Test: Orange TremLord 30, Gitarrenverstärker

31. März 2019

Orange goes clean

Orange TremLord 30

Der Orange TremLord 30

Der Gitarrenverstärkermarkt zeigt sich im Moment wieder einmal sehr belebt, so hat auch der wiedererstarkte Dinosaurier Orange auf der NAMM 2019 einige neue Modelle vorgestellt. Unser heutiges Testobjekt, der Orange TremLord 30, ist ein einkanaliger Vollröhrenverstärker und wurde mit einem röhrengetriebenen Tremolo und Hall bestückt. Man könnte dieses Konzept als eine Mischung aus einem VOX AC30 und einem „cleanen Marshall“ einstufen. Der TremLord 30 ist vorwiegend für den Einsatz im cleanen Bereich konzipiert und füllt somit eine Marktlücke, denn Röhrenverstärker (Combos) mit einer Leistung von 30 Watt, einem 12″ Lautsprecher, integriertem Tremolo und Hall sind auf dem Markt nur recht wenige zu finden.

Vergleichbare Modelle wie etwa der Peavey Classic 30 besitzen kein Tremolo, ein VOX AC 15 ist zwar mit einem Tremoloeffekt ausgestattet, aber er stellt möglicherweise für den einen oder anderen nicht die gewünschte Lautstärke aufgrund seiner lediglich 15 Watt Leistung bereit. Ein VOX AC30 wäre dann gewichtsmäßig wieder eine größere Herausforderung, somit positioniert sich der TremLord 30 genau in diese Nische. Er könnte für Gitarristen interessant sein, die ihr Effektboard einfach nur vor einen klaren und lauten Verstärker hängen wollen und keine Verzerrung der Vorstufe des Verstärkers selbst nutzen möchten.

Im Gegensatz zu anderen Combos des Herstellers hat Orange für diesen Verstärker mit dem italienischen Lautsprecherdesigner Lavoce (übersetzt „die Stimme“) zusammengearbeitet, um einen Lautsprecher zu liefern, der „mehr Headroom“ liefert und den Vintagesound des TremLord 30 bestens unterstützen soll.

Die verbauten Endstufenröhren (EL84) sollen laut Aussage des Herstellers den „typisch britischen Ton“ erzeugen. Das klingt zunächst recht „blumig“, denn für den sogenannten „britischen Ton“ sind aus technischer Sicht, abgesehen von den Röhren, viele Faktoren vonnöten. Die EL34 ist durchaus gleichfalls für einen solchen Ton bekannt. Hier sollen seitens Orange eventuell gedankliche Parallelen zu einem VOX AC30 hergestellt werden. Der Sound des TremLords hat jedoch sehr wenig mit einem AC30 gemeinsam, wie wir später noch hören werden.

 

Orange TremLord 30 – Facts & Features

Der Orange TremLord 30 besitzt die Maße von 57 x 46 x 28,5 cm, ist außerordentlich stabil gebaut, was dem Gesamtklang des Combos sicherlich gut tut. Wie wir wissen, gibt es nichts umsonst oder mit anderen Worten, frei nach einem russischen Sprichwort ausgedrückt, „den Gratiskäse gibt es nur in der Mausefalle“, denn leider schlägt das Gewicht des TremLord 30 mit knapp 25 kg zu Buche, was den Transport recht unerfreulich macht, da der Verstärker gleichfalls auch relativ tief ist. Ohne ein Rollbrett im Gepäck sollte man mit dem Boliden besser nicht das Haus verlassen.

In der Vorstufe tummeln sich eine ganze Reihe von Röhren (drei ECC83 bzw. 12AX7 und zwei ECC81 bzw. 12AT7), da auch das Tremolo, der Einschleifweg und der Hall ganz traditionell mithilfe von Glaskolben arbeiten. Die Endstufe erzeugt mit ihren vier EL84-Endröhren bei Bedarf eine Leistung von ca. 30 Watt und arbeitet im Class-A/B Betrieb. Diese Leistung ist reduzierbar auf 15 oder ggf. auch 2 Watt. Damit die entstehende Wärme auch gut abziehen kann, besitzt der Verstärker ein parallel zum Griff eingelassenes schwarzes Gitter.

An Bord des TremLord 30 ist auch ein röhrengepufferter Effektweg. Die entsprechenden Klinkenbuchsen finden wir am Boden des Chassis auf der Rückseite des Verstärkers.

Orange TremLord Vogel

Tiefes Gehäuse für voluminösen Klang

Eine Besonderheit unseres Testobjekts ist der verbaute 12″ Lavoce Speaker. Diese italienische Firma hat laut Orange den idealen Lautsprecher für den TremLord 30 gebaut, da andere Lautsprechermodelle nach Empfinden Oranges den Klang des TremLord nicht optimal übertragen. Da der Amp auf eine traditionelle Ausstattung Wert legt, findet man keinen Schnickschnack wie beispielsweise eine USB-Schnittstelle, Lautsprechersimulation etc.

Selbstredend findet man auch beim TremLord 30, wie von Orange gewohnt, die firmentypischen optischen Merkmale wie das orangefarbene Tolex, die schwarzen Kunststoffecken, die hellbraune, sehr stabile Frontbespannung und die beiden großen Firmenembleme. Natürlich wurden auch die Bedienelemente mit den für Orange typischen Piktogrammen versehen. Wenn man mit einem Orange Verstärker liebäugelt, will man diese natürlich auch sehen.

Orange TremLord 30 – Bedienelemente

Rechtseitig der Eingangsbuchse finden wir den Volume-Regler, gefolgt von den Reglern Bass und Treble der zweibandigen Klangregelung. Einen Mastervolume-Regler besitzt der Verstärker nicht, da er für einen klaren Sound konzipiert wurde. Die Tachometersymbole über den beiden nächsten Reglern erlauben das unabhängige Einstellen zweier Tremologeschwindigkeiten, die sich dann mit einem Fußschalter (separat zu erwerben) umschalten lassen. Das Konzept erinnert an ein Leslie-Kabinett, das gleichfalls zwei wählbare Geschwindigkeiten hat und oft in Verbindung mit einer Hammond Orgel zum Einsatz kommt. Der Knopf mit dem Haifischflossen-Piktogramm justiert die Tiefe des Tremoloeffekts (Depht).

Der große Knopf mit dem „Spulensymbol“ ist für den Hallanteil verantwortlich. Am Boden des TremLord befindet sich der dazugehörige lange Halltank mit den entsprechenden Federn. Der Hall ist bei Bedarf über eine Buchse an der Chassisrückseite schaltbar, ein Fußschalter für diesen Job muss gleichfalls separat gekauft werden.

Ganz rechts am Frontpanel wird der Verstärker mittels eines stabilen Kippschalters eingeschaltet. Der stabile Stand-by-Kippschalter gestattet den Betrieb auf „Headroom Level“ gleichbedeutend mit der vollen Leistung von 30 Watt. Steht dieser Kippschalter in der Stellung „Bedroom“, werden lediglich 2 Watt Leistung an die Lautsprecher ausgegeben. In der Mittelstellung befindet sich der Verstärker im Stand-by-Modus (Anodenspannung unterbrochen).

Backpanel

Die Anschlüsse für die Lautsprecher, Fußschalter etc. sind an der Unterseite des Chassis angebracht, was ein gelegentliches Bücken bzw. Kippen des Verstärkers erfordert. Hier finden wir die Buchsen für den Effektweg und  die Lautsprecheranschlüsse. Das Tremolo und der Hall können per Fußschalter geschaltet werden. Zwei Tremologeschwindigkeiten lassen sich mit dem entsprechenden Fußschalter abrufen.

Die Chassisrückseite des TremLord 30

Entfernt man mittels des an der Unterseite des Chassis angebrachten Kippschalters zwei der vier EL84 Endstufenröhren aus dem Signalweg, produziert der Amp dann nur 15 Watt und im „Bedroom Modus“ entsprechend nur noch 1 Watt.

Der Verstärker zeigt sich recht flexibel, was den Anschluss von externen Lautsprecherboxen betrifft, was wir in der Anleitung aus folgender Grafik entnehmen können:

Orange TremLord 30 Anschlüsse

Die rückseitigen Anschlüsse

Orange TremLord 30 – Sound & Praxis

Wirft man den Boliden an, ist leider ein zu lautes Grundbrummen festzustellen. Dafür mag es viele Gründe geben, möglicherweise ein nicht optimales Abgleichen der Endröhren (Matching).

Aufgrund der Maße und der sehr stabilen Verarbeitung produziert der Amp einen schönen voluminösen Klang. Dieser weist klanglich wenig Parallelen zu Röhrenverstärkern anderer renommierten Firmen wie Fender, VOX, Marshall oder auch Mesa Boogie auf, sondern klingt insgesamt deutlich „mittiger“.

Orange TremLord Back

Halboffene Rückwand, sehr stabile Bauweise

Hören wir den Verstärker zunächst clean mit einer Strat und etwas integriertem Hall:

Festzustellen ist, dass das Nebengeräuschverhalten des Verstärkers nicht optimal ist und die Mitten und Höhen zu stark betont werden. Bereits bei der 9-Uhr-Stellung des Treble-Reglers sind ausreichend Höhen vorhanden. Dreht man den Höhenregler dann weiter auf, ist ein deutlich wahrnehmbares Rauschen zu vernehmen, was mit zunehmender Lautstärke des Verstärkers noch auffälliger wird:

Die Mitten des TremLords sind nur wenig „gescoopt“ und somit sehr direkt. Das unterstützt einerseits die Durchsetzungskraft und verbessert möglicherweise die „Pedalfreundlichkeit“ eines Verstärkers, etwas weichere Mitten wären jedoch durchaus wünschenswert.

Schauen wir, was die Briten dazu sagen:

Nun aktivieren wir das röhrengetriebene Tremolo mit mittlerer Geschwindigkeit (Regler auf 11 Uhr). Der Sound des Röhrentremolos ist „vintagemäßig“ und macht Freude:

Nun hören wir den Tremoloeffekt mit voller Geschwindigkeit:

Der Amp wurde für einen vorwiegend klaren Sound konzipiert, darum ist es natürlich auch äußerst interessant, etwas über seine „Pedalverträglichkeit“ zu erfahren. Ich klemme einen Friedman BE-Overdrive (Klon) mit ordentlicher Zerrung davor.

Das Ganze klingt überzeugend. Die Stärke der Gehäusewände ist sicherlich ausreichend stark. Das massive Gehäuse begünstigt einen fetten Ton, da hier ausreichend Volume zur Verfügung steht und bei Bedarf auch genug Bässe sauber transportiert werden können, ohne dass der Sound wummernd oder matschig wird.

Die Klangbeispiele wurden mit folgendem Equipment aufgenommen:

Stratocaster – Orange TremLord 30 – Shure SM57 – Apogee Duett – Mac mit Logic.

Fazit

Der Orange TremLord 30 wurde nicht zuletzt durch das röhrenbetriebene Tremolo und den Hall auf Röhrenbasis für den traditionell orientierten und vorwiegend klar spielenden Gitarristen konzipiert. Er ist aber aufgrund seiner Ausstattung deutlich flexibler als die Vintage-Boliden aus den Endsechzigern, an deren Schaltung er sich orientiert. Der Orange TremLord 30 besitzt klanglich grundsätzlich einen mittigeren Charakter als die vergleichbaren Konkurrenten im Röhrenverstärkersegment. Für die zu hohen Nebengeräusche musste es Abzug in der Gesamtwertung geben.

Plus

  • Röhrentremolo mit zwei schaltbaren Geschwindigkeiten
  • röhregetriebender Hall
  • röhrengebufferter Effektweg
  • Optik
  • Verarbeitung

Minus

  • Gewicht
  • Nebengeräuschverhalten
  • kein Fußschalter (Tremolospeed/Hall) im Lieferumfang

Preis

  • Ladenpreis: 1.199,- Euro
Klangbeispiele
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