Making of Special: Pink Floyd – Wish You Were Here (1975)

24. Oktober 2020

Soundtrack einer Generation


Am 29. und 30. Januar 1977 führten Pink Floyd ihr Album „Wish You Were Here“ in der Berliner Deutschlandhalle auf. Am Samstag, dem ersten der beiden Konzertabende, stand ein schlaksiger großer Junge in gefütterter Jeansjacke und dickem Schal in der Schlange der Wartenden. Fröstelnd hielt er den Backstagepass in der Hand. Mächtig stolz und aufgeregt, eine seiner Lieblingsgruppen live erleben zu dürfen. Und zugleich etwas traurig, dass er das privilegierte Einlassdokument – kaum dass er in der Halle war – schon wieder abgeben musste. Er hatte es drei Tage zuvor zu seinem 17. Geburtstag geschenkt bekommen. Von der Freundin seines großen Bruders, die wohl ganz gute Beziehungen zum Veranstalter hatte. Doch an diesem Abend sollten mit genau diesem Ticket, das im Gegensatz zu einer normalen Karte nicht abgerissen wurde, noch mehrere andere Personen in die Deutschlandhalle geschleust werden. Nun ja, einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul.

Das Plakat zur Pink Floyd-Tournee von 1977

Das Plakat zur Tournee von 1977 habe ich bei der Dortmunder Pink Floyd-Ausstellung „Their Mortal Remains“ entdeckt. Die LP „Animals“ war erst am 23. Januar veröffentlicht worden, so dass die wenigsten Besucher des Berliner Konzerts das neue Album schon kannten. (Foto: Costello)

Pink Floyd in der Berliner Deutschlandhalle

Weil die Halle schon gut gefüllt war, kletterte der Teenager auf die Seitentribüne direkt auf Höhe der Bühne. Er nahm in Kauf, dass er weder den besten Sound an diesem Abend haben, noch die Projektionen auf der großen runden Leinwand richtig gut erkennen würde. Dafür konnte er aber dem Pink Floyd-Keyboarder Richard „Rick“ Wright, einem seiner großen Idole, direkt auf die Finger schauen. Das Konzert begann und es war irgendwie merkwürdig. Nichts von dem, was die Band da spielte, kannte er. Irgendwelche Schafe blökten und irgendwann schwebte ein riesiges Schwein an der Hallendecke, was zugegeben ganz lustig war. Und dann kam endlich dieses wunderbare Intro mit den ARP-Strings und der traurigen Melodie auf dem Moogsynthesizer und von da an war es ein anderes Konzert. Die ganze Deutschlandhalle schwelgte förmlich in diesem elegischen Klangbad. Und unser junger Fan war selig. Diesen Song kannte und liebte er: „Shine On You Crazy Diamond“. Das war der Soundtrack zur Skireise vor einem Jahr gewesen, wo er endlich das süße Mädchen aus der Parallelklasse… Einmal nur hat er sich während des Konzerts geärgert, weil der Typ neben ihm – einer der Band-Roadies – sich so sichtbar gelangweilt zeigte. Da hat er ihm einen genervten Blick zugeworfen, worauf der Roadie nur grinste und seine Lederjacke aufmachte. Darunter trug er ein Peter Frampton-T-Shirt. Und dann kam auch schon die Zugabe  des Abends – „Money“. Konnte man sich ein geileres Konzert vorstellen? Er war einfach nur happy.

Von dem menschlichen Drama, das hinter dem Album stand und den unsäglichen Mühen seiner Entstehung wusste er damals noch nichts.

Das berühmte Schwein von "Animals"

Bei der Präsentation von „Animals“ schwebte dieses Schwein durch die Deutschlandhalle. (Foto: Costello)

Der große Fremde in Studio 3

„Wish You Were Here“ war für Pink Floyd ein hartes Stück Arbeit gewesen, aber nun war ein Ende abzusehen. Die vier Musiker saßen im Studio 3 der Abbey Road Studios und nahmen den Gesang zu „Shine On You Crazy Diamond“ auf.  Es war Donnerstag, der 5. Juni 1975.  Niemand, der dabei war, wird diesen Moment jemals vergessen. Plötzlich erschien im Kontrollraum ein großer übergewichtiger Mann im weißen Trenchcoat, mit kahlgeschorenem Schädel. Das aufgedunsene Gesicht des unbekannten Besuchers wirkte durch die fehlenden Augenbrauen noch unheimlicher. Schlagzeuger Nick Mason und Keyboarder Rick Wright hatten keine Ahnung, wer da in der Tür stand. Bei David Gilmour, fiel der Groschen zuerst. Dort stand der Mann, von dem dieses Album handelte. Der Mann, den er – Gilmour – 1968 bei Pink Floyd ersetzt hatte. „Es ist Syd“, murmelte er zu Nick. Alle im Kontrollraum Anwesenden waren wie unter Schock, David  und Roger konnten die Tränen nicht zurückhalten – da stand Syd Barrett. Der „verrückte Diamant“, dem sie sich anschickten, ein musikalisches Denkmal zu errichten:

Come on you raver, you seer of visions
Come on you painter, you piper, you prisoner, and shine

Wish You Were Here – Sounds a bit old

Als sich David halbwegs gefasst hatte, fragte er „Alles in Ordnung, Syd?“ Der erklärte, er hätte seine Gitarre dabei und wollte seinen Beitrag zu der neuen Platte leisten. Dafür war Syd Barrett freilich ein bisschen spät dran. Die Band spielte ihm „Shine On You Crazy Diamond“ vor. Syds überlieferter Kommentar wird alle freuen, für die Pink Floyds musikalische Relevanz sich nach seinem Weggang ohnehin erledigt hatte: „sounds a bit old”. Die Band lud Syd anschließend noch ein, bei der kleinen Trauungszeremone von David und seiner Braut Virginia ‚Ginger‘ Hasenbein dabei zu sein, die abends in der Studio-Kantine im Anschluss an die Mixsession stattfand. Und dann war Syd irgendwann wieder verschwunden, ohne sich zu verabschieden. (Sound on Sound, 2014)

Es gibt mehrere Fassungen dieser Geschichte, die sich in Details unterscheiden, aber alle auf den großen Fremden im Abbey Road Studio hinauslaufen, den anfangs keiner zu identifizieren vermag. Etwa die Schilderung von Rick Wright: „Roger hatte Tränen in den Augen, ich glaube, bei mir war es genauso; wir haben beide geweint. Es war sehr schockierend… sieben Jahre lang kein Kontakt und dann kommt er herein, während wir diesen speziellen Track aufnehmen. Ich weiß nicht – ist das Zufall, Karma, Schicksal, wer weiß? Aber es war sehr, sehr, sehr heftig.“

Pink Floyd – Empathie Fehlanzeige

Die Szene sagt viel aus: Da sitzen die vier Pink Floyd-Musiker über Monate zusammen, brüten ein neues Album aus, das sie ihrem Gründungsmitglied widmen wollen. Und keiner kommt auf die Idee, mit Syd Barrett mal Kontakt aufzunehmen, nachzufragen, wie es ihm eigentlich geht. Ja, sie erkennen ihn nicht einmal, als er direkt vor ihrer Nase auftaucht. Die Frage, wie er, der einst schlank und von geradezu androgyner Schönheit war, sich so verändern konnte, soll Syd geantwortet haben, er  besäße einen sehr großen Kühlschrank habe eine Menge Schweinekoteletts gegessen.  Der Rolling Stone beschreibt im Jahr 2015 – zum 40. Jubiläum von „Wish You Were Here“ – das Album gar als „Requiem für einen Lebenden“.

Das Cover der ersten Pink Floyd-Platte The Piper at the gates of Dawn"

Auf dem Cover des ersten Pink Floyd-Albums „The Piper at the Gates of Dawn“ steht Syd Barrett noch im Mittelpunkt. Von ihm stammte der Großteil der Songs.

Pink Floyd – Die erste Space Rock Band

Acht Jahre zuvor hatten Pink Floyd mit „Arnold Layne“ eine brillante Debüt-Single vorgelegt, die es prompt in die Top 20 schaffte. Schon der nächste Song „See Emily play“ landete in den Top Ten. Und noch im selben Jahr erschien auch die Platte „The Piper at the Gates of Dawn“. Großbritannien hatte seine erste Space Rock-Band, die ultimative Antwort auf die psychedelische Revolution in den USA. Der Spiritus Rector hinter den ausgefeilten Klangcollagen, ungewöhnlichen Akkordschritten und poetisch-versponnenen Texten war Syd Barrett. Bei ihren Live-Auftritten in den Londoner Clubs ‚UFO‘ und ‚The Roundhouse‘ untermalten psychedelische Lightshows ihre Songs und nahmen die Zuschauer mit auf eine Reise durch Raum und Zeit. So beim phantastischen „Astronomy Domine“ mit Megaphon-Stimme, elektronischen Morsezeichen, orientalischen Melismen auf der Farfisa-Orgel  und Syd Barrets unverwechselbarem Gitarrenspiel. Der Song war noch zwei Jahre später ein Highlight als Live-Version auf Umma Gumma. Doch da war Barrett, das empfindsame und seelisch labile Genie, schon nicht mehr Mitglied der Band.

Die Farfisa-Orgel von Richard Wright.

Der Sound von Rick Wrights Farfisa-Orgel prägte stark die frühen Pink Floyd-Alben. Zu sehen ist auch ein Binson Echorec. (Foto: Costello)

Syd Barrett – Rock’s most notorious chemical casualty

Roger Waters hält Syd für ein Opfer ihrer „psychedelischen Periode“: „Alle glaubten, dass wir LSD nehmen würden, bevor wir auf die Bühne gingen, und all das Zeug.  Unglücklicherweise traf das für Syd tatsächlich zu. Er hatte gerade eine große Überdosis Acid intus und das war’s. Es war sehr beängstigend.“ („Shades of Pink – The Source“, 1984) Syd Barrett wurde mit den Worten des ‚Rolling Stone Album Guides‘ „rock’s most notorious chemical casualty“. Bei Live-Auftritten konnte es vorkommen, dass er seine Gitarre mitten im Song entstimmte. Oder plötzlich von der Bühne verschwand. Mochten eingefleischte Barrett-Fans ihrem Idol solche Eskapaden nachsehen, seine Bandkollegen waren nicht amüsiert. Im Februar 1968 bat Roger Waters einen alten Freund aus Cambridge, sich der Band anzuschließen – David Gilmour. Der Plan war ursprünglich, Syd zu entlasten, ihm ein wenig den Druck zu nehmen, erinnert sich David. Als fünftes Bandmitglied sollte David dafür sorgen, „dass Syd immer noch seltsam sein konnte, die Band aber immer noch funktionieren würde“.

Pink Floyd – Selbstvorwürfe als Karrierebooster?

Schließlich hieß es, Syd sollte ganz zu Hause bleiben und sich – wann immer er sich dazu im Stande sah – aufs Komponieren verlegen. Doch das Ende war da schon absehbar, erzählt David Glimour: „Es war offensichtlich unmöglich, auf diese Weise weiter zu arbeiten, so dass wir Syd im Grunde genommen absetzten und ihn nicht mehr zu Auftritten abholten.“ („Shades of Pink – The Source“, 1984) Dieser ganze Prozess dauerte nicht mal zwei Monate, dann war Syd draussen und David der neue Gitarrist von Pink Floyd.  Der italienische Literaturwissenschaftler Michele Mari hat 2011 in seinem Buch „Mr.Pink Floyd“ die Erfolgsgeschichte der Band als Folge von Syds Märtyrertum bezeichnet. „Stuart Sutcliffe, Brian Jones, Keith Moon, sie alle hatten sterben dürfen, nur Syd Barrett lebte noch, irgendwie, und seine Band arbeitete sich echt freudianisch an seiner Existenz ab, wand sich in Selbstvorwürfen“, wie Christina Rietz in ihrer Rezension in der „Zeit“ schreibt. 

Ein Bandkarton einer frühen Pink Floyd-Aufnahme für ihr Label EMI

Die Plattenfirma EMI hielt zunächst zu Syd Barrett. (Foto: Costello)

Syd Barrett auf Solo-Pfaden

Soweit muss man nicht gehen: Tatsache ist, dass nachdem Pink Floyd ihren ehemaligen Gitarristen ausgebootet hatten, das Management zunächst zu Syd Barrett hielt. Seiner Fürsprache ist es letztlich zu verdanken, dass sie den Namen behalten durften und weiter im Geschäft blieben. EMI wiederum war sehr daran interessiert, dass Syd Barrett einen Stapel halbgarer Kompositionen fertigstellte. Bei den Arbeiten zu Syd Barretts ersten Soloalbum „The Madcap Laughs“, das 1969 herauskam, wurden die Pink-Floyd-Manager Peter Jenner und Andrew King allerdings hart auf die Probe gestellt. Zu chaotisch und unberechenbar war Barretts Arbeitsstil. Am Ende mussten David Gilmour und Roger Waters aushelfen und mit diversen Overdubs dafür sorgen, dass das Album fertig wurde. Die Prioritäten waren dabei gleichwohl klar: „Umma Gumma“ sollte im Herbst veröffentlicht werden, eine Tournee durch die Niederlande stand an. Sie „schenkten“ dem Ex-Pink Floyd nur wenige  Tage ihrer kostbaren Zeit. Beim zweiten – schlicht „Barrett“ benannten – Soloalbum – war Gilmour dann von Anfang an als Produzent involviert. Es klingt etwas polierter als der ungeschliffene Vorgänger „The Madcap Laughs“. War diesem noch ein Achtungserfolg beschieden, so ging „Barrett“ sang- und klanglos unter.

The Madcap Laughs – Spät gewürdigtes Meisterwerk

Gilmour hat später eine vielsagende Einschätzung gegeben: „Vielleicht versuchten wir zu zeigen, wie Syd wirklich war. Aber vielleicht versuchten wir, ihn zu bestrafen…“ Wenn man heute „The Madcap Laughs“ wieder anhört, wird man wehmütig. Der verpatzte Einsatz bei „If it’s in you“ und sein etwas verunsicherter Dialog mit dem Kontrollraum zeigen die verletzliche Seite des Künstlers. Hört man andererseits „Dark Globe“ weiß man plötzlich, woher Roger Waters die Eingebung zu manchen Vokalpassagen auf  „The Wall“ genommen hat.  Das Album, oft nur Syds Stimme zu einer dürren Gitarrenbegleitung, gilt heute als Klassiker.  Syd Barret wurde zum Helden einer neuen Generation von Musikern und seine Songs wurden von Bands wie R.E.M., Placebo,  Soundgarden, Marc Almond oder den Smashing Pumpkins gecovert.

Syd Barrett, psychisch angeschlagen und desillusioniert, zog sich nach den beiden Misserfolgen ins Privatleben zurück. Im Haus seiner Mutter malte er und kümmerte sich um den Garten. Wenigstens finanziell war er versorgt, die Tantiemen flossen weiter. Am 7. Juli 2006 starb er im Alter von nur 60 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Riding the Gravy Train

Das Schicksal ihres alten Bandkollegens Barrett gab die Inspiration zu dem neunteiligen Opus Magnum „Shine On You Crazy Diamond“,  sowie dem Song „Wish You Were Here“, zugleich der Titel des ganzen Albums. Es gibt aber noch zwei weitere Titel, die einem der Lieblingsthemen von Roger Waters gewidmet sind – das Leben als Rockmusiker in seiner Zwiespältigkeit zwischen angestrebtem Starruhm, Vereinnahmung durch die Musikindustrie und zunehmender Entfremdung. Legte sich Pink Floyd vier Jahre später mit „The Wall“ endgültig auf die Psychiatercouch, kommt die Thematik im musikalisch großartigen „Welcome to the Machine“ noch in einem wesentlich schlichterem Gewand daher:

You dreamed of a big star
He played a mean guitar
He always ate in the Steak Bar
He loved to drive in his Jaguar

Der zweite Song – „Have a Cigar“ – besticht vor allem durch seinen sarkastischen Text, den der Folkmusiker Roy Harper kongenial interpretierte. Vielleicht wirkte da noch etwas der Frust der frühen Tage nach, als die Manager die Musiker nur als Begleitband von Syd Barrett sahen, der in den Anfangstagen ganz klar der Master of Ceremony war. Oder eben „Mr. Pink Floyd“. Mit dieser Frage wurde die Band seitens ignoranter Manager wohl tatsächlich konfrontiert: Wer von euch ist denn nun dieser „Pink“?

The band is just fantastic, that is really what I think,
Oh, by the way, which one’s Pink?

Das berühmte Cover von "The Dark Side of the Moon" mit dem Prisma.

Der große Erfolg von „The Dark Side of the Moon“ lähmte Pink Floyd zunächst. Wie sollte es danach weitergehen?

Wie weiter nach „The Dark side of the Moon“?

Spätestens seit „Dark Side of the Moon“ stellte diese Frage sicher niemand mehr. Pink Floyd besaßen nun absoluten Superstar-Status. Das war etwas, mit dem sich die Band durchaus schwertat, berichtete Rick Wright im Interview: „Zum Beispiel, dass wir uns weigerten, Interviews zu geben, oder dass man uns sagte: ‚Nun, wenn Sie eine Woche länger in Amerika bleiben, werden Sie diesen Betrag verdienen‘ und wir sagten: ‚Nein, das wollen wir nicht tun‘. In gewisser Weise haben wir uns von Anfang an dagegen aufgelehnt, die Dinge auf die akzeptierte, geschäftsmäßige Art und Weise anzugehen.“ („Shades of Pink – The Source“, 1984)

Der Megaseller „Dark Side of the Moon“ war für die Band zu Beginn der Aufnahmen zu „Wish you were here“ eine ziemliche Bürde. Im Interview mit Nick Sedgewick erzählt Roger Waters: „Ich dachte als ‚The Dark Side of the Moon‘ so erfolgreich war, dass dies das Ende war. Es war das Ende des Weges. Wir hatten den Punkt erreicht, auf den wir alle schon immer hingearbeitet hatten seit wir Teenager waren. Und mehr schien wirklich nicht drin zu sein an Rock’n Roll.“

Dave Gilmour schlägt in die gleiche Kerbe: „Es war eine sehr schwierige Zeit, das muss ich sagen. All unsere Kindheitsträume waren irgendwie wahr geworden, Rekordverkäufe unserer Platten und all die Dinge, für die man sich ins Zeug gelegt hatte. Die Mädchen und das Geld und der Ruhm und all das Zeug, das alles war irgendwie uns zugefallen, und nun mussten wir neu abschätzen, wofür wir uns danach engagieren sollten, und es war eine ziemlich verwirrende und leere Zeit für eine Weile.“ (In the studio with redbeard)

Alan Parsons ist schon ausgebucht

Um wenigstens klanglich an den Hochglanzsound von „Dark Side“ anzuschließen, fragte die Band wieder bei Alan Parsons an, kassierte aber eine Absage, weil der mit eigenen Projekten beschäftigt war. Man könnte nun spekulieren, dass Alan nach dem großen Erfolg von „Dark Side“ vielleicht dachte,  seine Arbeit als Toningenieur etwas unter Wert verkauft zu haben. Im Spiegel-Interview liest man es anders: „Waters wollte, dass ich Vollzeit für Pink Floyd arbeite, er machte mir ein sehr gutes Angebot. Aber da hatte ich gerade in England gleich zwei Nummer-eins-Hits als Produzent von Cockney Rebel und Pilot, bis heute der größte Moment meiner Karriere. Jetzt wollte ich mein eigenes Ding machen. Als ‚Wish You Were Here‘ 1975 erschien, habe ich meine Entscheidung kurz bereut. Brillantes Album.“

Das Original-Cover für "Wish you were here"

Der Original-Coverentwurf von Hipgnosis wurde 2018 in der Browse Gallery Berlin gezeigt. (Foto: Costello)

It’s rubbish – Mit Dissen zum Erfolg

Nachdem Parsons also nicht zur Verfügung stand, fiel die Wahl auf Brian Humphries als Toningenieur. Humphries und die Band kannten sich bereits. Pink Floyd hatten 1974 ein mobiles Aufnahmestudio gebucht, um einige Konzerte in Londons ‚Empire Pool‘ (die heutige Wembley Arena) aufzunehmen. Humphries besuchte eines der Konzerte, um das nötige Equipment für den Aufnahmewagen zusammenzustellen. Er kam mit der Band ins Gespräch und die bat ihn, eine Einschätzung zur Leistung des Mannes hinterm Mischpult zu geben. „Nachdem ich es mir angehört hatte, sagte ich ihnen, dass es Schrott wäre, besonders in Anbetracht der Ausrüstung, die sie hatten“, berichtet Humphries in Sound on Sound. „Also baten sie mich, ihren Live-Sound für den Rest der britischen Tournee zu übernehmen, was bedeutete, dass jemand anderes die restlichen Auftritte im Empire Pool aufnehmen musste“. Tja, ist halt ein toughes Business, in dem niemand mit Gnade rechnen darf und Kollegenschelte schon mal neue Türen öffnen kann. Wobei niemand bestreiten wird, dass „Wish you were here“ ein hervorragend produziertes Album ist, und Humphries mit seinem schroffen „It was rubbish“-Verdikt vermutlich richtig lag.

Das Hipgnosis-Originalcover für "Animals"

Eine der richtungsweisenden Entscheidungen von Roger Waters war es, zwei vorhandene Stücke für das nächste Album aufzusparen. Hier das Original-Cover von „Animals“ in der Browse Gallery Berlin.

Wish You Were Here – Start mit Hindernissen

Die Produktion von „Wish You Were Here“ fand von Januar bis Juli 1975 in den Londoner Abbey Road Studios statt. Zweimal unterbrochen von Tourneeverpflichtungen der Band in den USA. Während der Aufnahmen gab es mehr als einen Moment, in dem Brian Humphries stille Zweifel hegte, ob sein Job für Pink Floyd für ihn wirklich ein persönlicher Glücksfall war. Das hatte sowohl menschlich-künstlerische wie auch rein technische Gründe. Fangen wir mit dem ersten an: Die Band war ohne rechte Motivation. Sie hatte einiges an neuem Material auf Konzerten in Frankreich und Großbritannien vorgestellt und ein eher zwiespältiges Feedback erhalten. Darunter waren auch zwei Stücke ‘Raving & Drooling’ und ‘You Gotta Be Crazy’, die aber für das neue Album verworfen wurden. Sie sollten – umbenannt in „Sheep“ und „Dogs“ – erst auf dem darauffolgenden Album „Animals“ erscheinen. Allerdings befand sich unter den neuen Stücken auch eine frühe Version von  „Shine On You Crazy Diamond“..

„Es gab Tage, an denen wir nichts getan haben. Ich glaube nicht, dass sie wussten, was sie tun wollten“, erinnert sich Humphries. „Wir hatten eine Dartscheibe und ein Luftgewehr und wir spielten diese Wortspiele, saßen herum, betranken uns, gingen nach Hause und kamen am nächsten Tag zurück. Das war alles, was wir taten, bis sich plötzlich alles zusammenfügte.“ Sound on Sound.

Roger Waters – Die Kraft des Egomanen

Dass es sich am Ende „zusammenfügte“, ist wohl vor allem das Verdienst des Bassisten Roger Waters. Roger gilt als ein schwieriger Charakter, egomanisch und durchaus aggressiv. Gleichzeitig aber auch mit der Gabe gesegnet, das große Bild zu sehen, Entscheidungen zu treffen und aus David Gilmours Improvisationen auf der Gitarre die Bits und Pieces herauszuhören, aus denen sich mehr machen ließ: „Wenn ich im Studio bin, dann um zu arbeiten. Sonst wäre ich eher woanders, ehrlich gesagt“, macht Waters in der großartigen Video-Dokumentation von 2011 seinen Standpunkt klar. Bei „Wish you were here“ tritt sein bestimmender Charakter bereits sehr deutlich hervor. Der Leidtragende war damals schon Richard „Rick“ Wright, der – von seinem Naturell her eher phlegmatisch – für Roger die ideale Angriffsfläche bot. Bei den Aufnahmen zu „The Wall“ sollte Waters den Keyboarder schließlich ganz aus der Band drängen, da er angeblich keinen substantiellen Beitrag leisten würde. „Wir kämpften während ‚The Wall'“, offenbarte sich Rick Wright 1996 im Interview mit M. Kriteman .“Wir gerieten uns aber schon lange davor in die Haare, während der Zeit von ‚Dark Side of the Moon‘ und ‚Wish You Were Here‘. Eigentlich haben wir uns nie verstanden. Aber es war während ‚The Wall‘, als Roger wirklich den Verstand verlor.“

Antagonisten für ein ganzes Leben Roger Waters und Rick Wright.

Kamen zeitlebens nicht besonders gut miteinander aus: Roger Waters und Rick Wright. (Von der Großleinwand der großen Pink Floyd-Austellung in Dortmund abfotografiert von Costello)

Aus eins mach zwei

David Gilmour ist mit einem nicht minder großen Ego wie Waters ausgestattet, dabei insgesamt verbindlicher, diplomatischer. Gilmour war durchaus imstande, Waters Paroli bieten. Während Waters den Keyboarder auf dem Kieker hatte, gibt es Quellen, wonach David Gilmour damals von der Leistung des Schlagzeugers Nick Mason gefrustet war. Der humorvolle Nick Mason war eigentlich derjenige, der zuverlässig sein ausgleichendes Naturell in die Waagschale warf, aus Sorge,  dass ihnen die Band sonst um die Ohren fliegen würde. Zu dieser Zeit allerdings hatte er mit Eheproblemen zu kämpfen, was sich zusätzlich lähmend auf die ohnehin etwas apathische Grundstimmung in der Band auswirkte.

Bei der Entstehung von „Shine On You Crazy Diamond“ gehen einige der wichtigsten Weichenstellungen klar auf Waters zurück.  Das gilt für das thematische Konzept des Albums ebenso, wie für eine bedeutsame musikalische Entscheidung. Waters schlug vor, dass Riesenopus „Shine On You Crazy Diamond“ zu teilen und an den Anfang und das Ende des Albums zu stellen. Dabei setzte er sich (im Einklang mit Wright und Mason) gegen Gilmour durch.  Der hätte das Werk lieber am Stück präsentiert  – analog zu „Echoes“ auf „Meddle“ oder „Atom Heart Mother“ auf dem gleichnamigen Album. Beide Kompositionen nehmen jeweils eine ganze Plattenseite ein. Außerdem war Gilmour dagegen, die schon vorliegenden Kompositionen ‘Raving & Drooling’ und ‘You Gotta Be Crazy’ von der Platte zu werfen. „Ich hatte einen legendären Streit mit dem Rest der Band, weil ich der Meinung war, wir sollten die beiden anderen fertigen Stücke auch verwenden.“ Für Waters hingegen war klar, dass aus dieser Mixtur kein in sich kohärentes Album entstanden wäre: „Wir hatten komplett unterschiedliche Vorstellungen. Aber das war ein Streit, den ich gewonnen habe.“ (Wish You Were Here, Video-Dokumentation von 2011)

Das Cover des Pink Floyd-Albums "Meddle"

David Gilmour hätte die Suite „Shine on you crazy Diamond“ gerne am Stück präsentiert. Analog zu „Echoes“ auf dem Album Meddle. Doch er wurde überstimmt.

Ein widerspenstiges Mischpult

Als es musikalisch endlich funzte, machte ihnen prompt die Technik einen Strich durch die Rechnung. „Studio Drei hatte gerade eine 24-Spur-Bandmaschine vom Typ Studer A80 sowie ein von EMI modifiziertes Neve-Pult installiert, das niemand zu bedienen wusste. Wir waren wie Versuchskaninchen und ich war das Hauptversuchskaninchen“. Diese leidvolle Erfahrung musste Humphries schon bei der Aufnahme der Basis-Tracks machen: Schlagzeug, Keyboards, akustische Gitarre und Bassgitarre über DI-Box. Dave Gilmour erzählt im Interview zum „Wish You Were Here Songbook“, dass sie die Backingtracks über mehrere Tage eingespielt hätten, damit aber nicht happy waren: „Also haben wir es an einem Tag noch einmal gemacht und es viel besser hinbekommen. Leider verstand niemand das Pult richtig, und als wir es abspielten, stellten wir fest, dass jemand die Echo Returns von den Monitoren auf die Tracks eins und zwei geroutet hatte. Das wirkte sich auf die Tom-Toms und die Gitarren und Keyboards aus, die zu der Zeit spielten. Es gab keine Möglichkeit, sie zu retten, also mussten wir es einfach noch einmal machen.“

Könnten Sie wohl das Echo von der Orgel entfernen?

Mit diesem „jemand“ meinte David Gilmour natürlich Humphries und der mochte sich rechtfertigen, dass ein bestimmter Gitarrist seine Flossen nicht stillhalten konnte und an den Knöpfen rumgespielt hätte. Am Ende stand es vier gegen einen. Und ein höflicher Rick Wright insistierte: „Ich liebe die Orgel. Wären Sie wohl so freundlich, dass Echo zu entfernen?“ Humphries entgegnete: „‚Ich habe da kein Echo draufgesetzt‘, worauf Wright antwortete: „‚Nun, da ist ein Echo drauf.‘ Und da war es. Ich konnte es jedoch nicht wegnehmen, und das lag daran, dass es kein Studio-Echo war, sondern auf dem Band aufgenommen war. Niemand – nicht einmal die technischen Mitarbeiter von Abbey Road – wussten, wie das Pult funktioniert.“ (Sound on Sound) Das war ein schwarzer Freitag für den Toningenieur, der damit rechnete, gleich am nächsten Montag gefeuert zu werden. Doch da hatte er die Profis von Pink Floyd falsch eingeschätzt. Die meinten, sie kriegten das bestimmt noch besser hin und willigten ein, die entsprechenden Abschnitte erneut einzuspielen.

Rick Wright gewinnt einen Verbündeten

Vor allem Rick Wright dürfte dem Toningenieur das Echo auf der Orgel nicht nachhaltig verübelt haben. „Wish You Were Here“ soll Ricks Lieblingsalbum gewesen sein. Und das glaube ich nur zu gerne, denn wann zuvor konnte sich der begnadete Pink Floyd-Keyboarder so schwelgerisch ausbreiten, wie auf „Shine On You Crazy Diamond“?  Toningenieur Humphries versuchte zwar, sich aus den bandinternen Konflikten so gut es ging herauszuhalten. Aber innerlich schlug er sich auf die Seite des Keyboarders. Und der ging dankbar auf seine Vorschläge ein, während die übrigen Bandmitglieder im Studio ihr Ding durchzogen: „Ich hatte in diesem Prozess nicht viel Input – sie entschieden, was sie tun wollten, und ich habe es aufgenommen – aber bei Richard Wright stieß ich auf offene Ohren“, erinnert sich Humphries. „Rick hatte ein Haus nicht weit vom Studio entfernt, in Notting Hill Gate, und dort wohnte ich auch. Wenn er also seine Overdubs machte, gingen die anderen oft nach Hause, und er nahm eine Menge von dem auf, was ich zu sagen hatte.“

Ein EMS-Synthesizer VCS3

Die EMS-Synthesizer hatten auf „Wish You Were Here“ noch nicht ausgedient, sie standen aber ein wenig im Schatten des Minimoogs. (Foto: Costello)

„Shine On You Crazy Diamond“ – Elegie in g-Moll

Das Intro von „Shine On You Crazy Diamond“ wird gerne als Paradebeispiel für den Sound des „Solina“ genommen – das bekannte ARP-Stringensemble. Nun, wenn man den elegischen einleitenden g-Moll-Akkord auf einem Solina spielt, wird man allenfalls eine blasse Vorstellung von dem Klanggeschehen auf dem Album bekommen. Tatsächlich schichtete Humphries mehrere Soundlayer, die vom Band an verschiedene Kanäle des Mixers gingen und deren Fader- und Panning-Stellungen beim Mixdown ständig verändert wurden.  Zusätzliche Fülle bekommen die Stringakkorde durch eine satte Synth-Bassgrundierung  – das dürfte der Minimoog sein. Dazu kommen Effektklänge vom EMS Synthi AKS und ein ganz ungewöhlicher zarter Klang – eine Glasharfe, die aus Weingläsern besteht.  Das waren Loops, die während der Aufnahmen zu „Househeld Objects“ entstanden waren, ein Projekt mit dem Pink Floyd sich nach „The Dark Side of the Moon“ eine Weile beschäftigt hatte: Musik mit Küchenmixern, Wasserhähnen, Gummibändern und Weingläsern, die über ihre unterschiedliche Befüllung mit Wasser gestimmt waren. Die Gläser wurden zum Schwingen gebracht, indem man mit angefeuchteten Fingern über ihren Rand streicht.

Die Synthesizer-Linien auf "Wish you were here" stammen von solch einem Minimoog.

Einer von Rick Wrights Minimoogs. (Foto: Costello)

Wish You Were Here – die Synthesizer

Auf dem Vorgängeralbum stammen die Synthesizersounds noch von den EMS-Synthesizern VCS3 und dem Synthi-AKS, so etwa die berühmte Sequenzer-Figur von „On the run“. Auf der „Dark Side“-Tour war der Minimoog bereits dabei. Und auf „Wish You Were Here“ haben sich die Gewichte bei den Synthesizern endgültig zu Gunsten des Moogs verschoben. Zwar zeichnet der EMS-Synthesizer Synthi-AKS immer noch für viele der Effektsounds verantwortlich (etwa im Intro des Albums und ganz speziell bei „Welcome to the Machine“). Soundprägend ist aber ganz klar der Minimoog – einfach, weil er an mehreren Stellen des Albums das wichtigste Melodieinstrument ist. Der Liste „100 unsterbliche Minimoog-Sounds“ hat Rick Wright auf diesem Album mindestens zwei eigene hinzugefügt: Der dunkel-timbrierte Horn-Sound am Anfang, den Wright später mit weiter aufgezogenem Cutoff variiert. Und der spacige, mit viel Echo und Portamento angereicherte Lead-Sound von „Welcome to the Machine“. Dieser futuristische Song ist ein Fest für Elektronik-Fans:  Elektronische Summgeräusche und rhythmisches White Noise-Geschnaufe erwecken die Maschine zum Leben.

Wish You Were Here – die Keyboards

Natürlich hat Rick Wright auch eine Hammond-Orgel (wohl eine C-3) am Start, die – um Abwechslung ins Arrangement von „Shine On You Crazy Diamond“ zu bringen – bald das Solina als Pad-Sound ablöst. Es gibt ein Steinway Grand-Piano auf dem Album, wunderbar sparsam und dabei sehr pianistisch eingesetzt. Die Kunst, einen D-Dur-Akkord durch ein E als kurze Vorhaltenote zu beleben, habe ich mir als junger Klavierspieler hier das erste Mal abgeguckt. Und um die Palette der Keyboards abzurunden: Für Akkorde nimmt Right gerne das E-Piano Wurlitzer 200 A (warum der deutsche Wikipedia-Eintrag von einem Fender Rhodes schreibt, bleibt ein Rätsel).  Und ein Hohner D6 ist auf dem Album zu hören. Auf „Have a cigar“ steuert Wright auf dem Clavinet wunderbare funky licks bei. Und wie eigentlich immer bei ihm – keine Note zu viel.

Die berühmte schwarze Fender Stratocaster von David Gilmour

David Gilmours „Black Strat“ (Foto: Costello)

Wish You Were Here – David Gilmours Equipment

Die ersten zwei Minuten des Albums bestreitet Wright komplett allein. Erst dann setzt Dave Gilmours Gitarre ein – seine berühmte schwarze Fender Stratocaster. Der Sound ist süffig und unverzerrt. Verstärkt wird die Black Strat durch den klassischen Hiwatt 100 DR 103, bestückt mit vier Mullard-Röhren EL 34 in der Endstufe und vier ECC83-Röhren im Vorverstärker. Der Hiwatt steuerte eine WEM Superstarfinder 200 Box an mit vier 12-Zöllern Fane Crescendo. Verstärker Nummer zwei war ein Fender Dual Showman mit dazu passender Fender Dual Showman-Box mit zwei 15“ JBL-Speakern. Alternativ konnte David Gilmour die Gitarre auch über ein Leslie 147 schicken. Gilmour wollte einen großen, räumlichen Gitarrenklang. Deshalb wurden die Solo-Gitarren im weitläufigen, auf Orchesteraufnahmen spezialisierten Studio 1 gemacht. Dort wurden Gilmours Verstärker aus der Ferne mikrofoniert und so der Raumklang eingefangen.  „Es klingt wie in einem Auditorium“, bemerkt Humphries stolz. Im weiteren Verlauf des Albums spielt Gilmour auch akustische Gitarren: eine Martin D-35 und eine zwölfsaitige Gitarre.  Im letzten Drittel des Albums gibt es auch einen sehr starkes Solo von ihm auf einer Fender 1000 Pedal Steel-Gitarre.
Natürlich setzte der Pink Floyd-Gitarrist auch einiges an Effekten ein – namentlich das Dallas Arbiter Fuzz Face (BC108), den Colorsound Power Boost, einen MXR Phase 90 und das unvermeidliche Pink-Floyd-Echogerät – ein Binson Echorec II.

Ein Fender Dual Showman-Verstärker

Ein Fender Dual Showman, gezeigt in der Dortmunder Pink Floyd-Ausstellung (Foto: Jan Steiger)

Alles begann mit vier Noten

Gilmours Stil ist auf dem ganzen Album sehr bluesig. Und man muss sagen, dass es wirklich eines Ausnahmegitarristen wie David Gilmour bedurfte, um der harmonisch eher schlichten Vorlage immer wieder neue melodische Wendungen abzugewinnen. Mit seiner einmaligen Bending-Technik bringt er die Gitarre zum Singen. Gilmour ist halt ein Meister darin, jede einzelne Note zu zelebrieren. Und die ganze Band ist ein Meister darin, mit sparsamsten Mitteln eine unglaubliche Spannung aufzubauen. Jeder, der das Album mehr als einmal gehört hat, weiß genau, was nach diesem ersten Solo folgt, wenn die Solina-Strings langsam ausfaden: Jeder Pink Floyd-Fan und jeder Gitarrist weiß, was mit „The four notes of David Gilmour“ gemeint ist. Ding-Ding-Ding-Ding.

In einem Interview mit der BBC erzählte David Gilmour dazu: „Wenn du Musiker bist, suchst du ständig nach kleinen Symbolen, kleinen Teilen, Phrasen und Dingen, die etwas Unvergessliches an sich haben. Und eines Tages kamen diese kleinen vier Noten fast versehentlich aus meiner Gitarre.“

Diese vier Noten – B – F – G – E – waren Gilmour 1974, also ein Jahr vor den Aufnahmen zu „Wish you were here“, eingefallen. Damals übten sie in einem etwas abgeranzten Proberaum in Kings Cross, um neue Musikstücke zu entwickeln. In dieser Zeit entstanden auch die bereits erwähnten Vorläufer für „Dogs“ und „Sheep“. „Nachdem ich diese Notenkombination einige Male gespielt hatte, spitzten Roger und die anderen die Ohren, was immer ein gutes Zeichen war. Von diesem Moment an arbeiteten wir um diesen Anfang herum“, berichtet Dave Gilmour. Diese nicht erlöste Notenfolge ließ in Roger Waters die Erinnerung an ihren alten Bandkollegen wieder wachwerden: „Das ist meine Hommage an Syd, der Ausdruck meiner von ganzen Herzen kommenden Traurigkeit und meiner Bewunderung für sein Talent aber auch meiner Traurigkeit über den Verlust eines Freundes.“ (Pink Floyd – The Story of „Wish You Were Here“, Video-Dokumentation von 2011)

Standen Pate für den Namen der Band: die beiden Blues-Musiker Pink Anderson und Floyd Council.

David Gilmours Gitarrenstil ist stark vom Blues beeinflusst. Nicht von ungefähr: Syd Barrett hatte die Band nach den beiden Blues-Musikern Pink Anderson und Floyd Council benannt. (Foto: Costello)

Wish You Were Here – Vom Duo zum Quartett

Auf dem Album wird das Motiv mehrmals wiederholt, wobei die letzte Note – das E, das eigentlich ein Es mit Auflösungszeichen ist – länger gehalten wird. Und gleichzeitig der innere Schrei des Zuhörers nach Auflösung der Spannung immer lauter wird. Bevor diese Auflösung endlich erfolgt, verkürzt Gilmour die Pause und nach fast viereinhalb Minuten Spielzeit des Albums setzen – dramaturgisch wirklich meisterhaft –  endlich Bass und Schlagzeug ein. Gilmour spielt sein Motiv unbeirrt weiter, um dann etwa bei Minute 5 herum auf dem Es zu landen und kurz danach auf dem D. Und damit ist unsere bittersüße Welt in g-Moll wieder in Ordnung. Es folgt das 2. Gitarrensolo, kerniger als das erste mit einer guten Prise Verzerrung. Rick hat – passend zur rockigen Begleitung von Schlagzeug und Bass – das Solina inzwischen in die Ecke gestellt und untermalt Gilmours Blues-Licks mit der Hammond-Orgel.

Wish You Were Here – Singt da auch mal einer?

Langsam fragt sich der geneigte Hörer, ob das ein reines Instrumental wird. „Bei Pink Floyd hatten wir nie ein Problem damit, den instrumentalen Teil richtig auszuwalzen“, schmunzelt David Gilmour. Und tatsächlich, nach der Gitarre ist erstmal wieder Rick dran mit einer Art Reprise seines Moog-Intros. Und man glaubt es kaum, die Gitarre meldet sich auch noch einmal zurück.  Bei 8:40 singt Roger Waters dann die unsterblichen Zeilen

Remember when you were young,
You shone like the sun.
Shine on you crazy diamond.

Mit der Ausarbeitung der Gesangslinien haben sich Pink Floyd viel Mühe gegeben – der Refrain zu „Shine On You Crazy Diamond“ würde jeder Hymne zur Ehre gereichen. Mit einem feinen Gefühl für Steigerungen wird Roger Waters von den Backgroundsängerinnen Carlena Williams und Venetta Fields unterstützt. Viele „Aaaahs“ und „Uuuhs“ sorgen für das richtige Feeling. Das alles ist etwas dezenter gehalten als noch auf „The Dark Side of the Moon“, wo ich bei „The Great Gig in Sky“ das Gefühl habe, ich höre ein Soul-Album. Nach der Klimax kommt ein sehr cooles Saxofon-Solo von Richard ‚Dick‘ Parry. Parry war auch schon bei „Money“ und „Us and Them“ vom Vorgängeralbum mit von der Partie.

Pink Floyd Anfang der 70er Jahre.

Eine Aufnahme der Band aus den frühen 70er Jahren, die auf der Dortmunder Ausstellung gezeigt wurde. (Foto: Costello)

Abrechnung Teil 1 –  Welcome to the Machine

Roger Waters Idee, das überlange Opus „Shine On You Crazy Diamond“ zu teilen, war ein genialer Schachzug. Noch mehr vom Gleichen hätte garantiert zu Ermüdungserscheinungen geführt. Doch stattdessen erfolgt an dieser Stelle ein stilistischer Bruch. Nach der ganzen gefühlvollen Schwelgerei wird die Erinnerung an die experimentellen Pink Floyd wachgerufen. Der Song „Welcome to the Machine“ weht wie eine eiskalte Brise herein: Elektronisch, mit einem roboterhaften Bass vom EMS Synthi AKS und einem sehr elektronischen Moog-Sound, der im größtmöglichen Kontrast zur weichen Lead-Stimme von „Shine On You Crazy Diamond“ steht. Sogar das Solina-Stringensemble, das Bill Currie von Ultravox einmal als „to silky“ verspottet hatte, verbreitet hier geradezu klirrende Kälte. Auch tonal erfolgt ein Wechsel – das Stück ist in e-Moll.

Welcome my son, welcome to the machine
What did you dream?
It’s alright we told you what to dream

Dem angehenden Rockstar, um den es in dem Song geht, wäscht die Musikindustrie ordentlich das Gehirn. Anschließend verlässt er fertig konditioniert – so wenigstens meine Interpretation – die Maschine (akustisch als Fahrstuhlfahrt realisiert) und wird der Menge vorgeführt. Das Songende ist eine typische Soundcollage à la Pink Floyd – eine Mischung aus Synthesizerklängen und vorbereiteten Tapes.  Darin hatte die Band schon Routine, wie David Gilmour erzählt: „Man hat einfach das summende ‚mmmmm‘ der sich öffnenden Tür, man muss eine Art Brummgeräusch bekommen und dann zieht man einfach einen Fader auf mit Sprech- und Lach- und Gläserklirrgeräuschen. Und das klingt dann genau so, als würde sich die Tür öffnen und man hört plötzlich all diese Leute auf der anderen Seite der Tür. Und diese Dinge sind sehr, sehr einfache Audio-Illusionen, die man erzeugen kann.“  („Shades of Pink – The Source“, 1984)

Ein leerer Anzug symbolisiert das Hauptthema des Albums: Abwesenheit.

Plattenmanager als leere Hülle: Roger Waters ging mit dem Big Business auf „Wish You Were Here“ hart ins Gericht.

Abrechnung Teil 2 – Have a Cigar

In den seligen Vinylzeiten musste man nun die Platte wechseln und freute sich schon auf die astreine Funk-Nummer „Have a Cigar“. Rick Wright setzt mit dem Wurlitzer und dem Clavinet genau die richtigen Akzente. Und das Solina macht ein weitere Metamorphose durch – hier klingt es nach 70er Jahre Disco-Strings. Der große Pluspunkt dieses Songs ist der Sänger Roy Harper. David und Roger haben sich beide an dem Song versucht – mit mäßigem Erfolg. Roger Waters zeigte in einem Interview eine an Bescheidenheit kaum zu übertreffende Einschätzung seiner Sangeskünste: „Eine Menge Leute denken, ich könne nicht singen, ich schließe mich selbst da ein bisschen mit ein…Ich habe Probleme, den richtigen Ton zu treffen und aus rein ästhetischer Sicht ist meine Stimme nicht besonders gut.“ Zum Glück war Harper war gerade in Studio 2 mit seinem neuen Album zugange und war gerne bereit, den Gesangspart zu übernehmen. Ich liebe seine Art, wie er den Song interpretiert, inklusive kleiner Manierismen wie der ellenlangen Dehnung bei „Riding the gravy traiiiiin“.

Roger war mit Roy Harpers Version allerdings nicht zufrieden: „Er singt es wie eine Parodie – was ich nicht mag. Ich habe es nie gemocht. Ich bedaure es. Ich hätte es besser hingekriegt“. (Video-Dokumentation von 2011) Er selbst – so Roger – hätte es zynischer und verletzlicher rübergebracht. Sicher Roger, aber Du verkennst dabei, dass Pink Floyd oft eine bierernste Veranstaltung war. Ein wenig Humor und satirische Überzeichnung haben dem Album sicher nicht geschadet.  Zumal die Einstellung der Band zum Big Business ja durchaus ambivalent war. Auch wenn Roger lamentiert, dass man als Musiker für die Musikindustrie „nur eine Ziffer sei, eine Puppe“, hatten sie den Weg an die Spitze des Rock-Zirkus ja bewusst eingeschlagen. Syd Barrett war derjenige, der sich Top of the Pops  und dem zunehmenden Kommerzrummel um Pink Floyd verweigern wollte.  Nick Mason stellt in der Video-Dokumentation zum Album klar: „Es war nicht die Plattenfirma, die den Druck auf ihn ausgeübt hat, wir haben den Druck ausgeübt, denn das war die Richtung, in die wir gehen wollten.“

Biting the hand that feeds you

Handelte „Welcome to the Machine“ von der Initiation eines angehenden Rockstars, ist er in „Have a cigar“ endgültig im Big Business angekommen, wo er es mit den „fat-cats“ zu tun bekommt.. Der Song liefert die Karikatur eines schmierigen, geldgeilen Managers in einer großen Plattenfirma. Roger Waters musste sich freilich eine Menge Kritik anhören. Seine Abrechnung mit der Plattenindustrie wurde teilweise als zu plakativ empfunden. Ein Interviewer fragte ganz offen, ob er tatsächlich die Hand beißen wolle, die ihn und die Band füttere. Das allerdings hat Roger Waters entschieden zurückgewiesen: „Das Business ernährt uns ganz sicher nicht, sondern die Leute, die die Platten kaufen. Die hören sich die Texte an und finden vielleicht ein bisschen Wahrheit darin…nicht das Business, das Publikum ernährt uns und das Business. Die Leute, die die Platten kaufen, die füttern uns alle.“ (Interview mit Nick Segdewick für das WYWH-Songbook)

Die australische Pink Floyd-Tribute Band in Berlin.

Die Songs von Pink Floyd leben weiter. Hier ein Auftritt der australischen Tribute-Band im Berliner Tempodrom. Bei der Lightshow gehen die Australier eigene Wege, die runde Projektionsfläche dagegen haben sie beibehalten.

Wish You Were Here – die Hymne der Fußgängerzonen

Nervten früher in den E-Gitarrenabteilungen der Musikhändler regelmäßig verhinderte Hardrocker, die Ritchi Blackmores berüchtigtes Riff „Smoke on the Water“ in endloser Wiederholung spielten, so wurde nebenan – bei den akustischen Gitarren – David Glilmours berühmte aufsteigende Linie von „Wish You Were Here“ geklimpert. Auch in den Fußgängerzonen dieser Welt ist dieser Song bis heute omnipräsent. Verständlich, dass er manchen Zeitgenossen gründlich zum Halse heraushängt. Aber das Lied wurde nicht von ungefähr so berühmt – Gilmour hat es ganz bewusst einfach gehalten. und es macht trotzdem richtig was her.

Im Video-Interview mit Paul Rappaport von Classic du Jour erzählt David Gilmour über die Entstehung des Liedes: „Ich hatte gerade jemandem eine 12-saitige Gitarre abgekauft, mit der ich im Abhörraum ein wenig herumspielte. Da kam dieses Riff raus, dieses ‚dam dideli dam‘. Ein bisschen in der Art wie die vier Noten bei ‚Shine on‘. Und wieder war es Roger, der fragte, was hast Du da?“ David glaubt, dass Roger damals etwas nervös war, als er ihn auf dieses Riff ansprach – und das durchaus begründet, wie er lachend zugibt: „Ich hatte diese schreckliche Angewohnheit, kleine Stellen aus den Songs von anderen Leuten nachzuspielen, die toll waren. Und Roger sagte dann immer: ‚Das ist großartig, lass es uns verwenden‘. Und ich antwortete: ‚Geht leider nicht, dass gehört jemand anderem'“.

Two lost Souls swimming in a Fish Bowl

Doch dieses Mal durfte Roger Waters aufatmen, endlich hatte er das passende musikalische Vehikel gefunden für einige Zeilen, die er bereits fertig geschrieben hatte, und die wohl mit zu seinen besten zählen. Vor allem das Bild vom Goldfischglas, in dem zwei einsame Seelen ihre Runden ziehen,  ist sehr einprägsam und gleichzeitig voller Trauer und Resignation.

We’re just two lost souls
Swimming in a fish bowl
Year after year
Running over the same old ground
What have we found?
The same old fears
Wish you were here

Hier wird das Thema von Abwesenheit, Verlust, gegenseitiger Entfremdung und dem gleichzeitigen Wunsch nach Gemeinsamkeit gleichsam auf eine höhere Ebene gestellt. Diese Zeilen mögen auf Syd Barrett verweisen, aber sie zielen auf etwas Universelles ab – wir Menschen können ohne den anderen nicht sein, verzehren uns in Sehnsucht und bleiben doch oft  in unserer eigenen Welt, unseren Vorstellungen gefangen – verurteilt zur Einsamkeit.

Eintauchen ohne Spritzwasser. Die Cover-Fotos von Hipgnosis haben oft etwas Surreales.

Das Original des eintauchenden Mannes im Lake Mono in der Browse Gallery Berlin. Der arme Taucher musste die ganze Zeit die Luft anhalten, bis sich das Wasser um ihn herum absolut ruhig war.

Tschaikowski aus dem Autoradio

Berühmt ist der Anfang des Songs  „Wish You Were Here“, der damals beim ersten Hören der Platte vielen einen Riesenschreck einjagte, weil sie dachten, ihre Stereoanlage hätte gerade den Geist aufgegeben. Am Ende des vorangehenden „Have a Cigar“ reißt der Sound plötzlich ab und man hört ein krächzendes Radio, bei dem jemand gerade einen passenden Sender zu suchen scheint. Zu hören sind Dialogfetzen und ein Stück aus Tschaikowskis 4. Sinfonie – aufgenommen mit Gilmours Autoradio. Schließlich erklingt – per Studiotechnik auf Küchenradiosound getrimmt – Gilmours zwölfsaitige Gitarre mit dem bekannten Riff. Und kurz danach setzt der natürliche Gitarrenklang ein. Zunächst noch etwas suchend und bewusst simpel gehalten – ganz so, als ob ein Hobbygitarrist zum Radio jammen würde.

Vereinzelte Husten- und Schniefgeräusche verstärken noch die Illusion. Das Radio wird langsam ausgeblendet und Gilmour beginnt zu singen – eine seiner stärksten Leistungen. Die anderen Instrumente kommen dazu – Schlagzeug, Bass, Klavier –  und noch später wird Keyboarder Wright mit einem Hornsound vom Minimoog die Melodielinie unterstützen, die immer mächtiger wird. Gegen Ende des Songs wechselt Gilmour zu Scatgesang. Ein gutes Beispiel wie Pink Floyd es schaffen, ein recht simpel aufgebautes Lied immer wieder mit interessanten Details auszuschmücken. „Wish You Were Here“ war ein echtes Gemeinschaftswerk von Roger Waters und David Gilmour. Beide waren damit sehr glücklich, „einer unser besten Songs“, meint Gilmour.

Stéphane Grappelli – oder „Die unhörbare Geige“

Wie bei fast jedem berühmten Album gibt es auch bei „Wish You Were Here“ jede Menge „Trivia“ – also kleine Kuriositäten am Rande. Dazu gehört die Mitwirkung von Stéphane Grappelli. Der französische Jazz-Violonist arbeitete gerade gemeinsam mit Yehudi Menuhin an Aufnahmen in den Abbey Road Studios. Da der Song „Wish You Were Here“ einen deutlichen Country-Einschlag besitzt, meinte Gilmour, es wäre vielleicht ganz passend, am Ende eine „country fiddle“ zu haben. Menuhin winkte dankend ab, Grapelli aber sagte gerne zu für ein sattes Honorar von £ 300. Roger, der alte Sparfuchs,  meinte hinterher: „Er ist ein alter Profi und versuchte uns ein wenig über den Tisch zu ziehen, und in einem gewissen Ausmaß ist ihm das auch gelungen. Aber es war wunderbar ihn im Studio zu haben und ein wenig spielen zu lassen.“ (Interview mit Nick Segdewick für das WYWH-Songbook)

Beim Mix fiel Grapellis Beitrag dann hinten runter, so dass die Band darauf verzichtete, den Geiger auf dem Album zu erwähnen. Das wäre ja fast einer Beleidigung gleichgekommen, erzählt Roger im Interview mit Nick Segdewick. „Man kann ihn hören , wenn man sehr, sehr, sehr genau in das Ende von ‚Wish You Were Here‘ hineinlauscht. Da hörst Du die Geige, nachdem die Windgeräusche starten.“ Ein Pop-Album als Hörtest – ist doch auch mal was Neues.

Pink Floyd-Equipment: Hiwatt-Verstärker und Lautsprecherboxen von WEM.

Hiwatt-Verstärker in Kombination mit WEM-Boxen verwendeten sowohl Roger Waters als auch David Gilmour in der 70er Jahren. (Foto: Jan Steiger)

Mut zur Lücke – Roger Waters Bass bei Pink Floyd

Nach Weingläsern, Fahrstuhlgeräuschen aus dem Synthesizer und dem großartigen Radiointro von „Wish You Were Here“ scheint der Band ein wenig die Kreativität ausgegangen zu sein. Schnöde Windgeräusche bilden den Übergang zum Abschluss der großen Suite „Shine On You Crazy Diamond“(Part VI- IX).  Aus dem Rauschen schält sich ein einfaches Bassmotiv: Dum Dum. Das ist ein typischer Waters-Bass. Roger Waters ist kein virtuoser Bassist.  Auf seinem Fender Precision, meist mit Plektrum gespielt, bevorzugt er eher einfache Linien. „In der Roger-Waters-Ära waren die Bass-Parts sehr zurückhaltend, sehr simpel“,  erzählt Colin Wilson, Bassist der australischen Pink Floyd-Tribute-Band in Bass Quarterly. „Es ging nur um die Songs. Der Bass war da, um die Songs zu unterstützen. Es gibt viel Platz, viele wichtige Lücken, bei denen keine Noten gespielt werden. Sie machen das Feeling der Songs mit aus.“

Im Vergleich zu frühen Songs wie „See Emily play“ reduzierte Waters seinen Bass-Stil immer stärker. „Us and them“ auf „Dark Side“ kommt zum Beispiel mit nur zwei Tönen aus. Extravagante Klänge, wie etwa der punktierte Bass auf „One of these Days“ vom Album „Meddle“ ergaben sich aus dem Zusammenspiel mit einem Binson Magnetecho. Auf „Welcome to the Machine“ unterstützt Roger nach einiger Zeit den Synthesizer-Bass mit einem sehr starken Motiv. Das ist mir freilich erst in der Video-Dokumentation von 2011 richtig aufgefallen, als Humphries am Mischpult den entsprechenden Kanal solo abhört.

Erst nach dem Weggang von Waters in den 80er Jahren stießen Session-Musiker wie Tony Levin oder Pino Palladino dazu, die auf ihren Fretless-Bässen den Basspart bei Pink Floyd  ganz anders interpretierten. Und auch Guy Pratt, Bassist auf „Delicate Sound of Thunder“, „Division Bell“, „The Endless River“ und einigen Gilmour-Alben legte sein Spiel moderner und virtuoser aus. Übrigens auch mehr auf dem Beat. Roger Waters und Schlagzeuger Dave Mason mochten es dagegen mehr ‚laid back‘.

Ein bemaltes Rumset von Nick Mason

In seinen Anfangstagen spielte Nick Mason Premier-Drums, später stieg er auf Ludwig um. (Foto: Costello)

Komplizierte Drum-Grooves waren nie mein Ding

Rogers reduziertes Spiel ergänzte sich wunderbar mit Nick Masons einmaliger Art zu trommeln. Mason liegt gerne etwas hinter dem Beat, was für den Floyd-Sound ganz entscheidend ist. „Ich bin absolut kein Techniker, und mein Schlagzeugspiel folgt in erster Linie einer musikalischen Idee. Ein kompliziert ausgetrickster Drum-Groove war noch nie so mein Ding“, verrät Nick Mason im Gespräch Tom Schäfer auf Sticks.de „Auf der anderen Seite bin ich wiederum in der Lage, mit meinem Style einen Drum-Track zu kreieren, der in seiner Art von niemand anderem gespielt werden könnte. Und diese Tatsache macht mich dann doch etwas stolz, weil es Dinge gibt, die wiederum nur ein Nick Mason drauf hat…Und manchmal ist eben die Schlichtheit oder eine bestimmte Klangatmosphäre das gewisse Extra – ohne mich jetzt besonders hervortun zu wollen.“

Nick Mason spielte in den sechziger  Jahren bis „Umma Gumma“ ein Premier-Schlagzeug. Dann besuchte er ein Konzert mit Ginger Baker in London, bei dem der Tourneemanager die Bassdrums am Bühnenboden festnageln musste: „Ginger Baker trommelte fantastisch, und der Auftritt hatte mich dermaßen beeindruckt, dass ich beschloss, mir ein Ludwig Double-Bassdrum-Kit anzuschaffen“, berichtet Nick Mason. (Sticks.de) „Als wir dann nach Amerika kamen, kaufte ich mir dann das Set. Damals waren die Instrumente in den Staaten noch vergleichbar günstig. Später hatte ich dann einen Endorsement-Deal mit Ludwig.“

Wish You Were Here – das große Finale

Auch im Schlussteil von „Shine On You Crazy Diamond“ legt Nick Mason zunächst einen gemächlichen Beat vor. Bass, Gitarre und Synthesizer bauen darauf langsam einen Groove auf, der sich immer mehr steigert. Dann nimmt die Musik richtig Fahrt auf. Das Beschleunigen eines laufenden Songs haben wenige Bands so perfekt hinbekommen wie Pink Floyd. Rockiger ist das Album „Wish You Were Here“ nirgendwo – Gilmours Solo auf der Lap Steel-Guitar schlichtweg mitreißend.  Es entsteht ein regelrechter Sog. Noch einmal hören wir die Stimme Roger Waters und den bekannte Refrain zu „Shine On You Crazy Diamond“, den spätestens jetzt jeder mitsingen kann. Ein fein gesponnenes E-Gitarrenmotiv leitet zu einer Art Jazzrock-Nummer über mit E-Piano und dem wohl markantestem Riff, das Wright je für das Hohner Clavinet D 6 geschrieben hat. Genauso unverkennbar wie „Superstition“ von Stevie Wonder oder „Trampled under foot“ von Led Zepellin. Einer der berühmten Mason-Breaks leitet zum letzten Teil über. Akkorde auf dem Steinway, ein Synthesizerklang mit Phasing, darüber schwebt der weiche Hornklang des Minimoogs. So wird die Brücke zum Anfang des Albums geschlagen. Gegen Ende des Albums zitiert Rick Wright  einmal kurz „See Emily play“ – eine letzte Verbeugung vor Syd Barrett,.

David Gilmours Double Neck Steel Guitar

Gegen Ende des Albums hat David Gilmours Double Neck Steel Guitar ihren großen Auftritt. (Foto: Costello)

Hipgnosis – oder wie bebildert man „Abwesenheit“?

Für die Covergestaltung war die britische Grafikdesign-Agentur Hipgnosis verantwortlich, die für Pink Floyd schon mehrere unverwechselbare Plattencover geschaffen hatte: Die berühmte Kuh von „Atom Heart Mother“, das farblich verfremdete Ohr bei „Meddle“ und das Prisma auf „Dark Side of the Moon“. David Gilmour erzählt, dass Storm Thorgerson – Mitgründer von Hipgnosis –  wie bei früheren Alben die Band im Studio besucht hätte, ihnen bei den Aufnahmen zuhörte und die Musiker fragte, was sie mit ihrem neuen Album ausdrücken wollten: „Das Thema war ‚Abwesenheit'“, erzählt David Gilmour. „Also dachte er über das Thema ‚Abwesenheit‘ nach und man sieht man eine schwimmende Person, wo das Wasser fehlt, eine Person im Anzug, die aber keinen Körper hat und jemanden, der ins Wasser springt, ohne dass es spritzt.“ Letzteres war tatsächlich schwierig zu bewerkstelligen, vielleicht weil es damals noch kein Photoshop gab. Der Darsteller musste solange Handstand im Wasser machen und die Luft anhalten, bis sich um ihn herum aber auch kein Tropfen Wasser mehr kräuselte. „Das hat verdammt lange gebraucht“, seufzt Fotograf Aubrey Powell. „Diese Aufnahmen waren wirklich eine Qual“. Das englische Original – „a pain in the ass“ – ist da irgendwie noch deutlicher.

Bei den Aufnahmen zum Cover verbrannte sich der Stuntman den Schnurrbart.

Der „verbrannte Mann“ wurde zum Sinnbild von „Wish You Were Here“.

Der brennende Mann und die schwarze Hülle

Noch weniger war womöglich der Mann im Business Outfit zu beneiden, der auf dem Cover lichterloh in Flammen steht, während ein anderer Anzugträger ihm seelenruhig die Hand drückt. Storms Kompagnon bei Hipgnosis – Aubrey Powell – schoss das legendäre Coverfoto auf dem Gelände von Warner Bros. Studios in Burbank LA. Die Idee war bei einem gemeinsamen Brainstorming entstanden, bei dem Storm sagte „’Have a Cigar‘ handelt von Unaufrichtigkeit im Musikgeschäft. Was ist mit einem Bild von zwei Geschäftsleuten, von denen einer bei einem Deal verbrannt wird?“ Die Idee kam gut an. „Getting burned“ war ein in der Musikindustrie durchaus üblicher Ausdruck. Häufig wurde er von Künstlern verwendet, denen die Zahlung von Tantiemen verweigert wurde. Aber wie umsetzen? „Ganz einfach“, meinte Storm: „Setze einen Mann in Brand.“

Der Stuntman Ronnie Rondell wurde in einen feuerfesten Anzug gesteckt, er bekam auch einen Schutz für den Kopf, der von einer Perücke kaschiert wurde. Es gab vierzehn Durchläufe, bei denen Ronnie dem anderen Stuntman Danny Rogers die Hand schüttelte. Beim fünfzehnten Mal reichte es ihm dann: „That’s it! I’m done!“ Sehr verständlich: Während der Aufnahmen hatte plötzlich der Wind gedreht, die Flammen schlugen Ronnie ins Gesicht und versengten eine Augenbraue und Teile seines eindrucksvollem Schnurrbarts.

Storm Thorgerson hatte noch eine weitere Idee, angeregt durch das Roxy Music-Album „Country Life“, dessen barbusige Covergirls vor dem strengen Blick der Zensoren durch eine opake grüne Plastikfolie geschützt wurden. Für Pink Floyd entschied sich Thorgerson für eine blickdichte Hülle in schwarz. Das war das ultimative Statement, dem Pop-Business eine klare Absage zu erteilen. Die Plattenfirma meldete Bedenken an, man könnte gar nicht erkennen, dass es ein Pink Floyd-Album wäre. Als kleines Zugeständnis an den Verkauf in Plattenläden wurde auf die schwarze Hülle ein kreisrunder Aufkleber gepappt, der den Händedruck zweier Roboterhände zeigt, umgeben von den vier Elementen Erde, Wasser, Luft und Feuer. Thorgerson ist noch heute stolz, dass einige Fans diese zweite Hülle nicht einfach herunterfetzten, sondern sie sorgsam an der Seite aufschlitzten, um die Platte herausnehmen zu können, ohne die schwarze Originalverpackung zu beschädigen.

Viele Fotos wurden vom "brennenden Mann" gemacht

Das Fotoshooting zum „brennenden Mann“. Austellungsobjekt bei „Their Mortal Remains“ 2019 in Dortmund. (Foto: Jan Steiger)

Wish You Were Here – ein langer, schmerzhafter Prozess

Quälend, langwierig, eine schwierige Zeit – so beschreibt die Band selbst die Produktion von „Wish You Were Here“. Am Ende kam Pink Floyds wohl bestes Album heraus, aber der Preis, den die Musiker zahlen mussten, war hoch. Auch der meist gutgelaunte Nick Mason hat in Interviews zugegeben, dass es sich um eine schwere Geburt handelte: „Es war ein ziemlich langer, schmerzhafter Prozess, um zu ‚Wish You Were Here‘ zu gelangen.“ Die vom Temperament sehr unterschiedlichen Musiker rangen um ein Album, von dem Toningenieur Humphries mehr als einmal dachte, dass es nicht gelingen würde: „Manchmal funktionierten die Ideen, manchmal nicht, und das ist völlig normal, aber in dieser Atmosphäre zu arbeiten, war nicht einfach“, resümiert Humphries in Sound on Sound.

Für Roger Waters war das Album Katalysator für seine zunehmend pessimistische Weltsicht: „Ich finde, die Welt ist ein verdammt trauriger Ort… Ich bin gerade dabei, mich von all dem zurückzuziehen.“ (Interview mit Nick Sedgewick) Es war aber auch Trauma-Verarbeitung der Trennung von Syd Barrett. Manche Musikkritiker haben das sehr reserviert aufgenommen. Nach dem Motto: den Mann erst abservieren, jetzt Krokodilstränen weinen und damit dann noch Kasse machen. Roger hat das einerseits wütend gemacht, andererseits war er sehr wohl imstande, sein ambivalentes Verhältnis zu Syd Barret zu reflektieren: „Ich bin sehr traurig wegen Syd, das war ich jahrelang nicht. Ich nehme an, er war jahrelang eine Bedrohung wegen all dem Schwachsinn, der über ihn und uns geschrieben wurde. Natürlich war er sehr wichtig, und ohne ihn hätte die Band nie verdammt noch mal angefangen, weil er das ganze Material geschrieben hat. Ohne ihn wäre es nicht möglich gewesen, aber andererseits hätte es auch nicht *mit* ihm weitergehen können.“ (Interview mit Nick Sedgewick)

Pink Floyd bei der Produktion von „Wish You Were Here“. Im „Driving Seat“ saß meistens Roger Waters. In der Ausstellung in Dortmund wurden jeweils passende Video-Interviews mit den Musikern gezeigt. (Foto: Jan Steiger)

Ende gut alles gut – das Album geht durch die Decke

Das Album  wurde im  September 1975 veröffentlicht, in den USA auf Columbia Records (CBS), weil die Band mit Capitol Records, dem US-Label von EMI, nicht mehr zufrieden war. In Europa blieben sie bei der EMI-Tochter Harvest. Die Platte schlug sensationell ein, in Großbritannien konnte nur jede zweite Vorbestellung bedient werden und das Album war sofort auf Platz eins.. In den USA erreichte „Wish You Were Here“ in Woche 2 den ersten Platz  der Billboard Charts. Auch in Europa stürmte Pink Floyds 9. Studioalbum die Charts, in Spanien war es 20 Wochen auf Platz 1. Ich habe es damals selbst erlebt: Wir haben uns dieses Album gegenseitig aus den Händen gerissen. Da mochte der Kritiker vom Melody Maker über „einen kritischen Mangel an Einfallsreichtum“ maulen, und der Rolling Stone über die selbstverordnete Katharsis der Band in Sachen Barrett ätzen, dass sie „ebenso gut darüber singen könnten, dass Roger Waters‘ Schwager einen Strafzettel bekommt.“

Soundtrack (m)einer Generation

Aber das war die Band ja schon gewohnt.  Schwerer wog da noch, dass sogar andere Musiker, in diesem Fall ein Mitglied von Genesis, sich abfällig über die Musik geäußert hätten. Während man bei einem Genesis-Album sich wirklich hinsetzen und konzentriert zuhören müsste, könne man  diese Art von Muzak auch wunderbar nebenbei konsumieren. Ich würde darauf tippen, dass das Phil Collins war. Aber der sollte ja später auch den einen oder anderen Song abliefern, zu dem man prima bügeln kann. Und nicht nur das…

Irgendwo habe ich gelesen, dass man mit dieser Musik trefflich einen Softporno untermalen könnte. Und so falsch ist das nicht: In den 70ern wurde zu dieser Scheibe eng getanzt und intensiv gekuschelt. „Wish You Were Here“ wurde zum Soundtrack (m)einer Generation. Die Integrationskraft dieses Albums war erstaunlich. Mein alter Schulfreund Jan zum Beispiel ist absoluter Stones-Fan, hörte damals Spencer Davis Group, die Paul Butterfield Blues Band und solche Sachen. Pink Floyd fand er aber trotzdem toll . Bei Genesis rollten sich ihm dagegen die Fußnägel auf. Okay, zur Wahrheit gehört, dass manche das Album damals auch nicht mochten. Das galt etwa für diejenigen, die ab 1977 lieber die Sex Pistols hörten und für die der Name Pink Floyd für alles stand, was an etablierter Popmusik hassenswert war. Mit Ausnahme natürlich von Gründungsvater Syd Barrett, der über Genregrenzen hinweg wie ein Heiliger verehrt wurde. Syd war die coole Socke.

Bühnendekoration für "Tha Wall".

Was auf „Wish You Were Here“ sich noch in Melancholie niederschlug, nahm auf „The Wall“ teilweise paranoide Züge an. (Foto: Costello)

Wish You Were Here – Bestes Pink Floyd Album ever?

Heute bekommt das Album überall die volle 5-Sternebewertung – vom AllMusicGuide bis zum Rolling Stone Album Guide. „Wish You Were Here“ taucht in allen wichtigen „Greatest Album“-Lists auf. Und wird oft sogar als „das beste Pink Floyd-Album“ bezeichnet.  Nun, für diesen Titel werden auch das Vorgängeralbum „The Dark Side of the Moon“ und „The Wall“ gehandelt. Solche Rankings sind immer problematisch. Was das beste Album ist, liegt ja im Auge jeden einzelnen Betrachters. „Wish You Were Here“ ist mit seiner sanften, melancholischen Stimmung, dem warmen Grundton und gelegentlichen Anflügen von Jazz-Fusion sicherlich insgesamt zugänglicher als „The Dark Side of the Moon“. Auf „The Wall“ wiederum gibt es die großartige Hymne „Another brick in the wall“ und eine Handvoll anderer sehr guter Songs. Aber das Album erschlägt einen zuweilen mit seinem Pomp und die Traurigkeit von „Wish You Were Here“ kippt auf „The Wall“ manchmal in Larmoyanz um.

Manche würden keines dieser Alben in Betracht ziehen. Weil sie der Meinung sind, dass Pink Floyd nicht besser wurden, als sie Synthesizer einsetzten. Und auch das ist eine zu respektierende Meinung. Zum Schluss möchte ich euch meine ganz persönliche Favoriten-Liste verraten – ich bin gespannt auf eure :) Mein „All time favourite“ Pink Floyd-Album ist  – sicher nicht schwer zu erraten – „Wish You Were Here“, gefolgt von „Meddle“. Den dritten Platz müsste sich „Dark Side“ mit der Live-Platte von Umma Gumma teilen. Das oft unterschätzte „Animals“ käme auf Platz 4 und dann erst „The Wall“.

Portraitfoto von Syd Barrett

Ob Pink Floyd am Ende ihren inneren Seelenfrieden im Verhältnis zu Syd Barrett gefunden haben? (Foto von Aubrey Powell um 1970)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fazit

Für mich ist „Wish You Were Here“ das Pop-Gegenstück zu Bachs Goldberg-Variationen. Ein kleines, fast unscheinbares Thema wird von allen Seiten ausgeleuchtet und in immer neuer Form interpretiert. Das ist vor allem das Verdienst von David Gilmour, dessen Gitarrenarbeit selten so filigran und so gefühlvoll war. Mit immer neuen Blues-Licks reichert er das Thema in g-Moll an und schafft auf der akustischen Gitarre mit dem  Titelstück einen der besten Floyd-Songs aller Zeiten. Nick Mason und Roger Waters treten musikalisch nicht so stark hervor, aber ohne Waters Lyrics, seinen Gesang und vor allem seine Beharrlichkeit bei der Produktion wäre das Album nicht zustande gekommen. Für Fans des stillen Pink Floyd-Keyboarders Richard Wright ist „Wish You Were Here“ ein einziges Fest. Ohne Ricks Grundierung auf Hammondorgel und Solina würden Gilmours Gitarren-Riffs oft in der Luft hängen. Wrights Funky-Akkorde auf Wurlitzer und D 6, besonders aber seine wunderbaren Melodielinien auf dem Minimoog sind prägend für das Album. Ob der Band ihre Katharsis gelungen ist, ob sie ihr Verhältnis zu Syd Barret ins Reine bringen konnte, das können letztlich nur die Musiker selbst beantworten. Für die Fans ist das Album eine grandiose musikalische Reise, die zum Träumen einlädt und im Hörer eine große Sehnsucht zurücklässt: „How I wish, how I wish you were here“.

Forum
  1. Profilbild
    Chromengel  

    Ich weiß nicht mehr genau, wie alt ich war. Bin Jahrgang 1969 und habe irgendwann in den 80ern von einer älteren Bekannten die Wish you were here, Bilitis und The Doors auf LP geliehen bekommen.

    Mein Freund hatte gerade ein ELAC-Stereo System mit dicken Boxen von einem Onkel geschenkt bekommen.

    Seit dem, bin ich Pink Floyd Fan. So ein Sound und Klang auf junge NDW-verwöhnte Ohren hat es vorher noch nicht gegeben.

    Ich höre die LP/CD regelmäßig und bin immer noch begeistert.

  2. Profilbild
    Holden  

    Ein wunderbarer Artikel. Wish You Were Here ist mein instant Heulsusensong. Mein „Syd“ hieß Niki und wurde mein bester Freund. Auch er verbog die Realität mit absurd anmutender Verzweiflung, die in Drogenmißbrauch und frühen Tod endeten. Ich begegnete ihm nach vielen Jahren ohne Kontakt noch einmal, kurz bevor er starb, einsam im Schlaf auf der Couch an einen Herzinfarkt. So sagte es wohl der Arzt seiner Mutter. Kein Song auf der Welt trägt meine Trauer so elegant und schuldbeladen wie dieser. Ein Glas hoch auf alle die wir uns „hier“ wünschen. Scheiße….

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    a.jungkunst  AHU

    Ich habe die in der Einleitung angesprochene Tour in Dortmund erlebt. Mein Vater war ein paar Tage zuvor plötzlich gestorben und ich stand in dieser Zeit ein wenig oder besser geschrieben reichlich neben mir. Die Karten hatte er für meine Freunde und mich einige Wochen zuvor noch besorgt. Ich war nicht in Stimmung, aber meine Mutter beharrte darauf, dass ich mit meinen Freunden mitfahren soll, das Leben ginge weiter. Und es stimmte, dieses Konzert und dieser Abend haben mich weit genug zurückgeholt, um wieder Fuß zu fassen, Ende des ungewollten Schwebezustands. Deswegen werde ich es nie vergessen, die Musik von Pink Floyd hatte schon vorher große Bedeutung für mich und bekam durch meine Gefühlslage und die nachfolgende positive Veränderung etwas sehr Nachhaltiges. Die Band hatte es an diesem Abend geschafft, mich binnen weniger Minuten auf ein notwendiges Level zum Weitermachen zu heben. Und noch eine kleine Anekdote aus diesen Tagen: Wenige Wochen zuvor, im Dezember 1976, bekam ich von Dirk Matten meinen ersten Synthesizer, einen Minimoog, geliefert. Da waren in Dortmund die Eindrücke von Rick Wrights Parts natürlich noch beeindruckender als sonst. Und mein Platz mitten im Volk war sicherlich für die Akustik und die Optik des Konzerts auch ansprechender :-) .

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      costello  RED

      Das sind ganz besondere Erinnerungen und Gefühle, die bei Dir mit diesem über 40 Jahre zurückliegendem Konzert verbunden sind. Musik hat diese besondere Kraft, uns wieder die notwendige Energie zu schenken, die uns zum Weitermachen bringt. Toll, dass Dir damals deine Mutter in einer Situation, die für sie ja auch sehr schwer war, den entscheidenden Schubs gegeben hat.

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    janschneider  

    Da hat sich jemand wirklich richtig Mühe gegeben, mit Abstand der beste “Making of”-Artikel bisher! Wirklich schön.

    Und ich möchte auch mal jemanden heiraten, der Virginia Hasenbein heißt!

  5. Profilbild
    zeitlos  

    Ein ganz großer Lob an den Autoren! Habe hier noch nie ein „Making of“ gelesen, da ich so interessant und spannend fand!

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    TobyB  RED

    Großes Kino! Ich hab den Artikel so verschlungen wie, Mr. Pink Floyd von Michele Mari. Rankings sind bei Pink Floyd Songs immer schwierig. Ich würd es eher in Phasen einteilen. Und in jeder Phase gabs Highlights und Lowlights. Sowohl in das Syd, als auch Roger, der David und der Post Division Bell Phase. Von daher würde ich One Of These Days, Us and Them, Money, High Hopes in den Raum werfen. Als Bonustitel für die Tanzfläche Another Brick in the Wall.

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      costello  RED

      Hi Toby, bei den Songs finde ich das noch nicht mal so schwer, ein „Best of“ zusammenzustellen. Aber Pink Floyd war ja eine ausgesprochene Album-Band. Und da ist die Festlegung schon um einiges schwieriger.

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        TobyB  RED

        Bei den Alben wird’s schwierig. Ich hab als DVD Box, „7 Ages of Rock“, die BBC stufte Wish You Where Here als Geburtsstunde des Stadionrocks und als Meilenstein des Art Rock. Das ist durchaus kontrovers. Andere sagen Meddle sei wegweisend für den Psychedelischen Rock. Die nächsten sagen, ohne Syd wäre PF nur voller Selbstzitate. Und die nächsten werfen Dark Side of the Moon in den Raum. Da ist überall ein bisschen Wahrheit drin. Jede der Phasen von Pink Floyd hatte ihre Highlights. Sowohl als Album und auch als Live Konzert. Ich denke da muss man als Kritiker mal die Kirche im Dorf lassen. Und wohlwollend feststellen, das es kaum Bands gibt (Rolling Stones aussen vor), die über Dekaden künstlerisch relevantes abliefern. Selbst The Endless River als Abgesang ist schon ein Highlight.

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    Holden  

    Ich mag mir nicht vorstellen was los ist wenn David Gilmour eines Tages nicht mehr unter uns ist. Den ganzen Tag ist es am pissen und während ich mir David & David (Bowie) in Concert anschaue, spüre ich den Sand der Zeit durch meine Hände rieseln. Großartige Künstler wie viele unbekannte andere. Gänsehaut…

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    costello  RED

    An dieser Stelle ein großes Dankeschön des Autors für euer Lob. Für mich ist „Wish You Were Here“ ein heißgeliebtes Album mit dem unendlich viele Erinnerungen verbunden sind. Beim Schreiben ahnte ich schon, dass ich da nicht der Einzige bin :)

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      index  AHU

      Wish You Were here hat mich als Teenager auf den Weg zum Musikmachen gebracht.
      Die Moog-Sounds, die Gitarre, die verschleppten Breaks von Nick Mason und der straight auf der Bassrdum spielende Bass.
      Ich hatte den AKG Kopfhörer meines Dad’s auf dem Kopf und yeah……
      Danach kam Punk, Postpunk und Gothic und trotzdem,
      Pink Floyd war immer bei mir, auch wenn das nicht möglich scheint…naja egal, Reggae, Jimi Hendrix, AC-DC, Jean-Michel Jarre und Vangelis waren auch da…
      Aber auf den Weg gebracht, hat mich dieses Album……THX!!!

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    Marcel Halbeisen  

    Was für ein fantastischer Artikel! Ich habe schon duzende Berichte und Bücher über meine absolute Lieblingsgruppe gelesen, aber dieser gehört ganz weit vorne zu den besten! Danke, eine wunderbare Leistung die ich sehr schätze.
    Meine Lieblingsalben von Pink Floyd kann ich nicht einreihen, das wechselt immer wieder. Aber Wish You Were Here gehört immer ganz weit vorne dazu. Dass es mittlerweile so viele Bands gibt die viele dieser Songs heute spielen zeigt, dass Pink Floyd einen Klassiker geschaffen hat, der in hunderten von Jahren noch gehört wird.

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    t.bechholds  AHU

    Respekt. Grandiose Story. Danke !

    Pink Floyd waren unglaublich innovativ und irgendwie immer mit diesem „wow“-Effekt behaftet. Die Mozarts des 20. Jahrhunderts.

    Das Radio spielte damals hauptsächlich Lieder von Roy Black und Peter Alexander. Die Beatles galten bei den Erwachsenen ( also die halbtoten Zombies so ab 35J, die eh nichts mehr gebacken kriegen ) , als drogenabhängige Wegelagerer. Allenfalls “ Yesterday“ ging bei den ganz ausgelassenen noch so gerade durch…

    Unter dieser Glocke der katholisch geprägten postpreußischen Muffbude knallte dann „One of these days“ aus einem UHER Tonband. Mein Gott, das war der Messias, der da zu uns sprach!

    Animals das letzte Album zum niederknien. Ich wünschte, mir wäre dieses kompositorische Talent gegeben.

    The Wall.. jo: die ersten 20 Minuten sind fantastisch, auch wenn die Aufnahme so muffig klingt, als ob es einer aus dem Nebenraum heimlich mitgeschnitten hat, wird zum Ende hin ziemlich zum Fremdschämen.

    Ich saß hinten auf den oberen Rängen 1981 in Dortmund, als Roger zum Schluss als Comicfigur den Schul-AG-Hitler mimte. „Mein Fresse“, dachte ich, „kann man dem Mann da vorne nicht was bringen, daß der wieder runterkommt ?“
    Na ja, so isser halt, bis heute. Schwamm drüber.

    Nochmal danke Costello für die interessanten Hintergrundinfos.
    Und danke Dir Gott für die Pink Floyd

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      Eduardo

      Und heute leben wir in einer post-68er-Muffbude in der musikalisch nur noch unkreative Wiederkäuerei betrieben wird. Denn leider sind die bewunderten Revolutionäre von damals mittlerweile zu einem linken Spiegelbild jener konservativen „postpreußischen Muffbude“ degeneriert. Sie drücken alles beiseite was nicht ihrem eigenen Weltbild entspricht und bewegen sich nur noch innerhalb ihrer eigenen Blase. Wir bräuchten heute (vielleicht mehr denn je) eine neue explosive Rock-Punk-Pop-Bewegung welche die Musikindustrie aus ihrem halbtoten Siechtum reißt und ihr wieder etwas Leben einhaucht.

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        iggy_pop  AHU

        Die Musikindustrie kann meinetwegen gerne weiter halbtot vor sich hin siechen, ich weine ihr keine Träne nach.

        Wenn die Leute nur lange genug abgefüttert und gesättigt werden, erstickt man jegliches Revoluzzertum im Keim — wenn jedoch die Nummer so weitergeht wie sie sich jetzt abzeichnet, werden wir in nicht allzu ferner Zukunft genügend Leute haben, die wieder hungrig sind. Im wahrsten Sinne des Wortes.

        Die tragen dann auch wieder „I hate Pink Floyd“-T-Shirts. Und das wird noch das Harmloseste sein.

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        Marcel Halbeisen  

        Ich sehe das Problem nicht, es gibt doch extrem viele kreative, innovative, experimentierfreudige Bands. Ihr schreibt, wie wenn es heute keine mutigen, jungen Musiker und Musikerinnen mehr gibt. Das stimmt doch gar nicht… Dass man die kaum kennt, ist natürlich dem Kommerz geschuldet der möglichst schnell Asche verdienen will und den HörerInnen die nicht mehr Musik hören können, weil sie vor lauter Faceinstayoutubegram-Scheisse nicht mehr geniessen können. Es ist natürlich schade, dass dadurch viele irre coole Typen unbekannt bleiben und davon nicht leben können. Aber das bedeutet nicht, dass wir in einer musikalischen Dystopie leben…

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    FenderBaba

    Ein sehr schöner Artikel. Danke dafür !
    Noch heute gehört dieses Album zu meinen immer wieder gern gehörten Favoriten.
    Ein Konzert der erwähnten Tour habe ich damals in Zürich erlebt und natürlich sehr genossen. Einfach nur schön wars.

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    0gravity  

    Toller Artikel zu der Platte, durch die ich Pink Floyd für mich entdeckt habe. Vielen Dank dafür.
    Von „Atom Heart Mother“ bis „The Wall“ war jedes Album imho ein Meilenstein der Rockgeschichte.
    Dieser zeitlose Breitwandflächensound im Intro von „Wish You Were Here“ war übrigens der erste Sound, den ich unbedingt mit meinem ersten Synth nachbauen wollte. Das ist mir allerdings nicht wirklich geglückt.

  13. Profilbild
    Aljen  

    Ein klasse Artikel mal wieder, diesmal sogar wie für mich geschrieben – da über das einzige Album von Pink Floyd, das ich je von A bis Z (oder: A wie B?) immer wieder komplett durchhören konnte. Und zwar seit seiner Erstveröffentlichung bis heute. Alle anderen Produktionen dieser Band wurden mir persönlich entweder in Teilen seltsam langweilig und beliebig (TDSOTM zunehmend im Laufe der B-Seite; Animals), hatten maximal ein hörenswertes Stück (Medley, AHM…) – oder sie wurden, ab The Wall, ob Pomp, Träne und Langeweile wie in einem sowjetischen Kriegsfilm, komplett ungenießbar.

    Bei WYWH stimmt für mich einfach alles; das galt sogar in den 1980er, als ich das Album quasi nur im stillen Kämmerlein hörte, weil ja sowas zu New Wave, Avantgarde, 4AD und ECM nicht wirklich passte. :) Die verstörenden Bilder mögen im Jahr 2020, genau 30 Jahre nach der Markteinführung der Version 1.0 von Photoshop, kaum noch jemanden verstören – dennoch sind sie kleine Kunstwerke. Die ganze Symbolik des Covers tut ihr Übriges – irgendwas wird hier symbolisch aufgegriffen, aber was? Immerhin wirkt ein Mason auf dem Album mit; ob Free, bleibt verborgen. :)

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    Woody  

    Ein lesenwerter Artikel und gleich ein Anlass, sich das Album nachher nochmal in Ruhe anzuhören.

  15. Profilbild
    DJ Melosine

    Wenn man diesen äusserst gelungenen Artikel noch mit der Verlosung eines VCS3 oder AKS abrunden würde… :-) Natürlich eine DER Scheiben, die ca. 30 Jahren in Dauerrotation läuft.

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