Die Entzauberung der Legenden
JHS Pedals gehört heute zu den bekanntesten Namen der Boutique-Pedal-Szene. Verantwortlich dafür ist nicht nur eine ganze Reihe erfolgreicher Effektgeräte, sondern vor allem Gründer Josh Scott, der mit seinem YouTube-Kanal und seiner Leidenschaft für die Geschichte von Effektpedalen weltweit eine große Fangemeinde aufgebaut hat. Doch wie entstand die Marke aus Kansas City eigentlich und welche Pedale haben JHS Pedals zu dem gemacht, was die Firma heute ist?
Worum geht es? JHS Pedals hat sich vom kleinen Modding-Projekt zu einem der bekanntesten Boutique-Hersteller der Gitarrenszene entwickelt. Hinter dem Erfolg steht vor allem Gründer Josh Scott mit seiner Leidenschaft für Effektpedale und deren Geschichte.
- Josh Scott: Sammler, Entwickler und YouTuber mit enormem Einfluss auf die Gitarrenszene.
- Klassiker: Pedale wie Morning Glory, Angry Charlie oder PackRat genießen längst Kultstatus.
- Philosophie: Bewährte Schaltungen werden analysiert, weiterentwickelt und neu interpretiert.
- Vielfalt: Vom transparenten Overdrive bis zu experimentellen Spezialeffekten ist nahezu alles vertreten.
- Bedeutung: JHS Pedals verbindet Wissen, Unterhaltung und kreative Produktentwicklung wie kaum ein anderer Hersteller.
Inhaltsverzeichnis
JHS Pedals – alte Schaltungen, neue Geschichten
Wer schon einmal auf dem YouTube-Kanal von Josh Scott gelandet ist, wollte vermutlich nur schnell etwas über einen betagten Overdrive oder ein altes Fuzz-Pedal erfahren. Eine Stunde später weiß man plötzlich, warum ein Fuzz aus den Siebzigerjahren bis heute verehrt wird und weshalb manche Gitarristen für alte Effektpedale Summen bezahlen, für die andere einen Gebrauchtwagen kaufen.
Wie groß Scotts Einfluss inzwischen geworden ist, zeigte sich Anfang 2023 eindrucksvoll am Digitech Bad Monkey. Nachdem Josh das längst eingestellte Overdrive-Pedal in einem Video mit deutlich teureren Boutique-Geräten verglichen hatte, stieg die Nachfrage auf dem Gebrauchtmarkt sprunghaft an. Entsprechend zogen auch die Preise innerhalb kurzer Zeit deutlich an. Kaum ein anderes Ereignis verdeutlichte besser, welche Aufmerksamkeit seine Einschätzungen innerhalb der Gitarrenszene inzwischen genießen.
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Und genau hier liegt die Besonderheit von JHS Pedals. Hinter der Marke aus Kansas City steht kein klassischer Unternehmer, sondern ein leidenschaftlicher Sammler, Tüftler und Geschichtenerzähler, der sich seit vielen Jahren intensiv mit der Welt der Effektpedale beschäftigt. Während andere Hersteller vor allem nach dem nächsten großen Wurf suchen, blickt Josh Scott häufig erst einmal zurück. Nicht, um alte Ideen einfach zu kopieren, sondern um herauszufinden, warum bestimmte Schaltungen bis heute so beliebt geblieben sind.
Aus dieser Begeisterung entstand 2007 JHS Pedals. Was zunächst mit Modifikationen bestehender Effektgeräte begann, entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einem der bekanntesten Boutique-Hersteller der Gitarrenszene. Modelle wie der Morning Glory, das PackRat oder das Sweet Tea zeigen dabei recht deutlich, worum es bei JHS geht: klassische Klangideen verstehen, weiterentwickeln und mit eigenen Ansätzen in die Gegenwart holen.
Josh Scott – der Mann hinter JHS Pedals
Wie bei vielen Boutique-Herstellern begann auch die Geschichte von JHS nicht in einer großen Fabrikhalle. Die ersten modifizierten Effektpedale entstanden auf einem einfachen Klapptisch in einem kleinen Dachzimmer in Jackson, Mississippi. Josh beschäftigte sich zunächst damit, bestehende Pedale zu modifizieren und an die Wünsche seiner Freunde anzupassen.
Dabei ging es ihm weniger darum, völlig neue Sounds zu erfinden. Viel spannender fand Josh die Frage, warum bestimmte Schaltungen über Jahrzehnte hinweg so beliebt geblieben waren, während andere längst in Vergessenheit geraten sind.
Je tiefer er in die Materie eintauchte, desto stärker entwickelte sich aus dem Hobby eine echte Leidenschaft. Alte Overdrives, Fuzz- und Distortion-Pedale wurden zerlegt, analysiert und miteinander verglichen. Aus den gewonnenen Erkenntnissen entwickelte er schließlich die ersten eigenen Schaltungen, bevor 2007 der Startschuss für seine Firma JHS Pedals fiel.
Dass JHS heute weit mehr ist als nur ein weiterer Boutique-Hersteller, liegt nicht zuletzt an Josh Scott selbst. Während viele Firmen ihre Produkte präsentieren und anschließend wieder aus dem Blickfeld verschwinden, steht Scott seit Jahren regelmäßig vor der Kamera. Auf seinem YouTube-Kanal spricht er über Effektpedale, ihre Geschichte und die oft erstaunlichen Geschichten dahinter. Dabei geht es selten darum, welches Pedal gerade angesagt ist. Viel häufiger dreht sich alles um alte Schaltungen, vergessene Hersteller und die Frage, warum manche Ideen auch Jahrzehnte später noch auf vielen Pedalboards ihren Job verrichten.
Klassiker & eigene Ideen
Wer sich einen Überblick über das Sortiment von JHS verschafft, landet früher oder später beim Morning Glory. Das Pedal gehört wohl zu den bekanntesten Effekten der Firma und orientiert sich klanglich am begehrten Marshall-Bluesbreaker-Pedal der Neunzigerjahre. Statt die Schaltung einfach nur zu kopieren, spendierte JHS dem Morning Glory mehr Reserven und zusätzliche Funktionen. Das gilt insbesondere für den Expression-Anschluss, über den sich der integrierte Gain-Boost bequem per externem Fußschalter aktivieren lässt.
Das Pedal klingt sehr transparent und reagiert sensibel auf Anschlagstärke sowie das Volume-Poti der Gitarre. Genau deshalb findet man das Morning Glory heute auf vielen Pedalboards – nicht selten sogar als „Always-on-Pedal“. Übrigens: Eine abgewandelte Version, den Morning Glory Clean, hatten wir vor Kurzem erst im Test. Meinen Testbericht dazu kann man HIER nachlesen.
Der Angry Charlie gehört zu den Pedalen, bei denen man eigentlich schon vor dem ersten Ton weiß, worum es geht. Die Regler sitzen dort, wo man sie bei einem klassischen JCM-800-Marshall-Top erwarten würde und spätestens nach den ersten Riffs und Licks verschwinden auch die letzten Zweifel. Die Reise führt direkt in die Achtzigerjahre – inklusive bissiger Rhythmussounds, singender Leads und einer gehörigen Portion Haarspray. Statt den Sound eines JCM 800 digital nachzubilden, setzt JHS einmal mehr auf eine komplett analoge Schaltung und packt den Charakter eines übersteuerten Marshalls in ein Gehäuse, das deutlich kompakter als sein berühmtes Vorbild ist.
Besonders gut lässt sich die Denkweise von Josh Scott am PackRat erkennen. Statt einfach nur eine weitere Version des bekannten Rat Distortion zu bauen, packt er gleich mehrere Entwicklungsstufen der Schaltung in ein einziges Gehäuse. Beim Durchschalten der einzelnen Modi wird deutlich, wie unterschiedlich sich die verschiedenen Generationen der „Ratte“ im Detail verhalten können. Mal klingt es etwas bissiger, mal etwas offener oder komprimierter. Das PackRat ist damit weniger ein gewöhnliches Distortion-Pedal als vielmehr eine Zeitreise durch die Geschichte einer der wohl bekanntesten Zerrschaltungen überhaupt.
Ein weiteres Aushängeschild der Firma ist die Colour Box. Streng genommen handelt es sich dabei nicht einmal um ein klassisches Gitarrenpedal. Vielmehr steckt dahinter ein Vorverstärker, der sich klanglich an den berühmten Neve-Preamps klassischer Studiomixer orientiert. Gitarren, Bässe, Keyboards, Vocals oder komplette Aufnahmen können damit bearbeitet werden. Die Colour Box gehört bis heute zu den ungewöhnlichsten „Effekten“ im Sortiment von JHS und zeigt, dass Josh Scott durchaus bereit ist, gelegentlich über den Tellerrand klassischer Overdrive- und Distortion-Pedale hinauszuschauen.
Ein kleiner Teil unserer JHS Pedals Reviews
Wie breit das Sortiment von JHS inzwischen aufgestellt ist, zeigen auch die Pedale, die wir schon bei uns auf dem Prüfstand hatten. Obwohl alle Geräte denselben Firmennamen tragen, könnten die Ansätze teilweise kaum unterschiedlicher ausfallen.
Mit dem Lari Basilio Overdrive entstand beispielsweise ein Signature-Pedal für die brasilianische Gitarristin Lari Basilio. Statt auf maximale Verzerrung setzt das Pedal auf Dynamik und eine wunderbar offene Ansprache. Je nach Anschlag und Stellung des Volume-Potis lassen sich unterschiedliche Nuancen abrufen, ohne dass der Grundcharakter der Gitarre dabei verloren geht. Vor allem Spieler, die ihren Verstärker gerne nur leicht anschieben und viel Wert auf Ausdruck und Kontrolle legen, dürften an dem Teil Gefallen finden. Mein geschätzter Kollege Axel Ritt hat das Pedal getestet, den Link zum Review gibt es HIER.
Noch etwas schräger ging es beim Double Dragon zu, das ich erst vor Kurzem getestet habe. Eigentlich wollte ich nur kurz herausfinden, in welche Richtung sich das Pedal bewegt. Eine ganze Weile später saß ich immer noch vor dem Verstärker und probierte verschiedene Einstellungen aus. LoFi-Sounds, Oktaveffekte und Fuzz werden hier auf eine Weise kombiniert, die immer wieder für Überraschungen sorgt. Nicht jeder Ton klingt so, wie man ihn zunächst erwartet hätte – aber genau darin liegt der Reiz. Mein Review über das JHS Double Dragon könnt ihr HIER finden.
Das 3 Series Octave Reverb gehört zu den Pedalen, bei denen man nach dem ersten Akkord oft automatisch noch einen zweiten spielt. Und dann noch einen dritten. Die Kombination aus Hall und zusätzlicher Oktavstimme erzeugt Sounds, die deutlich größer wirken als das eigentliche Gitarrensignal. Einzelne Töne schweben lange im Raum, während sich aus einfachen Akkorden dichte Klanggebilde erzeugen lassen.
Wer Atmosphäre, Soundflächen oder ungewöhnliche Texturen mag, findet hier reichlich Stoff zum Experimentieren. Auch mit dem 3 Series Octave Reverb hatten wir uns schon genauer beschäftigt – wieder war Axel am Zug, zum Testbericht geht es hier lang.
JHS Pedals gehört heute ganz sicher zu den bekanntesten Herstellern in der bunten Welt der Boutique-Effekte. Das liegt jedoch nicht allein an gelungenen Overdrives, Fuzz-Pedalen oder ausgefallenen Spezialeffekten. Vielmehr hat „Mastermind“ Josh Scott es geschafft, seine Begeisterung auf eine Weise zu vermitteln, die ansteckend wirkt.
Mit seinem YouTube-Kanal erreicht er inzwischen hunderttausende Nutzer weltweit und dürfte mehr Menschen für die Welt der Effektpedale begeistert haben als viele Hersteller zusammen. Und vermutlich sitzt irgendwo gerade wieder ein Gitarrist vor dem Rechner, wollte eigentlich nur ein kurzes Video über einen Overdrive anschauen und fragt sich eine Stunde später, wie er plötzlich bei einem Fuzz-Pedal aus den Siebzigerjahren gelandet ist.









































Danke für den Artikel!
Bin seit Jahren User diverser Pedale von JHS und bin begeistert von Sound und Qualität. Am meisten aber gefällt mir das Mitteilungsbedürfnis von Josh Scott, man lernt viel und es ist auch sehr unterhaltsam. Weiter so!
der Channel ist echt genial!
man merkt sein Interesse und Fachwissen!
hab zwar noch kein Pedal (spiele Synths)
aber das angry Charly (Zusammenarbeit mit Boss, Blues Driver und angry Charly in einem)
und die günstigstere 3er Serie interessieren mich.
@Numitron ah!
OK, danke!
dachte eh der Blues Driver ist viel schöner 😁
Geschichten die Musik nacherzählen. Josh Scott ist DER Zeithistoriker der Gitarrenszene. Sein Format ist einfach großartig und er selbst nimmt sich dabei auch nicht allzu wichtig. Das macht ihn sympathisch und witzig zugleich. Ich finde es immer wieder faszinierend, wenn er uns vor Augen (und Ohren) führt, wie „wenig Magie“ hinter so manchem Gitarrenpedal steckt. Gleichzeitig lässt er uns aber wissen, dass hinter jeder Legende ein funken Wahrhaftigkeit und Magie steckt. Herrlich! Forever Josh.
Ich habe JHS auf youtube gefunden als er die Behringer Pedale mit den Originalen verglich und anspielte, sehr lustig und oft mit „it sounds exactly the same“ Kommentar. Und dem passenden Gesichtsausdruck 😁
Sehr spannender Youtube Kanal, selbst für jemanden der nur nebenbei ein bisschen Gitarre spielt.
Sehr schöner Artikel! Der Titel hat mich etwas irritiert, ich dachte erst, die „Legende“ JHS sei entzaubert, und ginge es um die Originalschaltungen, wäre der Inhalt des Youtube-Kanals auch das Gegenteil von Entzauberung.
Ist das nicht auch der, der über einen längeren Zeitraum immer seine Amps gezeigt, aber einen Kemper genutzt hat? Sehr unterhaltsam!
Josh Scott hat vermutlich mehr Gitarristen dazu gebracht, „nur mal kurz ein Pedalvideo anzuschauen“ und eine Stunde später über Fuzz-Schaltungen aus den 70ern zu diskutieren als jeder andere auf YouTube. 😄 Dass dabei auch günstige Pedale mal glänzen dürfen, macht ihn für mich besonders sympathisch.