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Test: Marshall Studio Classic SC20H, Gitarrenverstärker

23. April 2019

Kleiner Marshall im Classic Design

Marshall Studio Classic SC20H Gitarrenverstärker

Marshall Studio Classic SC20H Gitarrenverstärker

Die Geschichte vom Marshall 2204 Gitarrenverstärker

Wenn der (noch) größte Name der Instrumentenbranche sich aufmacht, einen verschollenen Klassiker in veränderter Form neu aufzulegen, vereinigt sich freudige Erwartungshaltung mit skeptischer Sorge um eine Verschlimmbesserung. Mit dem Marshall Studio Classic SC20H Gitarrenverstärker greift das britische Traditionsunternehmen mehrere aktuelle Strömungen auf, um dem Gebrauchtmarkt möglichst umfangreich das Wasser abzugraben. Als Außenstehender sollte man sich tunlichst hüten, Entscheidungsprozesse eines Weltunternehmens allzu sehr zu kritisieren, hat man doch selten die konkreten Zahlen oder Trends vorliegen, die zu dem Ausschluss eines Produkts führen. Man kann sich aber wohl sicher sein, dass es letztendlich immer mit Umsatz und Gewinn zu tun hat, was wohl auch den Tod des Marshalls 2204 herbeigeführt hat. Der 50 Watt Pendant zum 100 Watt 2203 Modell wurde wohl in Zeiten der Mehrfach-Kanäle, MIDI-Steuerungen und integrierten Effektgeräte zu wenig nachgefragt und verschwand vor ein paar Jahren ohne jede Ankündigung aus dem Marshall Katalog.

Man mag die Entscheidung nachvollziehen, da schon der 2203 zwar mit wohl DEM besten Rockgrundsound der E-Gitarrengeschichte gesegnet ist, als echter Einkanaler allerdings nur den Volume-Regler der Gitarre und zusätzliche Booster/Overdrive/Distortion Pedale zur klanglichen Vielfalt zur Verfügung hat. Ja, dies erzeugt in den richtigen Händen und Fingern für 90 Prozent aller Songs einen fantastischen Sound und nein, in Zeiten von Kemper und Kollegen reicht dies bei vielen Musikern in Sachen Variabilität nicht mehr aus. Ich selber besitze noch zwei Stück 2204, die bei meinen Produktionen in Kombination mit einem Distortion-Pedal DEN amtlichen Metalsound der Achtziger abliefern, für meine Liveshows hingegen kommen sowohl Lunchbox-Amps als auch schwere Vollröhrenboliden mit mehreren Kanälen zum Einsatz.

Es kommt wie es immer kommt, was nicht mehr offiziell erhältlich ist und über eine starke Trademark verfügt, steigt bei den Vintage-Händlern nahezu stündlich im Preis. Will man nun dem willigen Käufer den Erwerb eines gebrauchten Klassikers abspenstig machen, muss man dem indirekten Nachfolger schon ein paar aktuelle Entwicklungen mit auf den Weg geben. Nun denn, was hat der Marshall Studio Classic SC20H Gitarrenverstärker denn nun zu bieten?

Marshall Studio Classic SC20H Gitarrenverstärker - Rückseite

Marshall Studio Classic SC20H – Rückseite

Das Konzept Marshall Studio Classic SC20H

Um es direkt vorneweg zu sagen, der Studio Classic SC20H ist kein Klon des 2204, er erinnert lediglich an den Klassiker. Zum einen wurde der Preamp des 2203 übernommen und 3 ECC83 (12AX7) in der Vorstufe/Treiberstufe nebst zwei EL34 in der Endstufe sorgen für Parallelen zum Vorgänger. Auch die Klangregelung (Bass, Middle, Treble, Presence), der Gain/Mastervolume und die beiden unterschiedlichen Impedanzeingänge High/Low wurden übernommen. Hier enden aber auch schon die Parallelen zum 2204, ab hier beginnt das Eigenleben des Studio Classic SC20H.

Zum einen ist das Gehäuse des Studio Classic SC20H deutlich kleiner und leichter als das klassische Brikett der Achtziger. Mit den Maßen von nur 510 mm x 240 mm x 240 mm und einem Gewicht von gerade einmal 9,7 kg schaut man wahrlich zweimal hin, ob es sich tatsächlich um einen Vollröhrenamp handelt. Der Gitarrenverstärker wird übrigens in England gebaut und beruhigt den Käufer bzgl. der in Vietnam gefertigten Billigprodukte, die teilweise einen dermaßen katastrophalen Sound hatten, dass sie der Marke Marshall ernsthafte Schäden zufügten.

Eine weitere Besonderheit ist der Leistungsschalter auf der Vorderseite des Gehäuses, der in den Stand-by-Schalter integriert wurde. Die Leistung ist zwischen 20 und 5 Watt umschaltbar, einmal mehr der Beleg, dass der Marshall Studio Classic SC20H Gitarrenverstärker sich nur bedingt an den Klang des 2204 anlehnt, der damals 50 Watt aus der gleichen Röhrenbestückung herausholte.

Die Verarbeitung des Verstärkers ist übrigens tadellos. Sauber verklebtes, grobnarbiges Kunstleder ohne Leimnähte o. ä., acht vernagelte Kunststoffecken, vier Gummifüße und ein kräftiger Tragegriff, alles ordentlich und handwerklich unbedenklich ausgeführt.

Marshall Studio Classic SC20H Gitarrenverstärker - Tragegriff

Marshall Studio Classic SC20H – Tragegriff

Die Rückseite des Marshall Studio Classic SC20H

Spartanisch geht es ebenfalls auf der Rückseite des Studio Classic SC20H zu. Bis auf die Vintage-Produkte gibt es bei Marshall nahezu nur noch verschiedene Lautsprecherausgänge mit unterschiedlichen Impedanzen. Diese sind mit einer roten Überwurfmutter gekennzeichnet, damit auch der Unerfahrene seine Boxen nicht in den Effektweg o. ä. steckt und dann beim ersten kräftigen Akkord den Ausgangstrafo himmelt. Apropos Effektweg, ein serieller Loop nebst On/Off-Schalter plus einem frequenzkorrigierten DI-Output sind die einzigen Buchsen, die man auf der Rückseite findet. Straight, klar und ohne Firlefanz, so wie man sich einen Marshall Gitarrenverstärker wünscht!

Marshall Studio Classic SC20H Gitarrenverstärker - Unterseite

Marshall Studio Classic SC20H – Unterseite

Der Studio Classic SC20H in der Praxis!

So, kommen wir nun zu dem Bereich, der letztendlich zählt, dem Sound. Wir nehmen uns natürlich erst einmal den High-Input vor, der um ein Vielfaches lauter und zerrfreudiger ausfällt als der Low-Eingang, Alles mal auf 12 Uhr und siehe da, der Sound ist gut, je nach verwendeter Gitarre sogar sehr gut. Angefangen bei einer Strat mit Texas Special Pickups und dem Steg-Pickup ein herrlich bissiger Grundklang, der schneidet, ohne wehzutun. Der Sound setzt sich extrem gut durch und bietet aus dem Stand einen Ton, der schon mal 80 % aller Rock-/Coverrockbands sehr gut zu Gemüte steht.

Diesem Klang folgt das Gleiche mit dem Hals-Pickup, der noch mal eine Schippe oben drauflegen kann. Freunde des Red Hot Chilli Peppers Sound o. ä. dürfen sich schon mal die Hände reiben, überhaupt alle, die gerne Funk in einer „zornigeren“ Spielweise bevorzugen. Auch SRV-Jünger sollten hier ein offenes Ohr behalten, hatte der Texaner doch neben seiner Fender Armada auch immer einen Marshall in seiner Backline parat. Der Ton steht wie eine Eins und ermöglicht ein sehr dynamisches Spiel, ohne dass es an Druck mangeln würde. Der leicht höhenbetonte Sound liegt übrigens an den Pickups. In Verbindung mit dem verwendeten Shure SM 57 und dem Marshall Cabinet mit den Celestion Vintage 65 Watt Speakern beißt auch hier der Sound sehr ordentlich.

Drehen wir die Uhr noch mal dreieinhalb Dekaden zurück und wir befinden uns mitten in einer Kombination, die die Achtziger im Bereich Hardrock und Metal geprägt hat wie keine andere. Die Rede ist von der Kombination der damals zum Höhenflug ansetzenden EMG-Pickups mit einem 2203, für Soli dann auch gerne noch etwas wie TS9 dazwischen. Die EMG-Pickups, die damals aufgrund ihrer aktiven Schaltung immer das Quäntchen Gain mehr aus dem Amp kitzelten als vergleichbare passive Humbucker, versorgten jeden Amp mit genau dem Sound, auf den unzählige Gitarristen gehofft hatten. Ich habe diesen Sound mit einer Fame Ironfinger Forum IV eingespielt, einmal mit Gain auf 12 Uhr, einmal mit Rechtsanschlag. Der Master steht übrigens immer noch auf 12 Uhr, sodass er dezent komprimiert, aber noch nicht in den „Sag“ abdriftet.

Bei diesem Sound fällt auf, dass mit zunehmendem Gain eine deutliche Reduzierung der Höhen zu bemerken ist. Der Sound wird trotz der EMG-Pickups matschiger und undurchsichtiger. Auch weißt der Amp mehr Gain-Reserven als der 2204 auf, was ihm meines Erachtens nicht gut tut. Der Sound ist nicht schlecht, kann aber mit den zuvor genannten Sounds, insbesondere mit der Singlecoil-Abteilung, in Sachen Charakter und Qualität nicht mithalten.

Als Letztes kommt der von vielen gerne vergessene Low-Input zum Einsatz. Zunächst einmal bietet der Kanal nur einen Bruchteil der Lautstärke, was der geringen Empfindlichkeit der Vorstufe geschuldet ist. Hier kann man den Master auch gerne auf Anschlag drehen, da zerrt nichts. Je nach Gain-Regler mischen sich gerne der eine oder andere sehr dezenten Crunch mit ins klangliche Geschehen ein, aber der Eingang macht seiner Ausrichtung alle Ehre. Auch hier ein deutlicher Unterschied zum 2204, der mit den Crunchs früher zu Werke geht.

Insgesamt muss man dem Marshall Studio Classic SC20H ein gutes bis sehr gutes Klangverhalten attestieren, wenngleich er mit dem eingestellten 2204 nicht mithalten kann. Das große offene und der charakteristische „Mittennöck“ um die 3 kHz, der den 2204 als einen der charakteristischsten Rocksounds schlechthin ausmacht, will ihm nicht ganz gelingen. Dafür ist er kleiner, leichter und preiswerter als sein Opa, was für sich genommen wahrlich gute Argumente sind.

Fazit

Mit dem Marshall Studio Classic SC20H Gitarrenverstärker springt der britische Hersteller in die Lücke, die der aus dem Programm genommene 2204 schmerzlich hinterlassen hat. Wenngleich er nicht ganz die Klangkultur seines Vintage-Vorbildes erreichen kann, hinterlässt der Verstärker einen guten bis sehr guten Eindruck, insbesondere wenn man auf angezerrte Singlecoil-Sounds mit ordentlich Schmutz steht.

Plus

  • guter Grundsound
  • kompakte Abmessungen
  • geringes Gewicht

Minus

  • matschiger Sound bei hohem Gain

Preis

  • Ladenpreis: 999,- Euro
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