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Mellotron-Talk: Dale, Thompson, Grace, Barbeau & Kerzner


Talk-Runde mit Mellotron-Liebhabern

Über das legendäre Mellotron gibt es einen Amazona Artikel in der Rubrik Vintage Keys, den finden Sie in unserem BLUE BOX MELLOTRON Report (Hier klicken)

Im diesem ergänzenden Artikel lesen Sie, welche Ambitionen es heutzutage gibt, ein Mellotron zu spielen und was die als Insider sonst noch darüber zu berichten haben. Schließlich ist dieses Vintage Instrument etwas ganz Besonderes, denn verwendete Technologie und Sound sind wahrlich eigentümlich. Beginnen wir mit Mellotron-Besitzer und Interviewpartner Chris Dale, er hat eine ganze Menge zu sagen. Sie haben von ihm noch nie gehört? Dann lesen Sie hier eine kleine Anmoderation.

Der Kanadier Chris Dale ist Multi-Instrumentalist, Komponist, Songwriter, Performer und der einzige in seinem Heimatland, der als Sessionmusiker Mellotron und Chamberlin einsetzt. Er führte spezielle Service-Arbeiten aus an den Mellotrons von Rick Wakeman, Steve Hackett (Gitarrist von Genesis), der amerikanischen Prog Band Discipline sowie dem kanadisch-britischen Singer/Songwriter Andrew Cole. Gelegentlich macht er exklusiv lizenzierte Demos im Rahmen von Bildungsprogrammen, wobei es dann vorwiegend um die Beatles geht und wie diese das Mellotron eingesetzt haben. Chris hat auch eins der original Guitar Gizmotrons von Godley and Creme restauriert. Im Bereich Soundtrack wirkte er mit einem Score für die kanadische Filmproduktion Primoridal Ties und dem Stück Hide and Seek von Lesley Havard. Seine Awards: Secretary General of the United Nations „Ban Ki Moon English speaking contest“ und das gleich 3 Jahre in Folge, während er in Südkorea lehrte. Er doziert vor Studenten in China und Korea und ist einer der wenigen Lehrer, die Nordkorea besucht haben. Aktuell arbeitet er an der Restauration eines Birotrons, um dessen 45 Jahre alte Sound-Library vor dem Verfall zu retten. Nebenbei beschäftigt sich Chris bei diesem Projekt auch mit einer Musikproduktion, die bislang ungehörte Birotron Klänge demonstrieren wird.

Klaus:
Bitte erzähle mir ein wenig, wie es zum Kauf eines Mellotrons überhaupt kam.

Chris:
Ich hatte Musik gehört, bei der einige Background-Sounds mit diesen Lo-Fi-Klängen gemacht waren und das hat mein Interesse am Mellotron geweckt. Die Sounds haben eine Menge Emotionen in sich. Du kannst so eins in vielen Songs hören und umgehend identifizieren. Für mich waren das die emotionalsten Parts eines Titels, denn sogar bei Musik ohne Gesang und Lyrics kann Dich alleine der lush Sound mitnehmen und zum Lachen oder Weinen bringen und auch ein spirituelles und relaxtes Gefühl erzeugen. Ich wusste also, dass es sich um ein Mellotron oder Chamberlin handeln musste, was ich da hörte und mir war auch bereits bekannt, dass beide Tape-basiert arbeiten. Also suchte ich nach diesen Instrumenten und fand schließlich ein Mellotron M400. Und dachte, ein weiteres Mellotron in Reserve als Teileträger sollte ich ebenfalls haben, denn vielleicht würde es mit der Ersatzteilbeschaffung etwas schwierig werden.

Foto Credits: Eric Haller

Klaus:
Wie lange dauert denn so eine Suche?

Chris:
In meinem Fall waren das 2 Jahre und endlich gelangten damit 2 weitere Mellotrons in meine Hände. Aber ich fühlte mich nicht wohl bei dem Gedanken, nur Teile auszubauen und sie damit zu ruinieren. Also begann die Suche von Neuem, diesmal eben nach Ersatzteilen, denn ich hatte die beiden mittlerweile restauriert. Eins davon war das Double Mellotron von Yes und Rick Wakeman. Das aber war eine Custom-Version und hatte individuelle Tapes sowie andere Amps und Elektronikteile als sonst üblich. Also konnte ich das gar nicht als Teilespender für mein normales M400 nehmen. Zur gleichen Zeit fand ich 2 Chamberlins. Das eine war von Joe/Gino Vanelli und befand sich in erstklassigem Zustand, also Mint Condition, und war kaum benutzt worden. Das andere brauchte ein bisschen Service und so habe ich es ebenfalls restauriert. Zu jener Zeit hatten die meisten Leute kein Interesse an diesen Keyboards und stuften die als Junk ein und hielten mich für ziemlich durchgeknallt und sogar nervig. Hat mir aber nichts ausgemacht. Sondern habe einfach weiter dran gearbeitet und getan, was ich für richtig hielt. Worüber ich dann froh war, denn das lehrte mich, selber geduldig zu sein und zwar sowohl mit den Maschinen als auch mit den Leuten. Und die wundervollen Klänge waren es mir schließlich auch wert. Eigentlich war ich zu diesem Zeitpunkt bereits ein geduldiger Mensch, doch hier wurde noch mehr von mir gefordert, auch mehr Konzentration auf die Sache und alles das mit einer gewissen Ruhe zu erledigen. Es ist eine Erfahrung, die Du genauso auf andere Lebensbereiche übertragen kannst. Im Endeffekt fühlte ich mich nun sehr wohl damit, diese wundervollen Mellotrons und Chamberlins für meine eigene Musik einsetzen zu können. Es war genau die Art Sound, nach der ich lange Zeit auf der Suche war, und bis dahin wusste ich gar nicht, welche bedeutende Rolle das für mich spielen könnte.

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Klangbeispiele

  1. Profilbild
    costello RED

    Die Erfahrungsberichte sind wunderbar zu lesen; aber ich habe dennoch das Gefühl dass die Eigentümlichkeiten des Mellotrons heute in ein arg nostalgisches Licht gerückt werden. Tony Banks wurde durch sein Instrument schier in den Wahnsinn getrieben. Das MkII musste nach jedem Gig geflickt werden, das 400 war etwas zuverlässiger, verstimmte sich aber ständig: „It’s kind of a drag because you can’t relax between numbers at all. You’ve got to keep things tuned up.“ Er schickte es übrigens gerne durch sein Leslie: „it adds a sort of churning sound to the Mellotron brass.“

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      k.rausch RED

      Die Brille von heute ist klar eine andere als die der 70er oder 80er, wenn diese Instrumente neu waren. Heute wird das – denn jetzt ist es Vintage Gear – gerne sehr wohlwollend betrachtet. Und die Schwächen dann als charmante Eigenarten ausgelegt :)

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      WOK

      Vielleicht schlecht gewartet/gepflegt? Oder er hatte eines der ersten, die späteren hatten stimmstabile Synchronmotoren.
      Das Teil war damals eben die erste und einzige bezahlbare Möglichkeit, halbwegs realistisch klingende Streichorchester, Bläser, Chöre und Soundeffekte auf die Bühne bringen zu können und damit ein absolutes Novum.
      Und der eigentümliche Klang ist einfach markant.
      „Watcher of the Skies“ mit einem Juno106-Padsound wäre wohl kein solcher Erfolg geworden ;-)

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        costello RED

        Gerade „Watcher of the skies“ verdankt seinen spektakulären Sound ja nicht zuletzt den Gleichlaufschwankungen des Mellotrons :-)

  2. Profilbild
    psv-ddv ••••

    Großartig, danke für die informativen Interviews!
    Ich fand Mellotron Sounds immer wunderschön, hatte aber hatte den Eindruck, dass es gute Mellotron Samples wohl auch tun. Auf der Superbooth 2016 bin ich eines Besseren belehrt worden. Das stand ja ein spielbereites, durchsichtiges M400. Das Spielgefühl war absolut einzigartig!Ich wollte da garnicht mehr weg. Das Teil reagiert sogar in gewisser Weise auf Anschlagstärke und Tastendruck. Nicht vergleichbar mit Samples. Das hat so verdammt viel Spass gemacht. Seither liebäugele ich damit mir so ein Instrument anzuschaffen. Man muss ja auch Träume haben :)

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    Wellenstrom AHU

    DAS große Plus m.E. aus heutiger Sicht auf die Melllotronsounds ist der Cheesiness Faktor, das Patinabehaftete. Wo man im Studio mit zig Tricks nachhelfen müsste, die Sterilität aus der digitalen Produktion rauszubügeln, tut es oft auch einfach die Verwendung eines klassischen „Bandrahmen“ Sounds, um dem Mix mehr Leben einzuhauchen.

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      og_penson

      „Everything we call ‘character’ is the deviation from perfection.So perfection to me is characterlessness.“ – Brian Eno

  4. Profilbild
    Son of MooG AHU

    Ein M400 hatte ich auch mal kurz unter den Fingern. Das Tasten-Gefühl kam mir sehr direkt vor; man konnte dem Ton wie durch Aftertouch (nur etwas härter) mehr Präsenz verleihen, wenn der Tonkopf stärker gegen das Band gepresst wird. Ansonsten bin ich mit meinen Nord-Mellotron-Samples absolut zufrieden, ich nutze da überwiegend die un-looped Versions; ein echtes Tron hätte hier auch gar keinen Platz mehr. Leider ließ ich mir vor vielen Jahren ein Variophon mit allen Werksklängen und Keyboard für 300,-DM ausreden; der Händler verglich es mit einer Casio-Tröte…

  5. Profilbild
    iggy_pop AHU

    Das mit dem „nur ein echtes Mellotron klingt wie ein echtes Mellotron, weil…“ halte ich eher für Blah-Blah von Fans, die irgendwie diese Marotte, die sich „Mellotron“ nennt, rechtfertigen müssen, vor sich selbst und vor anderen — das Original hat so manche Schwäche, die man nicht mehr haben muß (vom Rückenschmerz vom Tragen angefangen bis hin zu Bandsätzen, die untereinander nicht kompatibel sind, weil dummerweise bei der Überspielung nicht auf die richtige Justage der Bandgeschwindigkeit geachtet wurde).
    Fast noch wichtiger als das klangliche Ausgangsmaterial des Mellotrons ist die Frage, wie dieses Material dann verwurstet wird — nimmt man es staubtrocken ab wie Richard Weckmann auf dem „Sechs Weiber vom Achten Heinrich“-Album, dann klingt es grauenhaft — das kann man sich nicht schönreden oder -saufen.
    Hängt man Federhallgeräte, Bandechos, Leslies oder Phaser dahinter und regelt die Höhen runter (die gerade bei manchen M400-Klängen unangenehm in die Ohren schneiden), dann klingt es gleich viel besser — und genauso authentisch.
    Und das kann dann auch ein Resch M4000D oder ein Memotron — da haben die Interviewten Recht: Ein Mellotron will wie ein Mellotron gespielt werden, nicht wie ein Sample. Und ein Gerät, was optisch dem Mellotron angelehnt ist, spielt man anders als einen Sampler oder ein Plug-In mit angeschlossenem Masterkeyboard.

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Streetly Electronics Mellotron

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