Grenzen ausloten
Im ersten Teil unseres Workshops zum Notenlesen haben wir die Grundlagen kennengelernt: Das Grundprinzip unserer Notenschrift besteht darin, dass die Tonhöhe durch die grafische Position dargestellt wird, während die Dauer eines Tons durch seine Form bestimmt wird. Soweit, so klar. Heute gehen wir einen Schritt weiter und stellen uns die Frage, wie man den gesamten Tonumfang von 88 Tasten eines Klaviers mit nur fünf Notenlinien abbilden kann. Dafür gibt es ein paar Tricks …
- Notensystem: Fünf Notenlinien reichen durch Hilfslinien und Transposition auch für 88 Tasten.
- Hilfslinien & Oktavierung: Für sehr hohe oder tiefe Töne helfen Hilfslinien oder 8va-/15ma-Zeichen. Sie erleichtern das Notenlesen enorm.
- Vorzeichen & Versetzungszeichen: Kreuze und Bs gelten entweder im gesamten Stück oder nur im jeweiligen Takt.
- Alterierte Töne: Schwarze Tasten erhalten ihre Namen durch Erhöhung oder Erniedrigung der Stammtöne.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort: Warum Notenlesen?
Manche halten Notenlesen für überholt – schließlich gibt es längst Tonaufnahmen, um Musik festzuhalten. Doch wer sich mit der Komplexität von Musik und Theorie beschäftigt, erkennt schnell den Wert der Notenschrift: Sie macht Zusammenhänge sichtbar, die vielen Instrumentalisten – besonders jenen ohne Tasteninstrument – sonst verborgen bleiben würden.
Notenschrift hilft auch beim Erinnern und Lernen. Selbst ein kurzes Solo kann schnell in Vergessenheit geraten. Mit einer Transkription lässt es sich viel leichter erfassen als allein über das Gehör.
Und wer sich fragt, wie ein Orchester ohne Noten funktionieren sollte, ahnt: Notenlesen ist keineswegs veraltet – es ist schlicht praktisch. Und: Das Notenlesen ist einfacher zu lernen als viele denken.

Notenlesen einfach erklärt: Wie können die 88 Tasten eines Flügels mit nur fünf Notenlinien dargestellt werden?
Grenzen ausloten: Hilfslinien und Transposition
Wie wir im ersten Teil des Notenlesen-Workshops gesehen haben, verwendet man für das Klavier ein doppeltes Notensystem mit jeweils fünf Notenlinien: den Bassschlüssel für die linke und den Violinschlüssel für die rechte Hand. Doch selbst mit zehn Notenlinien stößt man schnell an Grenzen.
Außerdem sollten wir nicht vergessen, dass mit den Notenlinien und -zwischenräumen nur die weißen Tasten (auch „Stammtöne“ genannt) dargestellt werden. Selbst wenn wir alle schwarzen Tasten vorerst ignorieren, bleiben immer noch 52 weiße übrig.
Das zweigestrichene g (in MIDI-Sprache G5) liegt oberhalb der obersten Linie und ist somit der höchste Ton, der im Notensystem „normal“ dargestellt werden kann. Doch das stellt keine Grenze der Notation dar. Für höhere Töne können wir sogenannte Hilfslinien verwenden: Liegt ein Ton oberhalb des Notensystems, wird er auf Hilfslinien notiert – wie im folgenden Beispiel das c, das zwei Oktaven oberhalb des mittleren c liegt.
Dies ließe sich selbstverständlich unendlich weit treiben – wenn da nicht die Sache mit der Lesbarkeit und Übersichtlichkeit wäre. Oberstes Prinzip der Notenschrift ist es, die komplexe Kunstform Musik so einfach wie möglich darzustellen. Zu viele Hilfslinien sind jedoch kaum lesbar und damit kontraproduktiv.
Wollte man alle C-Töne eines Klaviers notieren, ergäbe sich folgendes Bild:
Auch wenn man die Töne mit etwas Zählen und Rechnen entziffern kann, sind (zu) viele Hilfslinien keine praktikable Lösung. Wäre es nicht einfacher, die Töne tiefer zu notieren und anschließend um eine oder zwei Oktaven zu transponieren – ähnlich wie auf einem Keyboard?
Ja, das ist möglich und wird auch häufig gemacht. Das entsprechende Zeichen ist selbsterklärend:

Die 8 steht für die Oktave, italienisch: Ottava. Der Strich zeigt an, für welchen Bereich die Transposition gilt.

Möchte man um zwei Oktaven transponieren, schreibt man eine 15. (Kleines Angeberwissen: das „ma“ verweist auf das italienische Wort für „das fünfzehnte“: quindicesima oder eben 15ma.)
Um zwei Oktaven transponiert wird das Stück deutlich lesbarer. In der Praxis notiert man Töne mit bis zu zwei, manchmal auch drei Hilfslinien. Höhere Töne werden meist transponiert dargestellt. Dasselbe gilt selbstverständlich auch für tiefe Töne.
Kreuze und Bs für die Töne zwischen den Tönen
Vielleicht ist es dem einen oder anderen bereits aufgefallen: In unseren bisherigen Notenbeispielen wurden nur die weißen Tasten des Klaviers verwendet – die Töne c, d, e, f, g, a und h (englisch: b), die sogenannten Stammtöne. Aber was ist mit den schwarzen Tasten? Wie nennt man sie und wie werden sie notiert?
Schwarze Tasten werden nach den weißen benannt, neben denen sie liegen. Ein Kreuz „#“ (dies nennt man tatsächlich Kreuz und nicht etwa Hashtag) weist auf eine schwarze Taste hin, die rechts von einer weißen liegt und somit einen Halbton höher ist.
Und wie nennt man nun diesen Ton? „Halb zwischen d und e“, „d/e“ oder „Kreuz d“? Nein, es ist einfacher: Man fügt die Endung -is hinzu. Aus c wird also cis, aus d dis und so weiter.
Das Umgekehrte ist ebenfalls möglich: Eine Note wird um einen Halbton erniedrigt. Dazu schreibt man ein b vor die Note und fügt die Endung -(e)s hinzu. Aus d wird somit des, aus e es. Da diese Töne von den weißen – also den Stammtönen – abgeleitet werden, nennt man sie auch alterierte Töne.
Der Ton h wird zu b, zumindest im deutschsprachigen und skandinavischen Raum. Im Englischen heißen beide Töne b und werden als b natural und b flat unterschieden. Das hat historische Gründe, auf die wir hier nicht näher eingehen. Merken wir uns einfach die folgenden Beispiele:
- d → des
- e → es
- g → ges
- a → as
- h → b
Da man mit Kreuzen und b-Zeichen dieselben Töne auf zwei verschiedene Arten darstellen kann, stellt sich zu Recht die Frage, weshalb sich beide Formen durchgesetzt haben. Wäre es nicht einfacher, alles mit Kreuzen zu schreiben?
Hierzu ein kleines Beispiel: Nehmen wir die C-Dur-Tonleiter:
Wenn wir in einem Stück von C-Dur nach C-Moll modulieren möchten – etwas, das durchaus auch im Pop gängig ist –, müssen drei Töne angepasst werden:
Der dritte, sechste und siebte Ton rutschen jeweils einen Halbton tiefer. Aus der großen Terz wird eine kleine, aus der großen Sext eine kleine Sext – und aus der großen Septime? Natürlich auch eine kleine Septime. Das heißt: Die Töne werden erniedrigt, was wir durch das b-Zeichen markieren.

Die C-Moll-Tonleiter: hierzu werden der dritte, sechste und siebte Ton um einen Halbton erniedrigt, aus e wird somit e♭ (ausgesprochen „es“) etc.
Umgekehrt verhält es sich im folgenden Beispiel: Aus der C-Dur-Tonleiter soll die lydische Tonleiter gebildet werden, bei der der vierte Ton – also das f – erhöht ist. Aus dem f wird somit ein fis.

C-Lydisch ist eine Tonleiter, bei der der vierte Ton, also das f, um einen Halbton erhöht wird. Aus f wird f♯ („fis“)
Dies als kurze Erklärung, weshalb die schwarzen Tasten jeweils zwei Namen haben – je nachdem, von welcher weißen sie abgeleitet werden.
Vorzeichen statt Versetzungszeichen
Wenn in einem Stück bestimmte Töne durchgehend mit Kreuzen oder b-Zeichen gespielt werden sollen, ist es einfacher, dies gleich zu Beginn des Stücks festzulegen, statt es jedes Mal neu zu notieren:

G-Dur hat ein Vorzeichen: durch das Kreuz ganz links (zwischen Notenschlüssel und Taktangabe) bewirkt, dass alle f-Noten zu einem f♯ werden (fis).
Kommando zurück: Auflösungszeichen
Und was ist, wenn man ein Vorzeichen wieder aufheben möchte? Dafür verwendet man ein Auflösungszeichen (♮), das etwaige Kreuze und b-Zeichen neutralisiert, um den ursprünglichen Ton zu spielen.
Zusammenfassung
- Mit Hilfslinien kann der Tonraum des Notensystems beliebig nach oben oder unten erweitert werden.
- Alternativ ist auch eine einfache (8va) oder doppelte Oktavierung (15ma) möglich. Das verhindert viele Hilfslinien und erleichtert das Notenlesen
- Schwarze Tasten (alterierte Töne) leiten sich von den Stammtönen ab.
- Versetzungszeichen: Ein Kreuz (♯) erhöht den Ton um einen Halbton, ein b-Zeichen (♭) erniedrigt ihn um einen Halbton.
- Vorzeichen werden immer genutzt, wenn Töne dauerhaft alteriert werden sollen (zum Beispiel in Tonarten ungleich C-Dur/a-Moll)




































vielen Dank dafür!
sehr verständlich geschrieben – so leichtes Fladenbrot🙂
@Viertelnote Ich gebe dir recht. So anschaulich erklärt es nicht mal der Musiklehrer (das Fladenbrot). Durch die technischen Möglichkeiten wie KI, Loops, Templates, MusikMaker interessiert das leider heutzutage niemanden mehr. Warum auch, wenn es diese Möglichkeiten gibt. Mir persönlich ist auch egal, wie jemand Musik macht. Das Problem ist nur, dass diejenigen es nicht zugeben, weil eben viele Nichtmusiker, Musiker sein wollen, es aber überhaupt nicht sind. Das zuzugeben ist mit einer großen Kränkung einhergehend. Ich persönlich wäre froh, mehr Ahnung von der Materie zu haben.
@Filterpad es muß alles schnell gehen heute – Zeit investieren für andere
oder eben Materie wird oft nicht ernst gehalten.
Aber glaube mir – Du weist was du tust weil mit Herz Verstand und Emotion Bauchgefühl
bei der Sache zu sein ist unbezahlbar und kann so von keinen Meister Dir gezeigt oder
weitergegeben werden weil Du hilfst anderen und das ist toll🙂
Was nützt alle Theory oder Wissen wenn man so nicht umsetzen oder weitergeben kann
oder möchte – so ich der Meinung bin das Band der Emotion ist schwer zu knüpfen wenn
der Funke fehlt – also der Zugang. Balance zu halten das ist immer eine wertvolle Erfahrung.
@Viertelnote Gut zusammengefasst 👍
@Filterpad Danke Martin!🎹