Nachruf: Gabriel „Gabi“ Delgado-López, 1958 – 2020

24. März 2020

Gabi Delgado - ein Nachruf auf einen Musiker, der immer nach vorne schaute

Gestern Abend erreichte mich die Nachricht, dass Gabriel Delgado-López, besser bekannt als Gabi Delgado und einer der beiden Köpfe von DAF in Spanien im Alter von 61 Jahren gestorben ist.
Das erste Mal habe ich Gabriel Delgado-López in einer Münchner Discothek im Winter 80/81 gesehen. Ich hatte von einem Bekannten gehört, dass da eine geile Band spielen würde, die ich aber nicht kennen würde.

Gabi Delgado und Robert Görl gaben einen Promotion-Auftritt für das Album „Alles ist gut“ – nur dummerweise spielte am selben Abend irgendeine Pop-Berühmtheit à la Prince oder Rolling Stones in der Stadt. Da wollte sich kein Musikjournalist eine Band ansehen, die nicht zu wissen schien, ob sie Punk oder Disko sein wollten – zumindest aus der Sicht der damaligen Presse. Also spielten DAF eine geschlagene Stunde für die Barfrau, den DJ, den Geschäftsführer, den Türsteher und meinen Kumpel und mich. Sie taten das mit einer Wucht, mit einer Energie und einer Nähe, die mich schier erschlug. Diese beiden machten Musik „als wär’s das letzte Mal“. Die Befehlsform, die in vielen Texten Delgados vorkommt, schien mir nicht Stilmittel. Das richtete sich wirklich an mich, denn es richtete mich auf. Ich trudelte damals noch mit wirren Träumen vom Musikertum durchs Leben und erst einige Zeit später wurde mir klar, dass diese beiden Musiker bei all dem an diesem Abend vergossenen „ehrlichen Musikerschweiß“ eine unglaubliche Professionalität an den Tag legten. Für sie war es egal, ob sie für zwei Gäste und die Thekenmannschaft spielen oder für ein ausverkauftes Stadion.

Ich unterhielt mich nach dem Konzert mit den beiden. Während Robert Görl gerne auch über die Technik redete, war Delgado sehr schnell bei grundsätzlichen Aussagen. Warum macht man Musik, was bewirkt Musik in den Menschen und warum wirkt der Imperativ in seiner Musik einfach klanglich besser als andere Ausdrucksformen. In einem Interview erläuterte er später, dass er als Spanier einfach eine andere Wahrnehmung vom Deutschen hatte. Deutsch als Sprache durfte bei ihm auch immer einfach Klang und Rhythmus sein.
Mich überforderte das damals ein bisschen. So hatte ich – nur wenige Monate jünger als er – bisher nicht über Musik nachgedacht. Aber auch seine physische Präsenz machte mich unsicher, zumal er sein Gegenüber in ein Wechselbad von sexuellen Anspielungen und geradezu philosophischem Tiefgang schickte. Nach diesem Abend sah ich ihn persönlich nie wieder.

DAF verschwanden dann nach London, wurden aber mit dem Album, das ich an diesem Abend live gehört hatte, über Nacht berühmt. Für einige Jahre waren sie nicht aus meinem Plattenrepertoir wegzudenken, aber irgendwann hieß es, „ja, ’s gibt ne neue DAF, die ist aber nich‘ sooo…“. Im Radio lief die Musik nicht, also hörte ich keine Sachen von Delgado mehr (man hätte sie ja damals bewusst im Laden anhören müssen). Und so verpasste ich auch seine Solo-Alben.

Vor vier Jahren sah ich dann durch Zufall auf YouTube ein Interview mit ihm. Ich hörte mir zunächst mal die alten DAF Sachen an, begann mich dann aber, mit seinen Solo-Tracks zu beschäftigen. Delgado hat seine Soloplatten komplett selbst produziert und dabei Beachtliches hervorgebracht. Das Handwerk dazu hatte er bei Conny Plank gelernt. Offensichtlich hat er nach den ersten DAF-Aufnahmen ein halbes Jahr in Planks Studio als Tape-Operator und Assistent gearbeitet und dabei das Arbeiten mit der Studiotechnik bei einem der ganz Großen gelernt.

In einem Interview von 2014 sagte er: „Ich steh nicht auf Büromusik“, und machte eine Mausbewegung, „ich brauche das Fühlen und die Bewegung. Anders kann ich Musik nicht machen.“ Er sah sich als Hardware-Freak. Beim Album „2“ aus dem folgenden Jahr allerdings findet man in den Linernotes dann doch jede Menge Software. Auf jeden Fall war Gabriel Delgado ein Musiker, der sich nie auf dem Sessel alter Erfolge den Hintern breitsaß, sondern immer weitermachte und nicht zurückschaute. Musik musste modern sein. Nirgends kommt das besser als im Text von „Alles Gute zum Geburtstag“ zum Ausdruck:

zum geburtstag
schenk ich Dir
diesen kleinen
synthesizer
kein klavier
mit alten tönen
die man nicht
verstimmen darf

Kurt Dahlke, auch als Pyrolator bekannt, spielte in der ersten DAF-Formation mit. Er berichtete mir heute in einer E-Mail: „Ohne Gabi Delgado hätte ich nie so schnell Einblick in viele Musik, wie coole Reggae-7″ oder Punk-Platten bekommen. Er war ein Angeber und Großmaul, aber er hatte eben auch ein weiches Herz – und hat uns gezeigt man Churros macht (Ich weiss nicht, warum mir dieses Detail gerade einfällt). Und er hat durch seine provokativen Texte viele Menschen erreicht und aufgerüttelt.“ Danke dafür, Gabriel Delgado-Lopez! Alles wird gut.

Forum
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    tomk  AHU

    Geh ins Licht Gabi …
    DANKE für die Inspiration bis ins heute rein, alles gute für Robert:
    Verbrennt euch die Hände, im Kampf um die Sonne!

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    Willemstrohm  

    Schöne, spontane Würdigung eines leider zu früh verstorbenen „Großmauls“, das mit wenigen Zeilen und Worten mehr zum Denken – auch „körperlich“ – anregen konnte als manche pseudointellektuellen deutschsprachigen Millionenseller mit ihrem Betroffenheitsgetue, eingebettet in Klischeegedudel.
    Delgado war mit dem, was er tat, klar, direkt und unmissverständlich immer voll auf die Zwölf.

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    iggy_pop  AHU

    „Ein Angeber und ein Großmaul“ — wenn man dem schönen Buch „Verschwende Deine Jugend“ von Jürgen Teipel und den darin interviewten Zeitzeugen Glauben schenken darf, dann gab es einige, die derselben Meinung waren und sind. „Gabi Delgado — so ein Luftgeist, der kurz zuvor noch die längsten Haare von Elberfeld hatte“ und so.

    Was nichts daran ändert, daß er mit der Kraft seines Willens (und ohne Yü-Gung) Berge versetzte und seine Vision, berühmt zu werden und Stilgrenzen neu zu definieren, gnadenlos konsequent verfolgte. Ob es ein Leben nach DAF gab? Ich glaube eher nicht — mit DAF war alles gesagt und die Latte so hoch gelegt, daß man sie zwangsläufig reißen mußte.

    „Der Kurt, der war immer so jazzig, so tüdel-dü, da lag mir Chrislo einfach mehr.“ (Gabi D., ebd.)

    Schöner Nachruf, übrigens. Danke sehr.

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    chain25  

    Auch von mir ein Dankeschön für den respektvollen und auch sehr persönlichen Nachruf.
    Ich hatte es in den 80s leider verpasst, DAF mal live zu sehen. Das habe ich in den folgenden Jahrzehnten bitter bereut, aber dann vor 2,5 Jahren war es soweit und ich habe sie tatsächlich in der Hamburger Markthalle erleben dürfen. Es war ein großartiger, energetischer Abend und ich war beeindruckt, wieviel Power und Stamina die beiden Herren in ihrem doch gereiften Alter noch hatten.
    Und jetzt hat dieser Abend noch etwas mehr Bedeutung für mich gewonnen.
    Danke, Gabi und Robert!

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    TimeActor  AHU

    Als Kind der 80er (da war ich 18) bin ich natürlich auch mit DAF in den Discotheken (z.B. Dorian Gray in Frankfurt etc.) in Berührung gekommen. Wir hatten uns damals keine großen Gedanken um die Texte wie Mussolini etc. gemacht sondern sind einfach auf der Tanzfläche bei den harten Rhythmen abgegangen wie Schmidts Katze ;-) mit entsprechendem Punky Outfit. Schade, dass wieder ein Teil aus der Erinnerung der für mich schönsten Zeit (80er) von uns gegangen ist.
    Schöner Nachruf Florian – Danke dafür

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    heimannrudolf  

    Ich fand die früher, obwohl es meine Musik-Erlebnisgeneration war, richtig schlecht! Dann auch noch dieser (vermeintliche) Nazi-Scheiss. Jahr(zehnt)e später interessierten mich die Sequencer, die Synths und die „härtere“ Art, wie DAF diese einsetzte. Dann kam irgendwann „15 neue DAF Lieder“: Meine erstes DAF-Album. Hammer! Fetter, minimalistischer Sound, Systemkritik (Sheriff), Mut zu Tabuthemen (Rock hoch), ein irgendwie spürbarer roter Faden vom Anfang bis zum Ende. Und erst vor kurzen habe ich mir die im Internet verfügbaren Interviews angeschaut bzw. gelesen. Holla, da habe ich erst wirklich verstanden, dass das eine konsequent und sorgfältig durchgezogene „Show“ war, von Intellektuellen, welche ihr Handwerk verstehen. Selten hat ein Musiker dermaßen eloquent und entspannt über seine Geschichte geplaudert wie Herr Delgado-Lopez. Ohne Robert Görl (Solo, DAF DOS) – und da widerspreche ich vehement dem Autor – hat er das „Gesamtpaket“ aber niemals so faszinierend verpacken können. Egal, DAF ist ein wichtiger Eckstein, ein Fundament unserer aktuellen Musikkultur. Bezüglich der nachfolgenden Entwicklung (bundesdeutscher) Musikkultur waren DAF meines Erachtens genauso wichtig wie Kraftwerk. Nicht so clean, nicht so erfolgreich – eben die bösen Buben mit Lederjacke statt Anzug – und Alben, wo selbst der bestgemeinteste Remasterversuch kläglich scheitern wird

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      Florian Anwander  RED 1

      Hallo Rudolf,

      > Ohne Robert Görl (Solo, DAF DOS) – und da
      > widerspreche ich vehement dem Autor – hat er das
      > „Gesamtpaket“ aber niemals so faszinierend verpacken können.
      Da musst Du mir garnicht widersprechen. Ich bin völlig Deiner Meinung. Görl+Delgado war mehr als die beiden einzelnen Musiker.

      Florian

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    dilux  AHU

    ich habe für gabi anfang der 2000er 2 webseiten gestaltet und es war schon ein eigentümliches gefühl, mit einem helden meiner jugend zusammen zu arbeiten, zumal mich „der mussolini“ in seiner minimalistischen gestaltung musikalisch ganz entscheidend geprägt hat. ich habe gabi delgado als sehr cleveren, freundlichen und kreativen menschen kennen gelernt, der natürlich seine ecken und kante hatte, mit denen man aber klar kommen konnte.
    zu der damaligen zeit experimentierte er mit einem sample-player für die playstation herum, wobei er live eine ziemliche gute figur abgab und eine der beiden webseiten war für ein projekt von ihm namens „elektrostaat“, welches ziemlich klassische elektrotracks enthielt.

    r.i.p. gabi, thank you for the music…

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      Willemstrohm  

      Interessant! Wenn ich das noch richtig in Erinnerung habe, meine ich gelesen zu haben, dass der Delgado Track „Du bewegst Dich (Tanzlied)“ vom 2003er DAF Album tatsächlich mit der Playstation zusammengebaut wurde. Aber ohne Garantie, ob ich das noch richtig auf die Reihe kriege.

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    Henrik Fisch  

    Toller Nachruf! Danke dafür!

    Ich hatte vor DAF mit »Der Mussolini« immer ein wenig Angst. Meine damalige jugendliche spießerische Erziehung hat es nicht zugelassen, dass ich hinter den Text geschaut habe. Noch dazu wurde »Der Mussolini« in Deutschland auch verboten, was meinem Vorbehalt noch mehr Feuer gab. Erst viel später ist mir die Genialität des Textes

    Und tanz den Mussolini […]
    Dreh Dich nach rechts […]
    und mach den Adolf Hitler […]

    in Verbindung mit der betonharten Sequencer-Linie direkt in die Bauchgrube und den frenetisch dazu auf der Tanzfläche Hüpfenden aufgefallen. Geht Gesellschaftskritik noch besser, als dieser direkt inszenierte Beweis auf der Tanzfläche? Kaum!

    Um so etwas zu machen, muss man meiner Meinung nach ein gutes Stück durchgeknallt sein. Spannend ist auch, dass so etwas in Deutschland ging und auch noch in Vinyl gepresst wurde. Heute? Ich orakele nicht zu wirr, wenn ich behaupte, dass so etwas heute nicht einmal denkbar wäre (und genau deswegen müsste heute jemand so etwas wieder machen).

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    synthmike73

    R.I.P. Gabi!
    Einer meiner Heros aus der Jugend. Ich hatte noch das Glück die Band DAF ein letztes Mal auf den NCN Festival zu sehen.
    Thanks for the music und alles Gute auf Deiner letzten Reise!

    Danke an Florian für den Nachruf!

  10. Profilbild
    erol

    Hat mich in meiner Jugend sehr geprägt. Kein Zufall dass er hier mein Avantar schmückt.

  11. Profilbild
    phil_dr110  

    Es waren DAF, die mich so flashten und mich dadurch zur elektronischen Musik brachten.
    Danke dafür, Gabi Delgado Lopez <3

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