Test: Alexander Pedals Radical Delay DX, Delay-Pedal

15. Dezember 2019

80s magic in a box

Alexander Pedals Radical Delay DX

 

Für viele ist Alexander Pedals die zurzeit beste Pedal-Firma überhaupt. Das hat so einige Gründe, denen wir mit unseren Tests zum Alexander Pedals Syntax Error und dem Colour Theory nachgegangen sind. Es ist mehr oder minder die Formel, die auch andere Firmen wie Meris beispielsweise anwenden: hohes kreatives Potential bei gutem Klang und Überraschungs-Potential. The gift that keeps on giving – Gitarren-Pedale, die auch nach längerer Nutzung einen noch überraschen können, sind halt was Besonderes. Alexander Pedals gehören zu dieser Kategorie. Eins der Pedale, das dafür gesorgt hat, dass Alexander Pedals diesen Stand erreichen konnten, ist zweifelsohne das Radical Delay. Ein etwas klobiges Gerät, das sein passendes Gehäuse und ein paar Updates bekommen hat und nun von uns endlich in vollem Umfang getestet wird. Es erklimmt die Bestseller-Listen des Jahres und wurde zuletzt von Reeves Gabrels als sein aktuell liebstes Delay-Pedal gekrönt. Berechtigter Hype also? Schauen wir mal genauer hin.

Alexander Pedals Radical Delay DX – Facts and Features

Das Alexander Pedals Radical Delay bringt eine ganze Riege interessanter Features mit sich, die das Vorgängermodell ebenfalls besaß. Die Idee hinter dem Radical Delay war es, eine Hommage an die 80er zu leisten, an die Ästhetik und den klaren Klangcharakter einer Ära, als Aufgeräumtheit und Klarheit im Sound das A und O waren. Entsprechend bestachen die Vorgängermodelle mit einem makellosen, kristallklaren Delay-Sound, der an die ersten digitalen Delays der 80er angelehnt ist. Das machte die Alexander Pedals für Synthesizer-Nutzer so spannend und auch Gitarristen wussten den eigensinnigen Klang durchaus zu schätzen.

Womit haben wir es also beim Alexander Pedals Radical Delay DX zu tun, der neuesten Iteration? Zum einem: mit einem Frequenzumfang von 24 Hz bis hin zu 1,6 kHz und einer maximalen Delay-Zeit von bis zu fünf Sekunden. Kann sich schon mal sehen lassen. Zwei Fußschalter sind dabei: Bypass und (Gott sei Dank) Tap-Tempo sowie ein mehrfach nutzbarer 6,3 mm Klinkenanschluss für entweder ein Expression-Pedal, einen Fußschalter oder Schaltung von MIDI. Alexander Pedals versorgt seine Nutzer regelmäßig mit Firmware Updates für sämtliche Pedale. Per MIDI lassen sich bis zu 16 Presets aufrufen, das Pedal selbst erlaubt das Speichern von vier Presets sowie das Einstellen eines Trail-Modus, der es erlaubt, die Zeit für das Ausklingen des Signals auf zwischen 0 und 10 Sekunden einzustellen. Funktionieren tut das gute Stück über ein 9 Volt DC-Netzteil, das jedoch nicht im Lieferumfang vorhanden ist. Zu verschmerzen, wie ich finde. Viele setzen ein eigenes Netzteil inzwischen im Lieferumfang voraus, ich persönlich bin der Meinung dass es kein absolutes Muss ist. Mit den Maßen von 75 x 120 x 65 mm ist das Pedal absolut Pedalboard-freundlich und wiegt nur 300 g. Es muss also nicht immer ein Schlachtschiff sein – Alexander Pedals wollten hier eine charakteristisches, unverwechselbares Delay erschaffen und keinen multifunktionalen Alleskönner.

Alexander Pedals Radical Delay DX – Panel und Modi

Trotzdem heißt das nicht, dass der Umfang des Delay-Pedals zu klein ist. Der Alexander Pedals Radical Delay DX besitzt sechs distinkte Modi, die über vier Regler auf unterschiedlichste Weise manipuliert werden können. Je nachdem welcher Modus angewählt ist, bedienen die Regler eine unterschiedliche Funktion. Die Modi, die das Radical Delay DX bedient, lauten wie folgt:

Alexander Pedals Radical Delay DX

  • Mod ist eine eigensinnige Modulations-Engine, die einen Chorus- bzw. Zeitverzögerungs-Effekt unter die Delay-Signale mischt.
  • Bend ist ein Pitchshift-Effekt. Hier kann mithilfe der Regler das gewünschte Klang-Intervall angewählt werden. -12, -7, -2, -1 bis hin zu +1, +2, +3, +4, +5, +7, +12 lauten die möglichen Intervalle. Darüber hinaus kann mit dem Alt-Regler der Pitch-Effekt vor das Delay gesetzt werden – interessant.
  • Dual ist ein typisches Dual-Delay, das es ermöglicht, rhythmische Variationen der zwei Taps in einem breites Feld  auszuprobieren.
  • Rev ein besonderes Reverse-Delay, das in Echtzeit mit Tape-Stop-Effekten arbeiten kann.
  • Arp ist wie erwartet das Arpeggiator-Delay des Pedals, dessen Geschwindigkeit mit dem Time-Regler eingestellt werden kann und das mit acht anwählbaren Skalen arbeitet.
  • Dyna ist ein dynamisches Delay, das auf die Intensität des Anschlags reagiert, indem es die durch die eingestellte Delay-Zeit gleitet. Delay-Zeit in Abhängigkeit von Anschlag-Attack – interessant!

Die Modi decken also kein typisches Feld ab, sondern sorgen dafür, dass der Alexander Pedals Radical Delay ein äußerst eigensinniges Klangfeld besitzt. Mehr Firmen sollten derartiges wagen: mehr Identität, mehr eigensinnigen Charakter in ihre Geräten unterzubringen, anstatt das nächste, tadellose und lückenlose Schlachtschiff zu basteln. Jeder der Regler besitzt eine zweite Bedienebene, um mehr Klangoptionen zu bieten. Beispielsweise kann der Repeats-Regler im zweiten Modus die Frequenz einstellen und vom klaren Delay-Sound bis zu Bitcrusher- und Glitch-Sounds alles produzieren. Tweak (bzw. Ramp) deckt die spezifischen Parameter des jeweiligen Modus ab und Mix entweder das Dry/Wet-Verhältnis des Sounds oder das Feedback der Repeats. Mit dem Expression-Pedal kann jeder einzelne Regler des Pedals noch mal on the fly eingestellt werden – in meinen Augen ein inzwischen für Delay-Pedale unverzichtbares Feature.

Entsprechend wird einem bewusst, dass für knapp über 200 Euro tatsächlich eine irre Bandbreite gegeben ist. Das machen nicht wenige Pedale und inzwischen wird auch nur selten ein Delay produziert, das als schlecht oder gar unterirdisch anzusehen ist. Will heißen: Um den Markt auf sich aufmerksam zu machen, gilt es eher, Identität zu wagen. Denn gute Delay-Pedale gibt es wie Sand am Meer. Die spannendere Frage ist also nicht: Klingt das gut? Sondern: Können die Pedale etwas Unverwechselbares produzieren? Haben sie einen eigenen Charakter? Darauf kommt es (in meinen Augen) immer mehr an. Und wir schauen uns jetzt im Praxisteil an, ob das Radical Delay DX von Alexander Pedals genau das leistet.

Alexander Pedals Radical Delay DX – in der Praxis

Alexander Pedals Radical Delay DX

Experimentell ist gar kein Ausdruck für das, was Alexander Pedals mit dem Radical Delay DX in Aussicht stellen. Ich bleibe dabei: Alexander Pedals sind nicht für jedermann. Man braucht Zeit, um dahinter zu steigen und bis sich die einzelnen Modi einem erschließen, kann ein bisschen Zeit vergehen. Die zweite Bedienebene ist nicht immer intuitiv – die Parameter auf der zweiten Ebene des Tweak-Reglers verhalten sich doch recht eigenwillig und wenn es um „gemäßigte“ Engines wie beispielsweise dem Dual-Delay geht, leisten andere Pedale einen besseren Job, um eine schnellere Orientierung zu ermöglichen. Was absolut fantastisch ist: Die DYN-Engine. Hier reagiert der Delay ganz feinfühlig auf die Anschlagsdynamik und die Lautstärke der Repeats passen sich der Spielweise an. Fühlt und spielt sich besser als beispielsweise die Anschlagsdynamik des Seymour Duncan Dark Sun, um einen spontanen Vergleich zu wagen.

Wer auf der zweiten Ebene des Repeat-Reglers mit dem Clock-Parameter spielt, kann durch das Wischen zwischen den Frequenzen ein ganz formidables Noise-Monster aus dem Alexander Pedals Radical Delay DX rausholen. Die Einstellung des Arpeggiators ist nicht ganz so einfach, wie man es gerne hätte – die Veränderung der einzelnen Steps nimmt Zeit in Anspruch bzw. das Anpassen der Arpeggiator-Modi. Doch das Beschäftigen wird belohnt und der Arp-Modus ist unendlich vielfältig einsetzbar, wie die Klangbeispiele demonstrieren. Die Klangqualität als solche ist – vor allem für diese Preisklasse – hervorragend. Es handelt sich zweifelsohne um eine Tüftler-Kiste, die in jedes experimentelle Setup gehört. Sperrig und problematisch ist zweifelsohne das Einstellen des Dual-Delay-Modus – dass das nicht irgendwie leichter geht, ist eins der Makel des Radical Delay DX.

Das Alexander Pedals Radical Delay DX auf seine 80s Ästhetik zu reduzieren, tut dem Pedal keinen Gefallen. Tatsächlich ist es ein hochmodernes, zeitgemäßes Delay-Pedal für allerhand Experimente. Die Verwendung eines Expression-Pedals potenziert die Live-Möglichkeiten noch mal zusätzlich. Man muss das Pedal respektieren und sich Zeit damit lassen, ehe man es aufs Pedalboard steckt, denn es hat einen überaus eigenwilligen Charakter und eine manchmal schwer einschätzbare Reaktivität. Wenn aber eine Sache auf das Pedal zutrifft, dann das: The gift that keeps on giving. Ich garantiere, dass jeder, der sich mit dem Pedal ein paar Stunden hinsetzt, die Möglichkeiten nicht ausschöpfen wird – das Alexander Pedals Radical Delay DX ist sehr vielseitig.

Fazit

A work of art? Zweifelsohne ein mit viel Liebe gemachtes, unverwechselbares Delay-Pedal, das für experimentelle, offene Musiker sowohl als Tüftler-Kiste als auch Live-Waffe ganz hervorragend zum Einsatz kommen kann. Das Problem ist zweifelsohne die etwas sperrige Bedienung. Man ist heutzutage nicht fremd gegenüber Second-Layer-Funktionen, aber Meris beispielsweise kriegen das besser und intuitiver hin. Trotzdem: Für den Preis und darüber hinaus eine nahezu unverschämte Vielfalt an gut klingenden Sounds. Daumen hoch!

Plus

  • ungemein vielfältig
  • Klangqualität
  • lädt zum Erforschen ein

Minus

  • sperrige Bedienung

Preis

  • 229,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Hein Bloed  

    Cooles Teil. Da stecken wohl wirklich ein paar neuartige und inspirierende Sounds in der Kiste, die aber trotzdem gut verwertbar sind.
    Als Kind der 80er gefällt mir das Design auch noch gut.

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