Making of Special: David Bowie – „Heroes“

 David Bowie bei einem Auftritt im Jahr 1996 auf dem Festival in Balingen

David Bowie bei einem Auftritt im Jahr 1996 auf dem Festival in Balingen. Foto: Lars Halter

Low – Bowies Drogenexorzismus

„Low“ wird gemeinhin als Bowies erstes Berliner Album bezeichnet, was aber nicht ganz stimmt. Die Backing Tracks zu „Low“ hatte Bowie größtenteils im französischen Château d’Hérouville aufgenommen, dort aber vorzeitig die Zelte abgebrochen. Einige Mitarbeiter des Studios erwiesen sich als etwas sehr redselig gegenüber der Presse, was Bowie absolut nicht abkonnte. Es war wohl Edgar Froese von Tangerine Dream, der dann den Kontakt zu den Hansa Studios herstellte. Weil damals gerade Tony Marshall im Meistersaal zu Gange war, musste Bowie ins kleinere Hansa Studio in der Nestorstraße in Berlin-Wilmersdorf ausweichen. Dort wurde auch Iggy Pops „The Idiot“ aufgenommen. „Low“ wurde dann in den „Hansa Studios by the wall“  in der Köthener Straße beendet.

Vielleicht hieß das Album „Low“, weil sich Bowie damals an einem Tiefpunkt in seinem Leben befand oder aber das ganze Gegenteil – wie es sein Toningenieur Eduard Meyer deutet: „Berlin war für Bowie low-key, entspannt.“ (B.Z. 12.01.2018). Die erste Interpretation dürfte die Stimmigere sein, folgt man dem Journalisten und Bowiekenner Charles Shaar Murray (der das Album übrigens im NME als prätentiös und „leerer als leer“ verrissen hatte): „When I interviewed Bowie the following year, I told him that Low appeared to be an actual sonic incarnation of post-speed-addiction breakdown, and he said that’s exactly what it was. He said he made that record because he’d just been through something similar, and wanted to get it out of his system.“ (Dylan Jones, Seite 260)

Mit Low gab Bowie das Statement ab: Ich bin kein Popstar, ich mache Kunst.

Mit Low gab Bowie das Statement ab: Ich bin nicht nur Popstar, ich mache jetzt Kunst.

Bowies Low-Album – Ein Albtraum für RCA

Die Manager von Bowies Plattenfirma RCA müssen entsetzt gewesen sein. Nur wenig Gesang, Instrumentalstücke dominieren das Album, dazu obskure elektronische Klänge. Brian Enos Synthesizer sind auf dem ganzen Album sehr präsent. Aggressive Gitarren-Drones verweisen auf den Einfluss der Düsseldorfer Band Neu!. Bei „Weeping Wall“ erklingt Vibraphon-Geklöppel, das an Steve Reich erinnert. Und auf „Art Decade“ durfte Eduard Meyer sogar sein Können als gelernter Cellist einbringen.

Ein Höhepunkt des Albums: „Warszawa“ – ein so trauriger und tiefgründiger Song, wunderschön in seiner Schwermut. Aber was bitteschön singt Bowie da? „Mmmm-mm-mm-ommm / Helibo seyoman Cheli venco raero/Malio Malio“.  Hier eine eindrucksvolle Interpretation von „Warszawa“ auf der Tour von 1978, bei der Gitarrist Carlos Alomar als Dirigent auftritt. Das Stück war damals sogar Show Opener; die Reihenfolge auf dem Live-Album Stage weicht davon allerdings ab.

„Low“ ist ein kompromisslos avantgardistisches und elektronisches Album, Lichtjahre von Songs wie „Young Americans“ oder „Golden Years“  entfernt. RCA bringt das Album erst im Januar heraus, aus Angst vor einem Flop im Weihnachtsgeschäft. Als Single wird „Be my wife“ ausgekoppelt. Ein Akt der Ratlosigkeit. Die Single ist die erste seit 1971, die es nicht in die britischen Charts schaffen wird. NME bringt – erstmalig – eine Pro und Contra-Besprechung. Neben dem erwähnten Verriss von Charles Shaar Murray urteilt ein anderer Kritiker: „Die einzige zeitgemäße Rockplatte“.

Was die RCA-Bosse nicht erwartet hätten: „Low“ wird ein echter Erfolg: Eine Nummer 2 in UK und immerhin eine Nummer 11 in den US Billboard Pop Charts. Die zweite Single – das leicht überdrehte „Sound and Vision“ – erreicht den dritten Platz in den britischen Charts. Bowie hatte sein Ding durchgezogen. „Low“  war sein privates Drogen-Exorzismusalbum und ein Statement für eine zeitgemäße Pop-Ästhetik. „For me he substracted rock music with Low, when he was in Berlin“, sagt der NME-Jurnalist und Bestsellerautor Tony Parsons: „It was really a radical, artistic move, not a gesture.“ (Dylan Jones, S. 247)

Dylan Jones hat 180 Personen interviewt, die mit Bowie zu tun hatten. Eine echte Fundgrube.

Dylan Jones hat 180 Personen interviewt, die mit Bowie zu tun hatten. Eine echte Fundgrube auch für die Zeit Bowies in Berlin.

David Bowie – Risiko statt Stillstand

Der Nachfolger „Heroes“ erinnert stellenweise an „Low“ mit der Aufteilung des Albums in instrumentale und gesangliche Parts. Und auch die Ambience-Stücke finden sich wieder. Aber auf „Heroes“ werden die Klänge noch komplexer geschichtet, das Album hat einen wesentlich kantigeren und kälteren Sound. Dazu passte, dass Low ein Farbcover in recht warmen Farben besitzt – übrigens dem Kinofilm „Der Mann, vom Himmel fiel“ entnommen. „Heroes“ dagegen ist auf schwarz-weiß reduziert.

Bowie hasste Stillstand, er wollte sich künstlerisch immer weiter entwickeln und war bereit dafür Risiken einzugehen. Ja, er war sogar der Meinung, dass er geradezu existentielle Grenzerfahrungen brauchte, um überhaupt kreativ sein zu können. „He was such a restlos person. He didn’t like being comfortable“, sagt sein Gitarrist Carlos Alomar. (Dylan Jones, Seite 281) Berlin war deshalb eine sehr bewusste Wahl für Bowie. Eine Stadt mit fremder Sprache, wo er für einen Rockstar relativ spartanisch lebte und wo der Satz galt: „nobody gives a shit about you in Berlin.“ (Ulrich Adelt: Krautrock – German Music in the Seventies, University of Michigan Press, 2016)

David Bowie: ‚Let go or be dragged‘

Natürlich suchte auch Bowie künstlerische Anerkennung und genoss den Ruhm. Aber er war trotzdem nicht auf der Suche nach der einen Zauberformel zum Erfolg. Denn das hätte Wiederholung bedeutet und damit Stagnation. Alomar erinnert sich an einen typischen Bowie-Ausspruch: „David had a lovely saying, ‚let go or be dragged.‘ He was David 2.0, 3.0.“ (Dylan Jones, Seite 281) Als Bowie in einem schwachen Moment von seinem Motto abwich und bei „Tonight“ doch einmal versuchte die „Let’s Dance“-Formel zu kopieren, war das Ergebnis prompt das schlechteste Album seiner ganzen Karriere.

Um „Heroes“ ganz zu verstehen, müssen wir einen Blick zurück werfen, auf einen Künstler, der sich ständig neu erfunden hat. Dem manchmal das Etikett „Chamäleon“ angeheftet wurde, was aber irreführend ist. Ein Chamäleon passt sich an seine Umgebung an. Bowie antizipierte dagegen neue Trends, die seine Umgebung dann aufnahm. Bei diesem Rückblick werden wir freilich auch auf eine hässliche, verstörende Seite des Rockstars David Bowie stoßen.

Ziggy Stardust war für einige Zeit das "Alter Ego" für David Bowie, so wie es später der "Thin White Duke" wurde.

„Ziggy Stardust“ war für einige Zeit das „Alter Ego“ von David Bowie, so wie es später der „Thin White Duke“ wurde.

David Bowie: Vom Glamrocker zum Soulstar

Als Bowie nach Berlin zog, hatte er bereits mehrere künstlerische Häutungen hinter sich. Als androgyner Ziggy Stardust mit orangenem Haar und Plateausohlen hatte er in seiner Heimat Großbritannien Furore gemacht. Doch schon mit dem apokalyptischen „Diamond Dogs“ von 1974 begann er das Image des Glamrockers langsam abzustreifen.  Und bald sollte Ziggy endgültig beerdigt werden. Mit fluffigem Haarschopf, Karohemd und Fluppe in der Hand präsentierte Bowie auf „Young Americans“ einen lupenreinen Phillysound, verschmolz kongenial Blues, Funk und Soul. Bowie warf sich mit dieser Melange, die auch vor einer Adaption des Lennon-Songs „Across the Universe“ nicht zurückschreckte (an der John Lennon sogar mitwirkte), dem US-Markt so hemmungslos in die Arme, dass das Album nur folgerichtig in den Top Ten der US-Charts landete.

Bowie distanzierte sich zwar spöttelnd von dem Album, das er als „Plastic Soul“ bezeichnete. Dass das Publikum seine Wandlung zum Soulsänger allerdings goutiert hatte und er mit der Single „Fame“ sogar eine Nummer 1-Platzierung erreichte, dürfte ihn gefreut haben. Neben Luther Vandross tauchte auf der Platte übrigens auch der Rhythmusgitarrist Carlos Alomar auf. Der Beginn einer überaus gedeihlichen Zusammenarbeit.

Näher sollte David Bowie dem Bild des netten Schwiegersohns nicht kommen, als auf seinem Soul-Album "Young Americans".

Näher sollte David Bowie dem Bild des netten Schwiegersohns nicht kommen, als auf seinem Soul-Album „Young Americans“.

The Return of the Thin White Duke

Es folgte die nächste Wandlung. Auf „Station to Station“ war David Bowie der „Thin White Duke“. Während der 76er Tour  „Isolar I“ sah man ihn mit weißem Hemd, Weste und sorgfältig zurückgegeltem Haar. Bowie schien geradewegs den 30er Jahren entsprungen zu sein. „Station zu Station“ ist für viele Bowie-Fans ein Höhepunkt seines Schaffens. Persönlich war es wohl seine schwierigste Phase. Bowie kam mit dem plötzlichen Starruhm in den USA nicht klar. Er soll sich damals nur von Milch und Kokain ernährt haben, in seiner Villa in Los Angeles gingen Dealer ein und aus.

Die Drogen ruinierten nicht nur seine Gesundheit, sondern vernebelten zunehmend auch seinen Verstand. Das mag zur Ehrenrettung vorausgeschickt sein, denn leider kumulierten Bowies Beschäftigung mit dem Konzept von Nietzsches Übermenschen und sein Kokettieren mit der Ästhetik der Nazi-Ära in einem schlimmen Interview mit dem Playboy im September 1976.

Künstlerisch ist "Station to Station" großartig. Persönlich war es eine sehr schwierige Zeit für David Bowie.

Künstlerisch ist „Station to Station“ großartig. Persönlich war es eine sehr schwierige Zeit für David Bowie.

Adolf Hitler ein Rockstar?

Dort verstieg er sich zu der Aussage: „Rock stars are facists to. Adolf Hitler was one of the first rock stars.“ Und auf die befremdete Nachfrage des Playboy-Reporters hin legt Bowie noch nach: „It was rather like a rock’n roll concert. The kids would get very excited – girls get hot and sweaty and guys wished it was them up there. That, for me, is the rock’n roll experience.“ Die Empörung war groß und vielleicht war es auch letztlich das, was Bowie erreichen wollte – Aufmerksamkeit. Bowies Vergleich spielte – in sehr provokanter Form – auf die perfekte Inszenierung der Macht durch die Nazis an, er sah Parallelen zum Aufputschen großer Massen während eines Rockkonzerts.

Dieses Häschen hat es in sich. 1976 gab Davis Bowie dem Playboy ein haarsträubendes Interview.

Dieses Häschen hat es in sich. 1976 gab David Bowie dem Playboy ein haarsträubendes Interview.

David Bowie: „Ghastly stuff“

Nur leider waren Bowies Rückschlüsse daraus ebenso geschichtsvergessen, wie gleichermaßen dämlich und gefährlich. Bowie selbst war sicher kein Rassist. Sein Bassist und sein Schlagzeuger waren Afroamerikaner, sein Gitarrist stammte aus Puertorico. Carlos Alomar hat auf seinem Blog klargestellt, dass das damals die absolute Ausnahme war: „How many black rock musicians were out there then? MTV wasn’t even a thought. That wouldn’t happen for another 5 or 6 years. David had a hell of a lot of foresight to have a black (African American) rhythm section.“ (The Making of David Bowie’s D.A.M.-Trio) 

Von Bowie sind auch keine xenophoben Tiraden bekannt, derer sich etwa ein Eric Clapton schuldig gemacht hat. Später distanzierte sich Bowie von seinen Aussagen und bezeichnete sie als „ghastly stuff“ – also „grässliches Zeug“. (NME 1980).  „Und doch steckt hinter diesen Sätzen die Essenz seiner Erfahrung als Ziggy Stardust, aus ‚Diamond Dogs’, seiner Version von Orwells ’1984’, wie aus den Allmachtsphantasien der US-Tourneen.“ (Konrad Heidkamp: „It’s all over now“ Berlin 1999, Seite 224)

Das Hansastudio in der Köthener Straße lag bis zum Fall der Berliner Mauer in unmittelbarer Grenznähe.

Der Meistersaal mit dem Hansa Studio heute. Die Köthener Straße lag bis zum Fall der Berliner Mauer in unmittelbarer Grenznähe. Foto: Costello

„The big Hall by the Wall“

Im geteilten Berlin hatte David reichlich Gelegenheit, seine Interpretation der deutschen Geschichte zu überprüfen: „Suddenly I was in a situation where I was meeting young men of my age whose fathers had actually been SS men.“ (Ulrich Adelt: Krautrock – German Music in the Seventies, University of Michigan Press, 2016) Die Hansa Studios selbst trugen noch die Narben des 2. Weltkriegs, die klassizistischen Säulen des Meistersaals waren mit Einschusslöchern übersät. Vor 1945 hatten hier noch SS-Offiziere getanzt. Bowie nannte das Studio „The big hall by the wall“.

Wobei die Gegenwart im geteilten Berlin nicht weniger gefährlich schien. Der Anblick der DDR-Grenzposten, die mit ihren Ferngläsern das Hansa-Studio in der Köthener Straße beobachteten, machte Bowie und seinen Produzenten Visconti sichtlich nervös. Eduard Meyer wusste um die Ängste der beiden und machte sich einen Spaß daraus, sie unter das Mischpult zu jagen: „Es war Hochsommer, das Fenster stand offen. Ich richtete eine der Lampen im Studio Richtung Wachturm, in dem die schwerbewaffneten DDR-Grenzer saßen. David und Tony Visconti tauchten ab, schrieen: ‚Don’t do it! Don’t do it!’ Ich lachte: ‚Keine Sorge!’“ (B.Z., 12..01.2016)

Costello beim Besuch des Meister-Saals

Costello beim Besuch des Meistersaals im Juli 2016. Foto: Wolf-Rüdiger Uhlig

Der Meistersaal

Die Besonderheit der Hansa Studios war der Meistersaal aus dem Jahr 1913, in dem einst Handwerksgesellen nach bestandener Prüfung den Meisterbrief erhielten – daher der Name. In der 266 Quadratmeter großen Halle wurde aber auch Kammermusik aufgeführt. Der Saal besitzt einen natürlichen 1,5-Sekunden-Nachhall, von dem Produzent Visconti ausgiebig Gebrauch machen sollte: „When I have a big room; I use that room’s sound, and we had an 87 in there that picked up all the ambience – the 87 is my Swiss Army Knife microphone, I use it for everything. Sometimes; I’d try to use two mics, but again, it was a sheer luxury to have two tracks for ambience.“ (Sound on Sound)

Das Neuman U87-Mikrofon bezeichnet Produzent Tony Visconti als sein "Schweizer Taschenmesser" unter den Mikrofonen.

Das Neuman U87-Mikrofon bezeichnet Produzent Tony Visconti als sein „Schweizer Taschenmesser“ unter den Mikrofonen. Foto: Armin Bauer

Der Sound von „Heroes“ ist ganz klar der Meistersaal. Dort wurden das Schlagzeug, der Bass- und Gitarrenverstärker und das Klavier aufgebaut, nur durch mobile Schallwände getrennt. Davis war happy, nicht in eine enge Schlagzeugkabine eingezwängt zu sein, erinnert sich Tony Visconti: „Dennis took advantage of all the space, and besides his tom-toms he sometimes had an extra snare, a set of conga drums and a single timpani.“ (SoS 2004) Das Schlagzeug stand auf dem Chorpodest des Saals ungefähr anderthalb Meter erhöht. Die Bass Drum knallte Bassist Murray also direkt ins Gesicht – er brauchte keinen Kopfhörer um den Groove von Davis zu spüren.

Hört man heute in die Bänder rein, ist das Übersprechen der lauten Gitarrenspuren durchaus wahrnehmbar. Dem Erfolg von „Heroes“ hat das keinen Abbruch getan. Der natürliche Raumklang liegt auf dem Schlagzeug, auf der Gitarre, Bowies Stimme und sogar – das behauptet wenigstens Visconti – auch auf dem Endmix.

Leider gab es keinen direkten Sichtkontakt zum Regieraum. Das Neve-Pult stand im sogenannten Grünen Salon. Die Kommunikation lief über eine Weitwinkelkamera und einen Monitor in der Regie. Die Grimassen, die Iggy Pop bei der Produktion seiner Alben vor der Kamera gezogen hat, sind legendär. Bowie und Visconti sollen Tränen gelacht haben.

Wie bereits erwähnt, war Eduard Meyer bei „Heroes“ nur noch gelegentlich involviert. Dafür war bei „Heroes“ und auch bei Iggy Pops zweitem Berliner Album „Lust for Life“ der britische Toningenieur Peter Burgon beteiligt. Als Muttersprachler war er für Bowie ein wichtiger Kontakt in den Hansa Studios. Er hat für seine Arbeit damals keine Credits erhalten. Anlass genug, ihn wenigstens an dieser Stelle zu erwähnen.

Das Wort Meistersaal findet sich auch an prominenter Stelle an der Fassade.

Das Wort Meistersaal findet sich auch an prominenter Stelle an der Fassade. Foto: Costello

David Bowies Band: The D.A.M-Trio

Im Juli 1977 versammelte Bowie seine Band um sich, um das Album „Heroes“ aufzunehmen: Den Schlagzeuger Dennis Davis, den Gitarristen Carlos Alomar, und George Murray am Bass. Die Band wurde nach den Anfangsbuchstaben ihrer Nachnamen das D.A.M- Trio genannt. Bowie gefiel es, dass der Name umgekehrt gelesen „mad“  – also verrückt – ergab. Die drei waren eine absolute Traum-Rhythmussektion, die abwechselnd funky, ausgeflippt und beinhart-rockig spielen konnten. Das D.A.M.-Trio war an die Stelle von Bowies früherer Band „The Spiders from Mars“ getreten. Mick Ronson an der Gitarre, Trevor Bolder am Bass und Mick Woodmansey am Schlagzeug hatten den Sound von „Ziggy Stardust“ definiert. Das D.A.M-Trio war der ideale Sparring-Partner für Bowies neuen Sound.

Hier ein Video von „Heroes“ – David Bowie tritt mit seinem D.A.M.-Trio 1978 im Musikladen auf. Carlos Alomar spielt übrigens seine berühmte Alembic Stereo-Gitarre Maverick.

George Murray

George Murray war mit George McCrae weltweit getourt und hatte Bass bei diversen Broadway-Musicals gespielt. Carlos Alomar sagt über ihn: „And man, could he hold down that bass bottom. He offered melodic bass patterns and counterpoint rhythms with style.“ Leider gibt es praktisch keine Quellen darüber, welche Instrumente Bowies Rhythmus-Gruppe damals gespielt hat. Meine Anfragen an Tony Visconti und Carlos Alomar via Mail und FB blieben leider unbeantwortet. Im Bass-Forum Talk-Bass habe ich aber einige Hinweise gefunden. Murray spielte danach eigentlich alles, was gut und teuer war: Alembic, Fender Precision, einen Travis Bean TB-2000 und einen Rickenbacker 4001, den er zum Beispiel auf den Aufnahmen zu Iggy Pops „The Idiot“ eingesetzt hatte.

Dennis Davis

Der 2016 verstorbene Dennis Davis trommelte auf verschiedenen Produktionen von Stevie Wonder und George Benson, auf Jermaine Jackson’s  „Let’s get serious“, auf Iggy Pop’s „The Idiot“ und auf nicht weniger als sechs David Bowie-Alben von „Young Americans“ bis „Scary Monsters“.  All diesen Alben drückte der New Yorker Davis seinen ganz persönlichen Stempel auf. Wobei Dennis nicht nur über eine außergewöhnliche Technik verfügte, sondern auch ständig gute Laune versprühte, wie sich Carlos Alomar erinnert: „His ability to make single stick rolls and flip the beat around seemed effortless … while all the time grinning like a Cheshire cat.“ Ohne ihn hätte Bowies Musik sicher anders geklungen: „weniger funky, weniger getrieben und weniger manisch“.  (Rolling Stone )

Hier posiert Dennis Davies gemeinsam mit George Benson auf einer Werbung für Tama.

Hier posiert Dennis Davis gemeinsam mit George Benson auf einer Werbung für Tama.

Tony Visconti hat diesen Ausnahme-Schlagzeuger gewürdigt: „Dennis Davis war einer der kreativsten Drummer, mit denen ich je zusammen gearbeitet habe. Ein disziplinierter Jazz-Schlagzeuger, der den Rock mit dem Einfühlungsvermögen des Jazz behandelte.“ (Rolling Stone, 8.4.2016)  Der Titel „Heroes“ wurde ohne Clicktrack eingespielt und hält trotzdem über die vollen 6 Minuten das Tempo. Das ist das Verdienst von Denny Davis, den Visconti ein „lebendes Metronom“ genannt hat.

Carlos Alomar

Das bekannteste Mitglied des D.A.M.-Trios ist sicher der Gitarrist Carlos Alomar, ein versierter Rhythmus-Gitarrist, der aber auch eine gute Lead-Gitarre spielt. Das gleichzeitig vorantreibende und dabei doch lässige Hauptriff auf dem Song „Heroes“ stammt von ihm. Aufgewachsen in der Bronx und Upper Manhattan war er mit 17 Jahren der jüngste Gitarrist im berühmten Apollo-Theater. Er wurde in die Hausband aufgenommen und trat mit James Brown auf.

In den 70er bis weit in die achtziger Jahre hinein war er David Bowies Gitarrist und Leiter seiner Tourneen. Alomar erzählt gerne die Anekdote als Bowie ihn einmal fragte: “What kind of guitar do you play?” Woraufhin  Alomar antwortete:  “I play any guitar that pays.” (Rolling Stone 11. 01.2016) Die beiden verstanden sich auf Anhieb. Bowie hörte Jazz, Alomar spielte ihn. Am Anfang amüsierte sich Alomar über Bowies Ausdrucksweise. Bowie sagte ständig Sachen wie “Hey man!” oder “Oh, that’s real cool”, die für den New Yorker Alomar herrlich altmodisch klangen. Da kam David Bowie – der Inbegriff der Coolness – so ein klein bisschen „cringy“ rüber :-)

Musikalisch klappte es zwischen Carlos und David vom ersten Moment an: “When Bowie wanted to do blue-eyed soul, I was doing the Philly sound, so it fit. Then, when he wanted to change to rock, or to ambient, I just did it.” Bei Songs wie „The Secret Life of Arabia“, “DJ,” “Dancing With The Big Boys,” und “Never Let Me Down” ist Alomar Co-Autor. Er war bis zu Bowies Outside-Tour 1993 dabei und taucht später noch vereinzelt auf Bowie-Alben auf – so auf dem Song “Everyone Says Hi” (Heathen). Und er hat sich danach nicht zur Ruhe gesetzt: Alomar hat mit Mick Jagger gespielt, mit Yoko, Paul McCartney, den Bee Gees und den Scissor Sisters, mit Alicia Keys and war auch an Mark Ronsons “Uptown Special” beteiligt.

Diese Hagström-Gitarre aus dem Besitz David Bowies , wird im Hard Rock-Café am Berliner Ku'damm gezeigt.

Diese Hagström-Gitarre aus dem Besitz David Bowies wird im Hard Rock-Café am Berliner Ku’damm gezeigt. Foto: Costello

Any guitar that pays

Bei einer Fragestunde auf Alomars Blog wurde er natürlich auch nach seinen Gitarren gefragt. Er antwortete, dass er auf Tour mindestens ein Dutzend verschiedener Gitarren dabei habe, um alle erdenklichen Erfordernisse auf der Bühne abzudecken. Besonders schätze er die B.C. Rich „Bich“, ebenso die Steinberger, aber er habe eine absolute Lieblingsgitarre: „My stereo Alembic guitar – ‚Maverick‘. Maverick has played on every Bowie album and tour since back in the ‚Earl Slick- station to station‘ days. I of course, play other guitars when I record, but I create the parts on Maverick. Maverick is just so easy to play; it makes me smile whenever I play it.“ Die Maverick war für die Arbeit mit David Bowie reserviert. Er hat sie seither nicht mehr angerührt. Welche Gitarren er auf „Heroes“ sonst auch immer eingesetzt haben mag – die Maverick war mit Sicherheit dabei.

Eine Studer A800MKIII im Hansa Studio. Foto: Costello

Eine Studer A800MKIII mit 24 Spuren im Hansa Studio. Foto: Costello

Forum
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    Marko Ettlich  AHU

    Sehr schöner Bericht und David würde sicher stolz darauf sein.
    Ich verbinde Heroes immer mit dem Drogenpräventionsfilm „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, den wir in der Schule anschauen mussten. Ich habe mich nur immer gefragt, woher wir im Osten Drogen herbekommen sollten. :D Hat aber trotzdem nachgewirkt.

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      costello  RED

      Danke Marko! „Drogenpräventionsfilm“ ist schön gesagt. Den haben sie euch bestimmt vor allem auch deshalb gezeigt, um vor der Dekadenz des kapitalistischen Westens eindringlich zu warnen.

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          TobyB  RED

          Wir hatten doch Grüne Fee(Pfeffischnaps), Blauer Würger(Korn) und den guten Bergarbeiterschnaps- Grubenglück(Hochprozentig) oder Wilde Sau, Berliner Pomeranze, Maoritraum. Auch lecker Bananenlikör oder Maracuja Likör ;-) Das betrachten von Kinder vom Bahnhof Zoo hat mich jetzt nicht von der Dekadenz des kapitalistischen Westens abgehalten. Ich bin nach der Penne erstmal ins Schweinchen und hab halbe Biere gezischt ;-) Und komische Punkmusik aus der DDR gehört. http://www.....d-schreien

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      costello  RED

      Hi Syntach, also wenn schon, dann bitte die Langfassung https://bit.ly/2IgFXMv Bei 4:05 lästert Visconti übrigens über das ARP Solina ;-) Das Original-Video war bei YouTube gesperrt. Die kursierenden Fassungen sind rechtemäßig problematisch, in deinem Youtube-Post ist zum Beispiel noch jede Menge historisches Fotomaterial unterschnitten. Das können wir nicht in den Beitrag packen. Über die Links hier kann sich aber ja nun jeder informieren, der möchte.

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    TobyB  RED

    Sehr schön Mr C. :-)

    Bingeing mit Schultheiß und Kindl, da brauchts aber mehr als einen Kasten :D Die Studiotechnik des Hansa Studios und der Meistersaal sind schon einen Besuch wert. Die Spaceheizung EMT251 dürfte sicher einiges zur Geschichte des Hansa Studios beigetragen haben. Lässt man mal Maße, Masse und Verbrauchswerte aussen vor. Ein Stück legendäre Technik.

    Heroes und das Album war mir immer das liebste Bowie Werk, neben Ziggy Stardust. Der Bowie der Achtziger geht zwar ins Bein, verfängt sich aber emotional nicht. Was er dann mit Tin Machine und weiteren Kollaborationen in den 90ern wieder gut gemacht hat. Placebo: Without You I’m Nothing , Nine Inch Nails: I’m Afraid of Americans , Massive Attack: Nature Boy. Black Tie White Noise, Black Star.

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    costello  RED

    Danke Toby! Die Racks im Hansa sind der Wahnsinn für Vintage-Fans. Sogar mein Yamaha SPX 90 habe ich da gesehen :-) Ja die 80er waren nicht die beste Bowie-Zeit: Scary Monster (Super Creeps) und Let’s dance hatten halt jeweils einen Monsterhit, wobei da Ashes to Ashes mein Favorit ist. Aber Tonight und Never let me down waren uninteressant bis indiskutabel. So dass ich das Spätwerk des Meisters zunächst gar nicht würdigen konnte, ich war irgendwie durch mit Bowie. Inzwischen kenne ich aber auch die späteren Alben und mag sie. Sein Opus ultimum „Blackstar“ ragt da heraus – letzte Verfügungen vom Meister. Der bei seinen Kollaborationen übrigens durchaus wählerisch war: Als Coldplay mal anfragten, lehnte Bowie ab mit den Worten: ‘It’s Not A Very Good Song, Is It?’

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      teofilo  

      80er nicht die beste Bowie Zeit? Finanziell oder Credebility? Als 80er-Kind musste ich mir (bis zu seinem Tod) von den Auskennern und Feuilletonisten immer anhören, dass das nicht mehr der „echte Bowie“ ist… Sah ich ganz anders.

      Und die angebliche Ablehnung der Coldplayanfrage ist doch wie vieles in dem – sehr lesenswerten – Artikel: Die Musikindustrie ist die verlogenste Bande, die scripted realtity wenn nicht erfunden, dann doch wenigstens perfektioniert hat.

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        TobyB  RED

        Hallo teofilo,

        es gibt da die Doku „Seven Stages of Rock“ , Bowie war in den Achtziger Massentauglicher Stadionpoprock. Künstlerisch war das eher Hochglanz und Yuppie Ästhetik. Der Britpop wurde erwachsen und man konnte damit viel Geld verdienen, siehe Island Record, Virgin etc.
        Ich fand und finde „this is not america“ immer als besten Song aus dieser Dekade.

        Coldplay ist für mich eine schwierige Band. Ab dem Moment, wo die mit 4/4 Lagerfeuertechno und Gitarre daher kamen wars schräg. Manchmal kommen Kollaborationen aber auch nicht zustand, weil die Künstler bei verschiedenen Labels sind.

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        costello  RED

        Hi teofilo, danke für Dein Feedback. Klar ist das Geschmackssache, welches Bowie-Album man nun besonders mag und dabei spielt immer auch eine große Rolle, wann man auf einen Künstler aufmerksam geworden ist, ihn quasi für sich entdeckt hat. Bei mir war das 1976 „Station to Station“. Viele von den früheren Sachen haben mich z.B. damals auch gar nicht so angesprochen. Ich war mehr an der Gegenwart interessiert. Let’s dance fand ich natürlich auch super und habe mir die Serious Moonlight Tour in der Waldbühne angesehen. Tonight erschien mir danach allerdings wie ein zweiter Aufguss. Übrigens hat Bowie auch selbst später gesagt, dass wäre sein schwächstes Album.
        Die Geschichte mit Coldplay berichtet die Band ja selbst, im NME, RollingStone, Guardian. Egal – das war ja auch nicht mein Thema. Dass man bei Bowie alles, aber wirklich alles hinterfragen muss, ob es wirklich so gewesen war, oder eher zur Legendenbildung beitragen, hebe ich ja an mehreren Stellen im Artikel hervor. Bowie hat sich immer mit einer Aura des Geheimnisvollen umgeben. Auch das macht seinen Mythos aus.

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    8 Bit Fighter  

    Du behauptest, daß Bowie mit der Transe Romy Haag eine Affäre hatte. Hast du auch Beweise dafür ? Alte verstaubte Gerüchte der Klatschpresse über einen verstorbenen Künstler aus der untersten Schublade als Fakt zu präsentieren, kann jeder.

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      TobyB  RED

      Hallo 8 Bit Fighter,

      Bowie hat sich 1972 in einem Interview mit dem Melody Maker als gay geoutet. Die Affäre mit Romy Haag ist nun keine Legende mehr. In einem seiner späteren Interviews(57) bezeichnete Bowie sich als bi oder versuchssexuell. In einem anderen sagte er, sein Outing wäre ein großer Fehler gwesen. Ob er das nun war, gemacht hat oder einfach nur provozieren wollte oder sich marketingtechnisch clever aufgestellt hat, ist egal. “Sex has never really been shocking,”, sagte er im Playboy 1976, “it was just the people who performed it who were.”).

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        8 Bit Fighter  

        Hi Toby,
        du hast meine mein Kommentar nicht richtig verstanden. Ich hab Costello gefragt, ob er Beweise für die Affäre zwischen Bowie und Haag liefern kann.Er hat aber keine Beweise. Wann Welche sexuelle Orientierung Bowie hatte oder nicht, war nicht das Thema.

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          costello  RED

          Um das hier mal unmissverständlich klar zu stellen 8 Bit Fighter: Dein Kommentar oben verstößt klar gegen die Netiquette.

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      costello  RED

      Sorry, 8 Bit Fighter, ich finde Deinen Kommentar komplett daneben. „Mit der Transe eine Affaire“. Das klingt für mich so wie „Huch , wie könnt ihr das dem David anhängen, das stand doch garantiert nur in der Bildzeitung“. Romy Haag war damals eine Institution in Berlin, sie hat ihre Transsexualität offen gelebt und war damit eine Vorreiterin für unsere heutige Gender-Diskussion und die (weitgehend akzeptierte) Selbstverständlichkeit, dass man über seine Sexualität selbst bestimmt.. Und David Bowie war mit ihr zusammen, er ist mit ihr eine Beziehung eingegangen. Was hat das bitte schön mit „Klatschpresse unterste Schublade“ zu tun.

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        8 Bit Fighter  

        Nochmal,
        hast du Beweise, daß Bowie und Haag eine Affäre hatten? Warst du dabei oder willst du behaupten, wenn 2 Personen auf einem Foto nebeneinander stehen, auch automatisch miteinenader in der Kiste waren? Selbst in einem Doku im öffentlich rechtlichen Fernsehen wurde diese Geschichte als Gerücht und nicht als Fakt bezeichnet, Bowie und Haag haben nie gesagt oder geschrieben, daß sie eine Affäre miteinander hatten. Du versuchst uralte unseriöse Gerüchte über einen verstorbenen Künstler, der im Gegensatz zu dir erfolgreich und kreativ war, als Fakt darzustellen.

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          costello  RED

          Hi 8 Bit Fighter – ich glaube, Du läufst derzeit nur noch auf 2 Bit ;-) Obwohl es ja heißt: „Don’t feed the troll“, hier ein Zitat von Romy Haag aus dem Mai 2017: „Für mich war die Beziehung ein Segen und Fluch, danach interessierte sich niemand mehr für mich.“

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          Tyrell  RED

          8-Bit und costello, bitte kommt mal beide runter. „Die Transe“ war eine unglückliche Wortwahl, aber eine Antwort hätte 8-Bit trotzdem schneller verdient.
          Und zu Dir lieber 8-Bit, ich bin umgangssprachlich auch kein Freund von Political-Correctness, in öffentlichen Foren halte ich mich da trotzdem zurück – und der persönliche Angriff auf Costello war unnötig.
          Also bevor ihr Euch nun in eine endlose Diskussion hier ergeht, raucht zusammen eine Friedenspfeife und lasst es gut sein :-)

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            costello  RED

            Von mir aus gerne :-)
            Ansonsten verweise ich auf Tobias Rüther, z.B. S. 115 Haag erinnert sich da an eine „sehr zärtliche Nacht“, die „Gerüchte“ in der Boulevardpresse hat damals Haag selbst befeuert, vor allem als es vorbei war, was David sicher nicht toll fand. Angela Bowie, damals Bowies Frau, spricht auch von einer Beziehung der beiden, für Bowie zählte am Ende möglicherweise mehr die „Inspiration“ , die „Muse“.
            Aber merkwürdig: wenn man schreibt, Bowie hat sich mit Iggy 3 junge Frauen geteilt, regt das niemanden auf. Eigenartige Sexualmoral.

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          costello  RED

          Hallo 8 Bit Fighter,
          da haben wir uns ja ordentlich beharkt. Ich möchte Tyrells Vorschlag, eine Friedenspfeife zu rauchen gerne aufgreifen.
          Ich lag natürlich nicht in der Bettritze von David und Romy.
          Romy hat David wohl nach seinem Konzert von 76 in der Deutschlandhalle kennengelernt und in ihr Penthouse mitgenommen. Tobias Rüther zitiert sie in seinem „Helden – David Bowie in Berlin“-Buch. Es wäre eine sehr „zärtliche Nacht“ gewesen. Er musste dann nach Hamburg, rief sie an, „ich brauche Dich, Du bist meine Inspiration“. Das erscheint mir glaubhaft, vielleicht war das auch die Grundlage ihrer Beziehung. Was sich im Bett abgespielt hat, diese Frage ist doch letztlich banal. Diese Affäre war aber heftig genug, als dass Bowies Frau Angela sehr unter ihr gelitten hat. „He had a torrid affair withRomy Haag…, much to Angie’s disdain“. (Jayne County in Dylan Jones, S 261) Nachdem Bowie wegging, hat Haag die Presse mit einigen Details versorgt, die Bowie sicher nicht prickelnd fand. Und Romy Haag musste schmerzhaft erkennen, dass sie auf einmal auf ihre Bekanntschaft mit Bowie reduziert wurde. So wurde sie einmal aus einer Talkshow wieder ausgeladen, weil sie über Bowie nicht reden wollte. Nach seinem Tod hat sie sich dann wieder vereinzelt geäußert. Wenn ich jedes Detail meines Berichts so ausgeschmückt und belegt hätte, wäre es ein Buch geworden ;-)

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    iggy_pop  AHU

    War Berliner Kindl nicht aus dem Hause Schultheiss?
    .
    Ich bin heute noch sehr dankbar dafür, daß ich West-Berlin in den Jahren 1978 und 1979 intensiv miterleben durfte — das hat meine ästhetische Wahrnehmung bis heute stark geprägt.
    .
    Interessant ist, daß Bowie bei den Berlin-Aufnahmen hauptsächlich das Chamberlin M-1 einsetzte und dem Mellotron M-400 gegenüber bevorzugte. Das M-1 liefert einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Gesamtstimmungslage.
    .

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      costello  RED

      Das waren wirklich aufregende Jahre. Das Chamberlin hat einen sehr eigenen Sound. Bei „Sense of Doubt“ kann man es sehr schön hören. Da trägt es ganz entscheidend zur Atmosphäre des Songs bei.

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    Piet66  RED

    Danke Costello für diesen interessanten und anregenden Bericht (passend dazu u.a. „Ashes to Ashes“ angehört…).

    Was kommt wohl als nächstes: ein Bericht über Spliff? ;-))

    Viele Grüße an die Spree!

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    Hectorpascal  

    Es hört sich für mich so an als ob er kurz vorm Kontrollverlust durch die Berliner Zeit getragen wurde. Mit einer Horde an Ausnahmetalenten an Pult und an den Instrumenten. Kann ich dann noch „David Bowie“ auf die Alben schreiben oder ist es nur noch ein Markenname? Sein Mitbewohner Iggy Pop war damals doch auch in seiner Vollkrise und prinzipiell mussten die beiden da nur irgendwie durch. M.M.n. ein gutes Beispiel für eine Glorifizierung, besonders durch die deutschen Fans, die ihre posttraumatischen Minderwertigkeitskomplexe an Bowie abarbeiten konnten. Früher habe ich Musik einfach nur gehört und Heroes auf deutsch für eine schlechte Übersetzung von Bowie selbst gehalten. Heute mag ich die noch am liebsten, weil ich Spaß daran habe gedanklich unpräzise zu dissoziieren. Kann man das so sagen? Zu viel Hintergrund kann auch eine Bürde sein. Werde beim beim nächsten Mal hören immer daran denken müssen. Bowie selbst spaltet mich in Begeisterung und Kritik an „seinem“ Werk.

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      costello  RED

      Hi Hectorpascal, ich denke eher, Bowie hat den drohenden Kontrollverlust in Berlin abwenden können. Er ist hier wieder geerdet worden. Zu den „Ausnahmetalenten“ – für mich war es sehr spannend im Rahmen der Recherche mich mit dem D.A.M.-Trio zu beschäftigen. Über die liest man in vielen anderen Bowie-Artikeln nämlich nur äußerst selten oder am Rande. Diese Jungs sind tatsächlich für einen Gutteil der Backing Tracks verantwortlich. Aber wird Bowie dadurch entzaubert? Für mich nicht. Zu viel Wissen kann den Musikgenuss aber tatsächlich trüben. Etwa war mir vor dem Artikel z.B. nicht klar, dass Eric Clapton in seinen Konzerten teilweise in übelster rassistischer Form Teile seines Publikums beleidigt hat. Gerade aktuell gibt es die Diskussion um Emil Nolde, ein großartiger Maler, dessen Bilder von den Nazis als „entartet“ bezeichnet wurden, der aber selbst überzeugter Nazi war. Die Kunst lebt mit solchen Widersprüchen.

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    JM4

    Vielen Dank für diesen tollen Beitrag. Überhaupt verdient dieses Format „Making of Special“ allen Applaus der Musikwelt. Ich war schon von „Lamb lies down“ begeistert – Bowie in Berlin toppt es noch.

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      costello  RED

      Hallo JM4, vielen Dank für Dein Lob! Tatsächlich steckt da viel Arbeit drin, ich habe sicher ein halbes Dutzend Bücher und über 30 Onlineartikel durchgeackert. Wobei ein Bowie-Kenner mir sagte: „Über Bowie ist sehr viel geschrieben worden, leider auch viel Mist!“ Da derjenige meinen Gesamttext vor Veröffentlichung durchlesen durfte, hoffe ich mal, dass ich keinen „Mist“ geschrieben habe. Da steht zum Beispiel in einem Artikel, der Veranstalter des Pfingskonzertes 1987 Thomas Schwenkow habe der Deutschen Welle gesagt, ein Viertel der Boxen sei Richtung Ost-Berlin ausgerichtet gewesen. Hatte ich schon übernommen. Dann suche ich den Original-DW-Bericht und da ist plötzlich nicht von Bowie sondern von Genesis die Rede. Gleiches Pfingstkonzert – anderer Tag. Also wieder gestrichen ;-)

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    Tyrell  RED

    Auch von meiner Seite… ganz ganz großes Lob!!! Mal sehen was diesem „Making Of “ die Gitarrenredaktion entgegenzusetzen hat ;-).
    Auf der anderen Seite ist der absolute Quotenhit der Serie immer noch die Folge über AC/DC BACKIN BLACK von Dimi: https://bit.ly/2Giz9KW

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        Hectorpascal  

        Ich bin so armselig gegen solche Heroen…. Ich habe meinen persönlichen künstlerischen Höhepunkt derzeit auf den 60 Geburtstag verlegt. Da geht noch was! :)

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    gaffer  AHU

    Gut gemacht, Costello, sehr gut! Eine Zeit, in der auch dein Namensvetter groß aufspielte (This years model, one of my alltime favvs, halbes Jahr danach). Mich faszinierte der Titel vor allem in deutsch. Die Sprache war damals definitiv NICHT angesagt. Erst mit Ideal, Fehlfarben, Trio änderte sich das. Und Engländer haben uns gezeigt, dass es geht. Ich liebe auch Gabriels zwei Alben in deutsch.

    Ich bin übrigens froh, dass Fripp und nicht Rother den Titel spielte ;) Kleine Anekdote: Bei der 78er Tour (die mit dem andalusischen Hund) konnte Fripp nicht, es spielte Adrian Belew, der die Sounds des grossen Meisters mit Minimalequipment nachspielte. Das beeindruckte den grossen Gitarristen so, dass er ihn zu KC holte.

    @syntach – danke für den Link, der Film ist allerdings gekürzt, im Original etwas länger als eine Viertelstunde

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      costello  RED

      Deutsch war damals tatsächlich noch nicht groß angesagt. In ihrer Muttersprache sangen in den 70ern vor allem Bands mit einer politischen Aussage, die wollten, dass sie auch verstanden werden. Wie Ton, Steine, Scherben oder Lokomotive Kreuzberg. Ein Gegenbeispiel wäre Kraftwerk, die sicher nicht in diese Kategorie fallen. Die boten ihre Mensch Maschine auch auf englisch an.
      Peter Gabriel hat gezeigt, dass man mit deutsch auch spielerisch umgehen kann, ohne, dass der Inhalt deshalb banal wäre.
      „Koennten blicke toeten, waert ihr floeten
      Krieg muss man schwaenzen – spiel ohne grenzen“
      Großartig! Aber dann ging es ja auch in Deutschland richtig los mit DAF und NDW.

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      TobyB  RED

      Hallo Gaffer,

      wobei damals in Sheffield, Manchester, Glasgow wurde fleissig deutscher Electro und Krautrock abgefeiert, der später dann als New Wave, Post Punk für frischen Wind in den Jugendzimmern sorgte. La Düsseldorf hat Bowie wiederrum sehr beeinflusst und Electricity von OMD klingt wie ein Zombie aus Kraftwerk und Düsseldorfer Schule. In Deutschland brauchte es wiederrum erst Impulse aus GB, damit die Musik frischer wird. Und auch textlich auf den Punkt kommt. Zum Zeitpunkt von Heroes war West-Deutschland gespalten in Disko aus München und Rock in allen Spielarten und ein Schnellsprecher moderierte im Berliner UFA Studio die Schlager-Hitparade. Trio Lass mich rein lass mich raus, unvergessen. Peter Gabriels Spiele ohne Grenzen ist wie hier Bowie ein Meilenstein, technisch und künstlerisch. Da müsste man auch ein Making Of drüber machen. Erster komerzieller Tonträger mit Fairlight CMI, Hugh Padgham für Gated Verb ein etc.

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        gaffer  AHU

        war schon witzig, Ende der Siebziger, Der südlichste Punkt mit damals neuester Musik war die Wartburg in Wiesbaden. Talking Heads, Cure usw. habe ich dort gesehen. Südlich davon war absolute Diaspora. Rheinland, Berlin, Hamburg, da passierte was. Bowie war da Mittler zwischen den BOFs (so hiessen die absolut verpönten Gigantorocker damals) und den New Wavern. Aber vielleicht hat er auch nur sehr gut abgeschrieben.

        Er war für mich immer der Mann der zweiten Welle. Die ganz vorne waren ultrahip und holten sich Ruhm der wenigen Mitläufer und die blutigen Nasen, er griff das auf und machte es in einer zweiten Welle populär. Das meine ich nicht abschätzig, der hatte einen Nerv für neue Strömungen und setzte das auch um.

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          TobyB  RED

          Wohl war, ich habe neulich in UK im Hotel ITV angezappt und eine Popsendung von 1979 mit The Cure A Forest entdeckt. Danach kam Human League Being Boiled von 1978. Da hab ich mich alt gefühlt ;-)

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    hejasa  

    Freue mich auf die Super Booth, Bowie Tour und Hansa Studios sind gebucht. Kam leider aus Zeitgründen nie vorher dazu! Außerdem bin ich neugierig auf den Besuch im Musikinstrumentenmuseum.
    Danke für den tollen Report, im Oktober bin ich gespannt, was die Jakob Hansonis Band (Herbert Groenemeyer Gitarrist) an Bowie Stücken präsentieren wird!

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        hejasa  

        Hallo Costello,
        danke für den Glückwunsch, ohne Freunde in Berlin wäre das alles eine teure Angelegenheit!

  12. Profilbild
    Marcel Halbeisen  

    Wow, toller Bericht! Besten Dank dazu, das ist ja schon eine wissenschaftliche Recherche was wir hier geboten bekommen!
    Im Buch „Force Majeure“ von Edgar Froese (Tangerione Dream) sind einige sehr persönliche Seiten über das Leben von Bowie zu der Zeit in Berlin. Scheint eine harte Sache gewesen zu sein wie das damals durchgezogen werden musste…

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      costello  RED

      Danke für Dein nettes Feedback! Die Autobiographie von Edgar Froese habe ich tatsächlich noch nicht gelesen, ist mir mit 70 Euro etwas zu teuer. Vielleicht bekomme ich das Buch mal in der Stadtbibliothek in die Hände. Würde mich sehr interessieren, was Froese über Bowie schreibt.

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      costello  RED

      Ja, das ist er! Die 17-Minutenfassung ist noch besser, der Link ist ziemlich weit oben in meiner Antwort auf syntach.

  13. Profilbild
    Son of MooG  AHU

    Ich war nie ein ausgewiesener Bowie-Fan, auch wenn ich sein „Space Oddity“ sehr mochte. „Low“ halte ich für sein bestes Album, wohl auch, weil er da relativ wenig singt, und natürlich wegen Eno. Eine gute Alternative ist aber auch die „Stage“ Doppel-CD, wo das beste aus „Low“ und „Heroes“ und eine sehr gute live-Version von „Station to Station“ geboten wird.
    Das Chamberlin hat einen speziellen eigenen Klang; schön, dass die Nord Sample Library neben Mellotrons auch Chamberlin-Sounds bietet…

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