Techno History 4: Abgesang und Kommerzialisierung

7. September 2019

Von der Love Parade zum Mega Rave

Vorwort der Redaktion:

Mit Teil 4 geht die wohl polarisierendste AMAZONA.de-Serie aller Zeiten zu Ende. Neueinsteiger sollten sich auf jeden Fall die ersten 3 Teile plus zugehöriger Video-Empfehlungen ansehen:

Wir übergeben nun an Jens Vetter und freuen uns erneut auf regen Meinungsaustausch in den Kommentaren.

Techno History 4: Abgesang und Kommerzialisierung

Hiermit will ich nun die Techno-History schließen, alles gesagt ist natürlich nicht, aber das Wesentliche sollte deutlich und nachvollziehbar geworden sein, auch wenn sich die beiden Lager in puncto „Wer hat’s erfunden?“, sprich Detroit und Frankfurt, wohl nie vereinen werden. Aber was soll’s, letztlich lässt sich Techno ohnehin nicht klar definieren, nüchtern gesehen ist er eben eine Musikrichtung, die mit „Elektrotechnik“ realisiert wird, das kann jeder für sich ausmachen.

Für mich endete die aktive Clubgängerzeit Mitte/Ende der 90er, also in etwa gleichzeitig mit dem gefühlten Ende des Techno. Allerdings wog das auch irgendwie nicht sonderlich schwer, standen doch damals die erste Arbeitsstelle und der Umzug in eine fremde Stadt an und somit entwickelte sich nach und nach der Wunsch zurück, sich die Nächte an den Wochenenden um die Ohren zu schlagen. Im Übrigen hatte ich sowieso das Gefühl, dass nichts wesentlich Neues mehr zu erwarten war, und irgendwie war der Eindruck damals auch nicht ganz falsch.

Der eigentlich angedachte Titel „Abgesang und Kommerzialisierung“ umschreibt das Schlusskapitel wohl eher ungenügend bzw. führt etwas in die Irre. Man könnte nun meinen, der Techno sei Geschichte, nicht mehr existent, was ja nun bei weitem nicht zutrifft. In medialer Hinsicht kommt das sicherlich hin, vor allem, wenn man sich die Omnipräsenz seinerzeit in Funk, Fernsehen und Zeitschriften vergegenwärtigt. Seriöse Nachrichtenmagazine berichteten regelmäßig über damalige Top-DJs, Produzenten und sonstige Events, über Diskotheken auf Ibiza, horrende Gagen usw. Dass die Szene nach wie vor sehr aktiv ist, sieht man auch an diversen, nach wie vor aktiven Technomagazinen bzw. deren Nachfolgern. Magazine der ersten Stunde wie „Groove“, „DeBug“ oder „Raveline“, die zwar mittlerweile eingestellt worden sind, aber teils durch entsprechende Nachfolger ersetzt wurden oder nur noch online erscheinen. In Großbritannien bspw. erscheinen bis heute regelmäßig das „DJ Mag“ und „Mixmag“.

Natürlich wird an der Einstellung vieler damals etablierter Magazine deutlich, dass offensichtlich die Schar der Techno-Anhänger über die Jahre geschrumpft sein muss, oder? Dazu kommt die Möglichkeit, ohne besonderen Aufwand Magazine online und sogar kostenlos herauszugeben.

Einige aktive Magazine für Techno/elektronische Musik:

Wie man sieht, ist der Techno also immer noch sehr lebendig. Das Internet macht es u.a. möglich, im Grunde kann so jeder Interessierte sein eigenes Magazin veröffentlichen, eine Facebook-Gruppe gründen o.ä., ob die Resonanz dann auch zufriedenstellend ausfällt, lasse ich mal dahingestellt. Aber genau das ist ja das Interessante, weg vom Mainstream, hin zu vielen unterschiedlichen Inhalten. Genau das war doch seinerzeit zum Ende der kommerziellen Hochzeit meines Erachtens der Knackpunkt, es drehte sich im Kreis, man war der Sache einfach überdrüssig; zumindest dann, wenn man der Generation angehörte, die die Szene von Anbeginn an erlebt hat. Dazu beigetragen hat auch die rasante Entwicklung der Studiotechnik bzw. -software. Seit Propellerheads Rebirth 338 war es mehr und mehr möglich, mit einem PC von der Stange einigermaßen amtliche Elektro-Produktionen zu produzieren. Das in Kombination mit den musikalisch minimalen Anforderungen dieses Genres hat die Zahl der ambitionierten Hobbyproduzenten und DJs rasant ansteigen lassen – Quantität ist eben nicht gleich Qualität. Die Originalität früherer Tracks wurde nur noch selten erreicht, stattdessen aber munter abgekupfert.

Der DJ als Mega-Star

Aus Techno entsteht Pop

Bis Ende der 90er hat der Techno reihenweise unterschiedliche Spielarten hervorgebracht, der Begriff Kirmestechno kam auf und es wurde überdeutlich, dass zahlreiche Acts auf der Erfolgswelle mitschwimmen wollten und das auch jahrelang bis in die 2000er hinein sehr gut funktioniert hat. Der ungehobelte, raue Sound des Techno wurde sozusagen von der Popmusik adaptiert und etablierte sich im Mainstream.

Sehr prägnant über einen längeren Zeitraum damals war der sogenannte Vocaltrance, vertreten vor allem durch belgische oder holländische Acts, z. B. Sylver, Ian van Dahl, Kate Ryan, Lasgo oder Milk Inc. Wie der Begriff schon erahnen lässt, waren das im Grunde sehr einfach gehaltene Popsongs mit weiblichem Gesang, die sich soundtechnisch beim Trance bedienten und meistens projektübergreifend von denselben Produzenten erschaffen wurden. Das war anfangs nett anzuhören, keine Frage, aber nach einer gewissen Zeit stellte sich auf jeden Fall Langeweile ein, weil alles irgendwie sehr ähnlich klang und man noch nicht mal mehr die Acts anhand der Stimmen identifizieren konnte. Dies alles ging für mein Empfinden seinerzeit erstaunlich lange auf gleichbleibend hohem Niveau gut. Ich denke nicht, dass das an den Techno-Anhängern der ersten Stunde lag, da war so was eher verpönt, vielmehr sind wohl seinerzeit zahlreiche neue Konsumenten hinzugewonnen worden, weil es im Formatradio und Musik-TV zum Standard gehörte und recht lange sehr populär war.

Viele deutsche Acts waren damals auch jahrelang erfolgreich, die ich jetzt nicht aufzählen möchte, was ja auch gar nicht möglich ist. Allen voran muss natürlich auch Scooter erwähnt werden, die mitten in der Techno-Hochzeit durch ihre wohl eigentlich selbst nicht recht ernst genommene Zufalls-Single „Hyper Hyper“ phänomenal erfolgreich waren. Scooter sind bis in die jüngere Vergangenheit hinein sehr erfolgreich gewesen und durften wohl als einzige Band dauerhaft in 160bpm liefern, was ja an sich seit Mitte/Ende der 90er komplett verschwunden war und die Produktionen wieder deutlich entschleunigt worden waren.

Ein weiteres Beispiel für dauerhafte Präsenz und Ausschlachten bzw. schon fast Verballhornung des Technos der 90er ist m.E. auch DJ Bobo, der bis heute immer noch vor allem mit aufwändigen Liveshows erfolgreich durch die Lande zieht. Warum das immer noch funktioniert, ist mir ein Rätsel, aber das soll jetzt hier auch keine Wertung sein. Ich weiß nur noch, dass mir Derartiges fürchterlich auf die Nerven ging und ich mit dieser Ansicht sicher nicht alleine war. Ja, ich weiß was jetzt kommt, das ist kein Techno. Natürlich nicht, aber ich behaupte einfach mal, ohne Techno kein DJ Bobo u.ä.

Diese Beispiele könnte man noch fast endlos ausweiten, aber ich möchte damit nur den aus meiner Sicht musikalischen Stillstand und den daraus resultierenden Überdruss verdeutlichen. Was erfolgreich ist, wird eben möglichst lange gemolken, das ist normal, aber die Folge ist eben u.U. irgendwann die totale Abkehr der Anhänger der ersten Stunde.

Die Folge davon war eben bei mir und sicher auch bei vielen anderen, dass man gar nicht mehr auf die Idee kam, irgendwelche Partys zu besuchen, die es ja nach wie vor gab. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es annähernd jedem so ging, der nicht in einer Stadt wohnte, die über eine eigene Szene verfügte, die stark genug war, dem Mainstream die Stirn zu bieten und Techno bei dem beließen, was er seinerzeit war, nämlich eine unabhängige Bewegung des Untergrunds.

Vom Club in die Arena

Festivals und Partys – vom Club in die globalen Arenen

Jede Stadt mit Clubs bietet damals wie heute auch Partys mit den jeweiligen Resident DJs an, die der elektronischen Tanzmusik frönen. Wie viel da bis heute los ist, lässt sich leicht im Netz herausfinden; man bekommt geradezu den Eindruck, dass es sogar mehr als zur damaligen Hochzeit sein könnte.

Neben den Clubevents gibt’s natürlich außerdem die Open Air-Festivals, die teils gewaltige Ausmaße angenommen haben, um mal einige zu nennen, die mir selbst noch bekannt sind:

Love Parade

Die Geschichte dürfte hinlänglich bekannt sein, der Initiator Dr. Motte gibt einen kurzen Abriss zum 30-jährigen Jubiläum, ebenso die damalige Organisatorin Danielle de Picciotto.

Eine der frühen Paraden in Berlin 1995

Mayday

Regelmäßige Großveranstaltungen gibt es einige, alt eingesessene wie relativ neue. Die Mutter in Sachen Indoor-Party ist wohl die alljährlich wiederkehrende Mayday, die mit bis zu 25000 Besuchern in der Dortmunder Westfalenhalle stattfindet. Damals 1991 mit relativ überschaubarer Zuschauerzahl zunächst in Berlin durch Initiative von Westbam und DJ Dick beginnend und aufgrund der immer größer werdenden Besuchermenge dann über Köln bis nach Dortmund wandernd ist die Veranstaltung bis heute ein fester Bestandteil der Szene. Sieht man sich die Entwicklung der Zuschauerzahlen und der DJ-Lineups über die Jahre an, wird klar, dass sich der Techno auf einem recht hohen Akzeptanzniveau eingepegelt hat.

Ebenfalls aus der Anfangszeit 1994

Melt Festival

Im Jahre 1997 wurde erstmals dieses Festival am Bernsteinsee im brandenburgischen Velten ausgerichtet, zwei Jahre darauf wurde es auf das Ferropolis-Gelände, einem Museum für Braunkohletagebau, bei Gräfenkirchen verlegt, wo es auch bis heute jährlich mit etwa durchschnittlich 20000 Zuschauern stattfindet. Das Lineup waren und sind teils sehr namhafte DJs und sonstige Acts aus der Elektro-Szene.

20 Jahre Melt 2017

Tomorrowland Festival

Etwas neueren Ursprungs ist dieses Festival, was seit 2005 jährlich im belgischen Boom stattfindet; das Ganze auch Open-Air vor einer einzigartigen Märchenkulisse. Diese Veranstaltung erreicht bis heute sogar sechsstellige Besucherzahlen, zum Lineup zählt regelmäßig die Creme de la Creme der elektronischen Tanzmusik. Ähnlich große Ableger dieses Festivals gibt es noch in USA, Brasilien und Frankreich.

Sonne Mond Sterne

Auch das ist eines der größten europäischen Festivals für dieses Genre, seit 1997 wird es in Thüringen an der Bleilochtalsperre ausgerichtet. Begann man mit 2500 Zuschauern, konnte man sich bis heute auf über 30000 Besucher steigern. Auch hier trifft sich alles, was in dem Bereich Rang und Namen hat, teils auch garniert mit Rock- und Pop-Bands.

2012

Airbeat One

Seit 2002 findet dieses Festival Open-Air in Neustadt-Glewe (Mecklenburg-Vorpommern) zunächst als „Airbase One“ statt, die Besucherzahlen entwickelten sich von anfangs ca. 2000 auf bis zu 55000 im Jahr 2018. Der Initiator war hier kein DJ sondern ein Veranstaltungsunternehmer, aus markenrechtlichen Gründen erfolgte die Umbenennung in „Airbeat One“. Das dominante Genre war anfangs Trance, im Laufe der Zeit etablierten sich auf mehreren Bühnen die Spielarten Hardstyle, House, Goa, Techno, Complextro, Dubstep und Trap.

Das Lineup reicht von Vertretern der ersten Stunde wie Talla2XLC über Kai Tracid, Blank&Jones, Bass-T, Alpha Twins, DJ Dean, DJ Shog bis hin zu Steve Aoki, DJ Hell usw., usw.; insgesamt tummelten sich dort über die Jahre eine unfassbar große Zahl an Acts und DJs.

2018 mit Armin van Buuren

Boom Festival

Erstmals wurde 1997 in Idanha-a-Nova (Portugal) dieses Kulturfestival veranstaltet. Neben der Musik spielen dort noch diverse Kunstformen von Malerei, Skulpturen, Videokunst bis hin zu diversen Installationen eine Rolle. Musikalisch dominieren Trance, Techno und Chillout, außerdem gibt_s Livebands. Dieses Festival möchte hat zum Ziel, ein möglichst großes Spektrum von diverser Kunst anzubieten, es setzt auf Nachhaltigkeit. Im Jahr 2018 besuchten ca. 80000 Besucher das Gelände, eine wirklich stattliche Zahl.

2018 in Portugal

Nature One

… zählt zu den größten europäischen Festivals für elektronische Tanzmusik und steigerte sich seit der Erstaufführung 1995 mit etwa 13000 Partygängern auf etwa 54000 Besucher in 2018. Das Gelände ist die ehemalige Raketenbasis Pydna im Hunsrück, auch hier gibt es mehrere Areale mit diversen dargebotenen Genres. Auch hier dominierte ursprünglich der Trance, ansonsten Techno und House, das sehr umfangreiche DJ-Lineup ist auch alljährlich sehr prominent besetzt. Bekannte Clubs aus der Republik wie Tresor, Cocoon Club, Stammheim oder Airport sind ebenfalls regelmäßig mit involviert.

2008 noch etwas gediegener

Juicy Beats

Findet seit 1996 im Dortmunder Westfalenpark statt und verzeichnete 2018 ca. 50000 Zuschauer. Ursprung des Festivals war eine sommerliche Open-Air-Ausgabe des „Club Trinidad“, der seinerzeit zu den bundesweit wichtigsten Clubs in Sachen House zählte. Allerdings ist das Festival nicht ausschließlich den Elektronikern vorbehalten, auch Acts aus dem Indie-Rock-Bereich sind regelmäßig mit am Start.

Kurzer Bericht im WDR

Es gibt natürlich noch sehr viele mehr, die angebliche Top 15 der Festivals in Europa wird hier vorgestellt. Wenn man sich das Material dieser Festivals mal zu Gemüte führt, fällt auf, dass der Techno soundtechnisch im Grunde seit damals so gut wie still steht. Es ist im Laufe der Zeit die eine oder andere Spielart dazu gekommen, die Produktionen klingen heute sehr viel glatter und ausgefeilter, doch grundsätzlich neu ist da bis heute irgendwie nicht so viel. Ich habe bewusst diese Beispiele aus verschiedenen Jahren gewählt, um das zu belegen. Der Techno ist seit jeher eine Konstante, man weiß, was einen erwartet und das mittlerweile weltweit. Aber wahrscheinlich lässt sich auch darüber trefflich streiten, muss man aber nicht, Techno heißt Feiern und Spaß haben. Da aber ständig viele neue DJs inklusive deren Anhänger dazu kommen, bleibt der Techno subjektiv trotzdem durchweg irgendwie neu.

Techno liegt also seit dem Hype Mitte 90 danieder?

Sicher nicht, auf den ersten Blick mag das so erscheinen, aber nur dann. Natürlich ist der Techno als die neue Massenbewegung von damals medial aus der öffentlichen Wahrnehmung so gut wie verschwunden. Aber es gibt bekanntlich seit geraumer Zeit soziale Netzwerke, Online-Magazine, Streaming-Dienste und so weiter, die diesen Part übernommen haben, jedes Genre und jede Interessensgruppe finden da Platz und werden auch kontinuierlich mit reichlich Material gefüttert.

Außerdem ist der grundsätzliche Sound des Techno aus der Anfangszeit nach wie vor darüber hinaus in vielen aktuellen Pop-Produktionen immer wieder wahrzunehmen, seien es 808/909-Drumsets, verstimmte Sägezahnwellen, treibende Arpeggios oder der Klang analoger Klassiker. Man kann das Rad eben nicht zweimal erfinden, es gibt nur 12 verschiedene Töne, die mehr oder weniger mit immer derselben Syntheseform erzeugt werden. Ich finde es sehr erstaunlich, dass man 30 Jahre im Grunde den gleichen Sound verkaufen kann. Ich erkenne auch bei den typischen Techno-Produktionen keine nennenswerte Veränderung, sieht man von stark vereinfachten und im Vergleich zu damals lächerlich preisgünstigen Produktionsmitteln mal ab. Eigentlich reicht eine DAW mit einem einzigen amtlichen VST-Synth für 150 Euro mit zigtausend Presets schon aus, um amtlichen Techno zu produzieren. Gerade die unzähligen mitgelieferten, sehr perfekt programmierten und bereits mit passenden Effekten versehenen Presets und Arpeggio-Mustern spielen sozusagen oft schon von selbst, klingen phantastisch und vereinfachen alles ungemein. Aber hat sich dadurch eine Weiterentwicklung ergeben? Ich meine nein, auch wenn vielleicht Spielarten wie Minimal oder Dubstep etc. dazugekommen sind und der Sound insgesamt glatter und druckvoller ist. Leider lassen aber genau durch diese Eigenschaften Ecken und Kanten vermissen, Originalität gibt’s m.E. fast gar nicht mehr, man hat das Gefühl, alles schon mal gehört zu haben – wie damals eben.

Vergessen darf man natürlich nicht, dass zwischendurch auch ein Generationswechsel stattgefunden hat, die Anhänger der ersten Stunde sind gelangweilt, die der zweiten begeistert. Man darf nicht dem Fehler verfallen, so was aus reiferer Sicht heraus zu beurteilen, das trifft ja eigentlich auf alles zu im Leben. Allerdings habe ich schon den Eindruck, dass 50 000 Festivalbesucher aus einer Vielzahl von Leuten besteht, die im Alltag die Charts rauf und runter konsumieren, ansonsten mit elektronischer Musik eher wenig am Hut haben und nur dabei sind, weil es einfach schick ist oder die Freunde Fans sind. Das war damals eher nicht so, entweder ganz oder gar nicht.

Verurteilt man die gnadenlose kommerzielle Ausschlachtung des Techno seinerzeit, so muss man sich aber im Klaren sein, dass es in einer Art zweiten Welle, die bis heute andauert, in Form von globalen riesigen Open-Air-Veranstaltungen auch nicht weniger kommerziell zugeht – nur eben in anderer Form. War damals der Techno inkl. aller Spielarten ein eher europäisches Ding, hat auch hier die Globalisierung die Welt zu einer einzigen Techno-Community verwandelt. Die fast unzähligen Freiluft-Events mit Zehntausenden von Zuschauern und gewaltigen DJ-Linups, deren Flugmeilenkonten durch die Decke schießen, verschmelzen quasi zu einer klanglichen Einheit, ganz egal, ob in Amerika, Asien oder Europa. Wenn man mal die populärsten Freiluft-Festivals recherchiert und die regelmäßig und in sehr großer Anzahl auflegenden DJs ansieht, wird schnell klar, dass eine sehr große Menge Geld umgesetzt und deren Sound weltweit transportiert wird. Neben Altgedienten wie Westbam, Paul van Dyk, Sven Väth oder Carl Cox, die die Entstehung des Techno miterlebt und gestaltet haben, gibt’s ebenso sehr viele jüngere Top-DJs, die allesamt ihren Marktwert haben.

Wie geht’s also weiter? Vermutlich wird es immer weiter gehen, steigerbar ist sie Szene sicher nicht wesentlich, aber da natürlich ständig neue, unbelastete Anhänger und Produzenten nachwachsen, kann es folglich auch nicht langweilig werden, auch vor dem Hintergrund der stagnierenden musikalischen Entwicklung. Der Techno hat sich von den verschwitzten kleinen Kellerclubs gelöst und in Richtung großer Festivalarenen auf der ganzen Welt verlagert. Das mag noch eine Weile gut gehen, allerdings bleiben so leider der eigene Charme und die eigene Handschrift eines Clubs, Stadt oder Region auf der Strecke. Mehr als Globalisierung geht nicht, vielleicht entwickelt die Szene sich irgendwann wieder vom Großen ins Kleine, man kann nur mutmaßen.

Forum
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    TobyB  RED

    Das Genre was du suchst heisst Eurodance oder liebevoll Bembeltechno und kam aus der Disco nicht dem Club. Die Disco liegt wohl zappelnd im Sterben, während die Clublandschaft lebt. Im Gegensatz zu den 90ern/Nuller sieht man heute oft Modulare Systeme bei den Acts. Das ist bei mir auch in den letzten Jahren eingezogen. Und und der Einfluß in meiner Musik ist mittlerweile sehr groß. Auf der anderen Seite gibt es mittlerweile sehr gute Performer oder Klassiker die sich mit einem kompletten Aira Setup auf die Bühne stellen.

    Was sich vielleicht geändert hat ist die Musikalität junger Acts, sprich teilweise kannst du die Akkorde schon erahnen. Andererseits gibts immerwieder Acts die mit einer Musikalität und Unberechenbarkeit daher kommen.

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    Filterspiel  AHU

    Mich zieht es zwar nicht mehr in die Clubs, einmal dort ist es aber so wie früher, da kann ich immer noch Spaß haben. Der Sound hat seine Anhänger gefunden, sicherlich weniger als früher, aber treu. Und für die gibts immer noch genug auf die Ohren.

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    anttimaatteri  

    Wer einen liebenswerten leicht schrägen FIlm mit dem Thema Techno sehen will, kann es mit
    Magical Mystery oder die Rückkehr des Karl Schmidt
    versuchen. Das Buch, das dem FIlm als Vorlage diente ist von Sven Regener (Element of Crime).

    Im FIlm gibts nen klitzekleinen Camoauftritt von Westbam. Ich selber hab den erst beim zweiten Mal bemerkt und konnt nicht mehr vor lachen. :D

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      TobyB  RED

      Bester Einzeiler aus dem Film: „Ihr seid doch die Techno-Typen, ihr steht auf Wiederholungen“.

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    llIIllIlIIIlllIIllI  

    Leider einer der schlechtesten Artikel auf Amazona.de! Im ersten Abschnitt schreibst du, dass du seit Mitte der 90er nicht mehr in Clubs gehst und begründest das mit dem Gefühl, dass Techno zu dieser Zeit „zu Ende“ war. Das Nicht-mehr-miterleben reicht aber wohl noch aus, um ein paar Youtube Videos später die „stagnierenden musikalische Entwicklung“ festzustellen. Die Binsenweisheit, dass es heute sehr einfach ist, Musik zu machen, darf in der Erzählung natürlich nicht fehlen.

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        lena  

        hi Jens.. ich find die serie mega. War nie ein Techno-Fan, werds auch nicht werden – aber die Serie war gut und objektiv geschrieben. Lob geht raus :-)

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        llIIllIlIIIlllIIllI  

        Ganz einfach: nö. Techno findet abseits der im Artikel beschriebenen Mega-Raves jedes Wochenende in unzähligen kleinen und mittel-großen Clubs statt. Es gibt für jede stilistische Ausdifferenzierung eigene Formate, Labels, Veranstaltungen und Veröffentlichungen. Da muss man natürlich ein bisschen suchen und sich mit beschäftigen, nur in Erinnerungen an früher schwelgen und die ersten 10 Youtube Treffer nach „Techno Festival“ anklicken reicht leider nicht um das zu durchdringen.

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    lightman  AHU

    Nix für ungut, aber ich habe noch nie einen Artikel, Buch, Onlinetext, whatever gelesen, der den Spirit und das Lebensgefühl von unsereins auch nur annähernd korrekt beschrieben hat.

    Das hat nichts mit Unfähigkeit zu tun, sondern ist ein Naturgesetz. Wenn man es beschreiben könnte, bräuchte man die Musik nicht.

    Techno oder was man auch immer als Label verwenden ist kein Einzelphänomen. Es ist vielmehr wie ein wichtiges Organ im Körper, das aber ohne die anderen Organe nicht funktioniert. Dieses Prinzip muß man fühlen, leben und in Tracks umsetzen, nicht darüber labern.

    Peace :)

  6. Profilbild
    Kobi Kobsen

    Kling alles nach einem Versuch etwas zu beschreiben von dem man vor vielen Jahren Abstand gewonnen hat. Zu viel Abstand um sich so eine umfassende Beurteilung zu erlauben. Die Szene lebt nach wie vor und ist in Teilen sehr innovativ und frisch. In meinen Augen sogar frischer als in den 90ern.

    Es gab tatsächlich eine Phase als einige Strömungen sich nicht mehr spürbar entwickelt haben, aber die minimalen Spielarten sind da erst richtig in Gang gekommen und haben Techno mit House verbunden. Das ganze mit recht hohem Produktions-Standard und sehr prägnanten Klangästhetiken. Dies hat auch wieder Ausläufer bis in die Popmusik, ähnlich der früheren Trance-Produktionen.

    Vorbei war es also nie mit Techno sondern es haben sich nur manche ausgeklingt – wie der Autor.

  7. Profilbild
    ynwa

    Durchwachsener Artikel würde ich mal sagen. Natürlich wird Techno nicht mehr verschwinden , es wächst immer eine neue Generation nach , die diese Musik für sich entdeckt und etwas neues hinzufügt, genauso wie immer eine neue , feierwütige Generation nachwächst.
    Was sicher vorüber ist und nicht mehr wiederkommt, ist die Euphorie und Wahnsinn der Anfangsjahre.
    Das Problem bzw. Verschwiden der Printmagazine hängt sicherlich mit dem geänderten Medienkonsum der 2000er Generation zusammen und hat nichts mit Techno im speziellen zu tun.

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