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Praxisreport: Nord Stage EX Stagepiano

Der alte Schwede

21. September 2022

Weshalb ich meine Konzerte auf einem veralteten Nord Stage EX spiele, oder: wenn drei Knöpfe den Unterschied ausmachen. Ein Praxisbericht.

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Als ich 2005 zum ersten Mal ein Foto des damals neuen Nord Stages sah, war dies eine Art Erlösung, war es doch das erste Stage Piano, das sich wie ein klassischer Analog-Synthesizer bedienen ließ. Jede Funktion bekam ihren eigenen Knopf. Als ich mir ein paar Jahre später das leicht erweiterte Modell „EX“ kaufte, stellte sich heraus, dass dies nicht die ganze Wahrheit war, da einige Regler und Schalter doppelt belegt sind. Die zentrale Shift-Taste nutzt man im Alltag ziemlich oft. Aber sei’s drum: Im Vergleich zu meinem Roland RD-500, den ich zuvor jahrelang spielte, war der Nord Stage um Längen bedienerfreundlicher. Endlich konnte ich Effekte live dazuschalten und editieren, parallel eine B3 zum Rhodes layern und die Leslie nach Belieben in die Zerrung fahren. Dies alles ist in Sekundenbruchteilen eingestellt und kann problemlos von einer Hand bedient werden, während die andere einfach weiterspielt. Jede gewünschte Klangveränderung liegt wie auf dem Silbertablett vor dem Spieler ausgebreitet, so dass es auch im Livebetrieb kein Problem ist, die Sounds laufend der Musik anzupassen.

Der Ur-Stage: eine Kombination aus Orgel, Piano und einem einfachen Synthesizer.

2011 erschien der Nord Stage 2, und meine Vorfreude war kaum zu bremsen. Die neuen Funktionen erschienen mir alle praxistauglich: nebst verbesserten Algorithmen für die Orgel und einem größeren Speicher für die Piano-Sektion wurde vor allem der integrierte Synthi entschieden erweitert. Also alles bestens. Ich hatte einen gekauft – und kurz danach weiterverkauft. Auch der Nord Stage 3, der 2017 vorgestellt wurde, konnte mich nicht wirklich überzeugen. Nach längerem Testspielen in verschiedenen Geschäften blieb ich beim Nord Stage 1 EX, was ich bisher keine Sekunde bereut habe. Vielleicht ist es wichtig zu betonen, dass ich keineswegs nostalgisch veranlagt bin und meine Instrumente vor allem danach aussuche, wie gut es mir gelingt, damit Musik zu machen.
Was war da los? Wie kam ich auf die bescheuerte Idee, das alte dem neuen, verbesserten Produkt vorzuziehen? Und nein, das Finanzielle war nicht entscheidend.  Die Antwort ist simpel: Es liegt an drei Reglern der Synthi-Sektion sowie einer Tastatur, die heute nicht mehr angeboten wird. Doch dazu kommen wir später. Schauen wir uns erstmal an, was die Nord Stage Modelle so besonders macht.

Aufbau der Nord Stage Keyboards

Der Nord Stage ist am ehesten mit den sogenannten Multi-Keyboards zu vergleichen, wie sie Ende der 70er Jahre aufkamen. ARP Quadra, Korg Trident,  Moog Opus-3 und mit Einschränkungen auch der Polymoog waren damals die ersten multitimbralen Synthesizer, mit unterschiedlichen, unabhängigen Klangerzeugern, die zwar jeder für sich betrachtet nichts Besonderes waren, aber im Zusammenspiel viel Potential entwickelten.

Der Arp Quadra (1978): eines der ersten Multikeyboards mit vier unabhängigen Klangerzeugern. (Bild: amazona.de)

Der Nord Stage trug dieses Konzept in die Digital-Ära. Es finden sich drei unabhängige Klangerzeuger mit jeweils eigenem Bedienpanel. Unabhängig ist wörtlich zu nehmen und betrifft auch die Hardware: jede Sektion hat ihre eigene Polyphonie. Dabei ist es beispielsweise nicht möglich, brachliegende Stimmen der Piano-Sektion dem Synthesizer zu übertragen, da die Klangerzeuger unterschiedlich aufgebaut sind: Orgel und Synthesizer basieren auf Physical Modelling, die Piano-Sektion arbeitet mit Samples. Die drei Sektionen (Orgel, Piano und Synth) sind defacto drei eigenständige Instrumente in einem Gehäuse. Die Tastatur kann in drei Zonen eingeteilt werden, jede Sektion lässt sich mit wenigen Klicks einem oder mehreren Bereichen zuordnen und in Oktavschritten transponieren. Komplexe Layer- und Splitsetups sind am Nord Stage mit wenigen Handgriffen eingestellt. Abgerundet wird das Ganze mit gut klingenden Effekten.An diesem Grundkonzept – Orgel, Piano, Synth und Effekte – hat sich seit der ersten Generation des Nord Stage nichts geändert. Nord Stage 2 und 3 brachten zwar einige Neuerungen, die man auch als vorbildliche Produktpflege bezeichnen könnte. Eine Evolution, keine Revolution.

Klangerzeugung

Links beginnt es mit der Orgelsektion, mit den drei Modellen Hammond B3, Vox Contintental und Farfisa Compact. Anstelle von physischen Drawbars setzte Clavia von Anfang an auf LED-Ketten mit Plus-Minus Tastern. Der Vorteil ist natürlich, dass gespeicherte Sounds stets richtig dargestellt werden; auf der anderen Seite fehlt das Haptische. Auf vielfachen Wunsch werden seit der zweiten Baureihe auch physische Zugriegel verbaut.

Die Orgeln klingen für sich betrachtet ziemlich gut, kommen meiner Meinung nach aber im direkten Vergleich nicht an eine Uhl X4 ran. Und obwohl Nord die Algorithmen über die Jahre hinweg stets etwas verfeinerte, wirkt ihr Sound immer noch etwas braver und glattgebügelt.

Piano-Sektion

Die Piano-Sektion von Nord ist überschaubar: mit wenigen Knöpfen wählt man aus sechs Kategorien (z.B. „E-Piano“) ein entsprechendes Modell („Rhodes Mark 1“). So weit, so normal; ähnliche Konzepte kennt man auch von der Konkurrenz. Das Alleinstellungsmerkmal von Nord (und dies gilt auch für die Nord Electro- und Piano-Modelle) ist, dass man die Piano-Sounds selbst zusammenstellen kann. Die Nord-Webseite bietet ein breites Spektrum an qualitativ sehr hochstehenden Piano- und E-Piano Samples, die man kostenlos runterladen kann. Die einzige Limitierung stellt nur der verbaute Speicherplatz dar, der bei den Anfangsmodellen eher spärlich  war:

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Nord Stage 1 („Classic“) 128 MB
Nord Stage 1 EX 256 MB
Nord Stage 2 512 MB
Nord Stage 2 EX 1 GB
Nord Stage 3 2 GB

Mit jeder Modellreihe wurde der Speicherplatz verdoppelt; nachrüsten lässt er sich leider nicht. Nord baut seine Piano Sample Library laufend aus und bietet dabei auch einige Raritäten, beispielsweise historische Hammerflügel und Cembali. Mittlerweile werden über zehn Flügelmodelle in verschiedenen Auflösungen (von „Small“ bis „XL“) angeboten. Die meisten dieser Samples sind weiterhin mit allen Baureihen kompatibel, so dass es auch möglich ist, die ziemlich neuen Modelle „Velvet Grand“ (ein hundertjähriger Blüthnerflügel mit einem bezaubernd warmen Klang) oder „Nefertiti“ (ein hervorragendes Rhodes Sample) zu laden, sofern man haushalterisch mit dem knappen Speicherplatz umgeht.

Und auch wenn es natürlich reizvoll wäre, mehrere Flügel- und Klavierklänge gleichzeitig zur Verfügung zu haben, reicht mir letzten Endes je einer: Ein Flügel, ein Rhodes, ein Clavinet, ein CP-80 und ein Wurlitzer.

Aber ich schweife vom Thema ab. Die Frage war ja: weshalb tue ich mir es an, auf dem (hoffnungslos veralteten) Nord Stage zu spielen, wenn das aktuelle Modell viel mehr Speicherplatz bietet?
Die Antwort liegt beim Synthi…

Ein simpler Synthi mit ein paar speziellen Tricks

„Ist das alles?“, war damals meine Reaktion, als ich die Synth-Sektion des Nord Stage 1 zum ersten Mal näher betrachtete. Sie wirkt unscheinbar und bietet gerade das Nötigste, um als „Synthesizer“ bezeichnet zu werden: ein Oszillator, ein Filter und zwei rudimentäre Hüllkurven. „Just enough to justify its inclusion“, wie damals Nick Magnus auf Sound on Sound schrieb. Viele Keyboarder gaben ihm Recht. Dieser VA-Synthi sei zu einfach gestrickt, um damit ernsthaft Musik zu machen, so die gängige Meinung. Nicht weiter verwunderlich, dass beim Nord Stage 2 und 3 vor allem die Synth-Sektion erweitert wurde. Ein eigener LFO und ein Arpeggiator kamen dazu; die Hüllkurven sind jetzt immerhin drei- statt zweistufig. Ausserdem können Samples geladen und verarbeitet werden.  Allesamt Fortschritte, die von den Musikern gerne angenommen wurden. Oder sagen wir mal: von den meisten. Denn zwei Dinge sind weggefallen…

Die Synth-Sektion des Nord Stage EX (bis auf die Farben mit dem Nord Stage identisch): ein einfacher Synth mit Potential

Das eine Poti, auf das ich nicht mehr verzichten möchte, nennt sich Unison, und hat den wunderbaren Effekt, dem Oszillator eine Kopie seiner selbst hinzuzufügen, die um maximal 10 Cent verstimmt werden kann. Ab der Mittelstellung kommen weitere Kopien dazu. Wieviele genau, ist schwer zu eruieren und wird auch nicht dokumentiert. Der Sound wird angenehm breit und ja, auch fett, in einem analogen Sinne. Dreht man das Poti wieder zurück, wird der Klang schlanker und transparent. Und das alles stufenlos ohne jegliche Artefakte. Im Livebetrieb ist das Gold wert.
Umso unverständlicher ist es, dass dieses Poti ab der Version 2 der Nord Stages durch einen Schalter mit vier Werten ersetzt wurde. Unison Sounds sind zwar weiterhin möglich, aber eben nur in festen Stufen.

Das stufenlose UNISON und EQ des Nord Stage 1.

Die Synth-Sektion des Nord Stage 2 bietet schon einige Funktionen mehr als der Vorgänger. Hingegen ist die UNISON Funktion auf vier Werte limitiert (oben rechts)

Weggefallen ist auch die simple Zweiband-Klangregelung, die gerade bei Pads und String-Sounds sehr praktisch ist, um diese während des Spielens der Akustik des Raums und der Stimmung eines Songs anzupassen. Oder einem Bass-Sound etwas mehr Druck zu geben. Natürlich ginge dies auch mit dem EQ der Effektsektion, sofern dieser nicht von einem anderen Klangerzeuger belegt wäre.
Denn am Effekt-Routing hat sich seit der ersten Generation der Nord Stages kaum etwas verändert: Ein Effekt, wie beispielsweise der EQ, kann nur wahlweise auf die Orgel, das Piano oder den Synth geroutet werden, jedoch nicht auf mehrere Sektionen gleichzeitig. Vor diesem Hintergrund ist ein eigener Zweiband EQ der Synth-Sektion eine willkommene Zugabe, auf die ich nur ungern verzichten möchte.

Beide Funktionen – Unison und EQ – nutze ich andauernd, um die Klänge sozusagen in mehreren Dimensionen zu formen. Unison macht die Sounds breiter, der EQ gibt ihnen mehr Tiefe. Einfach und effizient.

Auf den ersten Blick bietet die Synth-Sektion des Nord Stage 1 also weit weniger, als wir von einem Synthesizer erwarten würden, doch wenn man ein bisschen in die Tiefe geht, eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten. Dieser VA-Synthi beherrscht sowohl analoge Klänge als auch FM-Sounds. Ausserdem auch breite Pads und ziemlich abgefahrene Effekt-Sounds. Der Grund liegt in der unscheinbaren, aber sehr umfassenden Oszillator-Sektion mit ungefähr hundert Wellenformen aus den drei Kategorien Analog, FM und Digital. Jeweils ein Parameter kann anschließend editiert werden, was natürlich nicht nach viel klingt, aber praxisnah gelöst und skaliert wurde. Je nach gewählter Wellenform steuert der Parameter die Pulsbreite, die Modulationsintensität der FM-Synthese (bei vorgegebenen Frequenzverhältnissen) oder die Tonhöhe eines synchronisierten Oszillators. Dazu wird im Hintergrund ein zweiter Oszillator aktiviert, der als Master dient. In einer Konfiguration schwingen zwei Sägezahnoszillatoren, wobei einer über zwei Oktaven gegenüber dem anderen verstimmt werden kann.

Der Rest des Synthesizers ist schnell erklärt:  Das Filter bietet nur Tiefpass-Charakteristik, ist aber immerhin zwischen 12 und 24 dB pro Oktave umschaltbar, wobei die Resonanz in beiden Modi bis zur Selbstoszillation reicht. Für Modulationen gibt es nur zwei simple Hüllkurven. Einen eigenen LFO sucht man vergeblich; zu diesem Zweck lässt sich die Filterhüllkurve loopen. Ausserdem gibt es noch eine Glidefunktion und einen dedizierten Vibrato LFO, dessen Frequenz als globales Setting für alle Synthi Sounds gemeinsam eingestellt wird.

Die Synth-Section des Nord Stage 3 basiert auf dem Nord Lead A1 und bietet nebst Samples und einem einfachen Arpeggiator interessante Oszillator-Konfigurationen. Doch der Unison-Parameter (oben mittig) ist weiterhin gestuft.

Tastaturen der Nord Stage Modelle

Ein weiteres Argument für den Nord Stage 1 ist aus meiner Sicht die Tastatur. Ich bin großer Fan von 6 Oktaven Keyboards, die vollen 7 1/4 Oktaven mit 88 Tasten brauche ich höchst selten, im Bandkontext so gut wie nie. Hingegen ist ein 76er Keyboard leichter, es passt quer in den Kofferraum und lässt sich mit entsprechender Tasche mit Rollen auch problemlos im Zug oder der Straßenbahn transportieren. Und in den Fahrradanhänger kriegt man es auch noch rein.
Seit dem Nord Stage 2 EX wird die 76er Variante nur mit der HP („Hammer Action Portable“) Klaviatur angeboten. Das klingt erstmal ganz vernünftig, man muss aber dazu wissen, dass sich diese Tasten merklich anders als normale, gewichtete, anfühlen. Das Ziel mit den HP-Tasten war es, Gewicht zu sparen, was auch gelungen ist: das Stage 3 HP76 wiegt gerademal 12,5 Kilogramm, während das Stage 1 mit gleichen Abmessungen gute fünf Kilo mehr auf die Waage bringt.
Als professioneller Pianist nehme ich dieses Extra-Gewicht aber gerne in Kauf, da das Spielgefühl der schwereren Tasten in allen Belangen besser ist. Der Druckpunkt der HP Klaviatur ist weniger definiert, sie fühlt sich etwas schwammig an. Die klassische HA („Hammer Action“) liegt entschieden näher am Spielgefühl eines Flügels und eignet sich auch hervorragend zum Üben. Übrigens stehe ich mit dieser Meinung nicht alleine da; in einschlägigen Foren wird dieses Argument oft genannt.

Nord Stage: Der Sound

Klanglich vermag auch ein alter Nord Stage weiterhin zu überzeugen. Die Orgelsimulationen klingen immer noch überzeugend, auch wenn das eine oder andere Konkurrenzprodukt noch etwas authentischer ist. Die Piano Sample-Library gehört zu den umfangreichsten und qualitativ besten auf dem Markt und wird laufend weiterentwickelt. Dabei sind mit ganz wenigen Ausnahmen alle Klänge weiterhin mit den alten Nord Stage Modellen kompatibel.

Bezüglich der Synthi-Klänge bietet der Nord Stage virtuell analoge, FM-Sound und „Digitale“ Klänge, wie sie ab Mitte der 80er Jahre populär wurden. Und auch wenn der Nord Stage weit weniger komplex aufgebaut ist als die meisten Synthesizer, denen er nacheifert, so klingen die bekannten Brot-und-Butter Sounds doch ziemlich überzeugend. Im direkten Vergleich mag das Original besser klingen, auf der Bühne fallen diese Unterschiede aber kaum ins Gewicht. Den Vergleich mit einem edlen Analogen wie einem OB-X8 oder einer Moog Grandmother möchte man dem simplen Synthi des Nord Stage 1 doch lieber ersparen. Der Nord Stage 3 klingt da aber auch nicht viel besser, auch wenn er dank Samples eine breiteres klangliches Spektrum abdeckt. Denn in Sachen Druck und „analogem Feeling“ kann auch ein Nord Stage 3, dessen Synthi-Sektion auf dem Nord Lead A1 basiert, nicht wirklich mit den guten Analogen mithalten.
Der Synthesizer des Nord Stage ist und bleibt ein virtuell analoger mit einer eigenen Klangästhetik. Er brilliert mit satten Bässen, typischen FM-Sounds, schönen Leads und breiten Pads, gerne als Layer mit einer Orgel und eventuell einem Piano. Eine gewisse digitale Note ist dabei stets vorhanden, so ganz lässt sich seine Herkunft eben doch nicht leugnen.

Der Nord Stage in der Praxis

Ein Nord Stage (egal welcher Baureihe) ist und bleibt ein Kompromiss zwischen Flexibilität und Bedienbarkeit. Indes ein Kompromiss, mit dem es sich in vielen Situationen gut leben lässt.  Klanglich bewegt sich der Nord Stage auf sehr hohem, wenn auch nicht auf höchst möglichem Niveau. Mit seiner Kombination von eigenständigen Orgel-, Piano- und Synth-Sektionen, zusammen mit gut klingenden Effekten, beschreitet der Nord Stage ganz eigene Wege, nicht zuletzt auch dank einer kompakten Bauweise und eines vergleichsweise geringen Gewichts. Zusätzlich bietet man passende Transporttaschen und auch Keyboard-Beine an, die das Leben als Bühnenmusiker weiter vereinfachen.

Vor die Wahl gestellt, einen neuen oder alten Nord Stage zu spielen (beide zu besitzen ergäbe wenig Sinn, da ich ja nur einen auf die Bühne tragen möchte), machen für mich drei Potis sowie die gewichtete 76er Tastatur den entscheidenden Unterschied aus. Das stufenlose Detune und der integrierte Equalizer des Synthesizers im Nord Stage EX sind für mich Grund genug, dem alten Modell die Treue zu halten. Dabei böte das aktuelle Modell Nord Stage 3 doch so einiges, was mir als Musiker gelegen käme: Sampling, synchronisierbarer LFO und Arpeggiator, verbesserte Algorithmen für die Orgel, größerer Speicher für Piano-Samples und nicht zuletzt auch die massiv gesteigerte Polyphonie (120 vs. 40 Stereostimmen für die Pianosektion). Auf dies alles zu verzichten, fällt nicht gerade leicht. Letzten Endes ist alles eine Frage der Prioritäten und der eigenen Art, Musik zu machen. Da ich vor allem in der improvisierten Musik zu Hause bin (ohne den Begriff „Jazz“ zu verwenden), ist mir der direkte Parameterzugriff wichtiger als uferlose Presetlisten. Falls ich wirklich ‚mal einen Klang brauche, der mit dem Nord Stage nicht realisierbar ist,  kommt das alte Proteus 2000 Sound Modul zum Einsatz, das immer noch ziemlich gut klingt.

Ein Nord Stage (egal welcher Baureihe) ist bestimmt keine restlos glücklich machende Allerweltskiste und kann es in puncto Flexibilität und Funktionsumfang mit keiner Workstation aufnehmen. Doch war dies auch nie das Ziel. Er lässt sich hingegen viel einfacher und schneller bedienen. Ein Instrument für die Bühne mit direktem Zugriff auf die meisten Parameter, was für mich nebst dem Klang das wichtigste Kriterium ist. Denn was bringen mir komplexe Funktionen, wenn ich diese live nicht bedienen kann? Viele andere Keyboarder sehen das anscheinend ähnlich, denn anders lässt sich der Siegeszug der roten Keyboards auf den Bühnen nicht erklären.

Alter Nord Stage oder neuer Nord Electro?

Von Musikern wurde ich schon gefragt, ob mein alter Nord Stage nicht auch mit einem Nord Electro 6 (also der neuesten Generation) vergleichbar wäre. Natürlich ist dies Ansichtssche, aber für mich wäre es ein Rückschritt. Der Electro ist nur noch drei- statt sechsfach multitimbral mit einem statt zwei Splitpunkten. Ausserdem ist die Synthsektion stark limitiert und dient nur als Sampleplayer mit gerade mal zwei Parametern (Attack und Decay/Release). Schade ist, dass nicht einmal die Cutoff editierbar ist, aber immerhin über Velocity steuerbar. Einen weiteren Rückschritt sehe ich bei den Effekten, die beim Nord Electro nur über jeweils einen regelbaren Parameter verfügen statt deren zwei.

Alle Aufnahmen wurden direkt in Logic Pro X aufgezeichnet, ohne Overdubs oder externe Effekte.

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Fazit

Das Konzept des Nord Stage war von Anfang an klar umrissen: ein Instrument, das dem landläufigen Keyboarder die wichtigsten (sprich: verbreitetsten) Sounds zur Verfügung stellt und intuitiv bedient werden kann. Ein Nord Stage ersetzt keine Workstation, sondern ist eher eine Alternative zu Keyboardburgen aus den 70er Jahren, Effektpedale inklusive. So konzentriert man sich auf drei Orgelsounds (Hammond B3, Vox und Farfisa), eine handvoll Pianos und deren Verwandte (verschiedene Flügel und Klaviere, Rhodes, Wurlitzer, CP-80, Clavinet, Cembalo) sowie einem relativ einfach gestrickten „Synth“, der sich anschickt, die Sounds der 70er und 80er Jahre zu reproduzieren und dazu virtuell analoge und digitale Wellenformen sowie eine FM-Synthese mit drei Operatoren zur Verfügung stellt.
Dabei gebe ich dem alten Modell weiterhin den Vorzug. Gewiss kann man es nie allen Recht machen, und so kann ich nicht genug betonen, dass alles, was ich hier beschrieben habe, subjektiv ist und nur meine persönlichen, aber auch professionellen Ansichten spiegelt. Manchmal sind es die unscheinbaren Details, die die Entscheidung ausmachen. In meinem Fall hat das dazu geführt, dass ich meine Konzerte weiterhin auf einem vierzehn Jahre alten Instrument spiele, das vielleicht technisch überholt sein mag, klanglich aber noch locker mit den aktuellen Baureihen mithalten kann. Es lohnt sich, genau zu überlegen, was man braucht (und worauf man verzichten kann), um sich danach das passende Instrument zu besorgen, denn manchmal bieten die alten Geräte genau diese eine unverzichtbare Funktion. Das neueste ist nicht immer das beste.

Plus

  • intuitive Bedienung
  • Klang
  • robuste Bauweise
  • weiterhin kompatibel zu den meisten Piano-Samples der Nord-Library
  • eines der wenigen Keyboards mit gewichteter 76er Tastatur (wurde ab dem Nord Stage 2EX durch eine halbgewichtete ersetzt)

Minus

  • Effekt Routing wenig flexibel
  • begrenzter Speicherplatz

Preis

  • 1000 - 1500 Euro auf dem Gebrauchtmarkt
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Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    gutomi

    Vielen Dank. Die tollen, sehr geschmackvollen Klangbeispiele zeigen, dass es halt auf den Musiker und nicht auf die Gigabytes ankommt 🙂

  2. Profilbild
    CDRowell

    Jaha! Das erinnert mich an alte Zeiten, derer gleiches Keyboard mein Eigen genannt wurde.😁 Schweren Herzens trennten sich unsere Wege. Bis zu diesem ansprechenden Artikel hab ich kaum an meine „verflossene Liebe“ gedacht.😢 Nun ist die Erinnerung wieder lebendig. Und ich vermisse die gute Zeit mit dem tollen Gerät!😭
    Danke für die Erinnerungen.😍

      • Profilbild
        lunatic AHU

        Kleine Impro glaube ich dir aufs Wort. Das ist ja das “Schlimme“! Ohne Müh und Not kurz vom Jazz zur Klassik und zurück….. chapeau.
        Für wenige Minuten kann ich ungeübte Ohren mit meinen 5-7 laienhaften Jazz Basics beeindrucken, bis der Zuhörer merkt: da ist nur heiße Luft😆🥂

        Wenn ich dann Tasten-Profis höre, weiß ich, wo ich mich musikalisch aufhalte bin ich goldrichtig…….

        • Profilbild
          whitebaracuda

          Hallo lunatic,

          Damit bist du nicht allein 😜

          Wie oft war ich schon versucht, nach einem Konzert, meinen ganzen Krempel zu verbrennen.

          Auf der anderen Seite ist ein Profi halt ein Profi, und Freude macht das stümperhafte musizieren trotzdem.

          viele Grüsse ‚cuda

  3. Profilbild
    Karpo72

    Ein Grund warum ich Nord meide. Die verkaufen leicht aufgemotzte Nachfolgemodelle, die nicht wirklich besser sind und sind überteuert. Ich find klanglich (Studiokopfhörer) andere Pianos sogar authentischer. Ich glaube viele Live-Musiker schätzen beim Nord hauptsächlich das Durchsetzungsvermögen im Band Kontext und die Bedienung.

    Mir persönlich gefällt das Yamaha YC besser. Wenn Yamaha noch mehr Einfluss auf den FM Synth ermöglicht, ist es perfekt. Dazu habe gestern einen Moog (IOS) auf dem YC gespielt :) Einfach Gerät per USB connecten.

    • Profilbild
      Martin Andersson RED

      „leicht aufgemotzt“… ist natürlich Ansichtssache. Ich denke schon, dass die Nord Stage Modelle einige, wichtige Entwicklungen durchgemacht haben und stetig verbessert wurden. Bloß schade, dass man auf das UNISON Poti verzichtete. Sollte dieses wieder eingeführt werden, wären die Tage meines Stage EX wohl gezählt.
      Der Yamaha YC ist eher mit einem Nord Electro vergleichbar, da er keinen frei editierbaren Synthi bietet. Dabei ist ein Nord Electro sogar etwas günstiger als der YC (bei vergleichbaren Features und Tastenumfang).

      Meines Wissens ist der Nord Stage bis heute defacto konkurrenzlos mit seinem Konzept, was natürlich nicht bedeutet, dass man ihn deswegen mögen muss. Interessant ist es aber schon, dass sich bisher kaum ein anderer Hersteller getraut hat, ein zeitgenössisches „Multikeyboard“ mit drei unabhängigen Klangquellen und direktem Parameterzugriff zu bauen.

      • Profilbild
        Karpo72

        Das Nord Electro hatte ich auch mal. Hat mich nicht sonderlich inspiriert. Das YC ist mir nur aufgefallen, weil ich ein handliches 61 Tasten Gerät noch gesucht habe, für Gelegenheiten ohne großes Besteck :) Die Tastatur ist ein guter Kompromiss obwohl ich Piano Tastatur bevorzuge. Ich denke der Anwendungsfall ist entscheidend.

      • Profilbild
        gutomi

        Ich würde hier das Viscount Legend 70s nennen, das tatsächlich mein Nord Stage abgelöst hat.

    • Profilbild
      ukm

      Ich hatte einen Norstage bis 2010 , der sollte Nachfolger eines Kurzweil K2500 werden. Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen. Die Tastatur war auch relativ träge, wenn ich mich recht erinnere.
      Inzwischen bin ich auch nicht mehr auf gesamplete Instrumente angewiesen.

    • Profilbild
      whitebaracuda

      Das überteuert wage ich anzuzweifeln, denn gerade wenn man nicht immer das neuste braucht relativiert sich der Kaufpreis über die Jahre. Natürlich kosten sie neu viel, aber wie Martin habe auch ich nicht das Verlangen auf das neuste zu wechseln. Weil mein Stage 2 immer noch liefert was ich brauche. Aber das muss jeder für sich entscheiden, denke ich.

  4. Profilbild
    YesYazz

    Hier kann ich jedes Wort unterschreiben. Elf Jahre Nord Stage classic, seit zwei Jahren Version 3. Ich werde wohl auch wegen der Lebendigkeit in der Klangformung im Livebetrieb auf die alte Version ggf. EX zurückgehen.
    Wer Top 40 Sachen macht, fährt sicher mit anderen Versionen oder Workstations besser.

    Workstations hatte ich seit den 80ern ab der Korg M1 einige… :-)

    • Profilbild
      Martin Andersson RED

      „Lebendigkeit in der Klangformung“… damit bringst Du es auf den Punkt. Der Nord Stage Classic mag zwar auf dem Papier weniger flexibel als die Versionen 2 oder 3 sein, beim Spielen fühlt er sich aber sehr organisch und lebendig an.

  5. Profilbild
    Organist007 AHU

    Ich setze auf die Combi Nord Electro/Kurzweil Artis 7 + Roland JdXA

    zumindest für LIVE hat man da alles, außer einer gewichteten tastatur…

  6. Profilbild
    Nik Elektrik

    Schöner Bericht, tolles Instrument und sehr geschmackvolle Soundbeispiele.
    Bin seit 2007 zufrieden mit einem Stage rev B. Vor drei Jahren habe ich mich statt Upgrade auf Stage 3 doch für ein Grand aus gleichem Hause entschieden. Auch sehr zu empfehlen.

  7. Profilbild
    Diskonaut

    Ein 88er EX verrichtet hier seit gefühlt Jahrzehnten seine Funktion als Kinderzimmerklavier zum Lernen. Manchmal leiht es sich ein Keyboarder aus, der gerade hier auf Tour ist. Ist wirklich sehr robust, sieht wertig aus, Tastatur ist super und am Klang kann ich auch nicht wirklich etwas aussetzen. Als Masterkeyboard im Wohnzimmerstudio ist es mir aber viel zu groß. Da würde ich auch eher ein 73er nehmen. Bezahlt habe ich dafür gebraucht vor rund 10 Jahren um die 1800 Euro. Wertstabil sind die somit auch! Also eine gute Empfehlung! 👍

  8. Profilbild
    Eibensang

    Zwar bin ich kein Keyboarder oder gar Pianist, kann aber den Autor hier bestens verstehen: Oft sind es solche Kleinigkeiten (wie in dem Fall ein paar Knöpfe/Funktionen/Basisqualitäten), die die persönliche Spielbarkeit eines Instruments ausmachen – sonstigen Erweiterungsfeatures zum (manchmal oder allmählich auch bitteren) Trotz. Der Bericht macht alles schön nachvollziehbar!

    • Profilbild
      Codeman1965 AHU

      < " Oft sind es solche Kleinigkeiten... " >

      Ja, das sehe ich auch so.
      Da stellt sich mir immer die Frage, warum die Hersteller wirklich gewinnbringende (für den Nutzer, nicht den Betriebswirt) Features wieder abschaffen.
      Wenn’s am Rotstift liegt: den gibt es auch als Fineliner, man muss nicht zwangsläufig streichen, um unter der 999,99 zu bleiben, 1049,50 € tun dann auch nicht weh…

      Ein guter Artikel von Martin…!
      Ich hätte mich wahrscheinlich auch so entschieden.

      • Profilbild
        Eibensang

        Es ist, vermute ich, für Hersteller schwer einzuschätzen, welche Besonderheiten eines Instruments der kaufenden Mehrheit wichtig sind (und individuelle Wünsche kommen da kommerzbedingt eh kaum durch). Ein Nachfolgemodell muss mehr bieten als der Vorgänger, was sich aufzeigen und auflisten lassen muss – und damit die Kosten für die Erweiterung tragbar bleiben, wird (so stelle ich mir das zumindest vor) überlegt, was dafür eingespart werden kann. So kommt es zwangsläufig leicht zu mancher Verschlimmbesserung – die oft erst im persönlichen Fall stört, wie im Artikel beispielhaft beschrieben. Der nächstbesten Kollegin ist mein Lieblingsfeature vielleicht ganz oder eher egal.

        Selbst Goodwill beim Hersteller führt nicht immer zum Besten. Zur Entwicklung der Ibanez AZ-Reihe (E-Gitarren) wurden z.B., wie der Konzern beteuert, zahlreiche Musizierende befragt und durften Wünsche und Erfahrungen beisteuern. Insgesamt sind die Neuerungen gut. Aber die Kabelbuchse tief im Korpus zu versenken (und das Kabel nach oben herauszuführen, damit es auf der Bühne nicht mehr so leicht rausflutscht), wäre fast zu viel des Guten gewesen: Die Klinkenstecker meiner Funkstrecke passen da nur ganz knapp noch hinein, und beim Üben in klassischer Sitzposition knicken die Kabel von Mini-Steckverstärkern ab.

        Für jedes Instrument gilt: Was den einen stört, ist anderen schnuppe oder sogar lieber.

  9. Profilbild
    whitebaracuda

    Hallo Martin,

    Vielen Dank für deinen Artikel und die schönen Beispiele!

    Ich habe mit dem 88er Stage 2 ähnliche Erfahrungen gemacht, auch wenn ich den Unison Regler nie hatte. Ja, das 88er ist gross und schwer, aber für den Bandraum und die paar Auftritte, für mich, völlig ausreichend. Mit der Tastatur auch, es ist halt immer ein Kompromiss zwischen Piano, Synth und Orgel.
    Einzelne Sounds mögen andere besser hinkriegen, aber als „all in one“ Gerät in dieser Qualität ist das Nord unerreicht. Der gute Ruf kommt nicht von irgendwo her.

  10. Profilbild
    cosmolab

    Hach, der Artikel wärmt mir das Herz! :-)
    Es geht mir nämlich eigentlich ganz genauso. Ich habe ein NordStage „Classic“ mit nur 128MB. Und praktisch alles an dem Teil find ich auch nach all den Jahren noch ziemlich klasse. Bis auf den begrenzten Speicher, weswegen ich nicht an die vielen leckeren neuen Piano-Samples rankomme.

    Die Synthie- Sektion hatte mich nie so interessiert, sodass mir gar nicht recht klar war, was hieran eigentlich habe. Ich fand sie immer etwas fad, was aber nicht schlimm war – „sie hat ja nicht gestört“.

    Aus o.a. Grunde wollte auch ich schon zur Version3 wechseln. Ein paar der Pianos klingen schon beeindruckend. Der erste „Showstopper“ war aber in der Tat die Tastatur, weil ich die 88-Tasten-Variante gar nicht mehr in meine Bude rein gekriegt hätte. Und nach diesem Artikel denke ich vielleicht doch anders drüber – vielleicht sollte ich mich mit dem Synthie- Bereich mal wirklich befassen…

    • Profilbild
      Martin Andersson RED

      Der Synthesizer des Nord Stage Classic ist eine kleine Wunderkiste: einfach zu bedienen (sofern man halbwegs mit dem Grundprinzip der subtraktiven Klangsynthese vertraut ist) und dennoch klanglich sehr flexibel. Und falls die Sounds etwas trocken oder fade wirken, einfach ‚mal ein paar Effekte drauflegen, und schon geht die Sonne auf. (Chorus für ein bisschen Wärme, Stereo Delay und Hall für mehr Räumlichkeit, Verzerrer für etwas Biss. Und die Leslie klingt manchmal auch richtig gut.)

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