Leistungsstarkes Restaurations-Tool für Profis
In einer perfekten Audiowelt würden wir jederzeit ausschließlich perfekt aufgenommene Tonspuren erhalten, die es nur noch zu veredeln gilt. Die Realität sieht, wie wir alle nur zu gut wissen, oft ganz anders aus. Ein nicht unerheblicher Teil unserer Arbeit besteht manchmal darin, schlecht bis miserabel aufgenommene Spuren irgendwie zu retten, sodass sie professionellen Ansprüchen genügen. Ganz besonders oft begegnet mir dieses Problem im Bereich der Postproduktion für Film und Fernsehen. Daher schauen wir uns heute mit Accentize dxRevive Pro ein Plug-in an, das uns dabei helfen soll, solche suboptimalen Aufnahmen zu optimieren.
- Rettung schlechter Aufnahmen: Entfernt Rauschen, Artefakte und restauriert fehlende Frequenzen.
- Einfache Bedienung: Ein Hauptregler plus wählbare Algorithmen für verschiedene Einsatzszenarien.
- Starke Studio-Algorithmen: Kann selbst Handy- oder Lavalier-Aufnahmen deutlich verbessern.
- Große Zeitersparnis: Ersetzt oft mehrere Plug-ins in der Postproduktion und liefert schnell verwertbare Ergebnisse.
Inhaltsverzeichnis
Im akustischen Testlabor haben wir heute ein Plug-in der noch jungen Firma Accentize aus Darmstadt. Wir testen dxRevive Pro, ein Tool, das sich zur Aufgabe gesetzt hat, Sprachaufnahmen zu „retten“. Dabei setzt Accentize auf eine Mischung aus Machine-Learning und KI.
Gedacht ist Accentize dxRevive Pro vor allem für schlecht klingende Ansteckmikrofone, wie wir sie oft beim Set-Ton in Film und Fernsehen finden, aber auch zur Rettung von Codec-behafteten Audiospuren, wie man sie aus Zoom- oder Skype-Meetings kennt. Ferner möchte ich herausfinden, ob der für Sprache optimierte Algorithmus auch bei der Musikproduktion, zum Beispiel für Gesangsaufnahmen, angewendet werden kann.
Was kann dxRevive Pro?
dxRevive gibt es in zwei Ausführungen. Neben der hier getesteten Pro-Version gibt es noch eine abgespeckte Version ohne den „Pro“-Zusatz, die einige Features weniger bietet und dementsprechend deutlich günstiger ist. Ich werde im Praxisteil kurz darauf eingehen, für wen welche Version am sinnvollsten erscheint. Sofern nicht anders vermerkt, beziehe ich mich aber immer auf die Pro-Version.
Das Plug-in selbst kommt in einem nüchternen, technisch gehaltenen Mix aus schwarzen und neongrünen Farben daher. Nichts mit nostalgischem Vintage-Look, sondern ein klarer, präziser, ingenieurmäßiger Look, wie man es von einem solchen Werkzeug erwartet.
Zentraler Hingucker ist das Analyzer-Fenster in der Mitte, das zum einen das original anliegende Signal vor der Bearbeitung und zum anderen das Signal nach der Bearbeitung anzeigt. So kann man schön auf den ersten Blick erkennen, was der Algorithmus dem eigenen Signal hinzufügt.
dxRevive Pro versucht mithilfe seines zugrundeliegenden Algorithmus, bestehende Sprachaufnahmen zu optimieren. Hier werden zum einen Frequenzen hinzugefügt, die zum Beispiel durch einen Codec wie MP3 verloren gegangen sind oder durch mangelhafte Mikrofonierung erst gar nicht aufgenommen wurden. Auch störende Resonanzen können aus dem Signal herausgerechnet werden. Zudem kann dxRevive Pro nervige Hintergrundgeräusche entfernen – also etwa Rauschen, Knackser oder sonstige Nebengeräusche, die am Filmset oder im Studio mit aufgenommen wurden.
Für all das nutzt Accentize Sprachaufnahmen verschiedener Sprachen und Akzente, mit denen der Algorithmus trainiert wurde. Accentize weist darauf hin, dass alle Beteiligten in die Verwendung ihrer Aufnahmen eingewilligt haben. Das finde ich schon mal erwähnenswert im Kontext aktueller Urheberrechts-Debatten rund um OpenAI und Co.
Das Plug-in ist super einfach einzustellen, denn es gibt im Grunde nur einen einzigen großen Regler, den man von 0 bis 100 % drehen kann, um die Stärke des Effektes zu justieren. Übrigens kann man das alles in Echtzeit machen. Für das Gain-Management gibt es noch einen In- und Output-Regler samt zugehöriger Pegelanzeige, damit nichts übersteuert.
Um festzulegen, wie genau Accentize dxRevive Pro arbeiten soll, gibt es ganz links unten noch ein Pop-up-Menü, mit dem zwischen verschiedenen Algorithmen gewählt werden kann. Diese schauen wir uns jetzt etwas genauer an, denn sie bilden die Basis für das spätere Endergebnis.
Herzstück von dxRevive Pro: Die Algorithmen
Zum Test lag uns das Plug-in in der Version 1.2.1 vor. Der fortschrittlichste enthaltene Algorithmus nennt sich Studio 3 und ist als Standard ausgewählt. Laut Hersteller ist dies die beste Option für die meisten Fälle. In einigen wenigen Szenarien können auch die älteren Algorithmen „Studio“ und „Studio 2“ gelegentlich bessere Ergebnisse erzielen.
Im Bild unten kann man gut sehen, was genau sich hinter diesem Algorithmus verbirgt: Zum einen wird Rauschen reduziert, aber auch mit aufgenommener Nachhall und sonstige Artefakte wie etwa Knackser, Schmatzer oder das Rascheln von Kleidung. Außerdem wird die Equalizer-Kurve bearbeitet und optimiert sowie tief- und hochfrequente Anteile, die etwa durch einen Codec verloren gegangen sind, restauriert.
Der Studio-Algorithmus analysiert das Originalmaterial und versucht es dann in Richtung eines Signals zu optimieren, das in einem trockenen Studioraum mit einem Großmembran-Kondensatormikrofon aufgenommen wurde. Im besten Fall kann man hier also eine einfache Handy-Aufnahme in eine professionelle Sprachaufnahme verwandeln. Wie gut das klappt, sehen wir uns gleich im Praxisteil an.
Darüber hinaus gibt es aber noch einige weitere Algorithmen, auf die ich kurz eingehen möchte: Zum einen finden wir hier den Algorithmus Retain. Dieser repariert nur Rauschen und Artefakte, nicht aber den Nachhall. Das kann zum Beispiel sinnvoll sein, wenn man einen O-Ton vom Set hat und den natürlichen Raum, der mit aufgenommen wurde, nicht verlieren will, da die Aufnahme sonst sehr unnatürlich zum Bild klingen würde. Außerdem wird hier nur der hochfrequente Bereich restauriert, nicht aber die generelle EQ-Kurve und nicht der Low-Frequency-Bereich.
Natural und Natural 2 gehen in eine ähnliche Richtung. Hier wird zusätzlich noch der Hall reduziert und auch der Tiefenbereich bearbeitet. Zu guter Letzt haben wir noch einen sogenannten EQ-Restore-Algorithmus. Dieser repariert nur die Artefakte und bearbeitet dann den Klang der Stimme mit Equalizer sowie Low- und High-Frequency-Wiederherstellung.
Das Besondere an diesem Algorithmus ist, dass er tatsächlich nur das Nutzsignal, also die Sprache, mit dem Equalizer bearbeitet und im Material vorhandene Nebengeräusche unangetastet lässt. Auch das ist ein sehr praktischer Modus zur Bearbeitung von O-Tönen. Man stelle sich eine Aufnahme mit vielen Hintergrundgeräuschen vor, die aber unbedingt für die Bildwirkung erhalten bleiben müssen. Hier hilft der Algorithmus, eben die Sprache zu verbessern, ohne die Hintergrundgeräusche zu eliminieren, wodurch die Szene unnatürlich wirken würde.
Wie schlägt sich dxRevive Pro in der Praxis?
Ich habe dxRevive Pro in den letzten Tagen und Wochen bei der Mischung verschiedener TV-Formate genutzt. Hier gestaltet sich die Situation in letzter Zeit oft so, dass aus Spargründen beim Dreh immer weniger Personen dabei sind und meist – man muss es leider so sagen – auf einen richtigen Toningenieur am Set verzichtet wird. Stattdessen werden alle Protagonisten schnell mit Lavalier-Ansteckmikrofonen versorgt und im besten Fall noch der O-Ton irgendwie geangelt.
Im Ergebnis landen dann oft Spuren im Schnitt und bei mir in der Mischung, die man nur sehr wohlwollend als „suboptimal“ bezeichnen könnte. Ganz oft ist vor lauter Rauschen, Knacksen und sonstigen Nebengeräuschen die eigentliche Sprache kaum zu verstehen. Hier erscheint ein Plug-in wie unser heutiger Testkandidat natürlich sehr verheißungsvoll.
Bisher habe ich solche Clips einzeln in Pro Tools repariert, indem ich sie zunächst mit einem Equalizer bearbeitet habe, um fehlende Frequenzen hinzuzufügen und Störfrequenzen herauszufiltern. Danach habe ich das Ganze mit diversen Noise-Reduction- und De-Reverb-Algorithmen bearbeitet. Im Ergebnis habe ich oft drei bis vier Plug-ins pro Clip benutzt.
Durch den Einsatz von dxRevive Pro hat sich diese Bearbeitungszeit dramatisch reduziert. Das Plug-in ist wirklich fantastisch für diesen Job. Man muss nur den geeigneten Algorithmus wählen und die Stärke des Effektes einstellen.
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Ich habe tatsächlich ein paar wenige Clips gefunden, die so kaputt waren, dass auch dxRevive Pro nicht mehr helfen konnte, aber in 80-90 % der Fälle konnte ich damit gute Ergebnisse erzielen und musste wenig bis gar nichts nachbearbeiten. Sehr hilfreich ist hier auch der Multiband-Modus, mit dem man das Frequenzspektrum in drei Bereiche einteilen und diese unterschiedlich stark bearbeiten kann.
Zunächst dachte ich, ich werde immer nur die „Natural“- und „EQ Restore“-Algorithmen verwenden. In der Praxis hat sich aber gezeigt, dass auch die „Studio“-Algorithmen sehr gut für O-Ton funktionieren. Man darf sie dann einfach nicht zu stark einstellen, sondern sollte lediglich Werte zwischen 30 und 50 % wählen. Außerdem hilft es in diesem Szenario, wenn man noch weitere, unbenutzte Spuren hat, die man dann als Atmo nutzen und dezent hinzumixen kann.
Die bei meiner Arbeit fürs Fernsehen verwendeten Spuren darf ich natürlich nicht im Rahmen eines solchen Tests veröffentlichen. Deshalb habe ich versucht, für euch ein paar „schlechte“ Aufnahmen zu generieren, die ihr im Folgenden hören könnt.
Klangbeispiele dxRevive Pro
Zum einen habe ich mir selbst eine Sprachnachricht per WhatsApp geschickt – ihr könnt im Vorher-Nachher-Vergleich hören, wie viel besser das plötzlich klingt. Ich würde das jetzt nicht unbedingt als Hörbuch veröffentlichen wollen, aber es ist schon eine dramatische Verbesserung.
Danach habe ich mich mit einem Ansteckmikrofon nach draußen begeben, um einige Außenaufnahmen zu machen, unter anderem auch in einem halligen Treppenhaus und im Freien in der Nähe einer Baustelle. Das Ergebnis des Studio-Algorithmus spricht für sich. Der Nachhall und die Geräusche der Baustelle sind fast vollständig verschwunden. Nutzt man stattdessen den Modus EQ-Restore, wird lediglich der Klang meiner Stimme optimiert, während die Atmo erhalten bleibt.
Auch eine Sprachaufnahme mit einem einfachen dynamischen Mikrofon, einem Shure SM58, habe ich angefertigt und versucht, sie in eine Studioaufnahme zu verwandeln. Hier spricht das Ergebnis ebenfalls für unseren Testkandidaten. Man hört zwar, dass es nicht perfekt klingt, hat aber eine deutlich verbesserte Ausgangslage für die weitere Bearbeitung mit EQ und Kompressor.
Kann dxRevive Pro auch Musik?
Auch die Verwendung mit Musik, sprich Gesangsaufnahmen, habe ich ausprobiert und kann berichten, dass Accentize dxRevive Pro hier ebenfalls gut liefert. Für ein Akustik-Projekt, an dem ich arbeite, hatte ich neulich Gesangsspuren geschickt bekommen, die nicht ganz optimal klangen. Ich habe sehr lange versucht, diese zu optimieren: Mithilfe von De-Essern Zischlaute entfernt, habe versucht, Resonanzen rauszuziehen und fehlende Bässe anzuheben. Es klang alles suboptimal. Mit dxRevive Pro konnte ich dann mit einem einfachen Klick die Aufnahme so optimieren, dass ich mit dem Ergebnis zufrieden war.
Ist noch Luft nach oben?
Wenn ich mir für ein zukünftiges Update noch etwas wünschen dürfte, wäre es die Möglichkeit, tiefer in die Bearbeitung einzugreifen. So fände ich es spannend, die einzelnen Bestandteile des Algorithmus (Noise-Reduction, Reverb-Reduction und EQ-Restore) getrennt in der Intensität einstellen zu können. Damit wäre es möglich, genau so viel Nebengeräusche zu entfernen wie nötig, während man die Stimme komplett EQen könnte.


































Wird es noch einen Test für das MOTU 16A (2025) geben?
Das Beispiel mit der Sprachaufnahme in WhatsApp ist seltsam: Hier klingt die bearbeitete Aufnahme deutlich schlechter als das Original. Sogar Artefakte sind zu hören. Die anderen zwei Beispiele sind sehr viel besser, insbesondere das dritte Beispiel. Wurden da eventuell die zwei Audioaufnahmen vertauscht? Wenn nicht, dann können das andere Tools deutlich besser.
@Markus Galla Wenn man in die Mitte der Aufnahmen springt wird es deutlicher das die Reihenfolge stimmt ;)
@Jeanne Es geht mir nur um die WhatsApp Aufnahme. Hier ist das bearbeitete Material sehr viel schlechter als das Original. Über Kopfhörer echt gruselig. Das stimmt nicht mit der Aussage aus dem Text überein, deshalb vermute ich hier einen Fehler. Die restlichen Bearbeitungen sind gut bis sehr gut.
@Markus Galla Das habe ich verstanden ;) Die WhatsApp Aufnahme hat am Anfang extrem viele Artefakte, mit denen das Tool wohl zunächst überfordert ist.
Ich denke hier hätte ich eher zuschlagen sollen, anstatt vor etwa zwei Wochen das Plugin-Alliance SPL De-Verb plus: Ein sehr kleines GUI, optisch an Win95 erinnert und das für völlig übertriebene 20€. Ich denke die 99€ für das Accentize dxRevive sind keine falsche Wahl, wenn man solch ein Tool benötigt. – Es scheint ja gut zu funktionieren. Auch die kontrastreiche, schlichte Optik spricht für sich wie auch das Siegel Made in Gmy. Aber ich frage mich, warum gerade Restaurationstools sehr in Mode sind: Meine Theorie: Die Mics werden immer schlechter wie auch Synthesizer, Softwaresynthesizer und sonstige Verbindungen mit Rechner, Hardware oder Software. Könnte das ein Grund sein? Ich meine ja! Herzlich willkommen ihr Fehlerbehebungsrestaurationstools.
@Filterpad Ich würde eher zu iZotope RX greifen.
Die Mikrofone werden nicht schlechter, ganz im Gegenteil. Diejenigen, die sie nutzen, werden es.
was mir auffällt: bei vielen Restaurationstools klingt der Anfang mancher Worte unnatürlich abgeschnitten. Das betrifft meist Worte, die „leiser“ beginnen. Hier in den Beispielen habe ich auch manchmal das Gefühl.