Die Geschichte von Mike Matthews, Big Muff & Co.
Kaum ein Hersteller von Effektpedalen hat den Gitarrensound so nachhaltig geprägt wie Electro Harmonix. Seit den späten 60er-Jahren stehen die New Yorker für ungewöhnliche Schaltungen, charakterstarke Effekte und eine gehörige Portion Experimentierfreude. Von legendären Klassikern wie dem Big Muff bis zu modernen Pitch- und Modulationspedalen hat EHX immer wieder gezeigt, dass Effekte mehr sein können als bloße Klangkorrektur – nämlich kreative Werkzeuge für neue musikalische Ausdrucksformen.
Worum geht es? Die Geschichte von Electro Harmonix – vom experimentellen New Yorker Effektpionier der späten 60er bis zur modernen Kultmarke für kreative Gitarrensounds.
- Gründung: Mike Matthews gründet 1968 Electro Harmonix und prägt mit innovativen Effektpedalen früh den Sound moderner Rockmusik.
- Klassiker: Pedale wie Big Muff, Memory Man und Electric Mistress werden zu stilprägenden Effekten für Generationen von Gitarristen.
- Innovation: Geräte wie das POG zeigen EHX’ Stärke bei neuen Konzepten wie präzisem polyphonem Octave-Tracking.
- Comeback: Nach wirtschaftlichen Problemen in den 80ern gelingt in den 90ern eine erfolgreiche Renaissance der Marke.
- Philosophie: Electro Harmonix setzt bis heute auf charakterstarke Effekte, die Klang formen statt ihn nur zu korrigieren.
Inhaltsverzeichnis
Electro Harmonix – Klangvisionen aus New York
New York, 1968 – Der Beginn einer Klangrevolution
Als Mike Matthews 1968 in New York Electro Harmonix gründete, war die Musikwelt im Umbruch. Rock wurde lauter, experimenteller, politischer und psychedelischer. Es gab erste Ansätze von Hardrock-Bands und Studiotechnik wurde als kreatives Spielfeld genutzt. Klang war plötzlich mehr als bloße Verstärkung. Effekte waren damals allerdings keine Selbstverständlichkeit, sondern eher Nebenprodukte technischer Zufälle: übersteuerte Verstärker, kaputte Lautsprecher oder improvisierte Bastellösungen. Verzerrung entstand aus Überlastung, nicht aus Design.
Der junge Mike dachte jedoch anders. Wenn Verzerrung spannend klingt, warum sollte man sie nicht gezielt gestalten? Wenn Modulation Räume öffnet, warum sollte man sie nicht kontrollierbar machen? Dieser Perspektivwechsel war entscheidend. Statt Unfälle zu reproduzieren, wollte er Klang formen. Seine Zusammenarbeit mit findigen Ingenieuren führte früh zu Schaltungen, die nicht nur funktionierten, sondern auch Charakter hatten. Das erste größere Ausrufezeichen war der LPB-1 Linear Power Booster – ein unscheinbares Kästchen, das Gitarrensignale deutlich verstärken konnte und damit den angeschlossenen Amp gezielt in die Sättigung schob. Plötzlich ließ sich Drive dosieren. Und das war damals revolutionär.
Aus dieser Haltung entstand eine Marke, die nie nur Zubehör zum Gitarrensound liefern wollte. Electro-Harmonix verstand Effekte früh als kreatives Werkzeug – als Erweiterung des Instruments. Statt bloßer Klangkorrektur ging es um Transformation. Gitarristen sollten nicht nur lauter, sondern anders klingen. Das war keine technische Fußnote, sondern ein ästhetisches Statement.
Schon die frühen Produkte machten klar, wohin die Reise geht: mutige Schaltungen, unkonventionelle Designs und hier und da ein Hang zum Übertreiben. Während andere Hersteller auf Zurückhaltung setzten, positionierte sich Electro Harmonix als Gegenpol: laut, direkt, gerne schrill und manchmal fast trotzig. Diese Energie ist bis heute geblieben.
Der Big Muff und das singende Sustain
Kaum ein Pedal ist so eng mit dem Namen Electro Harmonix verbunden wie der Big Muff Pi. Anfang der 70er-Jahre eingeführt, definierte er das Fuzz-Konzept neu. Statt harscher, kratziger Verzerrung bot der Big Muff ein fast orchestrales Sustain: cremig, komprimiert und mit einem farbigen Mittenspektrum. Lead-Sounds klangen plötzlich größer als das Instrument selbst, fast wie eine zusätzliche Spur im Arrangement.
Gitarristen wie David Gilmour nutzten ihn für ihre epischen, singenden Soli, während Alternative- und später auch Grunge-Musiker seine dichte, wuchtige Textur schätzten – und es bis heute tun.
Der Big Muff war kein subtiler Effekt. Er war ein echtes Statement. Akkorde und Riffs wurden zu Klangwänden, Einzeltöne zu tragenden Linien mit beinahe vokaler Qualität. Gleichzeitig reagierte das Pedal sensibel auf Anschlag und Lautstärke. Wer mit dem Volume-Poti der Gitarre arbeitete, entdeckte viele neue Settings. Genau darin lag das Geheimnis: brachiale Kraft und musikalische Formbarkeit in einem Gehäuse.
Ähnlich prägend war das Memory Man, das Electro Harmonix im Jahr 1976 der Öffentlichkeit präsentierte. Als analoges Delay mit charakteristischer Modulation brachte es Wärme und Bewegung in die Wiederholungen. Die Echos zerfielen organisch, leicht instabil und fast lebendig. Gerade diese Imperfektion machte den Reiz aus. Das Memory Man färbte das Signal – und genau das wollte man hören.
Viele moderne Delay-Konzepte orientieren sich bis heute an dieser Schaltung, bewusst oder unbewusst. Es war weniger ein Effekt als fast schon ein atmosphärisches Instrument.
Nicht weniger ikonisch war das ebenfalls 1976 erschienene Electric Mistress. In einer Zeit, in der Modulationseffekte noch als experimentell galten, eröffnete es schimmernde, metallische Klangräume zwischen Chorus und Jet-Flange. Der Sound konnte subtil schwebend oder radikal psychedelisch sein, perfekt für Akkordflächen oder bizarre Akzentuierungen.
Besonders im Studio entwickelte sich das Electric Mistress zu einem Werkzeug, um dem Signal Tiefe und Bewegung zu verleihen, ohne es im Mix zu überladen. Die feinen Kammfilterbewegungen verliehen selbst simplen Riffs eine fast dreidimensionale Qualität.
Ein weiteres Schlüsselpedal ist das POG. Mit seiner präzisen, polyphonen Tracking-Technologie hob es das Octaver-Prinzip auf ein neues Niveau. Akkorde ließen sich plötzlich sauber eine oder zwei Oktaven nach oben oder unten verdoppeln, ohne das typische „Glitchen“ früherer Konzepte. Das Ergebnis reichte von 12-String-Gitarren über orgelartige Texturen bis hin zu massiven Bassfundamenten.
Auch hier zeigte sich die typische EHX-DNA: technische Innovation im Dienst musikalischer Fantasie – und immer mit einem klaren, eigenständigen Klangcharakter versehen.
Gleichzeitig bewies Electro Harmonix mit Pedalen wie dem Holy Grail, dass digitale Effekte nicht steril klingen müssen. Die Hallprogramme waren direkt, musikalisch und unkompliziert zugänglich. Die Philosophie ist pragmatisch: analog, wenn es musikalisch Sinn ergibt. Digital, wenn es neue Möglichkeiten eröffnet. Ideologie spielt eine untergeordnete Rolle. Entscheidend war und ist bis heute das klangliche Ergebnis.
Krise, Comeback und die zweite Blüte
Wie viele visionäre Unternehmen erlebte auch Electro Harmonix schwierige Zeiten. In den 80er-Jahren geriet die Firma wirtschaftlich unter Druck und die US-Produktion wurde zeitweise eingestellt. Für einen Moment schien es, als würde die Marke in der Geschichte verschwinden.
Doch Mike Matthews kehrte zurück. In den 90ern begann die Renaissance. Klassiker wurden neu aufgelegt, Produktionsprozesse modernisiert und internationale Kooperationen aufgebaut.
Gleichzeitig öffnete man sich neuen Technologien. Dieses Comeback war kein nostalgisches Aufwärmen alter Ideen, sondern eine strategische Neuaufstellung. Electro-Harmonix verstand, dass Vintage-Charme allein nicht reicht. Innovation musste weiterhin Teil der Identität bleiben.
Genau hier entstand die Balance, die das Unternehmen bis heute prägt: Respekt vor analogen Wurzeln, kombiniert mit Offenheit für digitale Entwicklungen.
Dabei spielte auch die globale Fertigungsstruktur eine Rolle. Teile der Produktion wurden nach Russland verlagert. Das brachte nicht nur wirtschaftliche Stabilität, sondern eröffnete auch neue technische Ressourcen, etwa im Bereich der Röhrenfertigung.
Parallel dazu wuchs das Portfolio stetig weiter. Neben Reissues legendärer Klassiker entstanden kompaktere Gehäuseformate, experimentelle Modulations- und Pitch-Effekte sowie hybride Konzepte, die analoge Signalführung mit digitaler Steuerung verbanden.
Electro Harmonix lernte aus der Krise und entwickelte ein Gespür für Marktbewegungen, ohne seine Eigenständigkeit aufzugeben. Diese zweite Gründungsphase war weniger laut, aber strategisch klug. Sie legte das Fundament für die heutige, enorm breite Produktpalette der Marke.
Design – sehen und gesehen werden
Optisch war Electro Harmonix nie minimalistisch. Große Gehäuse, auffällige Grafiken und klare Typografie – die Pedale wollten gesehen werden. Sie wirkten wie Werkzeuge aus einem alternativen Technikuniversum, nicht wie sterile Studiohardware.
Später folgte die kompaktere Nano-Serie, doch der Wiedererkennungswert blieb. Selbst auf überfüllten Pedalboards erkennt man ein EHX-Gerät meist sofort.
Ein wichtiger Aspekt ist die Preisgestaltung. Im Gegensatz zu vielen Boutique-Herstellern blieben zahlreiche EHX-Pedale vergleichsweise erschwinglich. Das machte es Generationen von Musikern möglich, mit charakterstarken Effekten zu experimentieren, ohne ein Vermögen auszugeben.
Electro Harmonix wurde dadurch nicht nur Kultmarke, sondern auch Einstiegspunkt in kreative Klanggestaltung. Für viele Gitarristen war ein EHX-Pedal das erste Gerät, das wirklich „nach Platte“ klang.
Charakter statt Perfektion
Electro Harmonix steht für Klang mit Persönlichkeit. Für Effekte, die nicht neutralisieren, sondern formen. Für Geräte, die manchmal eigenwillig reagieren und genau dadurch inspirieren.
In einer Ära perfekter Modeling-Systeme und klinisch präziser Simulation erinnert EHX daran, dass Musik von Reibung lebt: von Kompression, die atmet, von Modulation, die schwebt und von Verzerrung, die dynamisch singt.
Vielleicht liegt genau darin das Erfolgsgeheimnis. Electro-Harmonix baut keine unsichtbaren Helferlein, sondern hörbare Mitspieler. Geräte, die den Musiker herausfordern und ihn gleichzeitig belohnen.
Zwischen Wahnsinn und Weltkarriere, zwischen Experiment und Hitproduktion hat sich die Marke ihren festen Platz erarbeitet.
Und solange Gitarristen und längst auch Bassisten, Keyboarder und Produzenten nach neuen Ausdrucksformen suchen, wird dieser Name weiter auf Pedalboards rund um den Globus stehen. Nicht als Nostalgie-Relikt, sondern als lebendiger Teil moderner Klangkultur.







































Die hatten auch mal einen kleinen Synthie. In einem befreundeten Studio hatten sie den an die Wand genagelt
@Tai Wirklich? Ist mir bei der Recherche zum Artikel wohl entfallen … danke für die Ergänzung 😇
@Stephan Güte gemeint ist wohl der Electro-Harmonix EH0400 Mini Synthesizer – der wurde mal als iOS App hier besprochen
https://www.amazona.de/test-electro-harmonics-mini-synthesizer-ios-app/
Der Microsynth (Bass) ist für Gitarre bzw Bass.
Wurde auch mal hier getestet https://www.amazona.de/test-electro-harmonix-analog-guitar-micro-synthesizer-synthesizer-fuer-e-gitarre/
@Tai ui, die sind wohl Recht rar… 😉
@Tai Sah der so ähnlich aus wie dieser?
https://www.ehx.com/products/micro-synth/
@chardt Ja, so ähnlich.
Kann mich noch daran erinnern, dass der Verkäufer im Musik Store in Köln so um 1980 rum, sich geweigert hat, uns Jugendlichen den Synth vorzuführen. Konnte man nämlich auch eine Gitarre anschließen und Krach machen.
@chardt ähnlich ja, bin nicht mehr ganz sicher. War evtl. schmaler. Aber mit diesen Schiebepotis. Das hier ist vermutlich eine spätere Version.
@Tai einer mit waspmässigen FolienTasten?
@Tai Gibt/gab es auch für das iPad. Ich daddle regelmäßig mit dem herum. Weil er einfach Spass macht und gut klingt. Nennt sich EHX Mini-Synthesizer. War damals die erste „Kauf-App“ für mein allererstes iPad …
@Tai , EHX hat auch einiges für die Synth und Sequenzer Fraktion gebaut. Da wäre der Clockworks, ein super Clockteiler/ Trigger, Crashpad und Spacedrum. Der Eight Step Sequenzer. Und nicht zu vergessen, die Electric Mistress, Small Stone. Was an den FX sehr genial ist, sie lassen sich mit CV steuern.
@TobyB ja, liebe die Firma!
und die genialen Grafiken und Namen der Geräte 😉
cool. liebe ehx!
Grad einen Bass Big Muff gekauft..
echt gut für die td3 (303 Klon), Metal Zone und mega distortion haben zu viele gain…
@Numitron der funzt am synth nur weil du halb Original dazumischen kannst … ;)
sonst kommt da nur noch Grütze raus
(es ist super nervig mit Pedalen einmal nix zu basteln … wenn es das pedal nicht anbietet )
dem gitarristen wird das nix machen, der hat eh 10 von den boxen da ist eine mehr dann auch egal)
@plumperquatsch findest du?
klingt für mich sehr nach „da Funk“
kann dir gern ein Video schicken.
das bei aber bei maximalem gain, weniger geht natürlich auch. 😜
ist genau, was ich wollte..
und ich leider schwierig das richtige zu finden.
könnte natürlich die td3 zum Shop mitnehmen, wäre die beste Idee.
@Numitron ich find die big muffs klingen gut wenn man die so mittig eqed einstellt, das knarzt schön.
dann geht aber sämtlicher bass vom synth flöten …
um das zu kompensieren mix ich das original Signal dazu …
@plumperquatsch ah!
OK,.gute Idee! 😊
@Numitron 🙏🏻
Danke für die schöne Übersicht, aber eine kurze Erwähnung der „Serie 9“ (B9, C9, Strings9, Synth9 etc.) wäre vielleicht noch angebracht. Immerhin finden sich einige in der Link-Liste:
https://www.amazona.de/top-news-electro-harmonix-synth9/
https://www.amazona.de/top-news-electro-harmonix-mel9/
Und – hoppla! – auch der hier:
https://www.amazona.de/test-electro-harmonix-analog-guitar-micro-synthesizer-synthesizer-fuer-e-gitarre/
;)
@chardt die haben aber ziemliche Latenz Probleme, oder?
Schönes Porträt des ikonischen Pedal- Herstellers.
Charakter statt Perfektion finde ich gut.
ich hab den alten deluxe memory man mit inserts für den feedbackloop, der ist super und gebaut wie ein panzer. (gibts nur noch gebraucht).
ich hab auch den sequencer, der push button ist nach 6 Wochen sanfter studiobenutzung abgekackt und der sequencer kann jetzt nur noch random die steps anfahren. 😱
ich kauf bei denen nix mehr.
@plumperquatsch äh push encoder war gemeint.
den small stone hab ich auch,
der langweiligste phaser der welt, imho.
@plumperquatsch aber der jarre 😜
viel mehr geht halt nicht 😉
super finde ich den Namen ded Pedals „Eddie“ passenderweise Chorus und phaser. 😎🤘
@Numitron och mit dem moog phaser kann man sich endlos amüsieren wegen der cv Steuerung ;)
der small stone liegt bei mir nicht mal mehr auf dem Tisch, der verschimmelt in einer Schublade.
„Der Big Muff und das singende Sustain wie Santana“
die gitarristen sprechen einfach eine andere sprache mit Referenzen die mir nix sagen. 😂
gemeint ist recht brutales fuzz, heftig komprimiert und dumpf bis mittig gefiltert
als reference würd ich sagen „Suicide“ – Schweineorgel + big muff …
https://www.youtube.com/watch?v=e6tcI9_KpZU
suicide – che