Perfekte Abschirmung beim Aufnehmen?
Der kalifornische Kopfhörerhersteller Audeze ist vor allem für seine High-End-Mixing- und Mastering-Kopfhörer bekannt. Unter anderem hatten wir auf AMAZONA.de schon den LCD-5 und den MM-500 zum Test. Der heutige Testkandidat ist im Gegensatz zu den oben genannten Modellen aber ein geschlossener Kopfhörer und speziell für Tracking, also für die Aufnahme, entwickelt worden. Wir wollen einmal hören, wie sich der Audeze LCD-S20 in dieser Kategorie schlägt und ob er auch zum Musikhören und Produzieren taugt.
- Klang: Extrem detailreich, ehrlich und druckvoll, mit präzisem Bass und sehr klarer Mitten- und Höhenabbildung.
- Isolation: Hervorragende Abschirmung und minimale Übersprechung, ideal für Gesangs- und Instrumentenaufnahmen.
- Praxis: Auch für Editing, Mixing und mobiles Arbeiten geeignet, trotz spürbarem Gewicht nicht primär auf Komfort getrimmt.
- Fazit: Kompromissloser High-End-Aufnahmekopfhörer mit exzellenter Verarbeitung, der seinen Preis vor allem für professionelle Anwender rechtfertigt.
Inhaltsverzeichnis
Audeze LCD-S20 in der Übersicht
Mit einem Preis von aktuell 535,- Euro ist der LCD-S20 für einen Audeze-Kopfhörer recht günstig. Die Kollegen kosten doch gerne mal niedrig- bis mittlere vierstellige Beträge. Auch optisch kommt er etwas schlichter als seine Geschwister daher und ist in nüchternem Schwarz und Silber gehalten, ohne große Design-Schnörkel – ein echtes Arbeitstier.
Die Verarbeitung ist dabei gewohnt hochwertig. Man hat das Gefühl, ein sehr wertiges Gerät in den Händen zu halten. Vor allem das Kunstleder der Ohrmuscheln fühlt sich sehr edel an.
Setzt man den LCD-S20 auf, bemerkt man als Erstes, wie stark er die Umgebung ausblendet. Es ist fast so, als würde man sich einen Gehörschutz aufsetzen. Mit ca. 550 Gramm ist der LCD-S20 mitnichten ein Leichtgewicht und sitzt relativ schwer auf dem Kopf. Zusammen mit der doch dichten Abschirmung nach außen kann man den Tragekomfort daher nicht als „super bequem“ bezeichnen. Dafür erhält man jedoch eine exzellente Abschirmung gegen Übersprechen, worauf wir später noch eingehen werden.
Um das Tragen etwas zu erleichtern, ist im Bügel ein Band integriert, das sich in drei Stufen verstellen lässt, damit das Gewicht mehr auf der Schädeldecke und weniger auf den Ohren lagert. Hier hätte ich mir gewünscht, dass das Band stufenlos verstellbar ist, aber auch so erfüllt es seinen Zweck.
Sehr positiv finde ich, dass man das mitgelieferte Kabel an beiden Seiten bzw. an jeder Ohrmuschel anschließen kann, je nachdem, welche Seite man bevorzugt, um das Kabel wegzuführen. Das ist gerade in Recording-Situationen nicht zu unterschätzen, wo Kopfhörerkabel oft nervig zwischen Künstler, Instrument und Mikrofon stören können.
Technologie des Audeze LCD-S20
Kommen wir zu den technischen Werten des Audeze LCD-S20. Wie alle Kopfhörer von Audeze ist auch dieser Kopfhörer mit Planar-Magnetic-Technologie gebaut. Das heißt, im Gegensatz zu anderen Kopfhörern, die mit Schwingungsspulen (dynamischen Treibern) arbeiten, kommt hier die sogenannte Planar Magnetic Technologie zum Einsatz. Dabei handelt es sich um eine hauchdünne Membran, die mit starken Magneten kombiniert wird, was zu einem schnelleren und präziseren Klangbild, vor allem im Bassbereich führt. Speziell im Vergleich zu typischen dynamischen Systemen, die wiederum aber wesentlich günstiger herzustellen sind, was den oft exklusiven Preis von Audeze erklärt.
Beim LCD-S20 kommt zusätzlich noch die sogenannte Slam-Technologie zum Einsatz. Slam steht dabei für Symmetric Linear Acoustic Modulator. Es handelt sich hierbei um eine zusätzliche Ebene im Signalweg unterhalb der Ohrpolster, die einen Druckausgleich ermöglicht. Das führt zu einer optimierten Basswiedergabe und ermöglicht ein druckvolleres und klareres Klangbild in diesem Frequenzbereich. Auch die räumliche Darstellung soll darüber verbessert werden.
Der Frequenzbereich reicht von 10 bis 40 kHz und somit weit über das maximal hörbare Frequenzspektrum hinaus. Die Impedanz liegt bei gerade einmal 18 Ohm, und der Kopfhörer kann Schallpegel von über 120 dB erzeugen – genau das Richtige, wenn man den LCD-S20 auch in lauten Aufnahmesituationen, Stichwort Schlagzeug, einsetzen möchte. Das mitgelieferte Kabel ist 2,5 m lang und, wie schon erwähnt, beidseitig anschließbar.
Hörtest des Audeze LCD-S20
Bevor wir den LCD-S20 mit auf eine Aufnahmesession ins Tonstudio nehmen, wollen wir erst einmal klären, wie er denn klingt. Er ist zwar nicht primär dafür entwickelt worden, als HiFi-Abspielgerät zu dienen, aber seine geschlossene Bauweise ist in manchen Situationen doch ein Vorteil gegenüber seinen offenen Kollegen. Wer zum Beispiel zu Hause, im Beisein der Familie oder auf Reisen, etwa im Zug, ungestört hochwertigen Musikgenuss genießen möchte, kommt um einen geschlossenen Kopfhörer nicht herum.
Beim Hören durch meine Musikbibliothek schlägt sich der LCD-S20 ganz hervorragend. Durch die oben erwähnte Planar-Bauweise und auch in Kombination mit der Slam-Technologie liefert er ein extrem detailliertes und hochwertiges Klangbild. Er ist dabei kein Schönfärber, sondern überträgt ehrlich und direkt, was man ihm anbietet. Bei guten Mixen und hochwertigen Produktionen heißt das: Die Bässe kommen klar, straff und äußerst druckvoll daher, während die Mitten super aufgeräumt sind und die Höhen genau die richtige Dosis und Mischung aus Air und Presence besitzen.
Wie bereits erwähnt, ist das Tragegefühl zwar nicht super bequem, aber man gewöhnt sich daran und hat eben den Vorteil, dass man Umgebungsgeräusche kaum mitbekommt und sich nicht gestört fühlt.
Andersherum stört man wiederum auch andere Menschen nicht mit seiner Musik. Erwähnenswert ist noch, wie detailliert selbst winzigste Nuancen aus Mixen perfekt hervortreten. So habe ich wieder einmal in einigen meiner Lieblingsproduktionen Details entdeckt, die mir vorher nicht aufgefallen waren. Auch Fehler in Produktionen, wie zum Beispiel vergessene Schnitte oder zu laute Atem- oder Knackgeräusche, lassen sich mit dem Audeze LCD-S20 zielsicher aufspüren. Somit scheint er auch ein guter Kandidat für das Editing von Gesangsspuren zu sein.
Wie schlägt sich der LCD-S20 in der Tonstudiopraxis?
Zunächst einmal habe ich den Audeze LCD-S20 für eine Disziplin eingesetzt, für die er gar nicht primär gedacht ist: das Mixen und Mastern von Musikproduktionen. Hier habe ich ihn nach den oben genannten Hörerfahrungen vor allem dazu genutzt, noch einmal ganz kritisch in Produktionen hineinzuhören, ob sich noch irgendwelche Fehler oder Ungereimtheiten verstecken. Das klappt, wie oben schon beim Hörtest erwähnt, sehr gut.
In Kombination mit meiner Hauptabhöre und meinen mir gut bekannten Ollo Audio X1-Kopfhörern habe ich ihn dann auch bei Mischungen eingesetzt und war von dem Ergebnis positiv überrascht. Wer also einen Universalkopfhörer für Mixing und Aufnahmen benötigt, sollte sich den Audeze LCD-S20 genauer anschauen. Gerade wer viel unterwegs ist und auch mal in öffentlichen Räumen (Zug, Wartebereich) arbeiten muss, wird das zu schätzen wissen.
Kommen wir nun zur eigentlichen Kernaufgabe unseres Testkandidaten. Wer öfter Instrumente oder Sprecher aufnimmt, kennt das leidige Thema Übersprechen: Der Künstler möchte das Playback oft lauter hören, um gut performen zu können, mit dem Ergebnis, dass das Playback über die Kopfhörer in die Mikrofone streut. Schon hat man ein herrliches Übersprechen.
Hier kann unser Testkandidat jetzt seine volle Stärke ausspielen. Eine solch geringe Kopfhörerübersprechung wie beim Audeze LCD-S20 habe ich vorher noch nie erlebt. Man kann also dem Aufzunehmenden gerne ein paar Dezibel mehr auf die Ohren geben, ohne dass man direkt das halbe Playback auf der Gesangsspur mit aufzeichnet. Das ist natürlich in der Postproduktion Gold wert.
Dazu kommt noch ein weiterer Aspekt: Der LCD-S20 klingt einfach sensationell im Vergleich zu allen anderen geschlossenen Aufnahmekopfhörern, die man sonst so benutzt. In meinem Fall zum Beispiel ein DT770 Pro von Beyerdynamic. Dieser ist relativ bassstark, schirmt nicht so gut ab und bietet nicht die gleiche Detailwiedergabe wie der Audeze LCD-S20.
Nun sind über 500,- Euro natürlich aber viel Geld für einen Kopfhörer, den man vielleicht nur gelegentlich für Aufnahmen verwendet. Diesem Argument möchte ich aber eine weitere Tatsache gegenüberstellen, die mir immer klarer wird, je länger ich in diesem Beruf arbeite: Der Klang eines Kopfhörermixes wird oft vernachlässigt. Ganz oft habe ich schon erlebt, dass Sänger mit viel zu leisem oder viel zu lautem Playback aufnehmen mussten, sich selbst nicht gut gehört haben. Darunter leidet dann die Performance und man verbringt notgedrungen mehr Zeit mit der Nachbearbeitung.
Ich kann jedem Toningenieur nur raten, dieses Thema nicht stiefmütterlich zu behandeln, sondern einen möglichst guten Kopfhörermix zu erstellen. Denn je besser dieser Mix ist, desto besser wird auch die Performance des Musikers sein. Und wenn man viel in diesem Bereich tätig ist und das Ganze auf die Spitze treiben will, dann könnte eben ein Audeze-Kopfhörer wie unser heutiger Testkandidat das i-Tüpfelchen auf einer solchen Signalkette sein. Als Dank erhält man im besten Fall eine bessere Performance mit weniger Versuchen und spart sich so viel Zeit für zum Beispiel Intonationskorrekturen oder das Herauseditieren von Übersprechungen.




































Schöner Test, Moritz. Ich kann deiner Argumentation gut folgen, dass ein gutes Playback Sänger unterstützen kann und damit die Arbeit danach reduziert wird. Jedoch denke ich, dass es in erster Linie eine Pegelfrage ist, wie du ja auch schon angedeutet hast. Ob jetzt der Bass trocken genug und die Höhen angenehm genug sind, spielt in dieser Situation meiner Meinung nach eine nicht allzu große Rolle. Wäre der Kopfhörer nur für die Recordingsituation einzusetzen, würde ich mir zwei Drittel des Preises sparen.
Allerdings sagst du, dass er zum Mixen auch gut geeignet ist. Da sehen dann die Präferenzen ganz anders aus. Ich kann da natürlich nur für mich sprechen, aber das Gewicht ist für mich nebensächlich. Viel wichtiger ist zum Beispiel das Material der Ohrpolster. Das hier könnte Kunstleder sein, das wäre nicht so gut. Trotz der höheren Schmutzempfindlichkeit finde ich textile Polster angenehmer, wechselbare/waschbare ideal.
Der zweite Punkt: wie ist das thermische Empfinden beim aufgesetzten Kopfhörer. Kochen mir die Ohren nach einer Stunde?.
Eine Kopfhörer Buchse an der linken und rechten Ohrmuschel würde auch für mich einen glatten Zusatzpunkt bedeuten
@Tai ich hab mal den Audeze Maxwell für Xbox getestet und fand den Tragekomfort und Sound recht angenehm.
@Heiner Kruse (TGM) 👍
wo sind die Zeiten hin als Premium Studio Kopfhörer nur 200-300 Mack gekostet haben?
@chalaco Inflation leider 😕