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Tangerine Dream: Mit Synthesizer-Sequenzen zum Weltruhm

Synthesizerklänge gegen die Schwerkraft

4. Februar 2023

Nach dem sagenumwobenen Auftritt von Tangerine Dream in der Kathedrale Notre-Dame de Reims in der nordfranzösischen Stadt Reims war Papst Paul VI sauer. Die Konzertbesucher hatten sich in seinen Augen gründlich daneben benommen: Kiffen, knutschen und gegen die ehrwürdigen Pfeiler des Gotteshauses pinkeln – das war zu viel. Der Papst belegte die Band aus Berlin mit einem Auftrittsverbot in katholischen Kirchen. Nach dem päpstlichen Verdikt bot prompt die anglikanische Kirche in Großbritannien der Band an, künftig in ihren Kirchen zu spielen. Und genau das taten Tangerine Dream während einer Tour durch Großbritannien, bei der die Gruppe in den Kathedralen von Coventry, Liverpool und York auftrat.

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Coventry war bei dem deutschen Bombenangriff 1940 in Schutt und Asche gelegt worden. Es standen nur noch der Turm und die Außenmauer. Später wurde direkt benachbart ein neues Gotteshaus errichtet, in dem 1962 Benjamin Brittens War Requiem uraufgeführt wurde. 35 Jahre nach der Bombennacht spielte hier nun eine Band aus Deutschland – Tangerine Dream.

Special: Tangerine Dream

Für Christoph Franke wie auch für viele Fans ist Ricochet ein Favorit. Das ikonische Coverfoto hat Monika „Monique“ Froese an der Grande Dune du Pilat an der Atlantikküste bei Arcachon aufgenommen. Die erste Frau Edgar Froeses war die Fotografin der Band. Ihr gemeinsamer Sohn Jerome sollte später auch bei Tangerine Dream spielen. Monika Froese ist im Jahr 2000 nach langer Krankheit gestorben.

Ricochet – ein Livealbum?

Während dieser Tour entstanden die Aufnahmen für ein wegweisendes Live-Album von Tangerine Dream: Ricochet. Es ist allerdings kein durchgängiges Live-Album. Verwendet wurden vor allem  Teile eines Konzertmitschnitts aus der Fairfield Halls in Croydon vom Oktober 1975. Edgar Froese berichtete später, wie diese Konzerte damals abliefen: „Croydon Hall, auf der Ricochet-Tour, wir gingen auf die Bühne und riefen uns gegenseitig die Tonart zu, und wir sagten ‚ok, heute Abend ist es E‘, (ich weiß heute nicht mehr, ob es wirklich E oder vielleicht A war, ich glaube, es war eines von diesen beiden), … das war wirklich alles, was wir wussten. Also gingen wir hin, und einer von uns begann vielleicht mit einem Soundscape, oder manchmal mit einer Flöte, oder jemand überraschte uns, indem er gleich zu Beginn den Rhythmus vorgab, und dann begannen die Dinge zu konvergieren und alles lief zusammen – oder es konvergierte überhaupt nicht; es war ein totales Abenteuer.“ musicaficionado

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Im Studio mussten die Aufnahmen dann stark editiert werden, wie Christoph Franke berichtet: „Die Konzerte waren viel zu lang, um sie in einem Zusammenhang zu verwenden. Wir mussten etwa vierzig oder fünfzig Stunden Musik schneiden, Kilometer von Tonbändern, um die wichtigsten Teile, die typischsten Dinge von uns zu finden. Mit dem Ergebnis waren wir sehr zufrieden.“ musicaficionado Bei diesem Editing-Vorgang wurden später auch Overdubs eingefügt, um das Sounderlebnis zu verbessern. Traut man dem Wikipedia-Eintrag zu Ricochet, der sich auf die Angaben zur Search of Hades-Box (The Virgin recordings) beruft, wurde Part 1 mehr oder weniger komplett im Manor Studio aufgenommen.

Spcial: Tangerine Dream

Tangerine Dream in der Besetzung Edgar Froese, Christoph Franke und Peter Baumann auf der Cover-Rückseite von Ricochet.

Im Studio wurden Teile des Konzerts rekonstruiert; der Jubel des Publikums zu Beginn des Albums suggerierte Live-Atmosphäre. Part 2 dagegen besteht größtenteils aus Aufnahmen aus der Fairfield Halls in Croydon. Einige Teile wurden wohl nachträglich hinzugefügt, wie Edgar Froeses wunderschönes Piano-Intro zu Part 2, das an Debussy und Chopin erinnert. Ricochet macht viel Spaß beim Hören, es ist konzentriert und sehr atmosphärisch, enthält komplexe Percussion und Edgar Froese steuert ein paar wunderschöne Themen auf seiner Fender Stratocaster bei. Elektronische Polyrhythmen und ein guter Schuss Rock-Musik machen Ricochet zu einem sehr zugänglichen Tangerine Dream-Album, das in der Gunst vieler Fans weit vorne steht. „Ricochet nimmt alle Stränge auf und verknüpft die Puzzleteile zum ultimativen TD-Kosmos“, urteilt laut.

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Special: Tangerine Dream

Stratosfear setzte die Formel von Synthesizermusik mit Gitarreneinsatz fort und verkaufte sich in UK und USA sehr gut.

Mit Gitarrensolo – Stratosfear

Als ich die ersten Takte von Stratosfear (1976) hörte, dachte ich, gleich fängt Dave Gilmour an zu singen. Die einleitenden Akkorde der Gitarre, dazu eine Synthesizerwendung, die so auch von Rick Wright stammen könnte. Als ich dann las, dass Pink Floyd-Drummer Nick Mason im Berliner Hansastudio den Original-Mix anfertigte, musste ich wirklich grinsen. Dieser Mix wurde übrigens später verworfen. „Nick hat etwa eine Woche lang mit uns gemischt“ wird Edgar Froese auf tangerinedream.com zitiert. „Er war ein sehr netter Typ und es war angenehm, mit ihm zu arbeiten. Er mochte unser Material sehr. Aus irgendeinem Grund haben wir den Mix alleine fertiggestellt. Die Art und Weise, wie wir unsere Aufnahmen damals aufbauten, war nicht einfach zu durchschauen. Für jemanden, der von außen kam, müssen die Dinge so verwirrend wie ein Puzzle gewesen sein. Aber wir trennten uns in gutem Einvernehmen.“

Das Hansastudio in der Köthener Straße lag bis zum Fall der Berliner Mauer in unmittelbarer Grenznähe.

Im Hansastudio in der Köthener Straße wurde Stratosfear zunächst von Nick Mason gemischt. Tangerine Dream entschieden sich dann aber doch für einen eigenen Mix. (Foto: Costello)

Das achte Tangerine Dream-Album kommt sehr melodienselig daher, es verbindet außerdem Elektronik mit klassischen Instrumenten wie Gitarre, Cembalo und Flöte. Edgar Froese spielt auf dem Album auch eine sehr süffige E-Gitarre. Die Sequencer tuckern auf Stratosfear eine Spur zurückhaltender. Anders als die sonnige Flötenmelodie auf dem zweiten Stück des Albums The Big Sleep in Search of Hades vermuten lässt, war die Produktion des Albums alles andere als einfach: „Während dieser Sessions ist so viel passiert – Masterbänder verschwanden aus dem Studio, fertige Tracks wurden auf mysteriöse Weise gelöscht, und das Mischpult ging schließlich in Rauch auf!“

Laut Edgar Froese, der von diesen unschönen Begleitumständen berichtet, hatte auch Peter Bauman während der Arbeiten an Stratosfear seine liebe Not mit der Technik: „Peter Baumann hatte sich von der Berliner Elektronikfirma Projekt Elektronik diesen riesigen Computer-Sequencer bauen lassen. Der war technisch viel komfortabler zu bedienen, und die Stimmung war stabiler. Aber sie hatten ein Jahr gebraucht, um ihn zu bauen, und er war erst zwei Wochen nach Beginn der Aufnahmen fertig. Peter hatte eine Menge Probleme damit, und alles, was schiefgehen konnte, sowohl technisch als auch musikalisch, ging schief. Chris und ich verließen das Studio oft mit schlechter Laune. Die Aufnahmezeit kostete ein Vermögen, und die Produktion zog sich über Wochen hin“ Sound on Sound

Die Kritik hat nicht nur gnädig auf das Album reagiert: „Ich respektiere ihre Synthesizer-Texturen in der Theorie, aber diese Jungs sollten die Zugänglichkeit Kraftwerk überlassen“, ätzt Robert Christgau in seinem Record Guide. „Wenn sie eingängige semiklassische Melodien einprogrammieren und den automatischen Schlagzeuger auf ‚bouncy swing‘ einstellen, ist das Ergebnis der Soundtrack für einen Weltraumreisebericht, den man nicht sehen will.“ Andererseits war das Album sowohl in Großbritannien als auch den USA sehr erfolgreich. 1977 gingen Tangerine Dream zweimal auf US-Tournee und spielten vor ausverkauften Hallen. Die Atmosphäre dieser Konzerte ist auf dem sehr hörenswerten Live-Album Encore eingefangen.

Der PPG 1020 sieht wie ein Analogsynthesizer aus, besitzt aber digitale Oszillatoren.

Tangerine Dream – Der Projekt Elektronik Synthesizer

Das Equipment der Encore Tour ist dokumentiert und hier sind inzwischen einige Neuzugänge zu verzeichnen. So ein Oberheim Four Voice und ein Oberheim OB-1, ein PPG 1020, ein ARP Omni Stringsynthesizer so wie zwei ARP Pro Soloist. Tangerine Dream schätzten einige Presets des kleinen ARP-Synthesizers so sehr, dass sie sich die „Fuzz Guitar“ und „Country Guitar“ sogar polyphon auf ihre Mellotron-Bänder aufspielen ließen. Vor allem fällt aber immer wieder der Name Projekt Elektronik auf, die Firma, die seinerzeit den Sequencer für Stratosfear geliefert hatte.

Tony Banks realisierte seine phantastischen Synthesizersoli mit dem ARP Pro Soloist. Ein Presetinstrument, das sich über Aftertouch sehr ausdrucksstark spielen ließ.

Auch der unscheinbare ARP Pro Soloist wurde von Tangerine Dream fleißig genutzt. Ein Presetinstrument, das sich über Aftertouch sehr ausdrucksstark spielen lässt.

Jetzt spielte Peter Baumann auch einen modularen Synthesizer des Berliner Unternehmens. Projekt Elektronik Mess- und Regelungstechnik, beheimatet in der Stubenrauchstraße in Berlin Friedenau, war ursprünglich ein Hersteller von Labor – und Industrieprüfgeräten. Sie rutschten sozusagen in die musikalische Schiene, als sie 1974 von Tangerine Dream den Auftrag bekamen, den großen Moog 3P zu reparieren und ihn „tourneefest“ zu machen.

Projekt Elektronik – Der beste Analogsequencer ever

In diesem Jahr fertigte die Firma bereits erste Synthesizermodule an. 1975 ging es dann weiter mit einem 64 Step-Sequencer für Christoph Franke. Der Sequencer war kaskadierbar von 8 bis 64 Schritten und erlaubte pro Step ein doppeltes Triggern „für Stereoeffekte“, wie es auf der Webpage der Firma heißt. Der Sequencer ermöglichte es außerdem, eine eingestellte Tonfolge auf Knopfdruck zu transponieren. „Die analogen Sequencer verfügten über ein ungewöhnliches Maß an Flexibilität; sie ermöglichten es, Schritte und Patterns zu verlängern, zu verkürzen oder zu überspringen, und das alles mit nur einem Knopfdruck. Diese Fähigkeit war ein Schlüssel zum Sound von Tangerine Dream in den 1970er-Jahren.“ electronicmusic

Synthesizerspezialist Bernd-Michael Land hat einen PE-Sequencer selbst einmal in die Hände bekommen. Er schreibt auf sequencer.de , dass der Projekt Elektronik Sequencer die Möglichkeit bietet, „jeden Ton innerhalb einer Oktave im laufenden Betrieb direkt umzuschalten. So lässt sich durch einfaches Umschalten die ganze Melodie in Sekunden komplett ändern. Auch die Steptime ist schaltbar auf 1, 1/2, 1/4, 1/8, 1/16, 1/32…Der PE ist sicherlich der beste Analogsequencer ever…“

Special: Tangerine Dream

Die alten Firmenräume von Projekt Elektronik befanden sich in der Stubenrauchstraße in Berlin-Friedenau. (Foto: Costello)

Projekt Elektronik – The Big One

Inzwischen hatte Peter Baumann einen großen Modularsynthesizer in Auftrag gegeben, der nach seinen Spezifikationen gebaut werden sollte. Die Webpage spricht von einem „transportablen Großsynthesizer im V2A-Gehäuse auf Rädern für Peter Baumann, Tangerine Dream. Vorverkabelter modularer Synthesizer für den Konzertbetrieb inkl. Keyboard“. Projekt Elektronik stellte praktisch alle Komponenten selbst her, lediglich bei den Filtern griff das Unternehmen auf Komponenten bekannter Synthesizerhersteller zurück. Auf  sequencer.de findet sich eine Abbildung eines Projekt Elektronik 290 Filtermoduls, in dem ein ARP 4012 VCF steckt.

Äußerlich den Moog-Modulen nicht unähnlich, war das Berliner Modularsystem  besonders auf die Anforderungen von Live-Auftritten optimiert. Während bei Moog immer viele Kabel im Spiel waren, weil praktisch alles „vorne“ gepatcht werden musste, verfügte der Projekt Elektronik-Synthesizer über ein analoges Bussystem. Die innere Vorverkabelung konnte so an vielen Stellen abgegriffen und Klangänderungen über Programmschalter vorgenommen werden. „Einige der VCOs verfügten auch über feste Offsets, die auf Knopfdruck zu einer eingehenden Steuerspannung addiert werden konnten, um musikalische Intervalle und Akkorde mit einer einzigen Steuerspannung zu spielen.  electronicmusic

Am Ende besaßen Tangerine Dream zwei dieser Modularsynthesizer von Projekt Elektronik. Spätere Anfragen anderer Bands lehnte die Berliner Firma ab, versorgte die Tangerine Dream-Mitglieder aber noch mit technischen Support und Ersatzteilen. Geschäftsführer Hartmut Heinze hat die Band sogar bei ihren Tourneen begleitet, um im Falle von Problemen sofort aushelfen zu können. Das Unternehmen gibt es übrigens immer noch, nur dass es inzwischen in Berlins Norden umgezogen ist. Und auf der Webpage heißt es stolz: „Unsere (großen) Synthesizer kamen mit der berühmten Gruppe Tangerine Dream um die Welt.“

Special: Tangerine Dream

Encore dokumentiert die große und sehr erfolgreiche US-Tour von Tangerine Dream im Jahr 1977. Danach nahm Peter Baumann seinen Abschied.

Tangerine Dream in der Krise – Baumann geht

Encore sollte das letzte Tangerine Dream-Album sein, an dem Peter Baumann beteiligt war. Nach dem letzten Konzert der Tournee im September 1977 in Boulder, Colorado,verließ Baumann die Band. „Es machte einfach nicht mehr so viel Spaß“, erzählte Baumann im Rückblick. „Wir hatten eine Menge Erfolg und viele Tourneen, und dann wurde das alles ein bisschen zu sehr wie ein Job. Anstatt sich auf den Moment zu konzentrieren, ging es nur noch darum, was wir als nächstes tun. Ich glaube, es gab eine kreative Flaute in der Band. Es musste etwas passieren, und da Edgar die Rechte an dem Namen Tangerine Dream besaß, war es klar, dass ich es war, der gehen musste. Und ich war noch jung genug, um ein paar andere Dinge auszuprobieren. Es gab aber keinen großen Bruch. Wir hatten bemerkenswert wenig Reibung in der Band. Jeder von uns hatte seine kleine musikalische Ecke, in die er sich einbringen konnte.“ the vinyl factory

Anscheinend gab es aber auch eine gewisse Erwartungshaltung an die Mitglieder der Gruppe, der Peter Baumann nicht ganz gerecht wurde. So interpretiere ich wenigstens folgende Aussage von Edgar Froese: „Wissen Sie, was die Band… gespalten hat, war rein der soziale Aspekt. Peter Baumann hatte zum Beispiel eine ganz andere Einstellung zum Geldausgeben, und da wir etwa 90-95% unserer Gewinne in neues Equipment investieren, war das ein wichtiger Faktor.“ Electronics & Music Maker

Special: Tangerine Dream

Cyclone gehört wegen des Einsatzes von Gesang zu den umstrittenen Tangerine Dream-Alben

Cyclone – ein Album löst einen Sturm aus

Für Tangerine Dream war der Weggang von Peter Baumann ein herber Verlust. Wie groß, das zeigte das nächste Album Cyclone aus dem Jahr 1978. Froese und Franke rekrutierten dafür den Flötisten Steve Jolliffe und den Schlagzeuger Klaus Krieger. Bent Cold Sidewalk, das Eröffnungsstück von Cyclone beginnt mit einer Vocoderstimme. Soweit, so gut. Wenige Momente singt Steve Jolliffe aber. Das war für Tangerine Dream – nun ja: ungewohnt. Dazu die behäbige balladenhafte Komposition, die bräsigen Synthesizer-Bläser, das zu starke Vibrato – ich ahne, wie eingefleischte Tangerine Dream-Fans damals diese Platte zum ersten Mal aufgelegt haben und wie sich bei ihnen die Fußnägel aufgerollt haben. Pflichtschuldig möchte ich vermelden, dass es nun ein Oberheim Eight Voice, ein Korg PS 3100, ein Roland System 100 und ein Roland Gitarrensynthesizer in die Equipmentliste geschafft haben.

Das Roland System 100

Die Platte hat ihre experimentellen Momente – etwa beim Intro zu Madrigal Meridian. Insgesamt kommt das aber alles sehr gefällig rüber. Jolliffe ist auch ein sehr guter Multiinstrumentalist an diversen Blasinstrumenten. Aber der Gesang hätte wirklich nicht sein müssen. Weil das aber nur meine Meinung ist, möchte ich auch noch eine andere – ansatzweise wohlwollendere – Stimme zitieren. Steven McDonald schreibt auf allmusic, dass Jolliffes Gesangsbeiträge dem Album eine „aggressive Kante“ gäben, „die den Hörer effektiv aus dem hypnotischen Puls herauskatapultiert, für den Tangerine Dream am besten bekannt sind – dennoch ist es keineswegs ein gescheitertes Experiment, obwohl es Cyclone zu einem der am wenigsten nützlichen TD-Alben macht, um einen guten meditativen Zustand zu erreichen.“

Special: Tangerine Dream

Force Majeure konnte nach dem viel kritisierten Album Cyclone die Wogen mit bekannten Formeln wieder glätten.

Tangerine Dream – Force Majeure

In der Folge schrumpfte Tangerine Dream wieder sehr schnell zum Trio. Der glücklose Sänger wurde nach Haus geschickt und Edgar Froese und Christoph Franke nahmen gemeinsam mit Drummer Klaus Krieger Force Majeure in den Berliner Hansa-Studios auf. Mit diesem Album konnten Tangerine Dream 1979 wieder an ihre alten Erfolge anknüpfen. Das suitenartige Titelstück war übrigens auch Teil der Setliste für das große Konzert vor dem Reichstag 1981. Force Majeure – also „höhere Gewalt“ ist auch der Titel von Edgar Froeses postum erschienener Autobiographie. Das Album kehrt wieder zum Space Rock zurück, verbindet den Progrock der 70er-Jahre mit Elektronik. Echtes Schlagzeug, echte Gitarren. Der zweite Song Cloudburst Flight besitzt Ohrwurmqualitäten. Edgar Froese hat unbändigen Spaß am Gitarrenspielen und das unterscheidet ihn sicher von den meisten Synthiepop-Bands, die ungefähr gleichzeitig in UK entstehen sollten. Die hätten eine Gitarre wohl nur mit der Kohlenzange angefasst. Direkt darauf folgt Thru Metamorphic Rocks, das bemerkenswert straight und futuristisch klingt. Die Fans, die von Cyclone enttäuscht waren, dürften nun wieder mit der Band versöhnt gewesen sein.

Das Logo des Hansa Tonstudios

Force Majeure wurde im Berliner Hansa Tonstudio produziert. (Foto: Costello)

Johannes Schmoelling – der neue Mann an den Tasten

1980 stieß Johannes Schmoelling zu Tangerine Dream. Froese, Franke, Schmoelling – das war die Besetzung, die ich 1981 vor dem Reichstag gesehen hatte. Schmoelling ist Jahrgang 1950 und stammt aus Lohne im Oldenburger Münsterland. Ein Tonmeisterstudium an der Hochschule der Künste hatte ihn nach Berlin geführt. Schmoelling war mit Tasteninstrumenten bestens vertraut: Bereits als 14-Jähriger hatte er in der Kirche die Orgel gespielt. „Es schien mir die ideale Gruppe zu sein, um mit ihr zu arbeiten, da ich Komponist, Interpret und Tontechniker in einer Person sein konnte“, erklärt Schmoelling seine Beweggründe Tangerine Dream beizutreten.

Edgar Froese hatte dazu seine eigene Sicht: „Es war sehr schwierig, als Johannes zu uns kam. Erinnern Sie sich daran, dass Chris und ich etwa sechs Jahre brauchten, um die Dinge mit Peter Baumann zu erarbeiten.“ Froese sah es als großes Glück an, dass sich daraus eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe ergab, in der alle gleichberechtigt zur Musik von Tangerine Dream beitragen konnten. „Als wir uns von Peter trennten, hätten wir viele angesehene Musiker aus der ganzen Welt kontaktieren können, aber niemand hätte in die Band gepasst. Es gab viele große Namen, die bei uns mitmachen wollten, aber am Ende haben wir einen völlig unbekannten Musiker genommen, der als Tontechniker in einem Berliner Theater arbeitete.“  Electronics & Music Maker

Schmoelling ließ sich durch den großen Namen nicht einschüchtern. Er war selbstbewusst genug und auch innerlich überzeugt davon, dass er die Band weiterbringen könnte. „Bevor ich dazukam, bestand die Musik von Tangerine Dream im Wesentlichen aus Sequencer-Schleifen, mehr oder weniger in einer Tonart, mit wenigen Harmoniewechseln und langen Improvisationssitzungen. Als ich zur Gruppe kam, versuchten wir es mit einer Mischung aus strukturierteren Elementen, mit mehr Jazz-orientierten Akkorden, komponierten Melodien und einigen Synthesizer-Soli, die eher an Rock erinnern. Wir wollten wirklich einen dynamischeren Sound.“ SoundonSound,Part2

Report Tony Banks, Yamaha CP-70

Auf einem Electric Grand von Yamaha eröffnete Johannes Schmoelling 1980 das Konzert im Ost-Berliner Palast der Republik. (Foto mit freundlicher Genehmigung von psv-ddv)

Seine Feuerprobe erlebte Johannes Schmoelling beim bereits erwähnten Konzert 1980 im Ost-Berliner Palast der Republik. Als versierter Klavierspieler eröffnete er das Abendkonzert auf einem Yamaha CP 70-Flügel: „Dieser Moment im Konzert ganz im Sinne des klassischen Aufführungsstils, neben all dem elektronischen Equipment, welches wir als Musiker oder Elektroniker auf der Bühne bedienen, eine Person auf einem akustischen Instrument solieren zu lassen, dieser Moment wurde für uns bei der Tour 1980/81 zu einem Muss …“ Schmoelling hat diese Minuten als Solist sehr genossen, weil sich da für ihn zeigte, ob seine ganze Musikausbildung Früchte getragen hatte.  Entweder man kann’s oder eben nicht. „Ab 1982 war es dann vorbei damit, der CP 70 blieb im Studio von Christoph und meine Solo Performance war Vergangenheit.“ soundandrecording

Report Tony Banks, Prophet 5 Rev2

Selbstverständlich setzte Tangerine Dream auch polyphone Synthesizer wie den Prophet-5 ein. Hier das Rev2-Modell. (Foto mit freundlicher Genehmigung von psv-ddv)

Tangerine Dream-Konzerte – die Materialschlacht

Hier eine auszugsweise Auflistung des Equipments, das Tangerine Dream 1980 einsetzte. vintagesynth Den Konzertbesuchern im Palast der Republik müssen angesichts dieser Materialschlacht die Augen aus dem Kopf gefallen sein: Edgar Froese spielte ein Moog-Modularsystem mit einem Sequencer von Projekt Elektronik, einen Prophet-5 Rev2, einen PPG 1003, einen PPG 360 mit dem PPG 350 Computer-Sequencer, einen ARP Pro DGX, ein Korg PE-2000 Polyphonic Ensemble, einen Roland MC-8 Microcomposer, einen Roland VC-10 Vocoder, ein Solina Stringensemble sowie ein Mellotron Mark V (zwei M400 mit zwei Tastaturen, Doppelpedal, zusammengefasst in einem Kabinett mit integriertem Stereohall).

Special: Oberheim OB-Serie

Christoph Franke spielte damals auch Oberheims einzigen vollausgestatteten Monosynthesizer OB-1. (Foto: Costello)

Chris Franke nutzte sein spezialgefertigtes Modularsystem, das jeweils zur Hälfte aus Moog-Modulen und Modulen von Projekt Electronik bestand. Einen SCI model 700 Programmer, zwei Moog 960 Sequencer, zwei weitere Sequencer von Projekt Elektronik, verschiedene Moog-Effekte wie einen 3-Band parametrischen Equalizer, einen 12 Stage Phaser und einen 16-Kanal-Vocoder, diverses Equipment für die Speicherung und Wiedergabe von Drumsounds, einen Oberheim OB-1, ebenfalls einen Prophet-5 Rev2, einen Minimoog, einen Korg PE-2000 und eine Elka Rhapsody 610 Stringmachine.

Nachgerade bescheiden nimmt sich das Rig von Johannes Schmoelling aus: Minimoog, Oberheim 4-voice, Elka Rhapsody 610, Polymoog, Korg PS-3100, ein Synthanorma Sequencer und das Yamaha Electric Grand.

Ein Korg PS-3100 gehörte 1980 zum Rig von Johannes Schmoelling

Edgar Froese: Absage an die Retro-Bewegung

Liebhaber von Vintage-Instrumenten läuft hier natürlich das Wasser im Munde zusammen. Wobei Edgar Froese die damaligen Instrumente mit all ihren Unzulänglichkeiten eher als notwendiges Übel in Kauf nahm. Er hat jeden Fortschritt in der Technik, alles was das Arbeiten schneller, effizienter und sicherer machte, bejubelt. Und dementsprechend auch wenig Verständnis für die all die Retro-Begeisterten, die die alte Hardware in den Himmel heben: „Menschen ziehen sich auch Jacken an, die vor zwanzig Jahren modern waren. Andere haben ihre alten Kleider nie abgelegt. Für mich hat diese Retro-Bewegung keine Berührungspunkte, da ich diese Klänge und die Auseinandersetzung mit dem analogen Equipment durchlebt und durchlitten habe. Für mich zählen die abenteuerlichen Entwicklungen im Nano-Bereich, Klangtransformationen, die so unglaublich sind, dass man sie noch gar nicht beschreiben kann. Was morgen passieren wird, ist wichtig, heute bemühe ich mich darauf hin zu arbeiten, das Neue zu verstehen.“ Generalanzeiger

Und ebensowenig konnte Froese später den Streit digital versus analog verstehen: „Wenn man mehr als 45 Jahre mit Soundtools jeglicher Art gearbeitet hat, dann ist das kindisch. Einfach weil man weiß, dass man das Beste aus beiden Welten nehmen muss. Wie dumm, daraus eine Religion zu machen. Die Digi-Brüder, die eine große Klappe über altmodische analoge Geräte haben – und die Outboard-Junkies, die dieses endlose Geschwätz über ‚die warme Seite eines Sounds‘  betreiben. Jeder Anfänger, der Synthesizer spielt, wird in einer Plug-in-Library nicht nach einem 40 Hz Dröhnton suchen – so einfach ist das.“ therocktologist

Special: Tangerine Dream

Edgar Froeses Musik war Ausdruck eines bestimmten Lebensphilosophie. Hier ein Foto auf der Rückseite seines Solo-Albums Ages.

Edgar Froese: Klang als Botenstoff

Und um nicht beim Technischen stehen zu bleiben, fügt Froese hinzu, worauf es eigentlich für ihn in der Musik ankommt: „Tatsache ist, dass ein Musikstück eine Geschichte zu erzählen hat oder es ist wertlos. Was Sie hören, ist viel mehr als 40 – 20.000 Hz. Aber die Art und Weise, wie du es fühlst – die Art und Weise, wie du irgendwie irgendeine Art von höheren Partikeln innerhalb deines Bewusstseinssystems aufnehmen kannst – das ist es, was die Menschen wirklich anzieht.“ therocktologist

„Meine Musik ist wie Homöopathie“, hat Froese einmal gesagt. „Der Klang ist mein Botenstoff. Er will nur anstoßen, um das auszulösen, was das Individuum an Möglichkeiten besitzt.“ Tagesspiegel

Was er damit meint, hat er bei anderer Gelegenheit genauer ausgeführt: „Du musst nur erkennen, dass alles, was du brauchst, um dich selbst und den Rest der Welt zu verstehen, dir vom ersten Tag deiner Existenz an gegeben wurde. Aber niemand hat dir beigebracht, es zu nutzen. Jeder hat dir gesagt, dass alle wichtigen Dinge im Leben außerhalb von dir liegen – was für eine Verschwendung von Zeit und Energie. DU bist die Bank, du hast alle Schätze der Welt und darüber hinaus in dir, du brauchst von niemandem einen Kredit. Es kommt nur darauf an, ob du deine Tage ganz anders beendest, als du sie begonnen hast.“ therocktologist

Denn für Froese kommt es auf Veränderung an, auf Entwicklung: „Viele Menschen denken, dass man glücklich ist, weil man eine bestimmte Art von schlechten Erfahrungen nicht gemacht hat oder weil man sie weggesteckt hat oder weil man Glück hat und eine Menge Geld auf dem Konto hat. Ich bin das Gegenteil davon. Ich bin lieber eine Feder im Wind, die kommt und geht, als ein fester Felsen zu sein, der endlos auf die nächste Bewegung des Berges wartet. Das war’s dann auch schon.“therocktologist

Special: Tangerine Dream

Auf Tangram (1980) haben die musikalischen Motive zuweilen eine triumphale Erhabenheit, die Vangelis-Fans ansprechen dürfte.

Tangram – Tangerine Dream für Vangelis-Fans

Christoph Franke, der sich immer als der eigentliche Synthesizerspezialist der Gruppe fühlte, nahm Johannes Schmoelling – „den Neuen“ bei Tangerine Dream – gleich unter seine Fittiche. „Johannes war nicht so sehr ein Synthesizer-Spieler, also habe ich ihm viel über die Verwendung von Minimoogs und dergleichen beigebracht. Er war sehr gut im technischen Bereich, was uns bei den Aufnahmen geholfen hat. Außerdem war er ein sehr guter Pianist, besser als Peter und so kamen wir zu ausgefalleneren Keyboard-Stilen und in gewisser Weise wurde die Musik professioneller – viel mehr als nur das Einfangen hypnotischer und spaciger Gefühle. In mancher Hinsicht wurde sie also konventioneller, in anderer ein wenig fortschrittlicher“. SoundonSound,Part2

Die Musik von Tangerine Dream wurde in der Folge weicher, melodischer und zugänglicher. Die fremden und manchmal etwas unheimlichen musikalischen Landschaften, die die Gruppe in der Vergangenheit regelmäßig erkundet hatten, hellten sich spürbar auf. Diese Veränderungen zeigten sich auf Tangram aus dem Jahr 1980dem ersten Studio-Album von Tangerine Dream, auf dem Schmoelling seine Qualitäten beweisen konnte. Ein flötengleicher sequenzierter Keyboardklang leitet das Album ein. Später kommen militärische Drums dazu, über denen sich eine heroische Melodie erhebt. Die beiden mit Set 1 und 2 betitelten Teile von Tangram „bewegen sich mit der Beschwingtheit und dem technischen Glanz, die auf  Force Majeure zum ersten Mal zu hören waren, obwohl sie nie dessen erhabene Höhen erreichen, sondern stattdessen nach Lieblichkeit und Erhabenheit streben (eine Verbindung zu Vangelis, dessen Fans in Tangram einen zugänglichen Einstieg finden werden). progrography

Ratcheting – Eine neue Technik für Sequencer

Schmoelling beschreibt Christoph Franke als ziemlichen Perfektionisten, der so lange an Sounds und Sequenzen tüftelte, bis er hundertprozentig zufrieden war: „Gerade Christoph hatte immer wieder Ideen, wie er seine genialen Sequenzen und Rhythmus-Patterns verfeinern, verbessern konnte. Das mit dem Begriff  ‚ratcheting‘ bezeichnete Unterteilen eines Trigger-Impulses in kleine Vielfache, zum Beispiel als Triolen oder Quartolen, das geht natürlich auf Christoph Franke zurück und nicht auf Edgar Froese, wie gerne fälschlicher Weise behauptet wird.“ soundandrecording Normalerweise werden die Noten in einer Sequenz einmal pro Step getriggert. Beim Ratcheting wird zum Beispiel per Clock-Divider ein Step mehrfach getriggert. In einer 16-Step-Sequenz könnte man zum Beispiel den ersten und den neunten Step als Triolen ausgeben. Dadurch erreicht man eine größere rhythmische Vielfalt. Das Ratcheting klingt manchmal wie ein Stolpern in einer Sequenz, macht diese interessanter und lebhafter. Der Effekt ist zum Beispiel auf Stratosfear zu hören und wurde zu ersten mal auf dem Soundtrack zu Michael Manns Film Thief (1980) perfekt umgesetzt. Man höre etwa in Diamond Diary, Burning Bar oder Scarp Yard hinein.

Special: Tangerine Dream

Der Soundtrack zu Michael Manns Film Thief öffnete Tangerine Dream die Türen zu vielen Filmprojekten.

Tangerine Dream – Soundtrack zu Thief  

Im Sommer 1980 hatte Tangerine Dream die Anfrage von Michael Mann erhalten, ob die Band interessiert wäre, für seinen nächsten Film die Musik zu komponieren. Michael Mann hatte zunächst an Bluesmusik gedacht, was seinem Film sicher eine ganz andere Atmosphäre gegeben hätte. „Allerdings gab es zwischen Froese und dem Blues eine Verbindung, da er als Blues-Gitarrist begonnen hatte“, erzählt Michael Mann. “ Obwohl Tangerine Dream elektronische Musik machten, besaßen viele ihrer Kompositionen Blues-Strukturen. Außerdem fand er als Mann und Künstler Inspiration auf der Straße… Der fertige Soundtrack war wirklich abenteuerlich. Wir arbeiteten mit analogen Sequencern und Synthesizern und bearbeiteten auch Soundeffekte, sodass die Ozeanwellen in der Tonart G-Dur zu hören waren.“ rollingstone

Edgar Froese erinnerte sich dankbar an die Zusammenarbeit mit Michael Mann: „Er war sehr professionell vorbereitet und wusste genau, was er wollte. Nachdem wir drei Wochen lang an der Musik gearbeitet hatten, kam Michael von LA nach Berlin, um eine Endabmischung aller Instrumente vorzunehmen. In der Zwischenzeit wurde der Film ziemlich stark gekürzt und das bedeutete, dass einige unserer Cue-Points nicht mehr stimmten. Also sind wir für zwei Wochen nach LA geflogen und haben noch einige Änderungen vorgenommen. Thief spielt in einem normalen Thriller-Setting, aber niemand hatte jemals sequenzierte elektronische Musik in dieser Art von Hollywood-Film gehört.“ The Thief war ein voller Erfolg, der Soundtrack war für drei Monate in den Billboard Charts und wirkte wie ein Türöffner für Tangerine Dream in Hollywood.

Tangerine Dream – ein eigenes Studio

Die finanzielle Situation von Tangerine Dream war inzwischen recht komfortabel. Nachdem sie überschlagen hatten, wie teuer sie die Nutzung von externen Studios kam (für Stratosfear lagen die Kosten bei umgerechnet rund 40.000,- Euro) richtete Chris Franke für 1,5 Millionen Dollar ein eigenes Studio ein. Die Kosten für das Polygon Studio  entsprachen nach dem damaligen Wechselkurs also etwa 1,35 Millionen Euro. „Irgendwann wurde uns klar, dass wir das ganze Geld in Equipment stecken könnten“, meinte Christoph Franke mit Blick auf die hohen Studiomieten. „In den späten 1970er-Jahren fanden wir diesen alten Ballsaal, der zuerst ein Kino, dann eine Diskothek und dann ein Lagerraum gewesen war. Ich mietete ihn, richtete ihn im Laufe der Jahre her, nahm dann einige Bankkredite auf und kaufte all diese 24-Spur-Maschinen und Mischpulte.“ SoundonSound,Part2

Auch die Filmmusik zu Sorcerer war hier entstanden, damals allerdings noch mit sehr bescheidenem Equipment. Inzwischen waren die vier Spuren auf 24 Spuren angewachsen und es gab eine große MCI-Konsole mit computergestützter Automation. Für die Arbeit an Thief wurde außerdem spezielle Computerhardware von Music Technology Incorporated eingesetzt, die die audiovisuelle Synchronisation übernahm. Michael Mann zeigte sich tief beeindruckt: „Ihr Studio war fantastisch. Es war ein ausgeschlachtetes Kino in der Nähe der Berliner Mauer. Dort produzierten sie sehr innovative Musik. Und es hatte wirklich Gehalt. Es war nicht nur einfach atmosphärischer Klang. Nirgendwo in England oder Amerika gab es etwas Vergleichbares.“ Rolling Stone

Bei Miami Vice kam es nicht zur Zusammenarbeit mit Michael Mann, weil Tangerine Dream anderweitig gebucht waren. Jan Hammer bekam den Job, was Edgar Froese doch etwas gewurmt hat.

Bei Miami Vice hat Jan Hammer die Nase vorn

Mit etwas Glück hätten Tangerine Dream auch die Filmmusik für eine der berühmtesten Krimiserien der 80er-Jahre geschrieben –  Miami Vice. Michael Mann war Regisseur und Co-Produzent. „Als er dann anfing, über die Musik für Miami Vice nachzudenken, dachte er auch an uns. Aber wir sprachen nicht darüber, denn zur gleichen Zeit unterschrieben wir für eine andere große Fernsehserie in Amerika, so dass wir uns nicht einmal treffen konnten“, erinnert sich Edgar Froese. voices in the net Am Ende sollte die „andere große Fernsehserie“ – Streethawk – nach nur zwölf Folgen wieder eingestellt werden. Im Gegensatz dazu startete Miami Vice richtig durch, insgesamt wurden fünf Staffeln produziert. Edgar Froese soll nach Aussage von Johannes Schmoelling „sehr genervt“ gewesen sein. Froese selbst hat sich öffentlich halbwegs diplomatisch geäußert, aber doch den eigenen Einfluss hervorgehoben: „Jan Hammer lehnte sich mit seinem Material ziemlich eng an das an, was wir speziell zu dieser Zeit machten, aber was kann man dagegen tun? Er ist ein sehr talentierter Musiker und hat insgesamt einen guten Job gemacht.“ voices in the net

In der letzten Folge der vierten Staffel „Mirror Image“ wurde übrigens tatsächlich Musik von Tangerine Dream verwendet: Ein sehr frühes experimentelles Stück: „Alpha Centauri“ vom gleichnamigen Album aus dem Jahr 1971. Im Übrigen konnten sich die Berliner mit einem schönen Sprichwort trösten: Sei vorsichtig mit deinen Wünschen, sie könnten in Erfüllung gehen. Jan Hammer musste, während er für Miami Vice arbeitete, seinen kompletten Tagesablauf der Filmmusikproduktion unterordnen. Es war eine harte Zeit und Jan Hammer wunderte sich im Nachhinein darüber, wie er sie eigentlich durchgestanden hat. Tangerine Dream aber hatten auch noch andere Verpflichtungen. Ihr Vertrag mit Virgin sah vor, jedes Jahr ein Album abzuliefern.

Auf White Eagle setzte Tangerine Dream den PPG Wave 2 ein.

Tangerine Dream: Die Alben Exit, White Eagle und Hyperborea

1981 erschien Exit. Von diesem Album hatte ich einige Stücke live gesehen beim Konzert vor dem Reichstag. Weil das Album kaum konventionelle Instrumente enthält, konnte die Band auf einen Tontechniker verzichten und spielte viele Synthesizer direkt in das MCI-Pult. Um lange Passagen mit Naturklängen, Chören und Streichern zu verwenden, ließ die Band ihre Mellotrons modifizieren. Diese spielten nun keine 8-Sekundenbander mehr ab, sondern Endlosschleifen. „Wir experimentierten mit Drumloops, die wir aus gespleißten Bändern zusammensetzten, um die gleichen Effekte zu erzielen, die Rap-Musiker heute mit Sampling-Techniken erzielen“, berichtet Schmoelling. SoundonSound,Part2 Und damit ist das Stichwort schon gefallen. Die Sampling-Technik stand vor der Tür und natürlich warfen sich Tangerine Dream sofort auf den neuen Trend.

Special: TRangerine Dream

Im Gegensatz zum PPG Wave Computer 360 besaß der PPG Wave 2 Analogfilter. Dadurch wurde er nicht gleich zur Schmusekatze, aber der Klang ist schon etwas runder und gefälliger als beim Wave Computer 360.  (Foto mit freundlicher Genehmigung von psv-ddv)

Auf dem Album White Eagle von 1982 sorgte vor allem die Weiterentwicklung von Wolfgang Palms Wavecomputer 360 für neuartige Klänge: „Bei der Produktion von White Eagle konnten wir ein Instrument einsetzen, das gerade entwickelt worden war und dessen Erfinder wir gut kannten“, erzählt Edgar Froese: „Es war der PPG Wave 2.0, dem später das Waveterm folgte – einer der ersten professionellen Sampler. Die grafische Darstellung von Teilwellenformen auf dem Monitor ermöglichte es uns, völlig neue musikalische Strukturen zu schaffen. Es war ein sehr komplexes und teures Verfahren, aber für unsere abenteuerliche Phantasie kam diese Entwicklung genau zum richtigen Zeitpunkt“. SoundonSound,Part2

Special: Tangerine Dream

Von den Live-Alben der Band ist Logos, das Anfang 1983 veröffentlicht wurde, erwähnenswert. Es wurde im November 1982 im Dominion Theatre in London aufgenommen und zeigt mit seinem Melodienreichtum und feinen Schattierungen den Einfluss,  den Johanes Schmoelling auf Tangerine Dream ausübte.

Vor allem auf Hyperborea aus dem Jahr 1983 ist Sampling allgegenwärtig. Das Album beginnt mit fernöstlichen Sitar- und Tablaklängen. Die Drumsounds stammen aus dem Sampler. Hyperborea ist ein sagenhaftes, von den antiken griechischen Geographen „jenseits des Nordwindes“ lokalisiertes paradiesisches Land, in dem die Sonne 24 Stunden am Tag schien. Der Titelsong ist ein würdevolles Stück im gemessenen Tempo, während „das undurchschaubare Sphinx Lightning mit seinen dramatischen Akkorden, läutenden Glocken und rhythmischen Verschiebungen einen endgültigen Abschied von den experimentellen, 20-minütigen Epen bedeutete, die seit Alpha Centauri von 1971 ein Synonym für die Gruppe waren.“ udiscovermusic

Special: Tangerine Dream

Auf Hyperborea arbeiteten Tangerine Dream stark mit gesampelten Klängen.

Während Schmoelling und Froese begeistert von den neuen technischen Möglichkeiten waren, zog Christoph Franke für sich einen anderen Schluss: „Ich hatte das Gefühl, dass wir uns von White Eagle bis Hyperborea in einer Phase befanden, in der die Musik zwar geschmeidig, aber auch ein bisschen langweilig wurde. Sie wurde repetitiv, weil wir nicht mehr den Punch oder den Biss oder den Hunger hatten. Wir waren etablierter und es ist die absolute Wahrheit, dass Musiker ein wenig von ihrem Biss verlieren, wenn sie etabliert sind.“ SoundonSound,Part2

Tangerine Dream – Live oder Tape?

Hyperborea war das Ende einer Ära, es sollte das (zumindest vorläufig) letzte Album auf dem Virgin-Label sein. (1989 wurde Lilly on the Beach und 1992 Rockoon auf Virgin veröffentlicht.) Bei einer Polentournee trotzte die Band dem kalten polnischen Winter und technischen Problemen. Das dabei entstandene Live-Album Poland. The Warsaw Concert ist großartig und das erste, das die Band bei Zomba/Jive Records veröffentlichte.

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Anders als bei den frühen Liveauftritten, bei denen sich die Band erst unmittelbar bei Konzertbeginn auf eine Tonart einigte und alles frei improvisiert wurde, waren die Konzerte von Tangerine Dream inzwischen hochgradig durchstrukturiert. Durch die 24-Spurtechnik gab es zahlreiche Overdubs. Das hat Fragen aufgeworfen, wie es die Band schaffte, diesen immer komplexeren Sound damals live auf die Bühne zu bringen. Einige Spezialisten begannen gar, die Kabel in den Modularsystemen zu zählen: „Bei den wenigen Live-Aufnahmen dieser Zeit (Poland…) sind ja kaum Strippen an Franke’s Modular zu sehen… war da viel vorverdrahtet (grad so die Osc-Sektion und die 2 960-Sequencer) oder ist das wirklich alles Playback?“ sequencer.de

Wie wir im Abschnitt über Projekt Elektronik gelernt haben, war es Tangerine Dream mit Hilfe des analogen Bussystems und Programmschaltern tatsächlich gelungen, die Zahl der Patch-Kabel signifikant zu reduzieren. Dieses „Indiz“ führt also in die Sackgasse.

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Auch ein berühmtes Konzert, bei dem Tangerine Dream 1981 mit dem Münchner Symphonie-Orchester unter der Leitung von Eberhard Schoener im Zirkus Krone in München auftraten, hat Argwohn hervorgerufen. Scharfen Beobachtern fiel auf, dass Edgar Froeses Fader-Bewegungen am PPG 360 nicht immer mit irgendwelchen signifikanten Klangveränderungen in Verbindung gebracht werden konnten. Stephen Parsick schreibt auf sequencer.de: „Ich war nicht dabei, könnte mir aber sehr gut vorstellen, daß Sequenzen auf Mehrspurmaschinen vorbereitet und live eingeflogen wurden, parallel dazu lief ein Clicktrack in dem Friendchip-Synchronizer, der einem wiederum erlaubte, die Hardware-Sequencer live mitzuziehen und einzubinden.“

Diese Frage hatte sich auch der Musikjournalist Mike Beecher gestellt, der die Band bei einer Großbritannien-Tour Anfang der 80er-Jahre interviewte: „Nachdem ich die Revox-Bandmaschine während des vor einigen Jahren im Fernsehen übertragenen Konzerts in der Kathedrale von Coventry in Betrieb gesehen hatte, war ich interessiert zu erfahren, ob sie lediglich für Echoeffekte verwendet wurde und keinerlei Effekte oder Musikteile abspielte.“  Edgar Froeses Antwort fällt etwas schmallippig aus: „Wir hätten nie gedacht, dass jemand denken würde, wir würden ein Backing-Tape benutzen. Natürlich ersetzen jetzt digitale Delays die Bandmaschinen.“ Electronics & Music Maker

Eine Revox A77 und eine TEAC 3440. Tonbänder wurden bei Tangerine Dream nach Aussage der Band nur als Tape Echo verwendet. (Foto: Wolf-Rüdiger Uhlig)

Wer die Tangerine Dream-Doku Signale aus der Schwäbischen Straße gesehen hat, weiß, dass die Band schon 1976 selbstironisch mit dem Thema umgegangen ist. Aber natürlich kommt am Ende rüber: „Das ist alles live!“ Heute stehen bei vielen Acts Laptops auf den Bühnen, es gibt Sequencer-Programme, die auch komplexeste Abläufe souverän beherrschen und Keyboards, analoges Outboard und Computer sind per MIDI verknüpft. Die Musik entsteht quasi live und dennoch kann vieles bereits vorher programmiert werden. Tangerine Dream waren mit ihren vorverkabelten Modularsystemen und Sequencern, die auf Knopfdruck ganze Tonfolgen transponieren konnten, auch hier Avantgarde. Nur mit immer ausgefeilterer Technik konnten sie ihre immer anspruchsvolleren Kompositionen auf die Bühne bringen.

Für mich ergibt sich hier auch eine interessante rezeptionsästhetische Fragestellung: Inwiefern ein bestimmter Kreis von Liebhabern elektronischer Musik – zumeist selbst Musiker – sich gar nicht so sehr auf die Musik einlassen, oder sich von ihr davontragen lassen. Sondern hellwach – sozusagen mit Espresso im Blut – das Geschehen auf der Bühne verfolgen, vor allem interessiert, welche neue Gerätschaften da stehen, ob die drei Musiker hinter den Maschinen mit der Technik klarkommen, oder ob es vielleicht irgendwann einen – Gott behüte! – Absturz gibt. Ein bisschen so, als ob man einem Akrobaten beim Hochseilakt beobachtet.

Special: Tangerine Dream

Le Parc ist eine Ode an die großen Parkanlagen der Welt

Abschied von Virgin – Le Parc

1985 kam mit Le Parc das erste Studio-Album der Band auf Jive heraus. Das Titelstück des Albums war zugleich Titelmusik der 80er-Jahre Serie Street Hawk. Es ist sehr eingängig und geht gleichzeitig gut ab. Leider war – wie schon erwähnt – der Serie kein Erfolg beschieden. Die Idee des Albums: den großen Parks in aller Welt ein musikalisches Denkmal zu setzen – vom Central Parc in New York über den Bois de Boulogne in Paris, vom Hyde Parc in London bis zum Berliner Tiergarten. Einige dieser Stücke – Zen Garden, Tiergarten – spielten Tangerine Dream am 1. August 1987 bei ihrem zweiten großen Konzert vor dem Reichstag. Dieses Mal war die 750-Jahrfeier der Stadt Berlin der Anlass. Ein Konzert, das mir wie sicher vielen Tangerine Dream-Fans noch in bester Erinnerung ist. Zum Album Le Parc hingegen gab es auch kritische Stimmen. Dave Connolly resümiert auf allmusic : „Die Band ist immer noch in der Lage, fesselnde elektronische Musik zu liefern, aber Le Parc operiert auf einer unmittelbareren Ebene, die die schnelle Befriedigung dem introspektiven Studium vorzieht. Das soll nicht heißen, dass Hörer diese Platte nicht genießen können – das in Erinnerung gebliebene Tiergarten ist zum Beispiel sehr hörenswert – aber sie bewegt sich auf einer oberflächlichen Ebene, die langjährige Fans vielleicht etwas enttäuschend finden.“

Auch dem Berliner Tiergarten ist ein Song auf dem Album Le Parc gewidmet. Hier das Denkmal für die Königin Luise. (Foto: Costello)

Tangerine Dream –  Schmoelling verlässt die Gruppe

Und offenbar gärte es damals auch in der Band. Trotz der kritischen Worte von Christoph Franke, die ich weiter oben zitiert habe, wonach die Musik ein wenig „langweilig und repetitiv“ wurde und die Gruppe „den Punch und den Biss“ verloren hatte, war es interessanterweise Johannes Schmoelling, der im Sommer 1985 hinwarf: „Nach der Filmmusik zu Ridley Scotts Legend waren wir drei erschöpft, dass wir eine Pause verabredeten. Zumindest wurde das so gesagt“, erzählt Johannes Schmoelling im Interview mit Lambert Ringlage. „Als dann Edgar wenige Wochen später wieder mit neuen Plänen für eine Tour kam, da war mir klar, wenn wir in diesem Tempo weitermachen, dann landen wir früher oder später im Ozean der Beliebigkeit. Und dieser große Name Tangerine Dream wird seinen Anspruch als innovative, moderne Elektronik Rockband verlieren. Als ich Edgar gegenüber meine Bedenken formulierte, er aber davon nichts wissen wollte, da bin ich gegangen. Christoph ist dann 2 Jahre nach mir gegangen.“

Special: Tangerine Dream

Auf dem Album Tyger übernahm Jocelyn B. Smith den Gesangspart

Das Album Tyger mit Jocelyn B. Smith

Auf dem Album Tyger von 1987 ist Christoph Franke noch vertreten. Mit Tyger wurde ein weiteres Mal das Experiment gewagt, die Musik von Tangerine Dream mit Gesang zu kombinieren. Auch wenn die stimmgewaltige Jocelyn B. Smith mit ihrer schieren Power Steve Jolliffe auf Cyclone sicher überlegen ist – die Fans konnte das Werk in der Mehrzahl nicht überzeugen. Die Produktion ist makellos, die digitalen Keyboards klingen crisp und modern. Aber wenn ich das Titelstück höre, denke ich unwillkürlich an „Musicals in Hamburg“. Im zweiten Stück London praktiziert Jocelyn B. Smith eine Art Sprechgesang, der entfernt an Grace Smith erinnert. Tyger, das auf Gedichten von William Blake basiert, zeigte das verstärkte Interesse von Edgar Froese, große Literatur musikalisch umzusetzen.

Tangerine Dream – Christoph Franke steigt aus

Als Christoph Franke 1988 seinen Dienst bei Tangerine Dream quittierte, stieß er ins gleiche Horn wie zuvor Johanes Schmoelling: „Ich hatte das Gefühl, dass ich eine kreative Pause brauchte. Wir begannen, uns zu wiederholen. Am Ende hatten wir so viel Equipment, dass wir viele Jobs annahmen, um es zu bezahlen. Wir waren überarbeitet und machten zu viele Dinge gleichzeitig. Uns fehlte die Zeit, nach neuen Ideen zu forschen oder die großartigen Computerinstrumente zu erkunden, die uns zur Verfügung standen. Kinder mit viel mehr Zeit als wir, aber weniger Erfahrung, begannen, bessere Sounds zu produzieren und ich hatte das Gefühl, dass unsere Qualität nachließ. Das war ein sehr schlechtes Gefühl für eine Gruppe, die immer auf dem neuesten Stand der Musik sein wollte.“ SoundonSound,Part2

Special: Tangerine Dream

Das Album Undercover aus dem Jahr 2010 enthält Coverversionen großer Hits von Leonard Cohens Suzanne bis Forever Young von Alphaville

Tangerine Dream – Forever young

Edgar Froese hat sich davon nicht beirren lassen. Er engagierte den klassisch ausgebildeten Keyboarder Paul Haslinger (der auch schon bei Tyger dabei war) und – für eine kürzere Zeitspanne – Ralf Wadephul. Als Haslinger ausstieg, übernahm schließlich Edgars Sohn Jerome Froese die Rolle des Keyboarders und die Band wurde zum Familienunternehmen. Aber immer wieder holte Froese von außen außergewöhnliche Talente in die Band, wie 2011 die japanische Geigerin Hoshiko Yamane.

Tangerine Dream veröffentlichten weiterhin regelmäßig Platten. Viele Filmmusiken sind dabei und sogar ein Coveralbum mit Titeln wie Forever young, Hotel California, Heroes, Wish You were here, Wicked game, Everybody hurts etc. An dem Album Undercover wirkten auch die Musikerinnen Iris Camaa und Linda Spa mit – beide sind langjährige Tangerine Dream-Mitglieder. Chris Hausl und Thorsten Quaeschning singen die Songs durchaus geschmackvoll. Auf somethingelsereviews habe ich eine entsprechend positive Kritik gefunden: Den Chris Isaak-Song Wicked Game „verwandeln Froese und Co. geschickt in etwas, das irgendwie noch einsamer und liebeskranker ist. Die Band freundet sich auch schnell mit David Bowies gespenstischem Werk aus den 1970er-Jahren an und reanimiert Heroes geschickt zu einer Space-Age-Elektro-Hymne.“

Sogar Kraftwerks Mega-Hit Das Model wird gecovert in einer eigenwilligen Mischung aus Ambient und Lounge Jazz. Edgar Froese hatte sich 1997 im Rolling Stone noch etwas gallig über die Kollegen aus Düsseldorf geäußert: „Kraftwerk? Die kann ich erst richtig gern haben, wenn ich sie in Trikots von Primaballerinen des Bolschoi-Balletts gesehen habe. Denen fehlt einfach noch die entscheidende Kling-Klang-Pirouette, das musikalische Drehmoment des Überalltäglichen. Ich liebe mehr die Ruhrpott-Morbidität, den wahren deutschen Underground.“

Undercover ist laut Wikipedia tatsächlich bereits die 117. Veröffentlichung der Gruppe und ihr 28. Major Studio Album. Ohne die Recherche zu diesem Artikel wäre ich vermutlich kaum auf dieses Album gestoßen.  Live machten Tangerine Dream weiter auf sich aufmerksam. Hier ein Auftritt in der Alten Oper in Frankfurt aus dem Jahr 2007. Mit Iris Camaa an den Drums und Linda Spa am Saxophon geht das gut ab:

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Special: Tangerine DreamEdgar Froese hat viele Konzeptalben realisiert nach literarischen Vorlagen. So etwa Finnegan Wake von James Joyce, den hier eine Grafik von Horst Janssen zeigt. (Foto: Costello)

Zwischen Göttlicher Komödie und Videospiel

Tyger nach Motiven von William Blake sollte nicht die einzige Literatur-Adaption von Tangerine Dream bleiben. Auch Das Schloss von Franz Kafka, Finnegans Wake von James Joyce und Die Insel der Feen von Edgar Allan Poe inspirierten Froese zu Konzeptalben. Dies kumulierte in der Dante-Trilogie, die aus den Alben Inferno, Purgatorio und Paradiso besteht, die von 2002 bis 2006 veröffentlicht wurden. Bianca Froese-Acquaie merkt hierzu an: „Die Göttliche Komödie von Dante Alighieri – das war eigentlich sein Hauptwerk. Dabei arbeitete er mit einem Orchester. Ich weiß noch, wie er Tränen in den Augen hatte, als er dann zum ersten Mal seine Komposition, gespielt vom Orchester hörte. Bei diesem Klang des 70-köpfigen Orchesters bekamen wir beide Gänsehaut, das war ein großartiger Moment.“ evolve-magazine

Special: Tangerine Dream

Inferno ist der erste Teil von Edgar Froeses großer Trilogie zu Dantes Göttlicher Komödie. Das Cover-Art Work stammt vom Bianca Froese-Acquaie, für das sie insgesamt 16 großformatige Acrylbilder schuf.

Manche Kritiker fanden solche Ausflüge von Tangerine Dream ins ernste Fach prätentiös. Wie unprätentiös Edgar Froese tatsächlich war, zeigt sich daran, dass er auch für den Computerspielklassiker „Grand Theft Auto“ von 2013 die Musik schrieb. Für die Intro-Musik zu „GTA 5“ arbeitete er mit den Rappern und Hip-Hop-Produzenten The Alchemist and Oh No zusammen. Für den Score spielte Tangerine Dream sage und schreibe 36 Stunden Musik ein. Diese Vielseitigkeit mutet zuweilen etwas unheimlich an. Im Einführungstext zum Oeuvre von Tangerine Dream auf allmusic habe ich einen hübschen Satz gefunden: „In diesen Jahren war es schwieriger als je zuvor, Archivveröffentlichungen, sowohl Live- als auch Studioproduktionen, im Auge zu behalten.“ Anders ausgedrückt: Bei den späten Tangerine Dream ist es manchmal schwer, den Wald vor lauter Bäumen zu sehen.

Special: Tangerine Dream

Edgar Froese setzte sich mit den großen Weltreligionen auseinander – so auch dem Buddhismus (Privatsammlung Berlin, Foto: Costello)

Edgar Froese reicht den Staffelstab weiter

Edgar Froese war ein Mann von überbordender Kreativität, der visuelle Kunst und Musik verband, der unglaublich viel las, sich für Ur-Christentum und Buddhismus genauso interessierte wie für Quantenphysik. Er stand immer unter Strom und es kribbelte ihm ständig in den Händen etwas Neues zu schaffen. Er selbst bezeichnete sich in den Worten  von Bianca Froese-Acquaie als Durchlauferhitzer: „Er war ein sehr intuitiver Mensch und hatte plötzlich Eingaben und Einfälle, die er dann umsetzte. Es verging kein Tag, an dem er nicht komponierte. Selbst wenn wir im Urlaub waren, hatte er sein kleines Keyboard dabei. Wenn er einen Einfall hatte, nahm er es sofort auf. “ evolve-magazine 

Deshalb hätte Edgar Froese auch wenig Verständnis für die etwas bitteren Worte von Johannes Schmoelling gehabt, der Lambert Ringlage gestand, dass er es gut gefunden hätte, wenn nach seinem und Christoph Frankes Ausstieg die Band aufgelöst worden wäre: „Wenn Edgar klug gewesen wäre, dann hätte er dieses Kapitel ‚projekt td‘ geschlossen. Denn in der Annahme, Tangerine Dream sei ein Projekt, folglich lassen sich die Mitglieder einfach austauschen, in dieser Annahme irrte er gewaltig. Was dann folgte, sollen andere beurteilen.“

Special: Tangerine Dream

Raum von 2021 ist das zweite Studioalbum das Tangerine Dream nach dem Tod von Edgar Froese veröffentlicht haben.

Tangerine Dream war für Edgar Froese weit mehr als nur ein ‚Projekt‘. Und es war nicht einmal etwas, was allein an seine Existenz geknüpft war. Als er am 20. Januar 2015 in Wien an den Folgen einer Lungenembolie starb, da hatte er längst den Staffelstab weitergegeben. An Thorsten Quaeschning, der 12 Jahre mit Froese eng zusammengearbeitet hatte, an die Geigerin Hoshiko Yamane und dem Keyboarder Ulrich Schnauss. Seit 2020 ist auch Paul Frick festes Bandmitglied.

„Das war ein Plan von Edgar“, erzählt Thorsten Quaeschning im Gespräch mit dem Deutschlandfunk. „Und da ich da irgendwie so eine Art Meister-Schüler-Situation hatte, war es einfach ein weiterer Auftrag von Edgar für mich… Dann hat man natürlich bei Tangerine immer das Problem oder die Bürde, das Vermächtnis weiterzutragen. Allerdings auch mit der Aufgabe, nicht nostalgisch zu klingen.“ Gut möglich also, dass unsere Urenkel eines fernen Tages Tangerine Dream 10.0 live oder im Metaverse erleben dürfen.

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Edgar Froese wird es – von welchem Stern auch immer – wohlwollend beobachten. Er selbst sagte einmal: „Es gibt keinen Tod, nur einen Wechsel der kosmischen Adresse.“

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Forum
  1. Profilbild
    Tomtom AHU

    Was für ein gelungener zweiter Teil des Artikels über Tangerine Dream. Chapeau Monsieur Costello! Ganz großes Kino! 👍👍

    • Profilbild
      costello RED

      @Tomtom Danke Tomtom! Ich musste hier die Kurve kriegen, die kritischen Töne von Christoph Franke, besonders aber Johannes Schmoelling nicht unterzubügeln (sie gehören zur Bandhistorie nun mal dazu), aber die negativen Töne auch nicht überzubetonen. Auch wenn bei den späteren TD schon mal ein schwächeres Album dabei ist, ziehe ich den Hut vor der Gesamtleistung und bewundere es, dass Froese die Band von seiner eigenen Existenz losgelöst gesehen hat. Wahrlich ein kosmisches Unterfangen.

  2. Profilbild
    Filterspiel AHU

    Na, wo soll er schon sein, er sitzt auf der Schulter des Orion. Wo wir uns alle übrigens in 100 Jahren mal verabreden sollten, ich komme dann auf dich zu, Costello. Danke für den Zweiteiler!

  3. Profilbild
    Garfield Modular AHU 21

    Hallo Costello,

    Herzlichen Dank für die beiden Tangerine Dream Artikeln die Du hier geschrieben hast. Was eine Arbeit! :-) Und es lest sich Super!

    Es bringt auch wieder tolle Erinnerungen zurück. Noch mal herzlichen Dank und viele Grüße, Garfield.

  4. Profilbild
    THo65

    Hallo Costello,

    Danke für diesen mega-interessanten Artikel und die erstklassige Recherche.
    Gibt es eigentlich noch nähere Informationen, wie Chris Franke seine Drums umgesetzt hat, gerade so in den 76/77-Jahren? Drummachines gab es doch noch nicht, zumindest nicht programmierbare.

    Als eine für mich der prägendsten Bands würde ich locker noch Teil 3 bis 27 vertragen…,-)

    Danke dafür.

    • Profilbild
      Flowwater AHU

      @THo65 > Als eine für mich der prägendsten Bands würde ich locker noch Teil 3 bis 27 vertragen…,-)

      Unterschrieben! 🙂

    • Profilbild
      costello RED

      @THo65 Hallo THo65, zu den TD-Drums habe ich leider nicht sehr viel gefunden. Ein Hinweis zum Album „Green Desert“: „einem Album, das erst 1986 erschien, aber den Lernprozess der Band mit programmierten Rhythmen dokumentierte (genauer mit dem PRX-Rhythmusgerät, einer frühen Drum-Machine aus Italien).“ Und dann die Auflistung des Equipment beim Palast der Republik-Konzert, die bei mir unvollständig ist, eben auch, weil sie mehr Fragen als Antworten aufwirft, wovon aber sicher vieles benutzt wurde, um elektronische Percussion wiederzugeben. Projekt Elektronik VcEnvx2 & Proj. Elek. 2VCO/W.Noise/R.M./Waves (for Drums)
      Digital sequencer & trigger selector
      Programmer for above (SCI model 700 programmer)
      Synth sound bank (for above)
      Rhythm robot sequencer
      Emu Oddity voice card
      12 analogue drum sounds
      Drum envelope unit
      Drum EPROM sampled sounds

      • Profilbild
        AMAZONA Archiv

        @costello Es ist ein Emu Audity, nicht Oddity (auch wenn sie phonetisch nahe bei einander liegen).

        Die Drums auf z. B. Exit dürften mit dem PPG340/380 programmiert worden sein und aus dem PPG390 stammen; später (ab etwa Logos / White Eagle) kommen die Drums aus den üblichen Verdächtigen wie 808 und DMX, Dr. Böhm Digital Drums (Poland), Simmons Modulen und ein paar Eigenbaumodulen (die möglicherweise vom Rhythmin‘ Robot getriggert wurden bzw. der die eigenen Roboterwerke-Drummodule ansteuerte).

        Das Mellotron Mk. 2 ist im ersten noch immer nicht korrigiert worden — Froese hatte zwei Mk. 5 und mehrere M-400, aber kein Mk. 2, und das auch nie. 🙄

  5. Profilbild
    Flowwater AHU

    Auch von mir ein herzliches Dankeschön für diesen 2. Teil. Ich bin noch am Lesen und gerade bei dem Teil des Berichts angekommen, da Peter Baumann die Band verlässt. Beim Thema »Geld ausgeben« habe ich erst einmal inne gehalten. Das ist etwas, was mich schon seit langem umtreibt: Die ganzen Instrumente mit dem irren technischen Aufwand – vor allem damals, wie reden ja von den 70ern des letzten Jahrhunderts – müssen ein irres Geld gekostet haben. Das gilt im gleichen Maße für Jean-Michel Jarre, Klaus Schulze, Kraftwerk, etcpp. Andere hätten sich stattdessen vermutlich mehrere Einfamilienhäuser gekauft.

    Einen Synthesizer in Spezielanfertigung von der Messtechnik-Firma »Projekt Elektronik« anfertigen lassen? Halt, nicht einmal, sondern gleich zweimal? Und wenn ich dann noch die ganzen anderen Instrumente dazu rechne … was mag da auf der Bühne an Werten gestanden haben? 150.000 DM (grobe Schätzung). Das wären dann heute so ganz grob eine Viertelmillion Euro (ich habe mal aus dem Bauch heraus im Mittel 2,5% Jahresinflation seit 1975 angenommen).

    Die MÜSSEN damals Künstler gewesen sein … jeder andere Mensch würde vor der Investition zurück schrecken. Und, ja, heute kaum noch vorstellbar, dass man so viel Geld ausgibt, es sei denn, man gehört zu den Superstars, die noch Geld mit Musik verdienen.

    • Profilbild
      costello RED

      @Flowwater Hi Flowwater, und das Studio nicht vergessen, was ja richtig teuer war. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie es damals hieß: „Was, schon wieder ein neues Auto, Peter? Deins ist doch noch keine 10 Jahre alt. Wir brauchen doch ganz dringend Synthesizer xy!“ ;)
      In dem Film „Signale aus der Schwäbischen Straße“ wird das übrigens thematisiert, dass TD damals für Veranstalter eine durchaus teure Band waren. Froese sagt das das ganz selbstbewusst, dass sie erhebliche Ausgaben für ihr Equipment haben, und deshalb auch etwas teurer sein müssten.Froese: „Aber wir nehmen nie zu viel.“

    • Profilbild
      SynthNerd AHU

      @Flowwater Ich habe noch eine ganz vage Erinnerung an ein Interview das Edgar Froese in der Zeit um das Konzert in Ostberlin gegeben hatte. Da erzählte er von einer Tournee mit 18-22 Keyboards und einem Budget um die halbe Million DM und dass sie die Tournee dann aber abgeblasen hätten.
      Wie gesagt nur ganze vage Erinnerung und was mein Hirn nach 40 Jahren da vergessen, verwechselt oder verdreht haben mag – keine Ahnung. Ich hoffe mich schlägt keiner deswegen ;-)

  6. Profilbild
    Anjin Sun

    Zitat: Denn in der Annahme, Tangerine Dream sei ein Projekt, folglich lassen sich die Mitglieder einfach austauschen, in dieser Annahme irrte er gewaltig.

    Gerade wenn man nur eine kosmische Adresse hat, braucht es keinen Ahnenkult.

    🤔 Sollte man sich Picasso nennen, weil man Picasso´s Schüler war?

  7. Profilbild
    Sven Blau AHU

    Danke für den Artikel! Wenig Neues – aber dafür umso interessanteres – gelernt.

    Schön auch, dass du zum Thema Sequencing und Live detailliert Auskunft gibst. „Bei den wenigen Live-Aufnahmen dieser Zeit (Poland…) sind ja kaum Strippen an Franke’s Modular zu sehen…“ – wie man sieht, habe ich mir die Frage auch schon oft gestellt :D

    Was ich persönlich schade finde, ist, dass es zu Leibzeiten Edgars nicht versucht wurde, alle ehemaligen Mitglieder nochmal für eine Platte oder ein Konzert zusammenzubringen.

    Edgar, Chris, Peter, Johannes, Paul und Jerôme nochmal für ein Konzert auf der Bühne – das wäre toll gewesen!

    Mit dem aktuellen TD kann leider so gar nichts mehr anfangen, da fehlt für mich so ziemlich alles, was mich am „alten“ TD immer noch fesselt. Insofern bin ich da ganz bei Johannes Schmoelling…

  8. Profilbild
    bluebell AHU

    Hätten TD auf ewig Ricochet und Rubycon in Variationen abgeliefert, hätten das auch die eingefleischtesten Fans irgendwann nicht mehr hören wollen. Die Entwicklung über griffigere Melodien und dann hin zu einer modern klingenden, kraftvollen Live-Band war ein Weg, wie man ihn besser nicht hätte gehen können. Respekt.

    • Profilbild
      Bernd-Michael Land AHU

      @bluebell Das sehe ich ähnlich. Man kann es so machen, wie beispielsweise Kraftwerk, die ihre alten Stücke möglichst lange ausschlachten. Hörer finden sich da immer noch mehr als genug, die Konzerte sind ausverkauft.
      Oder man entwickelt sich, wie Tangerine Dream, stets weiter und macht auch mal mutig etwas Neues und dazu gehören auch Wechsel in der Besetzung.
      Manchem Ur-Fan mag das vielleicht missfallen, aber so lange die Band ihrer grundsätzlichen Linie treu bleibt, finde ich das absolut okay.
      Ich denke, das der Thorsten Quäschning das bisher ganz prima hinbekommen hat, denn auch in den neueren Werken ist Edgars Geist immer noch zu spüren und darum gehts doch.

  9. Profilbild
    xooloox

    Vielen vielen Dank für diese ausgiebige Story. Das hätte ja fast ein Buch werden können. Ich werde den Bericht sicherlich ein zweites Mal lesen …

  10. Profilbild
    liquid orange AHU

    Ganz hervorragender, toll geschriebener Artikel, ganz herzlichen Dank! Doppeltes Danke für die Quellenangaben, das ist Journalismus wie er sein muss.

    Wie auch bei Froeses Buch, wird der grösste Teil auf die frühen Jahre gelegt, was mir auch recht ist. Mit dem Ausstieg von Johannes Schmoelling und dann auch noch Christopher Franke, konnte ich kaum noch was mit Tangerine Dream anfangen. Aber die „alten Platten“, das sind Werke die für mich immer ganz weit oben stehen werden und die ich immer wieder geniesse.

  11. Profilbild
    magicsynth

    Wirklich toller ausführlicher Bericht aber m.W. gäbe es keine Roland VC10 Vocoder – es müsste daher der Korg VC-10 sein. Trotzdem tolle Arbeit und großes Danke für den Bericht!

    • Profilbild
      SynthNerd AHU

      @magicsynth Immerhin gibt es einen Roland VC-1, aber das ist kein Vocoder.
      Mit Korg liegst du hier bestimmt richtig :-)

    • Profilbild
      costello RED

      @magicsynth Hi magicsynth, danke für den Hinweis. Beim Vocoder muss es sich tatsächlich um den Korg VC-10 handeln, der ab 1978 erhältlich war. Theoretisch hätten sie auch einen Roland Vocoder einsetzen können, weil der berühmte VP-330 auch schon 1979 auf den Markt kam. Aber durch die Bezeichnung VC-10 ist eindeutig der Korg identifiziert.

  12. Profilbild
    eki mako

    Ich hatte Anfang der 90er eine Kassette bekommen, Seite A White Eagle, Seite B Hyperborea, die ich auf einer langen Autofahrt auf der Autobahn dass erste mal eingelegt hatte.
    Dass war für mich eine Reise auf der Reise!
    Die anderen Werke haben mich nicht so angesprochen.
    Vom Stück White Eagle gibt es übrigens ein gutes Remake vom genialen State Azur auf jutjub.

  13. Profilbild
    teletom

    Was für ein Artikel! Da steckt wirklich sehr viel Arbeit drin, vielen Dank für den Aufwand! Vor allem die Infos über das Equipment haben mich erfeut.

    Gruß
    Thomas

  14. Profilbild
    og_penson

    „Meine Musik ist wie Homöopathie“ – Ha, toller Satz von Herrn Froese. Jetzt weiß ich wenigstens, warum Tangerine Dream trotz mehrerer Versuche bei mir nie irgendwas ausgelöst haben.

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      SynthNerd AHU

      @og_penson Vorsicht! Blasphemie-Alarm!

      Und sage niemals einem Modern Talking Fan, dass du die Schei*e findest!
      (Ich unterdrücke solche Anwandlungen, so gut ich kann, wenn’s mir betreffs MT auch nicht leicht fällt.) 😀

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    LeHubs

    Coventry 1975: Unfassbar wie weit Tangerine Dream ihrer Zeit voraus waren. Guter Bericht. Danke!

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    a.jungkunst AHU

    “Und ebensowenig konnte Froese später den Streit digital versus analog verstehen: „Wenn man mehr als 45 Jahre mit Soundtools jeglicher Art gearbeitet hat, dann ist das kindisch. Einfach weil man weiß, dass man das Beste aus beiden Welten nehmen muss. Wie dumm, daraus eine Religion zu machen. Die Digi-Brüder, die eine große Klappe über altmodische analoge Geräte haben – und die Outboard-Junkies, die dieses endlose Geschwätz über ‚die warme Seite eines Sounds‘ betreiben. Jeder Anfänger, der Synthesizer spielt, wird in einer Plug-in-Library nicht nach einem 40 Hz Dröhnton suchen – so einfach ist das.“
    Damit sprach mir Edgar Froese aus dem Herzen. Nach diesem Zitat habe ich schon lange gesucht.

    Ein schöner zweiter Teil übrigens, bei dem man mittels des Detailverlusts hinsichtlich Alben und Equipment (keine Kritik am Text, Costello!) nach den Abgängen von Johannes Schmoelling und Christoph Franke feststellen kann, dass es um das Neue in TDs Musik nicht mehr zum Besten bestellt war, um es mal nett auszudrücken. Aber für die Musikgeschichte hatten sie zuvor einen wichtigen Teil abgeliefert, was den allermeisten Musikern nicht vergönnt war/ist.

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      THo65

      @a.jungkunst Ich denke, das Neue ist heute kaum mehr möglich. TD haben damals wirklich Neues geschaffen, aber der Technik sei Dank kann das heute jeder ( naja fast). Zumindest was die technischen Voraussetzungen angeht…

      Ich gebe Dir recht, spätestens nach dem Weggang von Franke wurde die Musik für mich auch eher belanglos.

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      costello RED

      @a.jungkunst Danke Axel! Ich habe übrigens auf dem YT-Kanal von Klaus gerade die Playlist von Helios.Gen gefunden, wo er mit Dir und Björn Morgenstern sehr feine Musik gemacht hat, inspiriert von TD aber doch auch mit eigener Handschrift. Bin noch bei Existence Part 1, aber klingt klasse! :)

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        a.jungkunst AHU

        @costello Ja, danke, das waren tolle Sessions, Klaus hat das ganze Material noch. Dass das Ganze in TD-Richtung ging, war meine „Schuld“, das sitzt nun einmal tief. Aber Klaus konnte das Level als sehr gut ausgebildeter und assoziativer Musiker bestens forcieren und ein wenig Eigenständigkeit hinzufügen. Schade, dass ich damals noch nicht mein COTK-System hatte.

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          THo65

          @a.jungkunst Hallo Axel,
          unter welchem Suchbegriff findet man denn das auf YT?
          Gruß
          Thomas

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              THo65

              @a.jungkunst Guten Morgen Axel, das ist ganz großes Kino..!! Gefällt mir außerordentlich gut. Als TD-Fan der 70er hätten ein paar mehr ratchets nicht geschadet….😄
              Aber ernsthaft, wirklich beeindruckend.

              Ich durfte auch an einigen live- session teilnehmen und ahne nur, wieviel Spaß ihr gehabt haben müsst. Gern mehr davon.

              PS: Wäre das nicht mal eine Leserstory wert?

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                a.jungkunst AHU

                @THo65 Moin,
                eine Leserstory? Was soll man da berichten, zumal zumindest ich nur noch nebulöse Erinnerungen an die Sessions bzgl. Equipment und anderen Dingen habe? Es hat richtig Spaß gemacht, das steht über allen anderen Dingen, aber alles hat seine Zeit. Fakt ist, dass ohne TD die Sessions nicht so gelaufen wären, mit oder ohne Ratcheting 😂.
                Heute würde das anders und noch mehr auf die damalige Zeit bezogen klingen, man lernt ja nicht aus. Und vielleicht kommt es ja noch einmal zu ähnlichen Sessions.
                Schön, dass Costello das noch einmal in Erinnerung gerufen hat.
                Tangerine Dream in den 70ern ist für mich das Maß aller Dinge, trotzdem haben viele andere in diesem Bereich der Musik tolle Sachen produziert, zu viele, um sie hier zu nennen.

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      Gackoo

      @a.jungkunst Da hat mir auch einer aus der Seele gesprochen. Ich kann dieses Gelaber über Digital vs. Analog nicht mehr hören. Wichtig ist was als Ergebnis rauskommt.
      Wenn ich Musik höre mache ich mir keine Gedanken ob ein einzelner Sound wie und womit gemacht wurde.
      Mich hat TD fast 45 Jahre begleitet und tut es heute noch, wenn auch nicht mehr im gleichem Umfang. Dazu gibt es zuviel.
      Vielen Dank für den Beitrag

  17. Profilbild
    Patrick

    Danke für diese tolle story!

    Ich freue mich jetzt schon auf das Konzert in Berlin am 19-tem oktober. Als ich letzes jahr zum ersten mahl in Berlin war hatte ich das gefuhl ich bin auf „holy ground“. TD ist ein sehr groses teil dess soundtracks meines lebens.

  18. Profilbild
    exTDRalf

    Hallo zusammen!

    Ich bin Ralf Wadephul, und war 1988 – 1990 bei TD, wie auch im Artikel kurz erwähnt. Nun, ich bin spät dran und habe das Ganze erst jetzt gelesen. Sehr schoener Artikel!
    Wenn noch Fragen auftauchen kann ich gern versuchen diese aus Sicht eines „Ehemaligen“ zu beantworten. Natürlich kann ich am meisten beitragen zu Fragen die diese Zeit bzw. die damalige große USA-Kanada-Tour betreffen.
    Also, würde mich freuen,
    Beste Grüße, Ralf

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      Sven Rosswog RED

      @exTDRalf Hallo Ralf,
      Schön, dass du da bist 👍🙂
      Was machst du den heute? Wiki ist nicht so ergiebig.

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        exTDRalf

        @Sven Rosswog Hi Sven!

        Danke für die nette Begrüßung! Ja, Wiki sollte ich mal aktualisieren, aber wie das dann so ist…
        Ich bin in Kontakt mit Costello, vielleicht kann ich ihm ein paar Geschichten erzählen von früher und auch Aktuelles. Daher will ich jetzt noch nicht zuviel verraten :-)

    • Profilbild
      costello RED

      @exTDRalf Lieber Ralf, auch von mir ein herzliches Willkommen bei Amazona. Trotz zwei ziemlich ausführlicher Teile – die TD-Spätzeit wird schon relativ kurz abgehandelt. Vielleicht ergibt sich ja die Möglichkeit, darüber noch einmal gesondert zu berichten. Vielleicht magst Du mir eine PN schicken, wie Du zu erreichen bist. LG, Costello

  19. Profilbild
    Aljen AHU

    Danke für den Artikel (wie für den vorhergehenden, versteht sich)!

    > Bei einer Polentournee trotzte die Band dem kalten polnischen Winter und technischen Problemen.

    Es war genau genommen Dezember 1983 und der Winter war wirklich saukalt. Sowohl was das Wetter als was das politische Klima betraf – gerade ging das zweite Jahr des „Kriegsrechts“ zu Ende. Ich lebte und studierte damals in Polen und so ein Konzert von meiner absoluten Traumband konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen.

    Die ersten Tickets (für meine Freundin und mich) habe ich für das Konzert in Gdańsk erworben. Allein der Kauf war schon ein coup de force: bestellen ging zwar irgendwie telefonisch (wenn man denn nach stundenlangem Warten eine Intercity-Telefonverbindung vermittelt bekam), doch abholen und bezahlen musste man persönlich, spätestens zwei Wochen vor dem Event, sonst verfiel die Bestellung ersatzlos. Also mit der Bahn nach Gdańsk, knappe 150 km, knappe 4 Stunden hin, Tickets in die Tasche, wieder zurück. Kurz darauf stellte sich heraus, dass das Konzert in Gdańsk gestrichen wurde – es wäre auf den 13. Dezember gefallen, an dem sich die Verhängung des Kriegsrechts zum 2. Mal jähren würde – sicherheitshalber haben die Kommunisten die Hafendstadt weiträumig abgeriegelt und es – immerhin – vorab angekündigt.

    Die letzten verbleibenden Eintrittskarten gab es für Wrocław/Breslau…

    • Profilbild
      Aljen AHU

      @Aljen …und das lag dreimal so lange weg wie Gdańsk. Aber was soll’s. Nochmal: Telefonieren, nein, tut uns leid, ausverkauft, andere Telefonnummer, ja, doch, zwei hätten wir noch… Same procedure: bestellen, REIN IN DEN ZUG, die ganze Nacht durch – immerhin war die Inflation auf einem solchen Niveau, dass selbst einem Studenten und angehenden Schriftsteller egal war, ob zweite oder erste Klasse.

      Egal war es ohnehin, denn auch die 1. Klasse war innen und außen vereist wie der Snowpiercer. Karten abgeholt, zurück.

      Das Gleiche dann mit der Freundin zum Konzert. Und nein, Hotel zuvor oder danach war keine Option, denn Hotelzimmer für unverheiratete Paare waren im Sozialismus Tabu. Also rein, die Nacht in der vereisten 1. Kl. durch – den Morgen und restlichen Tag im Breslauer Zoo verbracht, im Reptilien-Pavillon war es immerhin mollig warm.

      In der vor bis auf die Zähne bewaffneten Polizei bewachten Jahrhunderthalle (geniale expressionistische Architektur), wo das Konzert stattfand, herrschten INNEN gemütliche – (MINUS) 21° C. (Draußen um die minus 27.) Aufgeschnappt hatte ich die Aussage, dass die originale deutsche Heizungsanlage die Sowjetarmee abmontiert und gestohlen hatte und für den Nachbau keine Dokumentation vorhanden war.

      Dass unter diesen Umständen das Konzert überhaupt stattfand, grenzte an ein Wunder. Es war in der Tat ein sehr _unterkühltes_ Konzert.

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        costello RED

        @Aljen Hallo Aljen, hab‘ ganz herzlichen Dank für diese phantastische Schilderung der TD-Polentournee aus Sicht eines Fans, der damals einfach ein Konzert besuchen wollte. Was ich mich frage, wie die Band bei diesen Temperaturen überhaupt nur einen Finger bewegen konnte. Dir wird dieses Konzert wohl auch für immer unvergesslich bleiben.

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          AMAZONA Archiv

          @costello Johannes Schmoelling berichtete mal, daß die Band wegen der Kälte Wollhandschuhe mit abgeschnittenen Fingern trug und Kannen mit heißem Tee und heißem Wasser auf der Bühne standen, an denen man sich die Hände notdürftig aufwärmen konnte.

          Außerdem soll auf dem Dach des Warschauer Eisstadions eine solch massive Schneelast gelegen haben, daß das Dach einzubrechen drohte, zumal durch die abgegebene Körperwärme des Publikums die unterste Schneeschicht zu tauen begonnen hatte und das Wasser stetig von oben herabrieselte.

          Vor dem Hintergrund, daß wir alle knapp vier Wochen vor dieser Konzertreise nur um Haaresbreite einem mit nuklearen Waffen ausgetragenen Konflikt zwischen NATO und Warschauer Pakt entkommen waren (Operation Able Archer), ist es schon ein Wunder, daß diese Tournee überhaupt stattfinden konnte.

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            costello RED

            Und gut 20 Jahre vor Able Archer stand die Welt wegen der Kubakrise vor der nuklearen Katastrophe. Ich muss manchmal daran denken, wenn ich über die Aktionen der sogenannten „letzten Generation“ lese. Dieser Claim ist genau betrachtet auch eine Form von Aneignung. Als Berliner war dieses Gefühl für mich sehr gegenwärtig, dass es jeden Moment vorbei sein konnte. Dafür gab es die Berlin-Zulage („Zitterprämie“), Steuersubventionen und eine tolle Kunst- und Partyszene.

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              AMAZONA Archiv

              @costello Und gut 40 Jahre nach Able Archer sind wir wieder an dem Punkt, wo das Gefühl von damals sehr authentisch fröhliche Urständ feiert. Ich beschwere mich nicht, ist es doch das richtige Setting für das [‚ramp]-Album „Staatsgrenze Ost“, an dem ich derzeit sitze.

              Das Gefühl der unmittelbaren Bedrohung, welches in Berlin sehr intensiv zu spüren war, hat für mich als Kind (Berlin 1978/79) mein ästhetisches Empfinden für den Rest aller Tage maßgeblich beeinflusst.

              Bis zu dem Punkt, daß es selbst mir mittlerweile ein bißchen too much ist…

              Und was die Aneignung seitens der Letzen Generation angeht — ist es nicht schön, andere dessen bezichtigen zu können, was man selbst mit Nachdruck vorlebt?

  20. Profilbild
    0gravity

    So, jetzt bin ich endlich dazu gekommen auch den 2.Teil der TD Story zu lesen und wollte nur noch mal kurz Danke sagen, für den erwartungsgemäß wieder mal hervorragenden Artikel.

  21. Profilbild
    Patrick

    Danke für diesen Story. Tangerine Dream finde ich eine faszinierende band – in die 80-er war ich teenager aber TD war nicht gerade mainstream in Holland. Erst in die Späten 90-er kam hörte ich zum ersten mahl Tangerine Dream. Favorit ist für mich die Musik die Franke, Froese und Schmoelling zusammen gemacht haben und leider habe ich das nie Live erleben können. Ich freue mich aber Riesig über dass concert in – mein Heimatstadt – Maastricht in einigen tagen (18/5/23)! Ich mag die letzen Alben wie Quantum Gate und Raum – die live Konzert Aufnahmen (Sessions) finde ich auch Toll.

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