Top News: Native Instruments Audio-Format „Stems“

30. März 2015

Eine kleine Revolution für die DJ-Software Traktor?

Native Instruments hat auf der Winter Music Conference in Miami vergangene Woche einen neuen Controller namens Kontrol D2 für die Traktor DJ-Software vorgestellt, zu dem wir natürlich ein paar Worte bereits geschrieben haben (hier zu finden)

Dabei aber sollte es nicht bleiben. Neben diesem Controller kündigte Native Instruments am vergangenen Freitag ebenfalls ein neues Audioformat an, welches DJs und live-spielende Produzenten die Möglichkeit geben soll, mit bestehenden Tracks in verschiedenen musikalischen Elementen zu spielen, natürlich bei Nutzung einer DJ-Software aus dem Hause Native Instruments – also Traktor DJ.

Von links nach rechts: David Morgan (Juno), Luciano, Brian Tappert (Traxsource), DJ Craze, Jason Bentley KCRW), Mate Galic (Native Instruments) auf der WMC 2015

Von links nach rechts: David Morgan (Juno), Luciano, Brian Tappert (Traxsource), DJ Craze, Jason Bentley KCRW), Mate Galic (Native Instruments) auf der WMC 2015

„Stems“ wird das Format heißen, ein „open multi-track audio format“.

Ein Stem-File erlaubt dem DJ, mit verschiedenen musikalischen Elementen eines veröffentlichten Tracks zu arbeiten und hierbei eigene Kreationen während eines DJ-Gigs zu schaffen. Dabei stehen ihm vier unterschiedliche Stems zur Verfügung, zum Beispiel Bass, Drums, Melody und Vocals.

Die Stems können separat und damit unabhängig von einander modifiziert werden, sei es durch muten einzelner Stems, die damit wie Spuren in einem Ableton-Live-Set genutzt werden können oder durch den Einsatz von Effekten auf verschiedenen Stems, einem Delay auf einem Vocal zum Beispiel.
Übergänge zwischen einzelnen Tracks lassen sich auf diese Weise anders gestalten als beim klassischen Mixing eines DJs über den Equalizer oder die Lautstärke.

Ein Stem-File wird dabei als MP4-Format erhältlich sein, in welchem die vier unterschiedlichen Stems des Tracks vorhanden sein werden. Dabei kann das Format auch einfach wie ein MP3-Format gehandhabt werden, so dass ein kompatibler Player dieses als einen gesamten Track abspielen werden kann, zum Beispiel ein Pioneer CDJ-Player, ebenso aber auch iTunes.
Die Nutzung der gespeicherten Stems jedoch bleibt der Software vorenthalten, die das Stems-Format unterstützt. In diesem Fall wird dies die DJ-Software Traktor von Native Instruments selbst sein, die dies ab dem Sommer unterstützen wird.

Dabei ist das Stem-File ein „open file format“. Produzenten und Label können über ein frei erhältliches Tool, das Stem Creator Tool, Stem-Files der eigenen Tracks erstellen und veröffentlichen. Dies geschieht ohne Zahlung von Lizenzen oder Gebühren.

Mit diesem Format bildet sich natürlich auch ein neuer Markt für Künstler und Labels.
Unterstützt wird das Format bereits von einer Reihe namhafter Labels wie Baroque Records, Cr2 Records, Get Physical, Green, Herzblut Recordings, Kling Klong, Mobilee Records, Monaberry, Monkeytown Records, Noir Music, Rejected oder Toolroom Records sowie Online-Plattformen wie Beatport, Junodownload oder Traxsource.

In den kommenden Monaten, so heißt es, werden Künstler wie Labels wie auch Native Instruments selbst beginnen, die Grundlagen für das Format zu legen, beziehungsweise zu festigen, so dass Stems zum Juni 2015 auf den Markt und somit in die Software der Nutzer kommen kann.
Ab der Version 2.7.4 soll die Software Traktor Stems unterstützen.

Mehr Informationen wird es dann ab Juni auch auf der eigenen Stems-Homepage geben, ebenso Anleitungen, wie man selbst Stems erstellt.

Eric Goldstein (Native Instruments) präsentiert auf der WMC "Stems" mit zwei neuen Kontrol D2-Controllern

Eric Goldstein (Native Instruments) präsentiert auf der WMC „Stems“ mit zwei neuen Kontrol D2-Controllern

Da man bei der Entwicklung von Stems offenbar nicht nur auf das eigene Team vertraut hat, sondern bereits mit Künstlern, Labels und Distributoren zusammengearbeitet hat, gibt es auch schon die ein oder andere Meinung zu diesem neuen Format.

Luciano:

The Stems are the most innovative idea for DJing because they push creativity to the next level and they push DJs and producers into a new era for dance music. We are finally to the point where it’s not about playing A with B anymore, but we can take the essence of A and adding C, D and B and splitting this upside down with an absolute freedom of composition. It’s time for a creative era.”

Mobilee Records:

It was always part of Mobilee’s mission to embrace new technologies and innovations for DJ and club culture. We learned that every generation is discovering music production and DJ performance in its very own way. Stems will be the next big thing to add new opportunities to DJs’ creativity. And the fact that it is an open format proves Native Instruments’ passion for music and technology.”

Kling Klong Records:

“We are happy to provide these tools to the DJs who love to entertain with creative sets and play with the music from our artists.”

Juno:

“Stems is a truly exciting development for DJ and live music performance. It strikes the perfect balance between simplicity and flexibility, and incredibly, it’s all achieved with a universally compatible file format. We couldn’t be more pleased to give Stems our full support, and look forward to adding the download option to our site in the coming months.”

Forum
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    AMAZONA Archiv

    Also Remix-Sets in voller länge, ohne Loop? Das würde ich nicht als ‚Revolution‘ bezeichnen, sondern als konsequenten Fortschritt! Die Idee gefällt mir, den Hype darum finde ich aber etwas übertrieben.

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      Bolle  RED

      Es geht wohlgemerkt nicht um die technische Umsetzung sondern um das Format, also das Labels z.B. Tracks von Interpreten in „Einzelspuren“ anbieten, in vieren wohlgemerkt und das wohl mehr oder weniger flächendeckend, bzw. in größerem Umfang. Das wäre dann im Gegensatz zur derzeitigen Nutzung der Remix-Decks mit Samples eine kleine Revolution, wenn auch zugegeben eine nahezu logische Weiterentwicklung.

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        AMAZONA Archiv

        Wenn da jetzt mehr Label einsteigen, ist das natürlich geil! Aber Remix-Sets gibt’s ja auch schon von diversen VÖ’s z.B. über Beatport. Ich hoffe nur, dass die Label die ich bevorzuge, da ebenfalls mitziehen :D die sind nämlich bei den Remix-Sets unterpräsent.

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          TobyB  RED

          Hallo Marius,

          technisch ist das eine Art Über-Ableton, nur halt mit Stems die der Producer zum Remixen freigibt. Das eigentlich interessante ist das Geschäftsmodell dahinter, a la Remix 3.0, Mashup 2.0 und da ist die Frage schlicht und ergreifend macht das ökonomisch Sinn? Ich habe schlicht und ergreifend bedenken. Das Geschäftsmodell ist logisch, aber nicht zwingend.

          ToB

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    TR-BOB

    Wird bestimmt juristisch spannend, für alle Beteiligten… musikalisch wohl weniger:

    – „Hey, das ist doch die Bassline aus track XY von Artist A, was macht die jetzt im Track YX von Artist B?“

    – „Ach was, das war doch nur so ein Stem… der gehört doch niemandem!“

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      Bolle  RED

      Interessant wird sicher auch werden, wie, sorry, wenn es ein wenig klischeehaft und negativ klingen mag, „Laptop-DJs“, die wie viele andere auch, von Tonarten-korrektem Mixing häufig keine Ahnung haben, nachher tonal-nicht zusammenpassende Basslines, Melodien und Vocalspuren kombinieren, weil sie ja dank Sync im Takt und somit ja „korrekt“ sind..
      Das kann noch zu einigen klanglichen Grausamkeiten führen :)

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        Betancourt  

        Extra dafür wird doch mittlerweile auf Beatport bei jedem Track die Tonhöhe angegeben;) Vermutlich wird das bei den Stems nicht anders sein, um dem musikalisch weniger feinfühligen Nutzer die Möglichkeit zu geben, Grausamkeiten zu vermeiden. (Um nicht zu negativ zu klingen, verkneife ich mir an dieser Stelle den Hinweis auf das Prinzip „Malen nach Zahlen“)

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          richard  AHU

          Wenn mich nicht alles täuscht gibt es bei Native Instruments „Traktor“ Software doch schon jetzt die Option “ Tracks automatisch nach Tonhöhe“ sortieren. ;-)

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    AMAZONA Archiv

    Nur um das mal am Rande zu erwähnen, weil das wohl doch missverständlich ist: Diese STEMS, sind genau wie die Remix-Sets (die es schon länger gibt) ausschliesslich dazu gedacht, dass man ‚vielfältiger‘ Mixen kann und als DJ eben mehr Möglichkeiten hat, als nur EQ raus und Filter rein (nämlich Spuren gezielt Stumm schalten um 2 oder mehr Tracks besser zu kombinieren und diese einzeln gegenbenenfalls mit Effekten aufzupeppen) – Es geht NICHT darum, dass jemand die Stems zusammenmixt und das als seinen Remix verkauft. Das wäre dann rechtlich eine ganz andere Geschichte und so ist es von N.I. auch nicht angedacht. Genau wie man ein Bootleg / Mash-Up aus 2 oder Platten nicht einfach wieder weiter verkauft, oder eben nur höchst illegal und anonym.

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      rauschwerk  

      Angesichts der miesen Vergütung, mit der ein Independent-Produzent aktuell leben muss, frage ich mich, wer da bei diesem Ding überhaupt mitmachen will/wird. Ich habe jedenfalls keine Lust meine Tracks in 4 Sub-MixGrupen zusätzlich zum Master dem Konsumenten zu verfügung zu stellen. Noch mehr Arbeit bei immer weniger Vergütung.

      Vocals, Basslines & co. werden nun haufenweise „exportiert“ (ob rechtlich erlaubt oder nicht). Die Leute werden mit den Sub-Mixgruppen machen, was sie wollen.

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        Betancourt  

        Vermutlich wird das zunächsteinmal ein neues Betätigungsfeld von Sample-Labels, die ja mittlerweile ihre Libraries schon größtenteils im „Construction-Kit“-Format anbieten. Da sind dann Stems kein großer Schritt mehr. Ob der herkömmliche Elektronik-Produzent sich darauf einläßt, Einzelteile seiner Produktionen freizugeben, wenn auch nur für das DJing, kann ich nicht absehen. Für mich käme soetwas nicht in Betracht.

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          TobyB  RED

          Hallo Betancourt,

          ich denke das jemand das schon willentlich macht seine Stems derart freizugegeben. Ich habe zwar nichts dagegen das gesamte Werk durch einen DJ in einen Mix einzubetten, aber mit den 4 Track Stems tue ich mich gedanklich sehr schwer. Denn Stems sind nun im Kontext von Traktor, Ableton und anderen Remix Tools dazu geneigt etwas komplett anderes aus einem Werk zu machen. Will sagen, ich könnte an Hand des einzelnen Stems das Pattern, Loop, Phrase extrahieren und weiterverarbeiten bis es nicht mehr als solches wahrnehmbar ist. M.E. wird das zu einer weiteren Grabenvergrösserung(auch ökonomisch) zwischen Musikern(Produzenten) und DJs führen und eine kulturtayloristische Verschärfung herbeiführen. Luciano bringt das mit seinem Statement auf den Punkt. Nur habe ich damit ein Problem. Ich kriege das ganze ökonomisch nicht zusammen. Durchschnittlich kostet ein Satz Stems bei Traxsource $4,99. Die Kosten für GEMA, Label und Verlag sollten den Mitlesern bekannt sein. Wenn ich Selfpublishe sieht die Kalkulation anders aus, dann würde noch GVL und andere Soda-Kosten kommen. Realtistisch bleibt $1.00 an Umsatzerlös für meine Kostenstelle. Von der möchte alles gedeckt werden. Was ein Hardware Synth und Studio kostet muss ich nicht vorrechnen. Ich denke es ist klar worauf ich hinaus will.

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    tomk  AHU

    Das ist doch schön für Herrn Galic, die Mehrkosten für die Produktion soll er dann bitte jeden Produzent direkt überweisen. Sowie flugs eine eigene NI-UrheberStemSchutzAbteilung aus der Asche heben.

    Der Hit-Baukasten … klicke dir mit 4 Stems Dritter deinen nächsten Burner.

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      Bolle  RED

      Siehe oben den Kommentar von Marius Seifferth.
      Es geht nicht darum, auf diesem Wege Trackteile für die Produktion zu nutzen, sondern flexibler zu mixen.
      Ob ich nun ein Vocal aus einem Track extrahiere oder als Stem-File kaufe und nutze – rechtlich bleibt es dasselbe. Somit also nix neues und nichts, worüber man sich aufregen muss.
      Die Mehrarbeit für den Produzenten wird sich hoffentlich dadurch relativieren, dass das Stem-File, sowie Files für Remix-Decks, speziell oder zu einem anderen Preis verkauft werden.

      Warten wir erst einmal ab, was nun wirklich kommt, wie es wird und mit welchen Funktionen.

      Auch wenn ich nicht mehr mit Traktor spiele, kann ich mir das Ganze wirklich gut vorstellen…

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    richard  AHU

    Insgesamt finde ich die Idee ganz gut, auch für´s veröffentlichen von Tracks. Für den Produzenten kann das „Steam“ Format allerdings immer nur ein Zusatzangebot sein, den die Zielgruppe ist ja mit den DJ´s schon automatisch beschränkt? Es sei den man produziert nur für DJ´s. Bleibt zu hoffen das die technischen Neuerungen wirklich zu kreativeren Mixen führen, im Vergleich zum klassischen Auflegen von früher empfinde ich das im Augenblick nämlich nur sehr bedingt.

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    deeTune77

    Dieses ganze digitale Schnick-Schnack-Gedöns macht aus meiner Sicht die Musik nicht besser. Jeder Producer denkt sich doch in der Regel auch was bei seinem Arrangement und die Nachwuchs-Pseudo-DJs sollten sich mal wieder wirklich mit Musik auseinandersetzen. Ich stelle immer wieder fest, dass die musikalische, emotionale Kreativität bei den meisten Digital-DJs oder sogenannten Laptop-„Live“-Acts auf der Strecke bleibt, sobald ein Bildschirm im Spiel ist.
    „Stay away from display!“

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