Making of: Prince & The Revolution Purple Rain

10. März 2019

Die purpurne Revolution

Ein Akkord aus der Orgel beschwört die Stimmung, die Stimme hallt wie im Gotteshaus: „Liebe Gemeinde, wir sind hier und heute zusammengekommen, um durch dieses Ding zu kommen, das wir ‚Leben‘ nennen“. Gleich zu Beginn von Purple Rain erklärt Prince seinen Zuhörern die Lage, bevor er sie in der nächsten Minute zum Durchdrehen aufruft. Ab da gibt es kein Halten mehr, denn das Ziel ist klar: Diese von Sex und Elektrizität überbordende Songsammlung soll ihn aus dem Status des etwas kauzigen Funk-Wunderkindes herausholen. Und ihn dabei als das womöglich größte musikalische Talent seiner Generation vor der ganzen Welt bestätigen – weniger ist nicht drin.

Dass Purple Rain „nur“ als Soundtrack für eine größere Produktion, nämlich den gleichnamigen Kinofilm, dienen sollte, stört uns hier nicht weiter, denn über 25 Millionen verkaufte Exemplare und ein Oscar (für die Musik, nicht für den Film, wohlgemerkt!) sprechen für die Eigenständigkeit eines Werks, in dessen Entstehungskontext wir ein bisschen hineinspähen wollen – wo, wenn nicht in unserer Making-of-Reihe?

Purple Rain – die Band

Das Jahr 1983 war für die Karriere von Prince ein entscheidendes. Zum Kritikerliebling war er längst avanciert. Mit seinen ersten vier Alben hatte er Achtungserfolge verbuchen können und der futuristisch anmutende Technofunk des fünften, 1999, hatte sogar an die Tür des amerikanischen Top10 geklopft. All das und das unermüdliche Touren hatten jedoch für den großen Durchbruch nicht gereicht – da mussten, wenn nicht ein Masterplan, zumindest neue Zutaten her: laute Gitarren zum Beispiel. Auf frühen Stücken wie Bambi hatte er zwar gezeigt, dass ihm der Umgang mit Powerchords und verzerrten Soli nicht fremd war, die Ausflüge in die Gefilden des Rock blieben trotzdem Marginalien in seinem Repertoire. Das sollte sich auf dem neuen Album ändern. Allein schon der Name seiner neuen Begleitband, The Revolution, deutete in diese Richtung. Brown Mark (Bass), Bobby Z (Schlagzeug), Matt „Doctor“ Fink (Keyboards) und Lisa Coleman (Keyboards) bildeten den Kern und standen Prince schon seit Jahren zu Diensten, aber erst als die 19-jährige Wendy Melvoin (Gitarre) dazu stieß, konsolidierte sich die Besetzung, mit deren Unterstützung Prince seinen Eroberungszug bestreiten würde.

Live war der Beitrag dieser Truppe von unschätzbarem Wert und liest man in den Albumcredits, stellt man die Beteiligung von The Revolution an zwei Dritteln des ganzen Materials fest, das wiederum auf Albumlänge sehr homogen klingt. Wenn man bedenkt, dass Prince bis zu diesem Zeitpunkt den Begriff „Soloalbum“ in seiner radikalsten Auslegung umgesetzt hatte, könnte man also darüber rätseln, welche von der Band eingespielten Parts tatsächlich auf dem Album zu hören sind. So paradox das klingen mag, hat diese Frage mit dem kreativen Prozess indes weniger zu tun, denn dem Chef wurde auch ein besonderes Talent dafür nachgesagt, auf Vorschläge seiner Mitmusiker einzugehen, ihren Input also wertzuschätzen. Lisa Coleman brachte es viele Jahre später auf den Punkt: „Jeder von uns hatte etwas, das er nicht hatte, auch wenn er eigentlich alles hatte“. Bei Bobby Z klang es dann so: „Er war immer eine Art Solokünstler, aber die Tatsache, dass The Revolution in der Lage war, ihm eine Farbpalette zu geben, machte mich stolz.“

Im Mai 1983 spielte Prince in seinem privaten Studio Let‘s go crazy ein, was als Anstoß für die Aufnahmesessions zu Purple Rain gilt. Diese würden sich dann für ein knappes Jahr hinziehen. Aufgenommen wurde es dann dort, wo es sich seinen Bedürfnissen nach richtig anfühlte: Mal war es eine Lagerhalle unweit seiner Heimatstadt Minneapolis, mal ein Studio in Los Angeles … oder warum nicht die Liveaufnahmen aus einem Benefizkonzert mithilfe von Overdubs und Editing zu amtlichen Studiotracks werden lassen?

Am 25. Juni 1984 kam Purple Rain auf den Markt und das Risiko, neue Wege einzuschlagen, sollte sich bei Prince nicht nur in Form von allgemeiner Anerkennung (Grammys, Oscar, Billboard Awards, Brit Awards und es gäbe noch mehr im Angebot!), sondern auch in finanzieller Hinsicht auszahlen. Das Album verkaufte sich in den USA 1,5 Millionen Mal allein in der ersten von vielen Wochen im Top10; der Film spielte sein Budget um das 10-Fache wieder ein. Die finanziellen Mittel für ehrgeizige Unternehmen wie die Einrichtung seines legendären Studiokomplexes Paisley Park oder die erste Welttournee waren also endlich vorhanden.

Prince Purple Rain – der Song

Der Titelsong war einer jener nachträglich „geschminkten“ Livetracks, der wie eine Art Crossover-Bombe all mögliche Unterschiede in Publikumsmilieus (Rasse, Alter, soziale Schicht usw.) sprengte. Dasselbe wie Michael Jackson ein Jahr zuvor mit Thriller, war jetzt dem kleinen Genie aus Minneapolis gelungen.

Von seinem Autor anders konzipiert, nahm der Song erst im Proberaum seine heute bekannten Konturen an und wurde mit allem ausgestattet, was eine Powerballade ausmacht: einem inbrünstigen Vortrag, einem schlichten (und umso eingängigeren) Refrain und einem heulenden Gitarrensolo mit etwas Streicherwürze im Hintergrund. Und dennoch fällt das Arrangement schlicht aus, verglichen mit der üppigen Instrumentierung anderer Stücke auf dem Album – da sind keine Spuren vom hyperaktiven Sequencing (I would die 4 U) oder den manischen Gitarrenfiguren in der Mitte von Computer blue, von den Anzüglichkeiten mancher Texte, die die damalige Zensurbehörde in den USA auf den Plan riefen, ganz zu schweigen!

Purple Rain – das Equipment

Edle Vintage-Klampfen im Einsatz? Bei Prince Fehlanzeige! Vielmehr war die auf Purple Rain meistgespielte 6-Saitige eine Tele-Kopie aus dem Hause Hohner (auch wenn nicht von Hohner selbst hergestellt) unter der Modellbezeichnung Mad Cat. Die Gitarre wies auf dem ersten Blick lediglich ein paar – für ein T-Modell eher untypische – Details auf, wie den Ahorn-Korpus und das Leopardenmuster (autsch!) der Plastikteile. Prince selbst dürfte aber etwas Besonderes an dem Instrument gefunden haben, denn er ließ im Laufe der Jahre nicht nur weitere Exemplare aufspüren und zukaufen, sondern auch welche nachbauen.

Zu jenem Zeitpunkt hatte auch eine Gitarre ihr Debüt, die dank ihres ausgefallenen Designs zu einem Bestandteil des ikonischen Images von Prince während seiner erfolgreichsten Phase (mitt-80er/früh-90er) wurde: „The Cloud“. Der Bau des Instruments wurde damals beim Reparateur Dave Rusan im Auftrag gegeben. Ob es tatsächlich auf Purple Rain zu hören ist, lässt sich zwar nicht 100%ig bestätigen, dafür ist es im Film an prominenter Stelle zu sehen, nämlich im Titelsong. „The Cloud“, komplett aus Ahorn gefertigt, wurde später mehrmals für den Liveeinsatz nachgebaut. Manche jener Nachbauten ließen sich nach Prince‘ Tod zu schwindelerregenden Preisen versteigern, während der zum Instrumentenbauer „beförderte“ Rusan eine bis heute anhaltende Karriere als solcher aufweisen kann.

Während ihrer Zeit als Rhythmusgitarristin bei The Revolution spielte Wendy Melvoin überwiegend ein paar Rickenbacker 330. Die Gitarren (eine von denen passenderweise purpurfarben lackiert – kennt man aus dem Film) waren mit G&L-Tonabnehmern nachgerüstet, während die F-Löcher versiegelt wurden – „stark modifiziert“ könnte man sachlich feststellen, „verschandelt“ in den Augen eines jeden Ric-Liebhabers. Aktueller Status: Vor über 25 Jahren aus dem Proberaum gestohlen und nie wieder aufgetaucht …

Etwa die Hälfte der Bassparts auf Purple Rain spielte Prince selbst ein und tat es mithilfe eines Fender Jazz Basses, der auch von The Revolutions Bassist Brown Mark live gespielt wurde. Jetzt darf einmal geraten werden, in welcher Farbe der 4-Saiter lackiert war …

In Sachen Verstärker bevorzugte Prince die Geräte von Mesa/Boogie – eine passende Wahl, wenn man bedenkt, dass „Rock!“ eine der Prämissen des Albums war. Und so standen während der Sessions zu Purple Rain drei Mesa Mark IIC+ Heads und ein Mesa Strategy 500 Power Amp im Studio zur Verfügung. Letzter kein eigentlicher Gitarrenamp, jedoch clever eingesetzt, um die Mark IICs an ihre Grenzen zu treiben. Ach, ja: Boxen! Mesa Recto 4x12s.

Prince‘ Pedalreihe sah wiederum wie aus dem BOSS-Katalog aus: DS-1 Distortion, BF-2 Flanger, OC-2 Octave, DD-3 Digital Delay und das seltene VB-2 Vibrato. Auch die Wahl für ein Wah-Wah-Pedal (fundamentale Zutat in seiner Klangpalette) fiel eher klassisch auf einem Dunlop Crybaby.

Prince & The Revolution Purple Rain

Dunlop Crybaby – des Prinzen Wah-Wah-Wahl

Dass Purple Rain nicht nur chronologisch, sondern auch produktionstechnisch betrachtet „ein Kind der 80er“ ist, lässt sich auch an der Präsenz zweier Keyboards messen, die das Jahrzehnt in Sachen Klangsynthese mit definierten:

Zum einen war das Hauptkeyboard der Band seit ihrem ersten Album, der Oberheim OB-SX, die Preset-Variante des Oberheim OB-X. Während der Purple-Rain-Produktion kam dann aber auch ein OB-Xa zum Einsatz. Dazu gesellte sich bei einigen Tracks (z. B. bei When Doves Cry) auch der soeben erschienene Yamaha DX7.

Preset-Synthesizer Oberheim OB-SX

Zum anderen nutzte Prince zu der Zeit ausgiebig den Drumcomputer LM-1 von Roger Linn (nicht die LinnDrum).

Linn Urknall LM-1

Fazit

In Perspektive war Purple Rain für das Werk von Prince der Anfang einer Reihe von Alben, die bis in die frühen 90er reichen würde, deren Konsistenz unumstritten (und vom Künstler selbst unübertroffen) bleibt. Nach Prince‘ Tod 2016 erzählte Lisa Coleman in einem Interview, vor jener Show, in der der Titelsong aufgenommen wurde (übrigens, Wendy Melvoins Livedebüt mit The Revolution), habe ihr Boss die Band mit einem epischen “We’re making history tonight!” motivieren wollen – was den Kurs der Popmusik angeht, hat er damit verdammt Recht gehabt!

Forum
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    calvato  

    achja, prince…. was hab ich ihn verehrt! die 80er waren ungeschlagen: „purple rain“, „parade“, „sign ‚o‘ the times“ und „lovesexy“…. was für alben!!! und was für eine entwicklung… von „purple rain“ zur „parade“. die sounds, die streicher (!!! von claire fisher), was für ein wahnsinn!
    ich fand, dass er sich später leider musikalisch etwas verlaufen hatte, sicher auch wegen seines rechtsstreits mit der plattenfirma. nichtsdestotrotz ein genialer kopf….

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      volcarock  

      Bei mir ist es genau anders herum, ich kann mit seinen 80er Alben – bis auf das fantastische Purple Rain – wenig anfangen . Meine Favoriten sind das grandiose Debut von 1977 For you, 1995 Gold Experience, 2003 News und 2009 Lotusflower.

      Aber das wirklich Schöne bei ihm, er hat so viel unterschiedliche Musik produziert, dass fast für jeden Geschmack etwas dabei ist :-) Man gewinnt den Eindruck, er hat einfach das gemacht hat worauf er gerade Bock hatte: Funk, Pop, Rock, Jazz, Soul…

      Für mich nach wie vor einer der begnadetsten Musiker, die die Welt gesehen hat, nicht nur an der Gitarre!

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      Cristian Elena  RED

      @calvato: Ich stieß zur Musik von Prince erst viel später, als der Hype um ihn längst abgeebbt war, und stimme der Aussage zu, im Zeitfenster zwischen „Purple rain“ und -sagen wir- dem Rechtsstreit mit WB konnte er nichts falsch machen. Obwohl ich eine Schwäche für seine gitarristische Seite habe, finde ich den eher minimalistischen Ansatz auf „Parade“ beeindrückend originell.

      @volcarock: Heute morgen habe ich mir noch einmal „The Gold Experience“ angehört und einige richtig eigenartige Gitarrenmomente (vor allem, was den Sound betrifft) gefunden. „Lotusflower“ (in dieser 3-Disk-Auflage, mit dem überflüssigen Debütalbum von jener Protegeé, deren Namen ich jetzt vergessen habe) kaufte ich vor einigen Jahren… und eine zeitlang später wiederverkauft: Es war, wie Vieles in seinem Spätwerk, zu sehr Prince-by-numbers für meinen Geschmack (*mit Betonnung auf „für meinen Geschmack“).

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    Tyrell  RED 11

    Mein absoluter Held in den 80ern. Einer meiner Freunde hatte sich damals sogar seinen klapprigen, alten Golf lila lackiert. Ich habe heute noch die Samples, die ich in tagelanger Arbeit aus den ersten Alben mit einem CASIO FZ1 extrahiert habe. Vor allem die Drums (zB Claps die von links nach rechts „wischten“) hatten es mir angetan, aber auch Gitarren Riffs und Effekte. Für mich war das Album SIGN O THE TIMES schließlich der Höhepunkt seines Schaffens.

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