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Ratgeber: Gitarrenverstärker Röhren, Pflege & Funktion

19. Oktober 2021

Röhrenverstärker und Vorstufen - ein Guide!

Bei vielen Gitarristen und einigen Bassisten ist das Thema Röhrenverstärker ein fester Bestandteil der persönlichen Definition von Sound. Bitte seht Euch auch unser Special zum Thema an, dass viel Wissenswertes um den Einsatz von Höhen ihn Audioerkzeugen und Musikinstrumenten enthält. HIER KLICKEN.

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Losgelöst davon, wie nah Modeling- und Profiling-Systeme dem Original letztendlich kommen, liegt der klangliche Fokus nahezu immer auf den Endstufen-/ Leistungsröhren des Verstärkers. Was wurde nicht schon alles geschrieben und philosophiert über EL34, EL84, 6L6, 6V6, 6550, 5880 und wie sie alle heißen. Nicht umsonst, denn durch ihre unlineare Arbeitsweise und die insbesondere in der Saturisation von individuellen Klangeigenschaften tragen sie einen großen Teil zur persönlichen Note des Künstlers bei. Gerne wird dabei vergessen, dass im Gehäuse des Vollröhrenverstärkers bekanntermaßen neben Phasentreiber und anderen Bauelementen noch das Gegengewicht zur Endstufe, die allseits bekannte Vorstufe sitzt, die gerne in ihrer Wirkungsweise unterschätzt wird. Ein Blick in den heutigen Workshop soll Abhilfe schaffen.

Workshop Vorstufenröhren

Der Anfang des Gitarrensignals

Röhrenverstärker – Ein Gedankenspiel

Wer wie ich bereits einige Dekaden im Musikbusiness verbracht hat, wird wahrscheinlich ein Problem kennen, das sich bis in die Achtziger hinein gehalten hat wie ein alter Kaugummi an der Sohle eines Cross-Laufschuhs. Die Rede ist von mangelndem Gain, das seiner Zeit eher noch maximal im kräftigen Crunch angesiedelt war. Wer echtes High-Gain wollte, musste zu externen Overdrive-Pedalen greifen, einen versierten Techniker kennen oder aber warten, bis Randall Smith Mesa Boogie ins Leben rief, dem ersten Verstärker, der aufgrund einer falsch dimensionierten Vorstufe echtes High-Gain ohne Pedale erzeugen konnte.

Die Marschrichtung der letzten Dekaden war also vorgegeben, Gain, Gain und noch mehr Gain, bis das Maximum an Halbwellen-Cut erreicht war, den man ohne Noisegate und Feedback-Orgien noch so gerade eben umsetzen konnte. Gewiss, alle Musikrichtungen, die in Sachen Härtegrad oberhalb des Hardrock angesiedelt waren, freuten sich ein Loch in den Bauch, war im Prinzip ein Equipment-Teil weniger von Nöten, um den ultimativen Gain zu erreichen, jedoch hatte ich vor ein paar Wochen ein einschneidendes Erlebnis, das mir sehr zu denken gab.

Die meisten von uns kennen den Effekt des zurückgenommenen Lautstärkereglers im Lead-Kanal, der je nach Qualität des Amps und haptischen Fähigkeiten des Musikers einen sehr geschmackvollen Crunch-Ton erzeugen kann, einfach weil die Vorstufe des Amps weniger heiß angefahren wird. Einen ähnlichen Effekt hatte ich wie oben erwähnt mit einer Les Paul, die Ende der Sechziger gebaut wurde und bekanntermaßen über 2 Humbucker verfügt, die nur über einen Bruchteil der Ausgangsleistung moderner Tonabnehmer verfügen. Besagte Gitarre war an meinem Stage-Setup angeschlossen, das für meine Arbeit mit der Band GRAVE DIGGER zu 90 % im High-Gain-Modus gefahren wird und entsprechend konfiguriert ist.

Durch die Ausgangsleistung des Vintage-Instruments wurden die Kanäle aber nun nur sehr reduziert angesteuert, was einen hervorragenden Vintage-Ton mit sich brachte. Der Ton war sehr gesättigt, sehr weich, kombiniert mit einem hohen Durchsetzungsvermögen und perfekt für alle Arten von Classic- und Hardrock. Allem Anschein nach ist die Interaktion zwischen Instrument und Vollröhren noch um ein Vielfaches komplexer im Vorstufenbereich, als es auf den ersten Eindruck wirkt. Und in der Tat lässt sich der Ton eines Verstärkers bereits im schaltungstechnischen Vorfeld weitaus mehr beeinflussen, als man es im Allgemeinen für möglich hält.

Workshop Vorstufenröhren

9x Vorstufenröhren im Hughes&Kettner Triamp MKIII

Aber sind wir doch einmal ehrlich, wer hat sich denn jemals Gedanken gemacht, was es jenseits der 12AX7 bzw. ECC83 noch auf dem Elektronikmarkt zur Auswahl gibt. Schauen wir uns also einmal an, was die Signalverwaltung an Bauteilen noch alles zur Verfügung stellt. Aber auch bereits innerhalb des gleichen Röhrentyps gibt es bereits verschiedene Klangcharakteristika, die zumeist in die Kategorien „hell“ oder „dunkel“ eingeordnet werden.

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Noch einen Sicherheitshinweis, falls ihr die Vorstufenröhren selber tauschen wollt. Im Gegensatz zu den Endröhren müssen Vorstufenröhren nicht eingemessen werden und sind allgemein nicht so empfindlich wie die großen Brüder. Was ihr aber NIEMALS machen solltet, ist das Innenleben eines Vollröhrenverstärkers auf eigene Faust zu untersuchen, hier herrscht selbst bei ausgeschaltetem Verstärker immer noch Lebensgefahr! Zuerst den Verstärker ausschalten, den Netzstecker ziehen und die Vorstufenröhren möglichst mit einem Handschuh vorsichtig aus dem Sockel ziehen. Dabei immer auf die PIN-Belegung achten, damit die neuen Röhren nicht versehentlich falsch hinein „gekeilt“ werden. Eventuell Metallabschirmungen oder Federhaltungen sind ebenfalls mit Vorsicht zu entfernen. In den meisten Fällen erleichtern leicht kreisende Bewegungen bei gleichzeitigem Ziehen das Lösen der Röhren aus ihrem Sockel. Folgende Röhren stehen im Normalfall zum Tausch zur Verfügung:

Verstärkerröhren – 12AX7 – Verstärkungsfaktor 100

Der Klassiker unter den Vorstufenröhren, der ebenfalls unter der britischen Bezeichnung ECC83 oder bei älteren amerikanischen Röhren auch noch unter dem Namen 7025 gehandelt wird. Sie hat den höchsten Aufholverstärkungsfaktor, den wir hier mit 100 beziffern und wird zumeist in der ersten Röhrenposition V1 platziert. Der hohe Verstärkungsfaktor sorgt für genau den Sound, der bei hohen Verzerrungseinstellungen gewünscht ist, hat aber auch gleich mehrere Nachteile. Zum einen findet bei dieser Röhre ein vergleichsweise hoher „Gleichmachereffekt“ statt, soll heißen, die unterschiedlichen Signale unterschiedlicher Instrumente verlieren an Individualität. Des Weiteren neigt die Röhre bei hoher Ansteuerung zu einem leichten „Fuzz-Effekt“, sprich der Sound wird leicht kratzig und generiert ein harmonisches Eigenleben. Wer diese Effekte bereits erlebt hat, sollte einen Blick auf die hier folgenden Röhren werfen.

Gitarrenverstärker – 5751 – Verstärkungsfaktor 70

Auf Platz 1 der beliebtesten Tauschröhren liegt das Modell 5751, das bereits mit einer Reduzierung von ca. 30 % ins Rennen geht. Der Vorteil dieser Röhre liegt in ihrer größeren Dynamik, was insbesondere die Interaktivität zwischen Instrument und Verstärker fördert. Die Röhre bietet immer noch genügend Reserven, um einen ordentlichen Lead-Sound zu generieren, stabilisiert aber insbesondere den Crunch-Sound, der aufgrund der höheren „Anteilnahme“ der Endröhren klanglich neue Möglichkeiten erschließt.

Der entscheidende Punkt ist die Tatsache, dass das Gitarrensignal in der Vorstufe weniger komprimiert wird und somit deutlich dynamischer an den Leistungsröhren anliegt. Bei einer perfekten Justierung lassen sich so Feinheiten im persönlichen Stil deutlich prägnanter akustisch formulieren. Insbesondere Stilrichtungen mit leicht reduziertem Gain profitieren von der stabileren Signalübertragung.

Röhrenverstärker – 12AT7 – Verstärkungsfaktor 60

Sobald es in den Bereich der FX-Verwaltung, Hallspiralen oder Phasentreibern geht, wird die 12AT7 Röhre sehr gerne verwendet, so ist sie zum Beispiel ein fester Bestandteil der Fender
Blackface und Siverface Serien. Sie ist aber auch sehr gut geeignet, um die V1 Position zu übernehmen, um dem Amp einen stabileren und strafferen Sound zu ermöglichen. Die vergleichsweise dünne Vorstufen-Kompression nimmt ab und ermöglicht dem Amp deutlich mehr Headroom. Insbesondere für den Pedalbetrieb kann der Tausch zu einer Röhre dieser Bauart deutlich bessere Klangergebnisse bieten.

Solltest du jedoch die Röhre tauschen wollen, so ist zu bedenken, dass die 12AT7 Röhre im Normalfall eine andere Bias-Einstellung benötigt, was bei einigen Setups eventuell zu einer nicht optimalen Performance führen kann. Da jedoch im Vorstufenbereich andere Gesetze gelten als im Endstufenbereich, bei dem eine falsche Bias gravierende Folgen hätte, darf man im Normalfall hier ruhig ein wenig experimentieren, ohne dass der Verstärker einen Schaden nehmen kann. Manchmal führt der Tausch dieser Röhre zu einem etwas leblosen Sound, was aber von Amp zu Amp zuweilen stark variieren kann, so dass man in der Tat dies nur durch Ausprobieren in Erfahrung bringen kann.

Gitarrenhead Röhre – 12AY7 – Verstärkungsfaktor 40

Wer bei einem Verstärkungsfaktor von 40 jetzt nur noch an eine sehr zurückhaltende Vorverstärkung denkt, muss seine Klangvorstellung revidieren. Wenngleich man zu dem Schluss kommen könnte, eine 12AY7 könnte „nur“ noch einen stabilen cleanen Sound generieren, sollte man sich kurz durch den Kopf gehen lassen, ob es nicht genau das ist, was man in seinem Setup benötigt. Nicht wenige Musiker nutzen die unendlichen Weiten der Pedalmöglichkeiten und nehmen für ihre Verstärkung nur den cleanen Kanal ihres Amps, der bis in hohe Lautstärken den cleanen Sound möglichst linear wiedergeben soll. Ich gehe soweit zu sagen, dass Amps eines Hiwatt Kalibers geradezu davon leben, dass Gitarristen ihren Gain-Sound ausschließlich über Pedale erzeugen und von dem Amp eigentlich nur den herausragenden Clean-Sound nutzen.

Auch viele Fender Vintage Amps der ersten Stunden hatten die 12AY7 Röhre in der V1 Stufe, um den Gitarristen über einen möglichst langen Regelweg einen cleanen Sound zu ermöglichen. Gerade die geringe Vorstufenzerre gibt der Endstufe genügend Möglichkeiten, in die Sättigung zu gehen, was insbesondere im Bereich des Blues oder Classic-Rock ein extrem dynamisches Spiel ermöglicht, ohne dass der Ton im Vorfeld zu „fuzzig“ wird.

Workshop Vorstufenröhren

Fasst schon ein Kunstobjekt

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Fazit

Wer die klanglichen Möglichkeiten seines Vollröhrenamps einmal in seiner Gänze ausreizen möchte, sollte sich ruhig einmal an den Tausch einer oder mehrere Vorstufenröhren wagen. Das Experimentieren gerade mit der Reduzierung des Vorstufen-Gains bringt unter Umständen genau den Ton, den man schon lange gesucht hat.

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Forum
  1. Profilbild
    Ulovemyvoice

    Lieber Axel,
    Ich finde, dass gerade hier die Liebe zu dem Ton deutlicher wird, als sie irgendwo sonst werden könnte.
    Die Unterschiede zwischen „Damals und Heute“ sind ja genau der Punkt.
    Vieles was damals noch nicht ging, wird heute bis zum Exzess ausgereizt.
    Das hat Chancen, aber auch Nachteile.
    Der beste Vergleich den ich da gerade live vor Ort habe ist der Unterschied zwischen dem (mit Abstrichen) sehr nett-coolen Blackstar HT5 Stack MK I Serie, die rote Special, und meinem ziemlich neuen Marshall Ori20h…
    Und das, was die Briten da für „nen Appel und nen Ei“ raushauen (B-Stock Preis 310!!!€), ist etwas, was einem das Grinsen festnagelt, ohne dass man je in die Zerrgrade eines Triple-Rectifier käme…
    Aber das will man dann plötzlich auch gar nicht.

  2. Profilbild
    harrymudd  AHU

    Der Vollständigkeit halber erwähne ich noch die ECC82/12AU7, die auch häufig in Vorstufen vorkommt und eine Leerlaufverstärkung von 17 besitzt.

  3. Profilbild
    Django07  

    Kleine Frage: auch wenn es wahrscheinlich nicht den Charakter einer anderen Röhre haben wird: wenn man Eingangspegel mit z.B. einem EQ reduziert (also negativer Boost), ist das grob vergleichbar?

    Da ich mit nur einem Amp und einer Gitarre am Musizieren bin, sind meine Möglichkeiten zum Testen eingeschränkt und ich bin mir nicht sicher, was Horst Langer dazu sagt, wenn ich den Fireball auf Low Gain umbaue. :-)

    • Profilbild
      Axel Ritt  RED

      Nun ja, die Wechselwirkung ist eine andere, aber in deinem Fall würde ich eher den Volumeregler der Gitarre zurück drehen, die Interaktion mit dem Amp ist dann dynamischer als bei einem hart reduzierten Eingnagspegel …

  4. Profilbild
    rio  

    Es könnte noch zusätzlich die ECC803s (mit langer Anode) als ECC83 Variante erwähnt werden.

  5. Profilbild
    harrymudd  AHU

    wobei einem klar sein sollte, dass die Wahl der hier gelisteten Röhren den Klang eines Verstärker nur geringfügig ändern – für richtig gravierende Klangänderungen muss man an die Schaltung ran. Um z.B. einer ECC83 den Dampf zu nehmen, kann man z.B. das Kathoden-C ändern/entfernen.

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