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Report: Synthesizerpark der C/O Pop 2006


Synthesizerpark

Unter dem Motto „Völker hört die Oszillatoren“ fand zum zweiten Mal im Rahmen der C/O Pop in Köln (23. – 27.08.06) die Ausstellung Synthesizerpark statt. Noch mehr Klangerzeuger aus der über 30-jährigen Geschichte des Synthesizers wurden den Besuchern präsentiert und komplett verkabelt zum Ausprobieren bereitgestellt. Spontane Live-Jams waren Teil des Konzepts der Veranstaltung.

-Synthesizerpark in der C/O Pop Festivalzentrale-

-Synthesizerpark in der C/O Pop Festivalzentrale-

Nah am Kölner Dom befand sich die Festivalzentrale der C/O Pop, in der neben unzähligen Konzerten, Labels, Modedesignern und Videokünstlern auch der Synthesizerpark seinen Platz gefunden hatte. Neben zwei randvoll gefüllten Räumen mit Klangerzeugern, bot ein dritter nicht nur etwas Ruhe zum schnacken mit Gleichgesinnten, sondern auch jede Menge Literatur und Videos zum Thema.
Eigentlich sollte die Ausstellung noch größer ausfallen – mit Live-Performances von Acts wie Egoexpress. Da aber kurzfristig Sponsoren abgesprungen und das Budget begrenzt war, mussten leider kleinere Räumlichkeiten gewählt werden. Trotzdem konnte man sich gar nicht genügend Zeit für alle Exponate nehmen, selbst wenn man vier Tage Rund um die Uhr da gewesen wäre!

-Roland System 100 x 2-

-Roland System 100 x 2-

Von ARP, Moog und Korg über Roland, Sequential Circuits oder Vermona bis hin zum jungen Macbeth waren so ziemlich alle Hersteller vertreten, die Rang und Namen haben. Fast alle Synthesizer stammen aus der privaten Sammlung der drei Veranstalter Frank Husemann, Sunny Vollherbst und Oliver Turrek, denen man die Begeisterung und Leidenschaft, mit der sie den Synthesizerpark ins Leben gerufen haben, aus dem Gesicht ablesen konnte. Da alle drei aber in erster Linie Musiker anstatt rein Technik vernarrte Sammler sind, war ihnen der Aspekt, dass der Besucher nicht nur passiv eine Ausstellung betrachtet, sondern viel mehr Teil eines ständigen Live-Jams ist, sehr wichtig. Dementsprechend waren in beiden Räumen P.A.s aufgebaut über die sämtliche Synthesizer zu hören waren. Je nach Besucheranzahl und deren Kenntnisstand über elektronische Musik, fiel auch das gemeinsame Musizieren aus. War ein Raum voll, konnte das Jam Ergebnis schon mal recht Nerven zerreibend, lautstark und überfüllt ausfallen. An dieser Stelle moderierten die Veranstalter aber geschickt am Mischpult das Geschehen. Wenn der Sound eskalierte, wurde halt einfach der ein oder andere dezent leiser gedreht. Deutlich interessanter waren die Ergebnisse, wenn nur zwei oder drei Leute in einem Raum am Schrauben waren.

-ARP, Korg und viele, viele mehr-

-ARP, Korg und viele, viele mehr-

„Synthesizer gehen eher kaputt wenn sie nicht gespielt werden“ war die erste Antwort auf die Frage, ob man nicht etwas Sorge um die teuren und seltenen Instrumente hätte, wenn jeder Besucher darauf rumhacken darf. Allein bei der Vorstellung dürfte der ein oder andere Equipment-Spießer schon mal einen Herzinfarkt bekommen… Na ja, so ganz sorglos waren die Herren dann doch nicht: „Bei meinem Prophet steht schon eine Taste hoch… eine Neue kann ich wahrscheinlich auch nur aus den U.S.A. wieder kriegen.“

-ARP Solina String Ensemble-

-ARP Solina String Ensemble-

Sortiert waren die Ausstellungsstücke fast komplett nach Herstellern. Betrat man den ersten Raum, lachte einen gleich der Urklassiker Minimoog an, gefolgt von einem deutlich teureren Roland System 100, das gleich zweimal als Komplettsystem dastand. Neben diesem durfte natürlich nicht die gute alte 808 fehlen, deren Old School Bass Drum wie eh und je kickte. Unterstützung bekam sie von der direkt daneben liegenden 606 und dem SH 1. Synthesizer, die die Popmusik der 80er Jahre entschieden geprägt haben und deren Sound sogar von Laien erkannt werden dürfte. Natürlich auch vertreten waren das Solina String Ensemble oder der Prophet 5.

-Synthesizer aus sozialistischen Zeiten-

-Synthesizer aus sozialistischen Zeiten-

Exotischer wurde es dann schon in dem zweiten Raum. Hier wurde eine ganze Ecke russischen Synthesizern aus UdSSR Zeiten gewidmet. Die sehr rustikalen analogen Klangerzeuger sahen vom Design her schwer nach den 1970er Jahren aus, wurden aber erst ab Anfang der 1980er Jahre gefertigt. Ihre Bedienung konnte man nur erahnen, da natürlich alles in Kyrillisch beschriftet war. Dementsprechend können an dieser Stelle leider auch keine Namen genannt werden, da die Zeichen fehlen… Direkt neben den russischen Exponaten befanden sich die Klangerzeuger des Herstellers Vermona aus dem sozialistischen kleinen Bruderland DDR. Nur im Gegensatz zu seinen Genossen hat Vermona den Sozialismus überlebt und überzeugt auch heute noch durch innovative neue analoge Produkte.

-Die ADSR Hüllkurve lässt sich noch erraten-

-Die ADSR Hüllkurve lässt sich noch erraten-

Ein absolutes Highlight war der von Schneiders Büro organisierte Macbeth M5, der direkt aus Schottland eingeflogen wurde. Nicht nur seine brachiale Optik war beeindruckend, sondern vor allen Dingen der unglaublich wuchtige und präsente Analogsound. Egal ob drückend warme Subbässe oder brutal sägende Knarzsounds, der einzigartige Klang machte es wirklich schwer, sich von diesem Gerät wieder zu trennen.
Die um dieses Monster herum verteilten Sequencer und Drummachines des Herstellers Manfred Fricke wirkten wie billiges asiatisches Kinderspielzeug im Vergleich. Das ist sicherlich gegenüber den kleinen spaßigen Analogkisten nicht fair. Aber der Kontrast war einfach viel zu stark!

-Ein wahres Soundmonster: Der Macbeth M5-

-Ein wahres Soundmonster: Der Macbeth M5-

Interessant war auch das Formant System. Als Anfang der 1980 Jahre insbesondere Modularsynthesizer unbezahlbar waren, brachte das Elektrofachmagazin „Elektor“ Anleitungen, inklusive der Möglichkeit zum Bestellen der nötigen Teile, zum Synthesizereigenbau heraus. Kauft man heute ein gebrauchtes Exemplar, kann man je nach den technischen Fähigkeiten des Konstrukteurs Glück oder enormes Pech haben. Bei dem Ausstellungsstück soll es sich aber um ein gelungenes Gerät gehandelt haben, an das ein umgebauter Computer Joystick zu Modulationszwecken geschlossen war – leider kein Competition Pro, aber der kam ja auch erst Mitte der 1980er Jahre auf den Markt!

-Das Formant System mit umgebauten Joystick-

-Das Formant System mit umgebauten Joystick-

Nun könnte man noch ewig weitererzählen über den EMS AKS, den die Veranstalter noch selber nicht so ganz durchschaut hatten, oder den Korg MS 10 und MS 20, den Oberheim OB-8, den ARP Odyssey oder, oder, oder…Dann würde dieser Bericht aber nie ein Ende nehmen.

-Vermona baut auch heute noch analoge Klangerzeuger-

-Vermona baut auch heute noch analoge Klangerzeuger-

Insgesamt war es eine sehr gelungene Veranstaltung, die durch das Einbinden der Besucher in einen ständigen Live-Jam weit über die Grenze einer normalen Ausstellung hinaus ging. Nicht Technik-Besserwisserei, sondern die Liebe zur Musik und deren Umsetzung stand klar im Vordergrund. Ein dickes Lob geht daher an die Veranstalter, die diese Ausstellung aus reiner Leidenschaft ins Leben gerufen haben. Jedem Leser kann ein Besuch im nächsten Jahr nur wärmstens ans Herz gelegt werden, was natürlich auch generell für die sehr gelungene C/O Pop in Köln gilt.

  1. Avatar
    Piet

    Da wird einem gleich ganz warm ums Herz wenn man die vielen Analogen Schätzchen sieht.

    Gruß

    Piet

  2. Avatar
    Thomas Hermann

    Das ganze Jahr über Synthesizer-Park gibt es bei Martin Hollinger in Luterbach (Nähe Solothurn) in der Schweiz. Im Synthesizer-Museum Synth-O-Rama kann man alle analogen Schätze spielen ! Guckst du Bericht auf amazona.de – Rubrik:People
    Gruezi TH

  3. Avatar
    Basti

    Auf dem Russen-Gruppenfoto vorne links ist ein Kirovsky Ritm 2, rechts daneben ist meine über alles geliebte Alisa 1387 zu sehen.

    Und Hactponka heißt Frequenz, rehepatop ist Oszillator und Wym ist Noise – soviel zum sowjetischen Synthese-Basisvokabular ;)

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