ANZEIGE
ANZEIGE

Nachruf: Uriah Heep-Organist Ken Hensley ist tot

6. November 2020

Meister der Hammond-Orgel gestorben

Meine erste Erinnerung an Ken Hensley und Uriah Heep ist ein Konzert  am 23. Februar 1976 in der Berliner Eissporthalle. Es war beim majestätischen Orgelintro zu „July Morning“ vom Album „Look at Yourself“. Wie von der Tarantel gestochen zuckten Hensleys Hände auf einmal von der Hammondorgel zurück. Der Keyboarder machte einen großen Satz nach hinten, als ob ihm ein unsichtbarer Boxer einen gewaltigen Haken versetzt hätte. Tatsächlich war der Grund ein Erdungsproblem der Hammondorgel. Hensley hatte einen mächtigen Stromschlag bekommen. Das war damals ein echtes Berufsrisiko. Der Uriah Heep-Gitarrist Bassist Gary Thain hatte 1974 in Dallas einen so schweren Schlag abbekommen, dass er die Band in der Folge verlassen musste. Entsprechend geschockt war das Berliner Publikum. Roadies eilten herbei und irgendwie schafften sie es, den Fehler zu beheben. Hensley hatte inzwischen auch seine Fassung wiedergefunden und das Konzert wurde fortgesetzt. Obwohl ich damals schon Fan der feingesponnenen Keyboardklänge eines Tony Banks war, oder wahlweise in den bombastischen Klassikrockorgien eines Keith Emerson oder Rick Wakemans badete, machte mich die etwas härtere Gangart bei Bands wie Deep Purple oder eben Uriah Heep ziemlich an. Es war ein rundum tolles Konzert und meine Augen und Ohren waren die ganze Zeit bei diesem großartigen Organisten.

ANZEIGE

Und wieder „Lady in Black“

Meine zweite Erinnerung an Ken Hensley datiert genau 10 Jahre später. Ich war 1986 Aufnahmeleiter beim RIAS Treffpunkt, dem Jugendprogramm des West-Berliner Senders. Regelmäßig gab es Sendungen, in denen Musikwünsche gespielt wurden, die uns aus Ost-Berlin und der übrigen DDR zugeschickt wurden (mit Ausnahme des „Tals der Ahnungslosen“ – etwa Greifswald und Dresden – die im Funkloch saßen). Dafür wurden wöchentlich wechselnde Tarnadressen bekanntgegeben, die der West-Berliner Post bekannt waren und die dann die gesammelten Briefe an den RIAS weitergab. Hätten die Musikfans nämlich direkt an das Funkhaus in der Kufsteiner Straße geschrieben, hätten sie bald Besuch von der Stasi bekommen. Kein anderer Song wurde in den Briefen, die zu hunderten in der Treffpunkt-Redaktion eintrafen, öfter genannt als „Lady in Black“. Eine fast folkige Rockballade von genialer Schlichtheit aus der Feder von Ken Hensley. Er hat den Song übrigens auch selbst gesungen.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

ANZEIGE

Angeblich weil das Lied dem Sänger David Byron zu banal klang. Tatsächlich ist „Lady in Black“ ein schönes Beispiel dafür, dass manchmal zwei Akkorde reichen. Und der Song liefert das wohl langgezogenste „Aaaahhh“ der Rockgeschichte. „Als ich den Song in 30 Minuten geschrieben habe, waren wir grad auf Tour in Nordengland“, erinnerte sich Hensley im Interview „Für mich war es zunächst nur eine weitere Nummer für das Salsbury-Album. Ich hatte keine Vorstellung davon, dass sie sich millionenfach verkaufen und die Leute das Lied 40 Jahre später noch singen würden“. Und er fügt in aller Bescheidenheit noch hinzu: „Ich hatte keine Ahnung, dass ich etwas Besonderes schreiben würde.“ In der DDR muss der Song regelrechten Hymnenstatus besessen haben. Jedenfalls lief er damals beim RIAS Treffpunkt fast in Dauerschleife. Und ich kann mich noch ganz genau erinnern, wie Moderator Uwe Wohlmacher fast flehentlich darum bat, sich doch zur Abwechslung mal etwas anderes zu wünschen. Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass es viel gebracht hat.

Ein Gitarrist, der an die Orgel wechselt

Ken Hensley wurde am 24. August 1945 in Plumstead im Südosten Londons geboren. Seine Kindheit und Jugend verbringt er dann in Stevenage, Hertfordshire. Im Alter von 12 Jahren lernte er – nein, nicht Klavier – sondern Gitarre. Ken spielte in verschiedenen Bands.  Aber erst als er 1965 mit dem späteren Rolling Stones-Gitarristen Mick Taylor zusammen die Band „The Gods“ gründete, wechselte er an die Keyboards. Neben Taylor brauchte es halt keinen zweiten Gitarristen. Ken bekam schnell heraus, dass eine Hammond B3 genauso rotzen kann wie eine verzerrte E-Gitarre. Als die „Götter“ sich wieder trennten, gab es zwei Spring offs: Toe Fat (Hensley ist auf dem ersten Album dabei) und Spice, woraus 1970 dann Uriah Heep entstand. Den Namen verdankt die Band übrigens einem Charakter aus Charles Dickens’ Roman David Copperfield.

Hammond C3 mit Leslie

13 Studioalben hat Ken Hensley mit Uriah Heep eingespielt vom Debütalbum „Very ‚eavy, very ‚umble“ von 1970 bis “Conquest“ aus dem Jahr 1980. Ken Hensley schrieb damals die meisten Heep-Songs. Für das zweite Album „Salisbury“ arrangierte er das gleichnamige Titelstück – 16 Minuten lang, mit großem Bläsersatz. Das dritte Album „Look at Yourself“ schaffte es 1971 in die britischen Charts. Dann begann mit Demons & Wizards und Magicians Birthday die mystische Phase, wobei Uriah Heeps Version von Space Rock jederzeit geerdet blieb. Auf Demons & Wizards befindet sich mit dem großartigen Easy Livin‘ ein weiterer Hit der Band, der von Hensleys Orgelspiel profitiert: „…dieses zickige Shuffle-Stück, bei dem die Orgel so lässig zwischen Groove-Treiber und Tragfläche wechselt, die alles am Schweben hält“, schwärmt die Süddeutsche Zeitung.

Kokainsucht und zweiter Start

Ken brillierte an der Orgel, später auch mal am Minimoog oder einem Oberheim OB-X. Obwohl die Band auch in den späten 70ern sehr erfolgreich war, hatte Hensley Stress mit den Sängern. Erst warf er John Lawton raus, dann war er mit dem Nachfolger John Sloman aber auch unzufrieden und schmiss nun selbst die Brocken hin. Danach folgte eine für ihn schwierige Zeit, wie er im Interview mit RockTimes erzählt: „Erst ein Jahr lang versucht, oder besser gesagt verschwendet, eine Solo-Karriere zu starten. Danach habe ich zwölf Jahre lang versucht, meine Kokain-Sucht zu besiegen und mich wieder neu zu entdecken.“

Ken Hensley hat danach noch mehrere Soloalben veröffentlicht. Mit den US-amerikanischen Southern-Rockern von Blackfoot spielt er die Alben „Siogo“ und „Vertical Smiles“ ein. Und auch später noch unterstützt er andere Künstler. Als Sessionmusiker wirkt er auf  „The Headless Children“ (1989) von W.A.S.P und Cinderellas „Heartbreak Station“ (1990) mit.

Auf der Suche nach neuen Horizonten

Auf dem Konzeptalbum „Blood on the Highway“ von 2007 hat er die Tage mit Uriah Heep noch einmal Revue passieren lassen. Aber es war für ihn auch ein Abschluss mit den wilden 70ern. „Wir wandeln mittlerweile auf total unterschiedlichen Pfaden. Obwohl ich tolle Erinnerungen an meine Zeit mit Heep habe und für diese Zeit auch dankbar bin, habe ich dennoch das brennende Verlangen, neue Horizonte zu entdecken. Und das ohne die Last eines alten (wenn auch erfolgreichen) Bandnamens auf mir. Ich fühle mich sehr wohl in meiner Haut.“

Am Mittwoch ist Ken Hensley im Alter von 75 Jahren friedlich in seiner Wahlheimat im spanischen Alicante gestorben. Seine Frau Monica war bei ihm. Sein Bruder Trevor Hensley schreibt auf Facebook „Wir sind alle bestürzt über diesen tragischen und unglaublich unerwarteten Verlust“.

Es ist an der Zeit, einmal wieder „Salisbury“ aufzulegen, oder „Look at Yourself“. Und noch einmal den Refrain von „Lady in Black“laut mitzusingen.

R.I.P. Ken Hensley – Du Meister der Hammond-Orgel.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

ANZEIGE
ANZEIGE
Forum
  1. Profilbild
    costello  RED

    Zwei kleine Korrekturen: Gary Thain war der Bassist von Uriah Heep und der Sänger, der Ken Hensley dazu brachte, die Brocken hinzuwerfen, hieß John Sloman. Die Autokorrektur hat aus ihm leider einen „John Slogan“ gemacht.

  2. Profilbild
    unifaun  

    Man beachte auch das Orgelspiel bei „The Park“.

    Bei diesem tollen Stück von der „Salisbury“ saß ich als 15-jähriger abends immer am offenen Fenster und rauchte meine Abendzigarette!

  3. Profilbild
    Armin Bauer  RED

    Ich hatte von Uriah Heep bis „Return To Fantasy“ alles auf Schallplatte oder Cassetten-Kopie. Empfand ich als musikalischer und weniger bombastisch als manche Dino-Band-Konkurrenz. Sicher auch Kens immer song-orientiert eingesetztem Instrument geschuldet.
    Habe dann meine Uriah Heep Platten gegen „Rocket to Russia“ und „Road To Ruin“ von den Ramones getauscht, damit war eine neue musikalische Richtung eingeschlagen.
    Trotzdem, erinnere mich an die von mir als Jugendlicher damals als vielschichtig wahrgenommene Musik und an die mystischen Cover immer noch, vielleicht sollte ich mal wieder einen neuen Hörversuch der alten Sachen wagen…

Kommentar erstellen

Die AMAZONA.de-Kommentarfunktion ist Ihr Forum, um sich persönlich zu den Inhalten der Artikel auszutauschen. Sich daraus ergebende Diskussionen sollten höflich und sachlich geführt werden. Politische Inhalte und Statements werden durch die Redaktion gelöscht.

Haben Sie eigene Erfahrungen mit einem Produkt gemacht, stellen Sie diese bitte über die Funktion Leser-Story erstellen ein. Für persönliche Nachrichten verwenden Sie bitte die Nachrichtenfunktion im Profil.

ANZEIGE