles Teil und der würde sich zwischen meinem Hohner Stringperformer und dem Multiman S2 auch sicher sehr wohl fühlen. AAAAAAber: ich halte nach diesem Teil schon seit Jahren Ausschau und muss leider berichten, dass der wirklich so gut wie nirgendwo zu bekommen ist. Den Farfisa Soundmaker sieht man schon hin und wieder mal, aber ein Polychrome ist tatsächlich absolut out of Space bzw. ultrarar!
    Der Geheimtipp wird daher wohl für mich und die meisten hier für immer nur ein psychedelischer Traum bleiben.

  4. Profilbild
    iggy_pop  AHU

    Der Polychrome ist in der Tat recht speziell und vor allem wegen seiner Seltenheit interessant — damit kann man sich als Musiker trefflich von der Meute absetzen, und jeder Sammlung gereicht ein Polychrome zur Zierde. Er klingt um Längen besser als die meisten anderen Geräte dieser Spezies.

    Man muß aber auch die Kirche im Dorf lassen — die Streicher mit der perkussiven Piano-Abteilung erinnern sehr stark an den Elka Rhapsody 610, da ist der Polychrome sicherlich ersetzbar. Der Phaser ist einen nette Dreingabe, aber leider nicht wirklich flexibel — nach einer Weile neigt man dazu, ihn auszuschalten, weil er eben nur mit einem Sinus-LFO moduliert wird. Auf die anderen Modulationsmöglichkeiten möchte man auch nicht gerne verzichten, weil der Chorus-Effekt das Leben erst richtig schön und die Streicher richtig breit macht.

    Den Vogel schießt der Vocal Chorus ab, der ein wenig an die Vox Humana des Polymoog Keyboard erinnert, aber irgendwie hauchiger bleibt. Ob man sich nur für diesen Klang so ein Schiff hinstellen muß, sei mal dahingestellt — ich habe mich irgendwann geärgert, daß ich meinen Polychrome vor 15 Jahren mal in einem Anflug von geistiger Umnachtung und existenziellem Engpass verkauft habe, aber als mir ein Freund den seinen wie Sauerbier anbot, habe ich mich am Ende doch gegen einen Kauf entschlossen.

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      krautkopf  

      ja, manchmal hat man eben Aussetzer, hahahaha. Ich ärgere mich hingegen darüber einige Schätzchen hergegeben zu haben. anfang der 90er, für peanuts. :(

  5. Profilbild
    psv-ddv  AHU

    Und wieder was gelernt. Sehr schicket Instrument. Danke für den Bericht und die aussagekräftigen Klangbeispiele. Die Klänge erinnern mich teilweise schon fast an frühe FM-Kisten (insbes. der Vocal Chorus). Das Teil klingt super und hebt sich, wie hier schon geschrieben wurde, gut von der Masse ab. Individualität halte ich in der Musik grundsätzlich für erstrebenswert und das Polychrome Ensemble scheint mir für Individualisten perfekt geeignet zu sein.

  6. Profilbild
    lightman  AHU

    Schöner Artikel und tolles Teil mit fast schon kinematischem Sound. Solche und ähnliche Instrumente sind leider etwas an mir vorbeigegangen, nach meinen Bontempi-Erfahrungen in den 70ern hatte ich den Orgelkoller und mied alles, was auch nur entfernt nach Orgel roch. Das hat sich nach einigen Jahren gegeben, heute interessiere ich mich wieder dafür, denn wie man sieht, gibt es in diesem Bereich viele mehr oder weniger unbekannte Sachen zu entdecken, die sich wohltuend vom sonstigen Einerlei absetzen.

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