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Report: Der Kemper Amp – wie ein Verstärker die Szene verändert

18. Oktober 2016

Ist das die Wachablösung?

Ich glaube, es muss ca. fünf Jahre her sein, als sich auf der damaligen Frankfurter Musikmesse eine Menschentraube um einen recht hässlich anmutenden „Brotkasten“ versammelte und die Münder ein ums andere Mal nach unten klappten, um dort für eine nicht absehbare Zeit zu verweilen. Zu sehen und vor allem zu hören war das Modell 1 des sogenannten Kemper Amp, der mit dem bis dato für alle Gitarristen völlig unbekannten Wort „Profiling“ den größten Erdrutsch in der Verstärkertechnik einläuten sollte, den die Saitenfraktion jemals erlebt hatte.

Für alle, die das Prinzip des Verstärkers noch nicht kennen. Der Kemper Amp wird an einem neuralgischen Punkt in die Signalkette zwischen Gitarre, Effekten, Verstärker, Lautsprecher und Mikrofon gehängt, schickt dann einen speziellen Cocktail aus verschiedenen Frequenzen durch die Signalkette und sampelt die entstandenen Klänge sozusagen ab. Aus diesem Speicherinhalt errechnet er eine perfekte virtuelle Kopie des Originalklangs, die nur sehr, sehr schwer vom Original zu unterscheiden ist. So weit, so genial.

Der ursprüngliche Kemper Amp

— Der ursprüngliche Kemper Amp —

Auch ich war in meinem Amazona Test von 2012 extrem angetan von der sehr authentischen Reproduktion einiger großer Klassiker, die bereits mit der Auslieferung des Produktes mitgeliefert wurden. Die Ansprache und das Resonanzverhalten der Sounds war um ein Vielfaches näher am Original als die gesamte Modeling Konkurrenz und ist es auch heute noch.

Die Ersten werden sich spätestens an dieser Stelle fragen, wo der genaue Sinn dieses Artikels liegt: ein weiteres Lobeslied auf ein herausragendes Produkt? Von wegen, fragt man die weltweite Szene der Verstärkerhersteller, die auf den Namen Kemper durchweg so reagieren, als wenn man dem Teufel einen Liter Weihwasser in den Hals schütten würde. Der Ausdruck „heimlicher Verstärkertod“ macht mittlerweile selbst bei den ganz großen Namen der Zunft unverhohlen die Runde.

Natürlich werden Giganten wie etwa Marshall oder Mesa/Boogie niemals in ihren Prospekten darauf hinweisen, was ihnen an geschätzten Umsätzen in den letzten Jahren durch die Lappen gegangen ist. Aber der Fakt, dass z.B. Marshall sich mit Gewalt in die Vermarktung ihres legendären Trademarks in Form von Kühlschränken, Telefonen oder Brillen stürzt, lässt einen zumindest gelegentlich innehalten. Was genau ist denn nun passiert? Um dies besser verstehen zu können, muss man sich zunächst die Bereiche Studio und Live vor Augen halten.

Forum
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    OscSync  

    Technologisch eine andere Baustelle aber ähnlich auswirkungsreich, könnte man auch das AxeFX erwähnen. Gerade im Metal sind auffallend viele Bands mittlerweile auf AxeFX & Kemper für Ihren Livesound umgestiegen.

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    r.biernat  AHU

    Ich kenne einige, die ihre Röhren-Amps gegen einen Kemper getauscht haben und der Klang spricht für sich. Doch ich denke, es wird immer Musiker geben, die es einfach haben wollen – ein Amp, ein Sound und gut. Der Kemper kann natürlich auch einfach mit einem Sound genutzt werden, aber die Auswahlmöglichkeiten verführen und bringen uns weg vom Musik machen. Wir müssen im Leben ständig suchen, auswählen und bewerten, das kostet Zeit und im schlimmsten Fall Kreativität.

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      AMAZONA Archiv

      Da stimme ich Dir zu. Man wird heutzutage von den vielen Möglichkeiten die die Geräte einem bieten geradezu erschlagen und man verliert sich zu sehr in Soundforschung und anderen Dingen und die Kreativität und Spontanität geht verloren. Daher habe ich irgendwann angefangen mich selber in den Möglichkeiten die ich zum Komponieren benutzen möchte bewusst zu limitieren. Das hat geholfen mich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

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    g3000

    Gab es in der Synthesizer-Szene Ende der 70er Jahre denn ähnliche Bedenkenträger, die mit dem Erscheinen eines Fairlight CMI oder einer SP-1200 den Einbruch der Synthesizer-Industrie vorhersahen? Ein Kemper-Amp ist als ein weiterer konsequenter Schritt in Richtung „Digital“-Guitar zu sehen. Das Uraltkonzept des Röhrenverstärkers bekommt durch kleine Firmen wie die von Herrn Kemper wieder frischen Gegenwind. Letztlich wird doch von Marshall und Co seit Jahrzenten das gleiche Produkt verkauft (siehe Microsoft und Windows). Ergo: das nennt man Evolution.

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      OscSync  

      Wobei der Kemper ironischerweise ohne herkömmliche Röhrenverstärker gar nicht existieren kann, weil es dann nichts zum „profilieren“ gäbe…. :-)

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      janschneider  

      Einen Einbruch bei den Synthesizern gab es tatsächlich in den Achtzigern, und zwar ausgelöst durch den ersten bezahlbaren Synthesizer, den DX7. Danach war mit analogen Schlachtschiffen nicht mehr viel und einige Firmen mussten aufgeben.
      Das passiert übrigens in jeder Branche, wo die Digitalisierung voranschreitet, da gibt es Gewinner und Verlierer. Das mag man beklagen, aber es ist so.
      Und im Synthbereich gibt es ja seit Jahren wieder einen Boom der (analogen) Hardware, und es werden mehr Geräte verkauft als je zuvor. Kann im Gitarrenbereich auch so kommen, das ist ja immer auch eine Trendsache, wie zB auch Vinyls. Braucht nüchtern betrachtet keiner, ist dennoch wiedergekommen.

      Insofern glaube ich gerne, dass der Kemper (und andere) vielen Ampherstellern zu schaffen machen werden, insbesondere im mittleren Preissegment. Das Billigsegment wird es weiterhin geben, der Kemper ist ja recht teuer, und mit Sicherheit auch den High-end/Boutique-Bereich, da dort ja rationales Verhalten und Vernunft eh kaum eine Rolle spielt…

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    Franz Walsch  AHU

    Den Verstärkern geht es wie schon vorher der Studiotechnik an den Kragen. Viele Studios verwenden nur noch PlugIns großer Klassiker. Das hat ja auch praktische Gründe. Mit einem PlugIn ist man immer schneller als mal eben einen anderen Kompressor anschließen. Auch werden es die Roadies einem danken. Die nächste Generation wird vielleicht auch keine Mischpulte mit Fadern vor sich haben. Das kann man finden wie man will, der Trend dürfte sich aber nicht aufhalten lassen.

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      janschneider  

      Dennoch gibt es tatsächlich heutzutage mehr Firmen und Produkte in der Studiotechnik als je zuvor. Man schaue sich ja nur mal an, was es alles für das 500 Format gibt. Und das in einer Zeit, wo die Digitaltechnik schon unglaublich gut und günstig ist.
      Liegt natürlich auch am Marketing der Firmen, das sehr geschickt die Analogtechnik zum heiligen Gral der Studios verklärt und all den Hobbyisten und Halbprofis einredet, dass nur mit teurer analoger Technik der professionelle „warme“ Klang zu erzielen ist. Hat auch genau so bei den Synth-Leuten funktioniert.

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    OscSync  

    Für Recording nutze ich mittlerweile lieber Plugins als Amps. Ich habe auch schon Hardware wie POD HD und ähnliches genutzt, aber wenn eh ein Rechner in der Nähe ist, nehme ich dann lieber direkt Plugins.
    Was mich bisher von Modeling-Amps abgehalten hat, ist der schnelle technologische Fortschritt. Ich habe einen Mesa Studio 22 von ´85, der mir immer noch treue Dienste leistet und super klingt. Ebenso mein Recto aus den späten 90ern, und ich mache mir keine Sorgen, irgendwann einmal mit diesen Amps meine Live-Bedürfnisse nicht mehr befriedigen zu können (FX sind da ein etwas anderes Thema…). Bei Geräten wie dem Kemper oder auch dem neuen Bias Amp hätte ich viel mehr Bedenken, dass in 5-10 Jahren der technoligische Fortschritt auch diese Geräte wieder alt aussehen/klingen lassen wird.

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    essepi

    Ich habe noch keinen Kemper gehört, bezweifle die gute Klangqualität jedoch nicht. Meine Gedanken drehen sich eher um den Wert bzw. den Werterhalt von digitalen Geräten. Im Normalfall sind diese Geräte nach einigen Jahren beinahe wertlos da die Prozessortechnik sehr schnell voranschreitet. Ein Beispiel sind die Digitalkameras, kostete eine gute Nikon vor 4 Jahren noch € 2’500 kriegt man sie heute für € 500. Ein Axe FX kriegt man jetzt schon unter € 1’000. Zudem, an einem Röhrenverstärker haben die meisten noch nach vielen Jahren Freude (abgesehen vom Werterhalt). Wer wird einen Kemper oder Fractal Audio etc. in 10 Jahren noch reparieren (können)? Last but not least: die Musik wird dadurch auch nicht besser …….. Keep On Rockin‘

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    AMAZONA Archiv

    Also ich habe in meinem Musikerleben nur einen Amp gekauft. Den hatte ich mir als 18-jähriger für unglaubliche 300 Mark von privat gekauft. Der Sound war immer gut, also kam ich nie auf den Gedanken mir was neues zu holen. Mittlerweile weiß ich, das der Amp ein Marshall JMP 50 Plexi ist, nur unwesentlich jünger als ich selbst. Ich habe in den vergangenen Jahren viel digitales gespielt, aber der Kemper war für mich bisher vom Feeling am Authentischsten. Nur gekauft habe ich ihn noch nicht :-(

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    costello  RED

    Ich bin hier meistens auf den Keys- und Studioseiten unterwegs. Aber diese Story über den Kemper Amp hat mich total fasziniert. Ein game changer, der das Zeug hat, den etablierten Verstärkerfirmen das Wasser abzugraben. Ab und an kommt ein befreundeter Gitarrist vorbei und wir jammen bei mir in der Wohnung. Die Nachbarn wären begeistert, wenn er seinen Vox AC 30 mitbringen würde ;-) Läuft natürlich alles über Amp-Simulation. Den Kemper werde ich ihm mal ans Herz legen.

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    Sokrates  

    Ich hatte mal einen Diezel Herbert. Der brachte mit Flightcase knapp 30kg auf die Waage. Den wollte ich nicht ständig durch die Kellerräume schleppen. Bei Diezel gab es meiner Meinung in den letzten Jahren auch keine richtige Weiterentwicklung. Die meisten Modelle haben keinen Hall, von einem Effektboard ganz zu schweigen. Hugh & Kettner stellt sich mit den programmierbaren Amps der Herausforderung.

    Ich habe auch einen Kemper Amp ohne Endstufe. Den kann ich trotzdem an eine 2×12 Box hängen und es wird richtig laut. Wer sich für den Kemper interessiert, sollte ihn im Musikgeschäft auch über eine Gitarren- Box hören. Dadurch klingt der Kemper runder in den tiefen Frequenzen.

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    Auch wenn hier die meisten total begeistert wirken,für mich ist der Kemper eine Simulation oder emulation oder was auch immer, am Ende finde ich meine echte Kiste trotzdem noch eine Hallo Portion echter ,vor allem wenn es um’s Sound einstellen geht verändert sich mein Verhältnis zum Kemper Recht schnell. Denn ausser dem einmaligen Abbild einer einzigen Einstellung eines Mesa Boogie z.b.lässt sich der Sound nicht mehr authentisch ändern. Er Verhält sich hier eher wie ein Sampler. Aber den ganzen Mesa bekommt man nicht kopiert sondern nur die eine Klangeinstellung. Der echte Mesa bietet jedoch sehr viele Möglichkeiten der Klangmanipulation. Aber gut,viele junge Musiker gewöhnen sich an den plastiksound von plugins oder Nutzen ihn als ihr stilmittel was auch okay .für mich alter Hase isses aber nix.

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    Ich bin ein großer Fan vom Kemper Profiling Amp und trotzdem glaube ich nicht, dass er die Röhrentechnik verdrängen wird. Zumindest hoffe ich es nicht, denn auch wenn die Hörunterschiede rational vielleicht kaum auszumachen sind, ist das Spielen über echte Röhre für mich ein völlig anderes Spielgefühl. Über digitale Technik habe ich immer das Gefühl, den direkten Kontakt zur Gitarre zu verlieren.

    Ich sehe es so: die Digitaltechnik für die Soundvielfalt und die Röhre fürs Herz und den einen perfekten, nicht zu toppenden Sound (die ewige Suche danach mit eingeschlossen). Warum nicht einfach von beidem das Beste nutzen?

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      r.biernat  AHU

      Zum Thema Spielgefühl gibt es ein schönes Video von Rob Chapman und dem Captain. Die beiden testen im Blindvergleich den Kemper gegen die Röhren-Originale und dachten auch sie könnten den Unterschied aufgrund von Latenz oder einem indirekteren Spielgefühl ausmachen – Pustekuchen! Sie liegen immer daneben.

      https://www.youtube.com/watch?v=INJ_H5PiuTE

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        Vielleicht habe ich mich nicht klar genug ausgedrückt, aber ich wollte keineswegs hier wieder die nervige „Blind-Vergleichs-Diskussion“ vom Zaum brechen, sondern lediglich sagen: „Es ist trotzdem geil, über Röhrenverstärker zu spielen.“
        Dieses ganze, was man hört und was nicht, was effektiver ist oder billiger, wird ja meistens von Leuten diskutiert, bei denen es um Effizienz oder Optimierung oder Kosteneinsparung geht. Bei mir gehts aber ums SPIELEN und da macht einfach BEIDES Spaß, Kemper auf seine Weise und Röhren auf eine andere Weise. Und das lasse ich mir auch von Blindvergleichen nicht nehmen.

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        Und wenn eines Tages die Blindvergleichsleute „gewonnen“ haben und es gesetzlich verankert wurde, dass digitale Emulationen genauso oder besser klingen als Röhrenverstärker, dann leiste ich mir gerade noch einen Röhrenverstärker, einfach weil die Röhren so schön glühen, weil sie sich erst erwärmen müssen, weil das Topteil so schön warm wird, weil es riecht, wenn es eine Weile nicht eingeschaltet war und weil ich einfach die Vorstellung mag, dass der Strom aus meinen Tonabnehmern den Sound erzeugt und nicht ein Algorithmus. Ja, ja, ich weiß: Für die Rationalisten ist das alles totaler Blödsinn.

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          Gitarristen und innen sind enorme Gefühlsmenschen, meine Frau kauft lieber ein hübsches Termin Kalender Büchlein aus der Buchhandlung als dass sie Outlook Kalender am Handy das sie ohnehin immer dabei hätte zu nutzen. Woran es liegt? Am Gefühl! Also wer den Kemper aus rein praktischen Gründen kauft, bitteschön. Es gibt keinen Grund ihn nicht zu kaufen. Aber ein Engl Powerball oder Diezel Monstervieh oder nur ein Bugera Trirec hat für viele mehr Magie als eine Digitale Simulation oder Emulation… Kann mir einer sagen was der Unterschied zwischen Emulation und Simulation oder Imitation ist? Dankeschön

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        AMAZONA Archiv

        Ich denke das sollte man selbst ausprobieren und sich sein Bild machen. Gerade Youtube ist mir da viel zu kommerziell und da gibt es mir zu viel Schleichwerbung. Am besten echt selbst erleben, aber auf solche Videos gebe ich keinen Cent mehr.

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    Stahlklang

    Für mich ist der Vergleich Röhren-Amp zu Profiler wie Muscle-Car mit V8 gegen Tesla.
    Das Bauchgefühl sagt V8, die Vernunft Tesla.

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    AMAZONA Archiv

    Ich denke daß mit dem Kemper die endgültige Wiedergeburt der Presetschleuder geboren wurde, denn wer am Sound nach dem modeling biegt der merkt schnell dass der angebliche Mesa ganz schnell etwas anderes wird und ganz und gar nicht wie sein ehemaliger Papa klingt , wer seine Sounds selbst kreieren will braucht die Röhre und SEINEN amp weiterhin, auch wer auf Boden Pedale steht sollte den alten Weg weiter hin nicht verlassen. So macher kann den Kemper ganz gut als Gefrierschrank für seine eigenen Sounds erstellen und damit auf die Bühne als guitar hero wild rum dudeln, ohne viel Stress gibt’s den Monate lang im Proberaum erforschten Sound abrufen und ohne Roudy an und abreisen. Jedoch ohne Eltern ist der Kemper machtlos. Ideen braucht der Mensch.

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