Making of: Pearl Jam, Ten (1991)

5. Januar 2020

I'm still alive!

  1. Pearl Jam Ten

Jeder, der mal in einer Band gespielt hat, weiß: Es kann Jahre dauern, bis man zusammenwächst. Bis sich so was wie eine handfeste klangliche Identität bildet, bedarf es so einiger Kurskorrekturen. Dabei müssen Gefühle verletzt werden. So richtig. Dem Basser erklären, dass er keine Ahnung hat, wie sein EQ funktioniert, einem Gitarristen erklären, dass er sich viel zu laut aufdreht und sein neues Overdrive-Pedal eben nicht der Heilsbringer ist oder dem Drummer ein In-Ear-Metronom ans Herz zu legen: Es ist ein Graus, manchmal, und unzählige Bands scheitern an diesem Prozess gegenseitiger (vorsichtig oder lautstark) vorgetragener Kritik. Sich dann noch klanglich finden? Dauert. Passiert (zumeist) erst beim dritten Album. Nicht meine Worte, sondern Rick Rubins – eine bis zwei Platten Vorlauf braucht man, ehe man weiß, was man eigentlich bewirken und auslösen möchte.

Vor diesem Hintergrund ist die Ten von Pearl Jam ein, nun ja, ziemliches Wunder.


Wie es eine Band auf Anhieb mit ihrem Debüt schafft, so ziemlich alles richtig zu machen, aus einem Guss zu klingen und den Eindruck zu vermitteln, bereits seit zehn Jahren gemeinsam auf der Bühne zu stehen – das ist in der Tat rätselhaft. Pearl Jam ist das mit Ten gelungen, einer der besten Rock-Platten der 90er Jahre. Positive Grunge – die Bezeichnung wurde hier und da für Pearl Jam verwendet, aber eher weil man u. a. Layne Stayleys Lyrics über Speedballs und tote Exfreundinnen gewöhnt war. Im Vergleich dazu ist die Ten nahezu hoffnungsvoll, eine manchmal fast hymnenhafte Erzählung über Auswege, die gefunden werden und Enttäuschungen, die man hinter sich lässt. Es ist ein Album über Anfänge und in den Augen vieler die perfekte Rockplatte. Das will verstanden werden – also beginnen wir unsere Spurensuche.

Making of Pearl Jam, Ten – The Surfer Kid

Seattle ist aus der Entstehungsgeschichte des Grunge einfach nicht wegzudenken – das gilt auch für Pearl Jam. Doch bis sich das Line-up bildete, das Ten zustande bringen sollte, würde ein bisschen Zeit vergehen. Anfang der Neunziger, mittendrin im Geschehen und dem Bandleben von Seattle: Stone Gossard, Gitarrist und Jeff Ament, Bassist, die Anfang 1990 noch damit beschäftigt waren, den Herointod von Andrew Wood zu verkraften, dem Frontmann ihrer damaligen Hausband Mother Love Bone (wer was für Grunge übrig hat, dem sei an dieser Stelle das Album Apple wärmstens ans Herz gelegt – absoluter Kult!). Hair Metal tätigte seine letzten Atemzüge. Etwas Neues entstand. Man war bekannt in der Szene, hatte mit dem exzentrischen Andrew viele Auftritte in der Gegend absolviert, die Eindruck geschunden hatten. Nach Woods Tod folgte eine kurze, ziellose Episode, ehe man mit Mike McCready einen fantastischen Lead-Gitarristen fand und mithilfe des Soundgarden Schlagzeugers Matt Cameron ein Demo-Tape aufnahm, das dann über Umwege seinen Weg zu Eddie Vedder finden würde.

Pearl Jam Ten

Was lässt sich über Eddie Vedder sagen? Er ist ein Enigma – er war es damals, er ist es bis heute. Für manche ist er der bodenständigste Rockstar aller Zeiten. Andere kaufen ihm diese erdverbundene Hippie-Nummer nicht ab und glauben, eine Bono-Light-Version in ihm zu erkennen. Wie man’s dreht und wendet – die Stimme bleibt. Die hatte in San Diego bereits Eindruck schinden können, aber er war eben dann doch ein bisschen kalifornisches Sonnenkind, ein Surfer Dude mit poetischer Schlagseite, bei dem nicht sicher war, ob er zu Seattle passen würde. Jack Irons, ehemaliger Drummer von Red Hot Chilli Peppers, war es, der Eddie das Tape von Mike, Jeff und Stone in die Hand drückte. Die instrumentale Arbeit der Band war wie ein Startschuss für den kreativ ausgehungerten Eddie. Er schrieb Lyrics und Melodien für alle drei Stücke in kürzester Zeit, in einer schlaflosen, unruhigen Trance und schickte die Aufnahmen zurück nach Seattle. Et voilà, sofort lud ihn die Band ein.

Pearl Jam Ten

Die anderen mochten Eddie – er war augenscheinlich eine komplizierte Seele. Seine Lyrics, die oft in der dritten Person verfasst sind, waren narrativ, aber nicht plakativ, schmerzlich, aber nicht verzweifelt. Jeremy ist ein gutes Beispiel – Track Nummer 6 auf Ten liest und fühlt sich an wie Anklage, Lament und Nachruf, ohne der Dunkelheit des Themas zu verfallen – ein bemerkenswerter Spagat, der in erster Linie Eddie zu verdanken ist. Jeff, Mike und Stone merkten also recht schnell, dass es nicht nur die Stimme war, die besonders an ihm war, sondern dass er zur expressiven Sorte Mensch gehörte, die wie für die Bühnenfront gemacht war. Diesen Sweet-Spot zwischen Wut und Liebe treffen nicht viele – Eddie gehört zu den wenigen, denen das gelingt. Er war mitunter mit der Gewissheit aufgewachsen, dass sein Stiefvater sein leiblicher war – dieser ominöse Schatten des Vaters, den er nie gekannt hatte: Er begleitete das textliche Schaffen des Mannes über sämtliche Werke hinweg.

Making of Pearl Jam, Ten – All in

Man muss sich klarmachen – das waren keine Jungs, die nebenbei studierten oder einen Plan B hatten. Stone, Jeff und Mike lebten für die Musik. Bei Eddie war das nicht anders, wobei er sich von der Strömung des Lebens tragen ließ, wohin sie ihn eben brachte. Der Hunger und das Potential waren groß, insofern dürfte es also nicht überraschen, dass die Band in ihrer neu gefunden Konstellation nur eine Woche brauchte, um elf Songs zu schreiben. Klar, man setzte nicht völlig bei Null an, aber mithilfe des Drummers Dave Krusen wurden elf handfeste Lieder an Epic Records verschickt, welche die Band kurzerhand darauf unter Vertrag nahm. Die Tragödie um Andrew Wood war nicht vergessen – sie hatte tiefe Spuren in Jeff und Stone hinterlassen, doch dieser barfüßige Jesus-Typ aus Kalifornien schaffte es, diesem Schmerz in seinen Lyrics Ausdruck zu verleihen – und irgendwie kam alles zusammen. Jeff und Stone hatten, das muss man sich vergegenwärtigen, bereits den „Durchbruch“ gehabt mit Mother Love Bone – ehe Andrews Tod ihnen den Teppich unter den Füßen weggezogen hatte. Eddie und alles, was zu Ten führte, war also ein zutiefst kathartischer Prozess, in dessen Zuge sich ein Band bildete, das Jahrzehnte halten würde.

Pearl Jam Ten

Davon handelt eben der bekannteste Song der Platte, „Alive“ – von der Auseinandersetzung mit Verlust. Davon, aus Schatten herauszutreten und in das Potential hineinzuwachsen, das man vor sich ausgelegt sieht. Ödipale Verwicklungen inklusive – Alive handelt auch vom Tod des Vaters und den Sohn, der zu seinem Ebenbild wird und die Liebe der Mutter zu ihm, die bedrohliche Formen annimmt. Vater, Sohn, Mutter – das end- und zeitlose Gefüge, das zentral für die Songs Alive, Once und Footsteps ist, eine Trilogie, die im Ausruf endet: I’m still alive.

Der Grunge Klassiker Ten – Tribut und Neuanfang

Eddie zog nach Seattle und war eine Weile damit beschäftigt, sich in der Stadt einzufinden. Während all dem waren die anderen Jungs von Pearl Jam damit beschäftigt, Andrew im übertragenen Sinne, zu Grabe zu tragen. Temple of the Dog war im Begriff zu entstehen. Songs, die hauptsächlich von Chris Cornell geschrieben wurden und über 1990 und ’91 gereift waren, sollten endlich Blüte tragen – und zwar im London Bridge Studio in Washington. Temple of the Dog war eine Hommage an Andrew, initiiert von Chris, der eigentlich nur ein paar Songs im Sinn hatte, von Jeff jedoch dazu überredet wurde, einen Longplayer daraus zu machen. Herausgekommen ist eine der besten Grunge-Platten überhaupt. Rick Parashar wachte über die Aufnahmen – eine Schlüsselfigur für die Aufnahmen von Ten, auf die wir gleich zu sprechen kommen. Fakt ist: Ten wäre in dieser Form ohne die Temple of the Dog Platte nie zustande gekommen – und mindestens hätte sie anders geklungen. Cornell und der Soundgarden Drummer Cameron sowie Jeff, Mike und Stone brachten das Album zustande. Und typisch für Chris Cornell erkannte er die Gunst des Momentes und lud das neue Mitglied des Grunge-Tribes in ihre Mitte ein: Eddie und er sangen Hunger Strike ein – eine Sternstunde des Grunge. Die Instrumentierung ist vergleichsweise unspektakulär – aber Eddie und Chris gehen in den hervorragenden Lyrics regelrecht auf.

Hunger Strike war eigentlich ein Filler„, erinnerte sich Chris Cornell. „Eddie saß jedoch da und wartete darauf, dass die Aufnahmen für Mookie Blaylock (Ursprünglicher Name von Pearl Jam – Anmerkung der Redaktion) begannen und summte vor sich hin. Mutig wie er war ging er ans Mikrofon, weil er merkte, dass ich mit damit schwer tat. (…) Geschichte schrieb sich von dann von alleine; der Song wurde die Single.

Der Ritterschlag für Eddie also – er war endlich in Seattle angekommen. Drei Monate, nachdem Temple of the Dog aufgenommen hatten, betraten Pearl Jam nun die Hallen des London Bridge Studios. Zu diesem Zeitpunkt waren ein Großteil der Tracks bereits geschrieben, denn mit Rick Parashar hatte man im Januar des Jahres bereits ein paar Tracks aufgenommen, wenn sich in den Sessions zwischen den Temple of the Dog Songs Zeit fand. In Windeseile schrieb man die restlichen Lieder im März und war dann Ende April auch schon fertig mit den Aufnahmen.

Pearl Jam Ten

Zentral war das Bemühen um raue Intensität, dass sich die Songs frei und spontaner anfühlen als die durchkomponierten Lieder bei Temple of the Dog. Die Energie wurde aufs Tape gebrannt, namentlich als erstes „Deep“ and „Why Go“. Gossard, der die meisten Songs auf dem Album komponiert hatte, war ebenso wie McCready und Jeff in Sachen Equipment alles andere als wählerisch, aber schon bald zeichnete sich ab, dass der Marshall JCM 800 für die Distortion und die verzerrten Parts eine zentrale Rolle einnehmen würde. Auch ein Marshall Plexi kam seitens Mike für die Soli zum Einsatz, oft unterstützt durch einen Tubescreamer 808. Stone Gossard nutzte live vor allem gerne den Peavey Classic 100, doch zum Einsatz während der Aufnahmen kam er (warum auch immer) nicht. Für Jeffs Spiel war der Fender Bassman das entscheidende Stück Equipment und sowohl Stone als auch Mike nutzten für die Clean-Passagen in erster Linie den Fender Twin Reverb. Keine Überraschungen hier also – die Band verließ sich auf die großen Namen und zeichnete sich nicht durch exzentrische Maßnahmen in Sachen Equipment aus. In Sachen Pedale war der TS808 ein Dauergast in der Effektschleife, ebenso wie verschiedene Iterationen des Dunlop Crybaby.

Mike bevorzugte das Standard-Tuning, während sich Stone immer wieder zum Dropped-D-Tuning griff. Beide Männer nutzten sowohl Gibson als auch Fender Strats, wobei Mikes Vorliebe für Gibson 1959 Modelle inzwischen als legendär gilt. Eine Les Paul Junior oder Electric ’59 sind seit jeher fester Bestandteil seines Setups. Auch eine Firebird Studio 70s Gibson wurde oft in Mikes Händen gesichtet, darüber hinaus ist Fender American Vintage ’59 wohl eine seiner ersten Lieben. Mike macht aus seiner Liebe zu den 59er Modellen also keinen Hehl, wie dieses Video zeigt.

Stone selbst spielte unter anderem eine 1954 Fender Telecaster und eine Gibson ES-330. Vom Sirup-artigen Flanger-Sound, der so typisch für den Grunge war, wollten sich weder Stone noch Mike trennen und so kam mitunter der Small Clone zum Einsatz, verschiedene Fulltone-Pedale, ein Boss TR-2 Tremolo sowie der EHX Memory Man. Stone schrieb die einprägsamsten Riffs der Platte – unter anderem das Main-Riff von Even Flow oder die Akkorde von Jeremy.

Rick Parashar und speziell Jeff hatten einen guten Draht zueinander, arbeiteten gemeinsam an den Basslines und hauchten ihnen Leben ein. Als es ans Mixing ging, brachten Eddie, Stone und die anderen das Album in Juni nach England, wo Tim Palmer, der Apple von Mother Love Bone gemixt hatte, inzwischen seine Zelte aufgeschlagen hatte. Dass die Band mit dem Mix nie ganz zufrieden war, ist den meisten bekannt, doch erst 2011 kam eine Reissue des Albums heraus, die weitaus weniger Reverb besitzt und um einiges aufgeräumt klingt. Aber damals war der Sound gut genug, um die Platte zu einem waschechten Word-of-mouth-Phänomen werden zu lassen. Denn das Album schlug nicht ein wie eine Bombe, ganz im Gegenteil. Die Verkaufszahlen blieben hinter den Erwartungen zurück, doch das änderte sich, als Nevermind der Welt zeigte, wie eingängig Grunge sein konnte. Es sprach sich rum: Diese Band aus Seattle mit dem etwas seltsamen Namen Pearl Jam hatten ein hyper-melodiöses Juwel geschaffen und Eddie Vedders Stimme brauchte den Vergleich mit Cornell oder Staley nicht zu scheuen. Anfang/Mitte der 90er gab es unter dem Rockpublikum jedenfalls neben dem Chorus von Smells like Teen Spirit keine Zeile, die so omnipräsent war wie I’m still alive. Für Eddie Vedder ein schmerzhafter und alles andere leichter Song, der eine lebensbejahende und positive Auslegung erfahren hatte. In diesem Sinne:

 

 

Fazit

Wenn man von den besten Rock-Debüts aller Zeiten sprechen möchte, führt kein Weg an der Ten von Pearl Jam vorbei. Dem nihilistisch angehauchten Lebensgefühl der frühen 90er wurde hier eine Kaskade an Hymnen entgegengesetzt, die hoffnungsvoll und bisweilen lebensbejahend sind. Eddie Vedder erschien auf der Weltbühne und prägte sich mit seiner Stimme dem kollektiven Rock-Gedächtnis ein – ein Album, das mit zeitlosen Songs nur so strotzt.

Forum
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    Hectorpascal  AHU

    Pearl Jam klangen für mich nie authentisch und konnten mich gefühlsmäßig nie ansprechen. Das hat sich bis heute wenig geändert.

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      Stephan Güte  RED

      Für mich war die gesamte Grungemucke eher ein letztes aufbäumen der Metal-Szene der 80er. Allerdings wenig innovativ.

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        Dimi Kasprzyk  RED

        Instrumental war es nicht unbedingt innovativ, auf jeden Fall. Aber die gesamte Ästhetik war ja schon so eine allergische Reaktion auf den Pathos und Hair-Metal der 80er Jahre, insofern fühlt sich Grunge auch ganz anders an.

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        TobyB  RED

        Subpop und Grunge war der totale Gegenentwurf zu Hairspray, Leder und fetter Show. Da waren Pearl Jam ja auch eher die „Spätzunder“. Ich erinnere mal an Soundgarden, Alice in Chains, Mudhoney, Mother Love Bone. Pearl Jam haben sich erst 1990 gegründet. Musikalisch innovativ darüber kann man streiten, zumindest haben sie ein Lebensgefühl rübergebracht. Und es gab Zeiten, da konnstest bei Sub Pop ungehört die Platten kaufen. Sei es nun von The Afghan Whigs bis Soundgarden.

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          Hectorpascal  AHU

          Pearl Jam war bei uns der Grunge fürs Bildungsbürgertum, bzw. deren glattgebürsteten Kinder die auch mal ganz vorsichtig revoluzzen wollten ohne auffällig zu werden. Für die war das wie gemacht.

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            TobyB  RED

            Wie gesagt, ich hab Pearl Jam immer als Spätzünder gesehen. Ich fand die okay. Aber gegen die anderen Bands waren die *peng* Da gabs bessere und andere Bands aus dem Seattle Umfeld.

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    Willemstrohm  

    Gerade das Pathos im Gesang von Eddie Vedder geht mir auf den Sack. Aber früher fand ich es mal okay – ’ne zeitlang.

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      TobyB  RED

      Der Pathos hat sich aber bei Temple of the Dog ganz gut gemacht. Obwohl gegen Chris Cornell im direkten Vergleich. Das hat sich für mich gut ergänzt. Der Soul von Cornell und der Pathos von Vedder. Hunger Strike und Temple of the Dog kann ich mir heute noch anhören. Meine Lieblingsnummer Say Hello 2 Heaven.

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