Rhythmische Vielfalt
Notenlesen leicht gemacht: Musik ist eine zeitbasierte Kunstform. Rhythmus ist nichts anderes als zeitlich organisierte Klangereignisse. Wie wir im ersten Workshop zum Notenlesen gesehen haben, wird die Dauer der Töne durch ihre Form definiert, wobei stets halbiert wird. Ein Viertel ist gleich lang wie zwei Achtel oder vier Sechzehntel. Damit lassen sich viele Rhythmen darstellen, aber nicht alle. Im dritten Teil unserer Workshop-Reihe „Notenlesen“ geht es heute um zusammengesetzte Notenwerte und Triolen.
Worum geht es? Zusammengesetzte Notenwerte, punktierte Noten und Triolen erweitern den Rhythmusbaukasten.
- Zusammengesetzte Notenwerte: Noten können durch Haltebogen oder Punktierung verlängert werden.
- Punktierte Noten: Ein Punkt hinter einer Note verlängert diese um die Hälfte ihres Wertes.
- Triolen: Notenwerte lassen sich auch durch drei teilen, was als Triole bezeichnet wird.
- Staccato: Ein Punkt unter oder über dem Notenkopf steht für eine kurze, abgetrennte Spielweise.
- Fazit: Notenlesen ist einfach, mit Haltebogen, Punktierung und Triolen lassen sich nun fast alle Rhythmen darstellen.
Inhaltsverzeichnis
Notenlesen: Zusammengesetzte Notenwerte und Triolen
Im ersten Teil dieses Workshops zum Notenlesen haben wir die Notenpyramide kennengelernt, die auf einer simplen Teilung durch den Faktor 2 basiert. Eine Viertelnote ist halb so lang wie eine Halbe. Was tun, wenn man eine Note nicht durch zwei, sondern durch drei oder fünf teilen möchte? Und gibt es auch Noten, die dreiviertel lang sind?

Die Notenpyramide: 16 Sechzehntel-Noten sind gleich lang wie acht Achtel, vier Viertel, zwei Halbe und eine Ganze. Eigentlich ganz simpel und logisch.
Haltebogen
Möchten wir aus dem üblichen “Faktor-2-Raster” ausbrechen, können wir Noten auch zusammensetzen und zwar mittels eines Haltebogens:

Eine Viertelnote wird mit einer Achtelsnote zu einer langen Note von anderthalb Schlägen zusammengebunden.
Punktierte Noten
Der Faktor 1.5
Natürlich ist es kein Problem, Noten mit einem Haltebogen zu verbinden. Auf die Dauer kann es jedoch etwas mühselig und unübersichtlich werden und das Notenlesen erschweren. Der häufigste Fall ist, dass eine Note mit einer zweiten verbunden wird, die genau halb so lang ist wie die erste. Also eine halbe Note und ein Viertel oder ein Viertel und ein Achtel.
Dazu hat sich eine Vereinfachung durchgesetzt. Man schreibt rechts von der längeren Note einen Punkt, der diese um die Hälfte ihres Wertes verlängert. Ein Punkt neben einer halben Note bedeutet also: “Spiel diese Note anderthalbmal so lang, wie ihr Notenwert vorgibt.”
Oder weniger mathematisch formuliert: Ein Punkt hinter einer Note verlängert diese um die Hälfte ihres ursprünglichen Wertes.

Ein punktierter Viertel bedeutet, dass die Note anderthalb Schläge lang gespielt wird. Musikalisch ist dies gleichbedeutend mit der gebundenden Note vom vorangegangenen Notenbeispiel.

Eine Halbe Note wird mit einem Viertel zu einer Drei-Schlag-Note verbunden. Die punktierte Halbe (rechts) bedeutet musikalisch das Gleiche.
Triolen
Der Faktor 3
Bisher haben wir Noten nur halbiert, geviertelt, geachtelt etc. und daraus auch neue Werte zusammengesetzt, stets mit dem Faktor 2. Könnte man einen Schlag nicht auch in drei statt in zwei Teile teilen? Also mit dem Faktor 3?
Klar geht das. Und es kommt auch häufig vor. Diese Figuren heißen allgemein “Triolen”. Sie sind durch eine Klammer mit der Ziffer 3 ober- oder unterhalb der drei Noten gekennzeichnet.

Bei Achtelstriolen (links) wird ein Viertel durch drei geteilt. Die Viertelstriole (rechts) dauert gleich lange wie eine Halbe Note.

Eine Achtelstriole gefolgt von zwei Achteln; eine Vierteltriole gefolgt von zwei Vierteln. Zu hören im Klangbeispiel.
Nebst Triolen sind selbstredend auch Pentolen (Teilung durch 5), Septolen (Faktor 7), Nonolen (9) etc. denkbar. Doch sollten wir uns dadurch nicht verunsichern lassen. Solche Teilungen kommen nur selten vor.
Staccato
Punkt unter oder über dem Notenkopf: wenn’s kurz sein soll
Punkte gibt es nicht nur rechts, sondern auch unter- oder oberhalb eines Notenkopfes. In diesem Fall spricht man von “staccato”, was man mit „abtrennen“ übersetzen könnte. Gemeint ist eine kurze, perkussive Spielweise.
Und wieso schreibt man nicht einfach kurze Notenwerte? Die einfache Antwort lautet: Weil es so übersichtlicher ist. Außerdem ist es beim Staccato dem Spieler überlassen, wie kurz „kurz“ ist.
Grenzen des Darstellbaren (und Menschlichen)
Mit diesen Tricks und Kniffen ist vieles möglich. De facto lässt sich jeder Rhythmus, der mir jemals in meinem Musikerleben begegnet ist, auf diese Art darstellen. Und dennoch fehlt etwas: Legt man unterschiedlichen Musikern dasselbe rhythmische Pattern vor, klingt es bei jedem anders, auch wenn sie das gleiche Instrument im gleichen Tempo spielen. Jeder betont ein bisschen anders und spielt einzelne Töne minimal länger oder kürzer, als es mathematisch korrekt wäre. Musiker sind keine Maschinen, sondern haben ein Rhythmusgefühl.
Man spricht auch von der Phrasierung, der ich vor ein paar Jahren einen eigenen Workshop gewidmet habe. Die Quintessenz dabei ist, dass die Frage, ob ein Pattern groovt oder eher langweilig daherkommt, in erster Linie von Verschiebungen im Microtiming-Bereich und bestimmten Betonungen abhängt. Derselbe Rhythmus wirkt ganz anders, je nachdem, ob er in einem klassischen Duktus oder als Swing oder Bossa gespielt wird. Im Jazz ist man deshalb dazu übergegangen, das Grundfeeling auf dem Notenblatt zu vermerken (“Swing”, “Bossa”, “Latin”, “Afro” etc.). Gewiss hat jeder Musiker seinen eigenen Zugang zu bestimmten Stilen, was man letzten Endes Interpretation, Feeling oder Attitude nennen kann.
Und bevor jemand zu einer generellen Tirade gegen die Notation ansetzt, da sie nicht alles festhalten kann: Es war nie das Ziel der Notenschrift, dem Musiker alles Erdenkliche vorzuschreiben. Sie legt lediglich den Inhalt fest, aber nicht, wie er gespielt werden soll. Vergleichbar mit einem Theaterstück, bei dem jeder Schauspieler aus demselben Text etwas Eigenes erschafft.

Ob ein Schlagzeuger groovt oder nicht, hängt mit seinem Rhythmusgefühl und seiner Phrasierung zusammen und weniger mit der Notenschrift.




























