Report: Backstage auf dem Wacken Open Air

Das Artist-Village

Im Anschluss an die Akkreditierung bringt dich ein Mitarbeiter ins legendäre Artist-Village, das auf dem Areal aufgebaut wird, auf dem zu den Anfangstagen das gesamte Festival stattfand. Hier erhält der Künstler einen oder mehrere Garderoben, ebenfalls in Containerform, wobei Künstler in der Größenordnung IRON MAIDEN innerhalb des Areals noch mal einen gesonderten Bereich absperren lassen.

Der Begriff „Village“ ist wahrlich nicht übertrieben. Neben dem riesigen Cateringzelt gleicht das Areal zuweilen eher einem Freizeitpark mit Spa, findet man doch neben Kickern und diversen Sitzmöglichkeiten auch Massage- bzw. Fitnessangebote und den wahrscheinlich luxuriösesten Toilettenwagen der Welt!

Die Container sind gemäß zuvor angeliefertem Catering-Rider mit allen Getränken, Snacks etc. gefüllt und verfügen über die üblichen Sitzmöbel nebst Klimaanlage. Im Übrigen, in Sachen Merchandising macht den Wacken-Jungs keiner etwas vor, es gibt NICHTS auf dem Gelände, was nicht mit dem Wacken-Logo versehen wurde, vom größten brennenden Metallschädel bis hinunter zum Zahnstocher im Cateringbereich.

Wacken Open Air Backline

— Backline wartet auf ihren Einsatz —

Die Show rückt näher …

Bei einem Festival der Wacken Open Air Größenordnung kann der Künstler außer der Performance auf der Bühne nichts mehr selber machen. Allein die Kommunikation mit den Bühnenkräften und dem Stage-Manager bzgl. Backline, Backdrop, Pyrotechnik, Mikrophonierung, Senderfrequenzen und unzähligen Sachen mehr sind vom Künstler nicht mehr zu handhaben, daher verfügt jede Band über eine Crew, die sich zumeist aus FOH, Lichtmischer und mehreren Technikern zusammensetzt, die sich um die Backline kümmern. Hier ist natürlich nach oben kein Limit gesetzt, so kann es auch sein, dass eine Band der Oberliga mit einer Entourage von zwanzig oder mehr Personen anrückt.

Im Normalfall gestaltet sich der Ablauf jedoch so, dass sich die Band Techniker mit den jeweiligen Ansprechpartnern der Instrumentengattungen absprechen, welches Equipment benötigt wird, die Stagehands entsprechend einweisen und hinter dem Bühnenvorhang die Backline für den nächsten Künstler vorbereiten, damit die Umbaupause möglichst kurz gehalten werden. Man kann sich das Gewusel hinter der Bühne kaum vorstellen. Ständig stehen ca. sechs Drumsets auf Rollrisern herum, werden auf- oder abgebaut, um die zwanzig Gitarrenboxen, zehn Bassstacks, mehrere Keyboard-Riser und vor allem ganze Hundertschaften von Flightcases aller Größen.

Wacken Open Air Grave Digger

— Bühnenaufbau Grave Digger —

Hier haben die beiden Hauptbühnen des Wacken Open Air, „Harder“ und Faster“, die als Zwillingsbühnen ausgelegt sind, den unschlagbaren Vorteil, dass während auf der einen Bühne eine Show läuft, auf der anderen Bühne in Ruhe umgebaut und ein Lin-Check durchgeführt werden kann. Dies ist umso entspannender, da gerade das Wacken Open Air über einen äußerst stringenten Zeitplan verfügt. Jede Bühne wird von einer riesigen Digitalanzeige dominiert und wer mehr als 120 Sekunden überzieht, bekommt gnadenlos den Saft abgedreht. Ein absolut verständliches Verhalten, denn der Headliner des Abends hat definitiv keine Lust, eine halbe Stunde später anzufangen, damit die Opener sich nachmittags noch ein wenig länger feiern lassen können.

Wacken Open Air Schädel

— Der Wacken Schädel —

It’s Showtime!

Egal wie perfekt deine Backline vorbereitet wurde, egal wie perfekt du deine Songs drauf hast, in dem Augenblick, wenn der erste Song losgeht, gibt es IMMER irgendetwas, was nicht funktioniert. Im besten Fall kneift vielleicht nur ein Kleidungsstück, im schlechtesten Fall hast du Drop-Outs in der Signalübertragung und dein Ton ist futsch, während über 80.000 Menschen deinen verzweifelten Gesichtsausdruck auf den Großbildleinwänden sehen.

Darauf musst du vorbereitet sein. Ein großer Vorteil des Wacken Open Air ist neben der hervorragenden Organisation im Allgemeinen, dass du zumindest in Sachen Bühnentechnik durchweg von echten Könnern umgeben bist, die im Zweifelsfall Abhilfe oder Ersatz leisten können. Stresssituation wie 2010, als mir zur Live-DVD Aufzeichnung der GRAVE DIGGER Show ein 60-köpfiges Dudelsackorchester vor dem ersten Ton über mein Gitarrenkabel latscht und ich keine Ahnung habe, ob gleich überhaupt ein Ton aus dem Verstärker kommt, kann dir aber dennoch leider niemand abnehmen.

Fazit

Wer das Glück hat, mit seiner Band auf einem Festival wie z. B. dem Wacken Open Air zu spielen, läuft ständig Gefahr, von der schieren Größe, dem technischen Aufwand und der extrem umfangreichen Organisation erschlagen zu werden. Der größte Feind einer guten Performance ist aber niemals der Umstand an sich, es ist immer deine persönliche Einstellung zur Sache. Angst und Sorge um deine Außendarstellung lassen einen verkrampfen, was das Publikum sofort merkt.

Ich für meinen Teil habe mich vor der Live-DVD-Aufzeichnung 2010 zur Sicherheit vor der Show eine Stunde zurückgezogen und habe das gesamte Set ganz in Ruhe für mich allein noch einmal durchgespielt. Danach sofort auf die Bühne und eine Headliner-Show vor einem fantastischen Publikum gespielt. Ein Traum …

Forum
  1. Profilbild
    Emmbot  AHU

    Super Bericht Axel. Mit vielen Backgroundinfos und persönlichen Empfindung.

    Das WOA ist schon ein Besuch wert. Ein Haufen TOP Bands in so kurzer Zeit zu sehen.

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    syntics  

    Toller Bericht!

    Als Besucher hat man keine Ahnung davon, was hinter den Kulissen so abgeht und
    welcher immense organisatorische Aufwand hinter so einer Veranstaltung steckt.

    Aber die Organisatoren haben das echt im Griff, Hut ab…

  3. Profilbild
    Codeman1965  

    Ein Freund von mir ist seit Jahren in Wacken im Rettungsdienst dabei, hat auch einige Jahre in der Organisation mitgemacht (Hut und Mütze gleichzeitig ab dafür!).
    Nach seinen Worten gibt es nichts, was auch nur annähernd so friedlich ist wie dieses Event.
    Und es gibt wohl wenig, auf was man dort NICHT vorbereitet ist.
    Sein persönliches Highlight war seinerzeit, als Lemmy ihn „genötigt“ hat, aus seiner Buddel einen ordentlichen Hieb zu nehmen…
    Musik obergeil, Leute gut, Organisation gut, und das Dorf spielt auch mit.
    Auch, wenn dieses Jahr der obligatorische Schlamm fehlte. Zu trocken für Wacken…!
    Ich muss da wohl irgendwann auch noch mal hin… ;-)
    Danke für Deinen Bericht, Axel…!

  4. Profilbild
    Synthie-Fire  AHU

    Sehr schöner Artikel.
    Da hätte ich direkt Lust ein Mehrteiler zu lesen :-).
    Hab auch schon wieder das Ticket für nächstes Jahr und werde jetzt bestimmt mehr darauf achten was so hintergründig passiert. ( Wo man es mitbekommen kann).
    Wacken ist echt immer Top organisiert.

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