Effekte für nicht jeden – vom Nebengeräusch zum Charaktersound
Wenn man die Geschichte von Old Blood Noise Endeavors erzählen will, sollte man weniger bei Zahlen, Produktionsstätten oder Marktanteilen anfangen, sondern eher bei einer Haltung. Denn OBNE ist keine Firma, die aus der klassischen Idee heraus entstanden ist, bestehende Sounds zu verfeinern oder bekannte Effekte besser zu machen. Old Blood Noise Endeavors ist vielmehr der Versuch, Klang als Experiment zu begreifen. Manchmal als Einladung, manchmal als Provokation. Aber immer gegen jeden Mainstream.
Inhaltsverzeichnis
Old Blood Noise Endeavors – Abseits des Mainstream
Einige unserer Leser werden sich fragen, warum in letzter Zeit so viele Pedale der Firma Old Blood Noise Endeavors in den Fokus gerutscht sind. Nun, der Grund ist einfach bzw. zweifach. Zum einen gibt es erwähnenswerte Neuigkeiten dieser Firma, zum anderen starten wir eine neue Reihe mit Firmenporträts sogenannter Boutique-Hersteller. Firmen, die hochwertige Geräte für uns Musiker entwickeln und die ein gewisses Edelflair verbreiten.
Gegründet wurde Old Blood Noise Endeavors Mitte der 2010er-Jahre von Brady Smith in Oklahoma City. Smith war zu diesem Zeitpunkt bereits tief in der amerikanischen Boutique-Pedal-Szene verwurzelt, unter anderem durch seine Arbeit bei Keeley Electronics und Walrus Audio. Doch während dort der Fokus zunehmend auf klar umrissenen, musikalisch sofort einsetzbaren Effekten lag, entwickelte sich bei Smith eine andere Idee: Was passiert, wenn man Effekte nicht primär als Werkzeuge denkt, sondern als Instrumente? Wenn man Musiker nicht an die Hand nimmt, sondern sie bewusst in unbekanntes Terrain schubst?
Der Name Old Blood Noise Endeavors ist dabei mehr als ein skurriler Kunstgriff. Er klingt nach archaischer Energie, nach Nebengeräuschen, die normalerweise ungewollt sind – und genau dort beginnt die Philosophie der Firma. OBNE interessiert sich nicht für den perfekten Sound im klassischen Sinne, sondern für das, was dazwischen liegt: Artefakte, Zufälligkeiten, Unschärfen.
Die frühen Pedale wie etwa das Procession machten schnell deutlich, wohin die Reise gehen sollte. Reverb war hier kein Raum, sondern ein Werkzeug. Ein Klang, der sich schwer definieren lässt, manchmal sogar widerspenstig reagiert. Dark Star wurde so etwas wie das Aushängeschild der Firma: atmosphärisch, ungewöhnlich, nicht immer kontrollierbar – aber immer inspirierend. Procession wiederum kombinierte Reverb mit beweglichen Modulationen und verwandelte Flächen in lebendige Texturen. Effekte, die nicht schön sein wollten, sondern charakterstark.
Was OBNE von vielen anderen Boutique-Herstellern unterscheidet, ist die Inkaufnahme von Komplexität. Pedale wie Rever, Fault oder später Alpha Haunt verlangen vom Nutzer Aufmerksamkeit. Sie wollen entdeckt werden, nicht einfach konsumiert. Besonders deutlich wird das bei den Drive-Pedalen der Firma: Verzerrung ist bei OBNE selten nur Gain. Sie ist Textur, Geräusch, manchmal fast Zerstörung, dabei aber immer musikalisch gedacht.
Dabei bleibt Old Blood Noise Endeavors trotz aller Experimentierfreude erstaunlich bodenständig. Die Firma wächst langsam, kontrolliert und mit klarer DIY-Mentalität. Design, Entwicklung und Community-Arbeit greifen ineinander. Die grafische Gestaltung der Pedale ist kreativ, oft fast zurückhaltend reduziert. Man lässt den Klang für sich sprechen. Auch das ist Teil der Philosophie: kein visuelles Spektakel. Nur Konzentration auf das Wesentliche.
Ein wichtiger Aspekt der OBNE-Identität ist die Nähe zur Community. Viele Entwicklungen entstehen aus direktem Austausch mit Musikern. Updates, Version-2-Modelle oder neue Funktionen wirken wie Antworten auf echte Nutzungserfahrungen. Das zeigt sich etwa bei der Weiterentwicklung des Dark Star oder bei Pedalen wie Minim, das Delay und Reverb in einem ungewöhnlich musikalischen Kontext vereint.
Gleichzeitig entwickeln sich OBNEs Effekte zunehmend als modulare Systeme. Expression-Eingänge, externe Steuerungsmöglichkeiten und Geräte wie der Expression Ramper oder Signal Blender öffnen die Pedale für Setups jenseits des klassischen Pedalboards. Hier zeigt sich ein fast schon synthesizerhaftes Denken – Effekte als modulare, bewegliche Parameterlandschaften.
Pedalwelt oder Parallelwelt?
Trotz aller Eigenwilligkeit hat Old Blood Noise Endeavors längst seinen festen Platz in der internationalen Pedalwelt gefunden. OBNE-Pedale tauchen nicht nur auf Ambient-Boards oder in experimentellen Kontexten auf, sondern ebenso bei Songwritern, Indie-Gitarristen und Studio-Produzenten. Gerade weil die Effekte nicht vorschreiben, wie man sie zu nutzen hat, funktionieren sie in ganz unterschiedlichen musikalischen Welten.
Für Aufsehen sorgt immer wieder eine Lady, die die Pedale von Old Blood Noise Endeavors in einem Kontext nutzt, den die wenigsten von uns auf dem Schirm haben dürften: Harp Lady. Was hier akustisch geboten wird, sind immer wieder sphärische Klanglandschaften, die allein ein Album füllen würden, das ich sofort kaufen würde.
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Social Media als Chance
Überhaupt nutzen Old Blood Noise Endeavors das Internet auf die beste Art und Weise: Sie quatschen, sie jammen, sie demonstrieren. Und in einer Zeit, in der Spotify und Co. die Macht haben, bildet sich so Stück für Stück eine Opposition. Weg vom Mainstream, hin zu individuellen Klangexperimenten. Selbstverwirklichung ist Teil des Konzepts, Unvorhersehbarkeit ist Stilmittel.
Old Blood Noise Endeavors hat einen eigenen YouTube-Channel, der unbedingt gesehen werden will. Das Konzept „Coffee and Riffs“ scheint nicht genug Wellen in die Crema geschlagen zu haben, aber die alten Videos sind sehens- und hörenswert.
Heute steht Old Blood Noise Endeavors für eine klare, musikalische Haltung: Klang darf unbequem sein. Effekte dürfen Fragen stellen, statt Antworten zu liefern. Und Musik entsteht oft dort, wo Kontrolle bewusst aufgegeben wird. In einer Zeit, in der viele Produkte auf maximale Effizienz und sofortige Befriedigung ausgelegt sind, wirkt OBNE fast entschleunigend – ein Hersteller, der zum Experimentieren, aber auch zum Zuhören zwingt.
Vielleicht ist genau das der Kern der Firmenhistorie von Old Blood Noise Endeavors: eine kontinuierliche Weigerung, sich festzulegen. Stattdessen lädt OBNE dazu ein, im „old blood noise“ zu wühlen – und darin etwas Eigenes zu finden.
Fiktiver Ausblick – OBNE in den nächsten Jahren
Wenn man OBNE in die Zukunft denkt, darf man eines gleich vorwegnehmen: Langweilig wird es nicht. Die Firma wird kaum plötzlich auf Mainstream-Sounds setzen oder Pedale bauen, die jeder sofort versteht. Im Gegenteil – wer auf der Suche nach Effekten ist, die brav klingen, sollte wohl besser woanders schauen.
Technisch wird es wahrscheinlich noch ein Stück chaotischer. Man kann sich vorstellen, dass OBNE in den kommenden Jahren weiter an Pedalen tüftelt, die irgendwo zwischen analogen Rauschkaskaden und digitalen Klangexperimenten balancieren. Klingt kompliziert? Ist es wahrscheinlich auch. Aber genau das macht ja den Reiz aus. Ein OBNE-Pedal, das sich weigert, sich zu benehmen, wird wohl das typische „klingt sofort wie auf Platte“-Rezept nie liefern. Und das ist gut so – für alle, die gerne ihre Gitarre mal über den Abgrund schicken.
Old Blood Noise Endeavors wird sich vermutlich nicht ändern. Die Effekte werden komplexer, manchmal launischer und wahrscheinlich auch ein wenig teurer. Aber wer seine Pedale liebt, weil sie Charakter haben und nicht, weil sie brav klingen, wird die Firma weiter feiern.
Und falls ein zukünftiges OBNE-Pedal mal wieder völlig (un-) erwartet seinen eigenen Kopf entwickelt: einfach zurücklehnen, lächeln und die Ironie genießen. Genau dafür gibt es die Pedale ja.
































OBNE haben gerade mit Emily Hopkins das wunderbare „Partning“-Multieffektpedal vorgestellt, und mir persönlich hat es das „Pardner Fuzz“ angetan. Ich mag Pedalhersteller, die eigene Wege gehen, anstatt die hundertste Interpretation des Big Muff oder so anbieten.
Leider erlaubt mein Budget nur wenige neue Pedale pro Jahr…
Signal Blender würde ich allein schon wegen dem Design kaufen
Großartiger Artikel. Bravo 👏🏻