Report: Native Instruments Kontrol S4 MK3 Screen Hack

19. November 2020

Was NI-Displays könnten, wenn man wollte

Native Instruments Traktor Kontrol S4 MK3 Screen Hack Aufmacher

Native Instruments Traktor Kontrol S4 MK3 Screen Hack

Für den Native Instruments Kontrol S4 MK3 gibt es einen Screen-Mod, der verspricht, mehr aus den Displays am Gerät herauszuholen, als der Hersteller selbst ermöglicht. Grundlage dafür ist ein Mapping, das diese erweiterten Möglichkeiten bietet. Das Ganze kommt natürlich nicht vom Hersteller selbst, sondern ist ein User-Mod, aber wurde immerhin von Native Instruments auf der eigenen Homepage gefeaturet. Dazu gleich mehr.
Wir haben uns zunächst einmal die Frage gestellt, ob der Mod den Aufwand und Einsatz wert ist … und vor allem, stabil läuft?

Native Instruments Kontrol S4 MK3

Der Screen-Hack im Kontext

NI Kontrol S4 MK3 – der Mod für die Displays

Als ich Ende 2018 den Kontrol S4 MK3 von Native Instruments testete, war ich von den kleinen Displays auf dem Gerät positiv überrascht. Sie hatten sich bei mehreren Gigs völlig unerwartet als sehr praktisch herausgestellt. Hätte mir das ein paar Wochen zuvor jemand prophezeit, hätte ich denjenigen wahrscheinlich ausgelacht. Aber natürlich waren nicht alle User so zufrieden wie ich und einer ist immer dabei, der versucht, so etwas zu hacken oder zu modden.

In unserem Fall heißt dieser jemand Joe Easton und sein Screen-Hack für den Kontrol S4MK3 ist so ausgebufft, dass ich in den einschlägigen Foren mehr als einmal den Vorschlag gelesen habe, Native Instruments möge den begabten Menschen doch bitte einstellen.
Das ist zwar meines Wissens bisher nicht passiert (eher das Gegenteil), doch zumindest brachte man Joe soviel Respekt für seine Leitung entgegen, seiner Arbeit einen Artikel auf der Website von NI zu widmen. Passiert auch nicht jedem.

Installation des Screen Hacks

Die Installation des Screen Hacks ist ein bisschen pfriemelig, wird aber Schritt für Schritt im mitgelieferten Dokument erklärt und ist in ein paar Minuten erledigt.
Im Wesentlichen muss man dazu ins Installationsverzeichnis von Traktor und dort ein paar .qml-Dateien gegen die von Joe Easton ersetzen. Außerdem wird noch ein Settings-File mitgeliefert, das man editieren kann, um den Screen Mod an die eigenen Bedürfnisse anzupassen.
Das ist nicht so komfortabel wie eine schicke GUI, aber absolut brauchbar.

Native Instruments Kontrol S4 MK3

Unsexy, aber funktioniert: Diese Settings-Datei muss manuell editiert werden, um den Screen-Hack an die eigenen Bedürfnisse anzupassen

Damit die Effekt-Settings richtig funktionieren, muss ihre Reihenfolge in Traktor stimmen. Dazu dient ein .tsi-File, das in Traktor importiert werden muss wie ein reguläres Mapping. Das war’s. Ab sofort ist Traktor mit neuem Screen Mod für den Kontrol S4MK3  ausgestattet.

Der Screen Mod

Was sind nun die Unterschiede zum normalen Inhalt der Displays? Wir gehen das mal Stück für Stück durch:

Native Instruments Kontrol S4 MK3

Screen Hack und Original im direkten Vergleich

Links auf dem Bild seht ihr den Hack, rechts die Standardansicht, wie sie von NI vorgesehen war. Der große konzeptionelle Unterschied: Bei NI beschränkte man sich auf die (stehende) Übersichts-Waveform mit allen Cue-Punkten und die wichtigsten Angaben zum Track, also Titel, Tempo, Key, Remaining-Time und die eingestellte Loop-Länge.
Der Screen Hack hingegen zeigt, wie von Traktor am Rechner gewohnt, zusätzlich einen sich  bewegenden Ausschnitt der Waveform. Klar ist, dass das nur funktionieren kann, wenn die Textelemente sehr viel kleiner sind als bei NIs Layout.
Das Photo oben zeigt das einerseits sehr gut, vermittelt aber andererseits ein falsches Bild von den Maßen der Displays. Mit ihren 4×3 cm sind sie sehr klein. NIs Layout nimmt darauf Rücksicht, während Joe Eastons Variante schon ziemlich gute Augen benötigt.
Hier ein kleines Video, das den Hack in Aktion zeigt und die Größe der Displays besser illustriert als die Detailaufnahmen. Ja, Joe Easton hat die farbigen RGB-Wave-Formen auf die Screens gebracht, während NI selbst auf allen Controllern mit Displays an der einfarbigen Darstellung festhält.
Ebenfalls dem Hack vorbehalten: die Anzeige des Phasenmeters. Warum diese wichtige Funktion nicht im Standard-Mapping sichtbar ist, versteht allerdings kein Mensch.

Der zweite große Unterschied des Screen Hacks: Man kann ihn im Gegensatz  zur Standard-Variante auch zum Auswählen und Laden von Tracks benutzen. Drückt man auf den „VIEW“-Button am Controller, wechselt das Display des jeweiligen Decks in den Browse-Modus und zeigt die aktuelle Playlist. Diese lässt sich ganz einfach nach allen wichtigen Kriterien sortieren, indem man im Browse-Mode auf eine der Tasten der Reihe direkt unter dem Display klickt.

An dieser Stelle wird klar, dass Joe Eastons sogenannter „Screen Hack“ deutlich mehr tut, als nur die Displays zu verändern.  Es handelt sich dabei auch um ein Remapping einiger Funktionen des S4MK3. 

Der Browse-Modus

Drückt man beispielsweise auf den Button, der normalerweise Titel auf die Preparation-Liste packt, gelangt man in den erweiterten Browse-Modus. Das linke Display zeigt dann wie gehabt die Playlist an, während auf dem rechten Display detaillierte Infos zum markierten Titel zu sehen sind.

Native Instruments Kontrol S4 MK3

Und auf dem zweiten Screen gibt es die Detailansicht im Browse-Mode

Die Beatjump-/Loopmove-Encoder scrollen durch den Ordnerbaum, der Endlosregler für die Loop-Länge durch die Play-Liste. Mit den im Browse-Mode gelb eingefärbten Pads wählt man die Favoriten-Play-Listen.

Der ganze Browse-Mode ist sehr gut gelöst, ich frage mich allerdings, wie sinnvoll es ist, auf den winzigen Displays des Native Instruments Kontrol S4 MK3 Play-Listen darstellen zu wollen, wenn direkt daneben sowieso ein Laptop steht. Aber gut, es ist eine Option.

Die Pad-Modi

Insgesamt kann man sagen, dass das Remapping stark von Rekordbox beeinflusst ist.
Joe Easton hat verschiedene Pad-Modi realisiert, die über die Reihe Buttons oberhalb der Pads angesteuert werden. Das geht vom klassischen HotCue-Modus über Beatjumps, Loops, Beatroll, bis hin zum Slicer-Mode. Die Idee ist prinzipiell gut und für User, die von Rekordbox und den dazugehörigen Controllern kommen, wahrscheinlich auch sehr nützlich, aber ich kann leider überhaupt nichts damit anfangen. Der Grund dafür: Das Mapping betreibt einen enormen Aufwand, um ein Bedienkonzept aus der Pioneerwelt auf Traktor zu übertragen, das in meinen Augen der Art und Weise, wie diese Dinge bei NI geregelt werden, hoffnungslos unterlegen ist. Ich habe keine Ahnung, wozu ich mir all diese Knöpfe und ihre unterschiedlichen Belegungen merken sollte, wenn doch die beiden Loop-Encoder auf dem Native Instruments Kontrol S4 MK3 den Job logischer und einfacher erledigen. Bis auf den Slicer vielleicht, aber wer hat den jemals benutzt, frage ich euch?
Ein Detail wurde allerdings verbaut, das ich erwähnenswert finde. Drückt man im Pad-Loop-Mode noch einmal auf SHIFT, wechselt die Farbe der Pads von grün zu rot und signalisiert damit den Rückwärts-Loop-Modus, bei dem man nicht den Anfang, sondern das Ende des Loops definiert, wenn man einen Loop aktiviert. Das ist in vielerlei Hinsicht die logischere und sinnvollere Art, Loops zu setzen. Daumen hoch für die Umsetzung. Note to myself: Ich muss mir die Möglichkeit mappen, Rückwärts-Loops zu setzen. Auch schön: Im Loop Mode wird die Klickfunktion der Loop-Length- und Loop-Move-Encoder für das manuelle Setzen der Loop benutzt und die Encoder selbst für das Fein-Tuning von Beginn und Ende der manuell gesetzten Loops.
Ziemlich geil, aber man muss schon hochkonzentriert sein, um sich nicht zwischen den ganzen Modi zu verfransen.

Ein ähnliches Bild gibt das Effekt-Mapping ab. So toll es ist, alle vier Effektsektionen inklusive Wechseln der Effekte, vom Controller aus regeln und umschalten zu können oder gar Pad-Effekte aktivieren zu können, so schwierig ist es, sich die ganzen Tastenkombinationen und dadurch veränderten Verhaltensweisen der einzelnen Bedienelemente zu merken.
Es kann sein, dass es User gibt, die all das wirklich nutzen, ich persönlich nutze lieber eine fixe Effektkombination pro Slot und bleibe während des Sets dabei.

Ein interessantes Feature ist der Vinylbreak-Mode, der ermöglicht, das Verhalten eines Plattenspielers beim Druck auf den Start/Stop-Button zu legen. Auch hier gilt: Tolle Machbarkeitsstudie, aber es ist sinnvoller und zielführender, die Funktionsweise des Turntable-FX von Traktor verstehen zu lernen und diesen zu nutzen, anstatt den Breakeffekt jedes Mal erst durch eine Tastenkombination scharfzuschalten und solange warten zu müssen, bis der Effekt genug Zeit hatte, seinen Audiopuffer zu füllen.

Nette Gimmicks wie der Fader-Start-Mode und der Tone-Pad-Modus werden dem einen oder anderen noch zu gefallen wissen, mir bringen sie nichts. Ganz im Gegensatz zum cleveren Mapping der Duplicate-Funktion, die euch vielleicht eher unter dem Namen „Instant Doubles“ ein Begriff ist und bisher auf dem Kontrol S4MK3 gefehlt hat.

Eine wirklich nützliche Sache ist allerdings der Grid-Mode, der im Gegensatz zum Standardmapping nicht nur erlaubt, das Grid zu verschieben, sondern stattdessen zusätzlich verschiedene für die Track-Vorbereitung sehr nützliche Features, wie Zoomen, Grid verschieben, Tempo ändern usw. auf die Pads legt. Darauf hätte NI gerne selbst kommen dürfen.

Nur für Patreon-Patrone

Was kostet der Spaß? Nun, Joe Easton hat sich zu einem Modell entschieden, bei dem er seine Arbeit nur angemeldeten Patrons seiner Patreon-Seite zur Verfügung stellt, die mindestens 5,- Euro im Monat spenden. Ich weiß nicht genau, was ich davon halten soll, aber selbstverständlich kann man jederzeit das Patreon-Abo wieder auflösen und die heruntergeladenen Dateien behalten.
Außerdem bietet Joe sehr oft Updates an. Eben habe ich entdeckt, dass es eine Version gibt, die nur den Display-Mod enthält, nicht aber die Mappings.
Was ausdrücklich möglich ist: Joe Easton baut gegen faires Entgelt auch costumized Varianten des Screen Hacks.

Fazit

Joe Eastons Screen Hack für die Displays des Kontrol S4MK3 von Native Instruments zeigt, wie offen die Architektur von Traktor nach wie vor ist. Die positiven Reaktionen seitens NI sprechen eine deutliche Sprache, was den Stil von NI gegenüber seinen Kunden betrifft.
Der Screen Hack selbst ist eine hervorragende Machbarkeitsstudie über die Möglichkeiten, die in den doch recht kleinen Screens des S4MK3 stecken. Ob es sinnvoll ist, mehr Information als vom Hersteller ursprünglich vorgesehen, auf die 4×3 cm großen Bildschirmchen zu packen, muss jeder Nutzer selbst entscheiden. Dass es die Möglichkeit gibt, ist auf jeden Fall super.
Das zugehörige Mapping enthält einige höchst sinnvolle Funktionen, von denen aber einige so verschachtelt zu bedienen sind, dass der Nutzen im Livebetrieb fraglich scheint.
Wichtig zu wissen ist auch, dass die Displays der Controller von Native Instruments immer nur dann funktionieren, wenn Traktor am Computerbildschirm im Vordergrund läuft.  Traktor über die kleinen Displays zu steuern, während am Rechnerbildschirm Maschine oder Ableton im Vordergrund läuft, ist also prinzipiell nie möglich.

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    S_Hennig  

    QML-Files? Jessas, arbeitet da ein qt-Framework? Ich bin völlig unkundig, was DJing angeht, aber dann muss da ein recht potenter Prozessor werkeln.
    Spannend. Man fragt sich glatt, was man dem Ding sonst noch für Tricks beibringen kann…

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