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Nachruf: Sebastian Niessen gestorben

Wir trauern um Sebastian Niessen

15. Januar 2022

sebastian niessen sam-16

Am 07. November 2021 verstarb nach längerer Krankheit und dennoch überraschend der Münchener Ingenieur und Entwickler Sebastian Niessen. Auf Wunsch der Angehörigen wurde die Nachricht erst jetzt öffentlich gemacht, die Beisetzung fand mittlerweile statt. Er wurde nur 62 Jahre alt.

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Sebastian Niessen mag dem Namen nach nicht jedem bekannt sein. Das liegt wohl einerseits daran, dass er mit seiner Firma SND nur drei Produkte in vergleichsweise geringer Auflage produzierte: den Kult-Sequencer SAM-16, die Filterbank FB-14 / S und den Clock Manager ACME-4. In erster Linie war SND auch eine der ersten Adressen, wenn es um besondere Umbauten von Studioequipment und MIDI-Nachrüstungen von analogen Synthesizern ging. Andererseits war Sebastian Niessen kein Mensch, der die öffentliche Aufmerksamkeit gesucht hat.

Seine Begeisterung für Technik und Elektronik begann schon in der Schulzeit, als er mit einem Weltempfänger experimentierte, indem er stundenlang zufällige Signale aufnahm, die er später in anderem Kontext verwendete. Offenbar bildetet sich hier schon eine Vorliebe für elektronische Musik, wobei es ihm insbesondere die frühen Pioniere wie Oskar Sala oder auch den heute nicht mehr so bekannten Raymond Scott angetan hatte. Übrigens ist das Bild auf der SND-Startseite eine Aufnahme aus Scotts New Yorker Elektronikstudios.

Bald erstand Niessen seinen ersten Synthesizer und es war wiederum die Technik, die ihn mehr interessierte als das Instrument an sich. In der Folge schlug er auch eine Ausbildung in diese Richtung ein, die ein Informatikstudium in New York mit einschloss und ihn daraufhin zur dortigen Vertretung von Fairlight brachte, wo er im technischen Support arbeitete. Außerdem war Sebastian im Tonstudio von Carter Burwell tätig, in dem Musik und Sound für die Filme der Coen-Brüder abgemischt wurden, denen er dort auch begegnete. Das war allerdings noch vor ihrem Durchbruch und der Kontakt ging wohl nicht über Smalltalk hinaus. Man lag nicht auf der gleichen Wellenlänge.

Zu dieser Zeit waren auch Ralf Hütter und Florian Schneider in New York, wo sie für die Visualisierung von „Musique Non Stop“ mit der Computergraphikerin/-künstlerin Rebecca Allen vom New York Institut of Technology zusammentrafen. Dort kam es auch zu einer ersten Begegnung zwischen Florian Schneider und Sebastian Niessen. Der Kontakt blieb erhalten und später, zurück in Deutschland, wurde er von den Kraftwerkern mit mehreren Spezialaufgaben betraut, um verschiedene Instrumente Road-tauglich zu machen oder sie besser in das Klingklang Studio integrieren zu können. So wurden unter anderem Geräte wie der EMS 5000 Vocoder, Votrax Sprachsynthesizer, Korg PS3100 und PS3200 den Anforderungen angepasst. Auch die Bewegungssteuerung für die Bühnen-Roboter wurde von Sebastian Niessen realisiert.

Zu Florian Schneider entwickelte sich eine besondere Freundschaft. Auch nach dessen Ausstieg aus der Band blieb der Kontakt erhalten. Schneider begann sein eigenes Studio aufzubauen. Er war dabei in den Besitz einer 27-fachen Filterbank von Werner Meyer-Eppler gekommen, genauer gesagt dem einzig existierenden Prototypen. Niessen wurde wiederum mit der Instandsetzung und MIDI-fizierung des Gerätes beauftragt. Dazu wurde von einem Freund noch eine Analyse-Software entwickelt, so dass die Filterbank auch als Vocoder genutzt werden konnte. Das Gerät wurde zwar für einige Aufnahmen benutzt, die jedoch nie veröffentlicht wurden.
Als Florian Schneider im Jahr 2020 verstarb, hat es Sebastian Niessen tief getroffen.

Die Startseite von SND (links), das Bild von Raymond Scotts Studio (rechts).

In der Szene sprach sich die Qualität seiner Arbeiten, insbesondere die Umbauten von Synthesizern, herum und in seiner Referenzliste fanden sich im Laufe der Jahre immer mehr prominente Namen: Daniel Miller, Martin Gore (Depeche Mode), Stefan Betke (Pole), Richie Hawtin, Heiko Laux, Jam el Mar, Daniel Bell, Kruder & Dorfmeister, um nur ein paar davon zu nennen.

Mitte der 90er-Jahre kam es zu einer Begegnung mit Moritz von Oswald. Es ging um die „Suche“ nach einem Hardware-Sequencer, der mehr als die herkömmlichen Geräte bieten und auch noch live-tauglich sein sollte. Es lässt sich nicht mehr genau sagen, wer die treibende Kraft war und den meisten Input lieferte. Gehen wir von einer symbiotischen Kreativphase aus. Jedenfalls wurde die aufwendige Entwicklung in Angriff genommen und das Ergebnis war der SAM-16, von dem zunächst nur sechs Stück gebaut wurden, wobei es ursprünglich auch bleiben sollte. Der SAM-16 war zwar äußerlich minimalistisch und passt somit hervorragend zum Minimalismus von Basic Channel, doch die Fähigkeit, Akkorde zu sequenzieren und sein spezieller Workflow machten das Gerät zu seiner Zeit konkurrenzlos. Der SAM-16 wurde dann doch in einer gewissen Auflage gebaut. Es gab viel Interesse, wenngleich schlussendlich die Auflage auch nicht 250 Stück überstieg. Übrigens findet sich in der Bedienungsanleitung eine Widmung für Raymond Scott, da der SAM-16 von dessen Arbeit mit inspiriert wurde.

Es folgte die Fixed Filterbank FB-14. Das Gerät verwendete nur vier Transistoren. Die einzelnen Filter selbst sind mit Spulen aufgebaut, die von Sebastian Niessen in seiner Werkstatt persönlich von Hand gewickelt wurden. Kurzzeitig war sogar eine Stereoversion im Programm. Man mag sich den enormen Arbeits- und Zeitaufwand dafür gar nicht vorstellen. Das spezielle Übersteuerungsverhalten der Spulen und der durch eine Brückenschaltung erreichte hohe Gütefaktor verliehen der Filterbank einen einzigartigen Klang.

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Und schließlich entwickelt Niessen den ACME-4, einen Manager und Generator für MIDI-Clock-Signale. Laut Niessen war es das einzige Gerät seiner Art, das eine 100 % Jitter-freie MIDI-Clock generieren konnte. ACME-4 erzeugt gleich vier Signale, die gegeneinander verschoben werden können.

Im Jahr 2003 gab es ein Gespräch bzw. einen Vortrag mit Sebastian Niessen bei der Red Bull Music Academy in Kapstadt (Link zur Transkription). Ein seltener öffentlicher Auftritt von ihm:

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Sebastian Niessen entsprach schon ein wenig dem Bild des nerdigen Genies mit einem recht speziellem Humor. Er war perfektionistisch und programmierte Prozessoren im Alleingang. Dabei behielt er alle Entwürfe und Schaltungen im Kopf und – es scheint fast eine Berufskrankheit der Branche zu sein – dokumentierte deshalb so gut wie nichts.
Gerade hatte er begonnen, die FB-14 erneut aufzulegen, da es eine ungebrochene Nachfrage zu diesem außergewöhnlichen Studiowerkzeug gab. Martin Gore soll in seinem Studio gleich mehrere Einheiten davon in Betrieb haben. Doch mit dem unerwarteten Tod von Sebastian Niessen ist es im Moment nicht sehr wahrscheinlich, dass die Produktion fortgeführt werden kann.

Die Elektronik- und Musikszene hat mit Sebastian Niessen einen überaus kreativen Entwickler verloren, der mit Sicherheit noch einige interessante Projekte im Kopf geplant hatte.

*Wir möchten uns herzlich bei Rainer Zicke und Boris Steffen bedanken, ohne deren Informationen der Nachruf nicht so ausführlich hätte ausfallen können.

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Forum
  1. Profilbild
    Filterpad AHU

    Sagt mir jetzt tatsächlich auch nichts, dennoch ist 62 in der heutigen Zeit kein alter. Möge er in Frieden ruhen und alles Gute wünsche ich der Familie samt den Angehörigen.

  2. Profilbild
    TobyB RED

    Ruhe in Frieden Sebastian.

    Ich erinnere mich an unser letztes Telefonat, als Sebastian mich bat ihm das ACME-4 zu erklären, da die meisten den Ansatz nicht verstehen würden. Ich sagte Sebastian, dass ich in einem Alter geboren wurde, als es noch Raketenwissenschaft gab und groß wurde in einer Zeit, wo man selbige als Clicktrack noch auf Tape nagelte. Und eben dieses die Referenz ist. Und sein ACME-4 eben diese Information zitterfrei bearbeiten und daraus andere Information ableiten kann. Das war für ihn gut genug.

  3. Profilbild
    lunatic AHU

    Man muss nicht David Bowie oder Florian Schneider heißen um sich durch das geschaffene Werk unsterblich zu machen.
    Bob Moog, Manfred Fricke und auch ein, der Masse vielleicht unbekannter, Sebastian Niessen schwingen weiter unter uns solange wir ihr Schaffen in Energie umwandeln.

    Mein Mitgefühl den Hinterbliebenen.
    Ruhe in Frieden Sebastian Niessen

  4. Profilbild
    wolf gang

    Mein erster Kontakt mit Sebastian war Ende der 90er, seitdem haben seine Instrumente SAM-16 und später FB-14S und ACME-4 einen besonderen Platz bei mir. Ich hatte noch einen Monat vor seinem Tod mit ihm telefoniert und kann es immer noch nicht wirklich fassen. Vielen Dank für Deine Instrumente!

    Und vielen Dank für den Nachruf. Nur eine Anmerkung dazu, auch auf die Gefahr, pietätlos zu wirken: Laut den Bedienungsanleitungen der ersten Auflagen des SAM-16 war das Gerät Don Buchla gewidmet, in späteren Auflagen war es dann Raymond Scott und Don Buchla gewidmet.

    • Profilbild
      fran_ky

      Auch ich bin Herrn Niessen sehr dankbar für die Entwicklung seiner qualitativ höchstwertigen und inspirierenden Geräte, derer ich mich noch erfreuen darf. Ich bin von der Meldung seines Todes geschockt.

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