Report – Jobs on Stage: Was ist ein Guitar-Tech?

23. August 2020

Der Guitar Tech: Luxus oder Notwendigkeit?

Es gibt nur noch wenige Punkte in der Außendarstellung, die den Eindruck vermitteln, dass man es im Musikgeschäft „geschafft hat“. Waren es früher vor allem die Qualität der Instrumente und die Möglichkeit, seinen eigenen Song im Radio zu hören, hat heutzutage bereits Einsteiger-Equipment zuweilen eine beachtliche Qualität und der öffentliche Rundfunk spielt in Sachen Musikgestaltung außer für belangloses Hintergrundgedudel keine Rolle mehr. Geblieben sind eigentlich nur noch zwei Attribute, die vermeidlich nahezu immer auf den finanziellen Status des Künstlers nach außen hin schließen lassen, als da wäre die Reise im Nighliner während einer Tour und ein eigener Gitarrentechniker. Über die Sinnhaftigkeit des ersten Punktes habe ich mich schon mehrfach ausgelassen, über den zweiten Punkt wollen wir heute reden, frei nach dem Motto „Der Guitar-Tech, Luxus für gut verdienende Musiker oder essentielle Notwendigkeit?“

„Warum ein Guitar Tech

für eine Arbeit, die der Musiker auch selber machen kann?“

Die oben genannte Überschrift ist wohl die am häufigsten gestellte Frage, die sich der normale Musiker stellt, sobald er sich mit dem Thema auseinandersetzt. Eine nicht unberechtigte Frage, glaubte selbst mein Vater noch, dass ein Gitarrentechniker lediglich die Faulheit der Musiker unterstützt und selbst ich bis vor ca. 15 Jahren ohne festen Techniker, sondern lediglich mit Stagehands gearbeitet habe. Was an Qualität, vor allen Dingen gegenüber dem Publikum jedoch auf der Strecke bleibt, merkt man erst, wenn man mit einem festen Techniker zusammenarbeitet. Ich versuche euch hier kurz einen Einblick zu verschaffen, warum der/die Mann/Frau (wir waren auch schon mit einem weiblichen Drum-Tech auf Europatour) im Hintergrund eine der wichtigsten Posten überhaupt auf Tour inne hat und was alles in die Hose gehen kann, wenn es hier hakt.

Einer der wichtigsten Punkte vorab: Wer einen Techniker mal so richtig beleidigen will, nennt ihn einen „Roadie“. Ein versierter Guitar-Tech befindet sich von seinen Fähigkeiten her weit über der Spezies, die zuweilen als „junger Mann zum Mitreisen gesucht“ Original eine Mischung aus Fahrer, Aufbauhelfer, Merchandise-Verkäufer, Bodyguard uvm. darstellt. Einen ähnlichen Effekt generiert man, wenn man eine Physiotherapeutin als „Masseuse“ bezeichnet, nicht zum Nachmachen geeignet. In dieser Funktion kommen dem Gitarrentechniker gleich mehrere Aufgaben zu, als da wären:

1.) Equipment-Verwaltung

Ja, viele Musiker beherrschen ihr Equipment sehr gut, zuweilen perfekt, aber man mag nicht für möglich halten, wie viele professionelle Musiker einen technischen Horizont auf Raumtemperatur haben. Bereits die korrekte Platzierung einer DI-Box im Signalweg sorgt bei der überwiegenden Anzahl von Saiteninstrumentern für ein großes Fragezeichen auf der Stirn, unter Zeitdruck stehend auch gerne einmal für einen Panikanfall. Beliebte Punkte wie Impedanzwahl der Cabinets, Unterschied Instrumenten- und LS-Kabel und der Klassiker Frequenzwahl im Festivalbetrieb sorgen zuweilen für chaotische Zustände jenseits der Bühne.

Ein versierter Guitar-Tech hat nicht nur auf ALLE technischen Fragen rund um die Gitarre eine Antwort, er weiß auch, wie sie umgesetzt wird. Ich habe Gitarrentechniker bei Aerosmith während ihrer Arbeit die dritte Stimme von Steven Tyler singen gehört und Eddie van Halen hat (angeblich) früher seine Techniker danach ausgesucht, indem er ihnen ein großes Case mit Einzelteilen gegeben hat und sie mit den Worten „Bau mir daraus eine Gitarre“ zurückgelassen hat. Dies ist zweifelsohne nicht von Nöten, aber für einen Künstler auf der Bühne ist es immens wichtig, dass im Fall eines Systemausfalls der Tech jeden Handgriff kennt, um das Problem so schnell wie möglich zu lösen.

Nahezu alle Guitar-Techs sind selber Musiker und kennen die meisten Probleme, die auftreten können, aus eigener Erfahrung. Ich selber setze mich immer zu Beginn einer Tour mit meinem Tech zusammen und bespreche mit ihm die Änderungen, die es im meinem Tourequipment seit der letzten Tour gegeben hat. So lassen sich viele Probleme, die unter Umständen auftreten können, bereits im Vorfeld besprechen. Je nach Größe der Band kommt dem Guitar-Tech auch noch die Funktion der Lagerverwaltung zu. Viele größere Bands lagern ihr Equipment in entsprechenden Hallen oder Lagern, von denen es für Proben oder Tourneen angefordert und später wieder eingelagert wird. Hier gilt es Ordnung zu halten, insbesondere wenn der Tech noch für andere Künstler arbeitet.

2.) Tourbetrieb

Natürlich träumt jeder Musiker von der großen Tour, wer aber wirklich einmal in den „Genuss“ selbiger kommt, wird hier und da mit der harten Realität konfrontiert. Mir selber war es vor knapp 20 Jahren vergönnt, eine knapp 6-wöchige Europatour als Supportband durch ca. 15 Länder mit fast 35.000 km Reisestrecke im Nightliner OHNE Guitar-Tech zu absolvieren, was dazu führte, dass ich nach knapp 4 Wochen so mit den Nerven zu Fuß war, dass ich kaum mehr einen geraden Satz aussprechen konnte. Die Kombination aus körperlicher Überlastung, mangelndem Schlaf, ständiger Sorge, ob das Equipment durchhält und ja, auch der ausgiebige Partybetrieb wirkten sich spätestens ab diesem Zeitpunkt auf die Performance auf der Bühne aus, womit man beim springenden Punkt angekommen ist.

Ein 412er Cabinet wird bei einer solchen Ochsentour jeden Tag gefühlte 1 kg schwerer und lässt sich zum Schluss kaum noch auf eine Bühne heben. Die gemieteten Stagehands, die bei Get-in noch vollzählig vorhanden waren, lösten sich nach der Show regelmäßig in Luft auf, was dazu führt, dass du im klatschnass durchgeschwitzten Bühnen-Outfit erst einmal dein ganzes Gelerch unter den Anfeuerungsrufen der restlichen Crew im Laufschritt von der Bühne wuchten musst. Irgendwann bist du so erschöpft, dass deine Performance massiv nachlässt und das Publikum für einen ausgezehrten, abgehalfterten Musiker Eintritt bezahlen soll. Dafür hat niemand Verständnis und zwar zu Recht.

Hier bedarf es nicht nur eines Organisators, sondern auch einer Person, die dafür sorgt, dass die vertraglich zugesicherten Punkte, wie zum Beispiel Auf- und Abbauhelfer nüchtern(!), motiviert und pünktlich zum Dienst erscheinen.

3.) Festivalbetrieb

Hat man während einer laufenden Tour immer noch mal ein paar ruhige Minuten, bei der man das eine oder andere Problem lösen kann, ist der Festivalbetrieb, insbesondere bei der Kategorie 10.000 Zuschauer und mehr, in Sachen Zeitplan die reinste Hölle. Angefangen bei der Lagerung deines Equipments bis zur Show, die Kombination deines Equipments mit dem gemieteten Equipment des Veranstalters (z. B. Cabinets), die Durchführung des Line-Checks (Soundcheck ist nicht bei Festivals) und das alles kombiniert mit einer Changeover Zeit von max. 20 Minuten macht eine Performance ohne Crew unmöglich.

Natürlich kann man auch gerne mal versuchen, nach dem letzten gespielten Ton seinen Krempel selber von der Bühne zu bekommen (der nächste Act steht schon in den Startlöchern), was aber meist im Chaos endet, zumal Kollege Diebstahl nur darauf wartet, zuschlagen zu können. Nirgends wird so viel gestohlen wie auf Festivals, da ist es sehr hilfreich, jemanden vor Ort zu haben, der dein Equipment sichert. Große Festivals sind auf die Sekunde (kein Scherz) durchgetaktet, wer zu spät anfängt, dem wird Spielzeit gestrichen, wer überzieht, dem wird der Strom abgedreht!

4.) Sicherheitsabstand

Jeder Künstler hat seine eigene Art, sich auf seine Performance vorzubereiten. Ich kenne Sängerkollegen, die sich über 90 Minuten lang vor der Show unter voller Leistung warm singen (spielen also im Prinzip 2 Shows), andere räuspern sich nicht einmal, bevor sie auf die Bühne gehen. Ähnlich geht es auch Gitarristen. Ich für meinen Teil brauche ca. 30 – 45 Minuten, um mich auf Betriebstemperatur zu bringen, zumal meine schwierigsten Passagen sich nahezu immer im ersten Song befinden (das ist eine andere Geschichte …).

Ich habe volles Verständnis, wenn in Zeiten von Selfies etc. alle paar Minuten jemand etwas von dir möchte, aber es stört die Vorbereitung ungemein. Hier ist es sehr hilfreich, wenn dein Tech dazwischengeschaltet ist und eine Art Puffer aufbaut.

Jedem seinen Tech!

Nach allen den oben genannten Auflistungen fragt man sich halt, warum nicht jeder Musiker seinen Tech hat. Die Antwort kennt natürlich jeder, es ist eine Frage der Finanzen. Wenn die Band schon kaum Einnahmen verzeichnen kann, wer soll dann den Guitar-, Bass- oder Drum-Tech bezahlen? Auf der anderen Seite, wer auf großen Bühnen mit den oben beschriebenen Umständen performt und nicht genügend Gage für eine entsprechende Crew generiert, sollte einmal über sein Gagenmodell nachdenken.

Ein weiteres Problem ist der menschliche Aspekt. Ich hatte bereits fachlich sehr gute Techniker, die mit ihrer offen zur Schau gestellten Lebenseinstellung nicht zu ertragen waren oder aber auch echt nette Jungs, die bereits bei der Verkabelung der Verstärker ins Straucheln kamen. Beide Varianten sind für eine gute Zusammenarbeit nicht zu gebrauchen. Nach vielen Jahren habe ich jetzt endlich die ultimative Kombination von Wissen und angenehmen Menschen gefunden, was aber auch Jahre des Suchens mit sich brachte.

Um die eingangs erwähnte Frage zu beantworten, ein ernstzunehmender Musiker kann alles selber machen, sofern er einen bestimmten Status nicht überschreitet. Ab dann MUSS jedoch ein Guitar-Tech vor Ort sein, sonst bricht das gesamte System zusammen.

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