Klänge aus einer anderen Dimension
Audio Damage Quanta 2 ist Granularsynthesizer mit den Eigenschaften und der Bedienung eines subtraktiven Synthesizers. Er ist eine grundlegend überarbeitete Version des Vorgängers. Und damit gleich zur einer Vorwarnung: Wenn sich ein Hersteller bzw. Synthesizer schon explizit auf Iannis Xenakis bzieht, einen der ersten Komponisten im 20 Jahrhundert, der mathematische, stochastische und spieltheoretische (Kommunikationstheorie) Modelle zur Erstellung von „Musik“ (im Verständnis der akademischen Gegenwartsmusik) benutzte, dann darf man nicht davon ausgehen, hier mit lieblichen Melodien punkten zu können. Xenakis ist ja der Erfinder der Granularsynthese und damit wird das, was weitläufig als „Experiment“ gehandelt wird, hier zum Programm.
Inhaltsverzeichnis
Inbetriebnahme
Audio Damage Quanta 2 ist im iOS-App-Store zum Preis von 9,99 Euro fürs das iPad (getestet) erhältlich und auch für Apple Vision.
Die VST3-, AU-, AAX-, LV2- und CLAP-Version für Desktops (Linux, macOS, Windows) gibt es für $129 direkt von der Audio Damage Homepage. Der einzige andere Ort, an dem Audio Damage Plug-ins erworben werden können, ist der Online-Shop „Plugin Boutique“, einer Division von Beatport. Zur Autorisierung wird lediglich die Seriennummer benötigt.
Allerdings sollte man die Bestätigungs-E-Mail aus dem Audio Damage-Shop gut aufheben, denn sie enthält auch den Download-Link der gekauften Software. Geht sie verloren, muss man sich erst wieder an den Support werden, bevor man die Software erneut herunterladen kann. Ebenso werden sämtliche Updates/Upgrades nur per E-Mail kommuniziert.
Granularsynthese
Die durch Iannis Xenakis erfundene, zuerst mit Tonbandschnitten umgesetzte, später dann digital durchgeführte Granularsynthese, bezeichnet grob beschrieben die Zerlegung eines Klanges in kleinste zeitliche Abschnitte, die Grain (Korn) genannt werden. Diese Grains sind üblicherweise größer als ein digitales Sample und enthalten relevante Charakteristika des Klangs. Durch Wiederholung und Überlagerung der Grains kann so ein Klang gestreckt werden, ohne die Tonhöhe zu verändern, fließende Übergänge zwischen verschiedenen Klängen geschaffen oder Harmonien aus unharmonischen Klängen erzeugt bzw. umgekehrt werden, außerdem One-Shot-Material loopbar gemacht.
Potentiell unendliche Klangformung – mit der Betonung auf „potentiell“.
Einen schönen Artikel zur Granularsynthese findest du hier. Anmerkung der Redaktion: Im Deutschlandfunk gibt es zudem einen sehr hörenswerten Beitrag von Prof. Dr. Michael Stegemann zum 100. Geburtstag von Iannis Xenakis, den ich unseren Lesern sehr ans Herz legen möchte.
Das ist neu in Audio Damage Quanta 2
Audio Damage hat sich für dieses Update ziemlich ins Zeug gelegt. Da wäre zuerst einmal die überholte Bedienoberfläche inklusive stufenloser Vektorskalierbarkeit für die Desktop-Version. Für AUv3 auf iOS ist das ja seit Anbeginn quasi Pflicht.
Die umständliche Modulationsmatrix mit endlosen Modulationslisten wurde durch ein parameterbasiertes Modulations-Interface ersetzt. Durch einfaches Doppeltippen (Desktop: Sekundärklick) wird ein Fenster mit den möglichen Modulationsquellen geöffnet. Außerdem haben die Parameter nun animierte Modulationsanzeigen.
Geladene Samples werden auf eine Grundnote hin analysiert, die aber auch im Nachhinein manuell angepasst werden kann. Zur Veredelung kommen Delay-, Chorus- und Reverb-Effekte aus dem Katalog von Audio Damage dazu, ebenso neue LFO-Eigenschaften wie Lautstärkekontrolle, eine bipolare Ausgangsstufe und Hard-Sync zwischen FLFO 1 und 2. Die neue Hüllkurve bietet Parameter für zeit- und lautstärkeabhängige Skalierung, die das Einstellen der Hüllkurve erleichtern.
Dann sind noch die vier MIDI-Makroregler zu nennen, denen MIDI-CC zugewiesen werden können, um sie mit einem MIDI-Controller zu manipulieren. MPE gibt es nun auch. Auf der Bildschirm-Klaviatur bietet z. B die vertikale Position des Fingers zusätzliche expressive Spielweisen.
In der Kopfzeile finden wir nun den Preset-Browser und globale Parameter wie Unison-Modus, Stimmenanzahl (max. 15), und Ausgangslautstärke. Das Durchsuchen der Presets macht das erheblich geschmeidiger.
Ebenso willkommen ist auch die Abwärtskompatibilität. Quanta 2 ist für den Host zwar ein neues Plug-in und damit leider nicht Projekt-kompatibel, da z. B. Automationsinformationen verloren gehen, aber die Presets von Quanta 1 lassen sich problemlos laden.
Waveform-Seite
Hier begrüßen uns erst einmal zwei ganz normale virtuell-analoge Oszillatoren, deren Schwingungsform einfach per „Ziehen“ von Sinus bis zu Rechteck umgeformt werden kann. Danach folgt der Granular-Oszillator. Hier kann eine Sample-Datei in WAV, AIFF, MP3, OGG und FLAC geladen werden. Im Granular-Oszillator wird mit dem Regler GRAINS die Anzahl der erzeugten Grains pro Sekunde eingestellt (max. 100/s) und mit LENGTH deren Länge (1 ms bis 1000 ms). Diese beiden Parameter sind das Herz der Klangerzeugung von Quanta 2.
Die Hüllkurve hier dient zur Lautstärkekontrolle jedes einzelnen Grains und kann rechtecktige (AN/AUS), trapezoide oder diverse Kurvenverläufe annehmen. Diese Verläufe bestimmen, wie sehr die Grains ineinander überblenden. Es gibt sogar eine Einstellunge für die Abspielrichtung der Grains. Der Startpunkt des Samples wird mit dem Parameter POSITION festgelegt.
Ein kleine Besonderheit ist noch der TUNE-Parameter in der GRANULAR-OSC-Section. Hier können über ein Pop-up-Fenster die Noten festgelegt werden, zu denen die Grains-Tonhöhe quantisiert wird.
Auf Waveform-Seite finden sich auch noch die Unterseiten für die beiden Filter und die Effektsektion. Alle Parameter lassen sich komfortabel über „ziehen“ anpassen. Obwohl es die Audio Damage Plug-ins auch für Desktops gibt, scheinen hier immer die iOS-Versionen der Ursprung des Designs zu sein, nicht umgekehrt, was sehr schön ist. Ich denke, Audio Damage gehört hier zu den Fortschrittlichsten, was das Touch-Interface-Design angeht.
Flexible Hüllkurven
Hier findet man wieder eine richtig gute Implementation, wenn nicht gar Innovation: den FEG oder Flexible Envelope Generator, von dem es dann auch gleich noch vier gibt. Multi-Breakpoint-Bezier-Hüllkurven sind zwar weder neu noch einzigartig, aber jedesmal, wenn ich eine sehe, hüpft mein Herz. ADSR ist langweilig.
Durch Antippen können nahezu beliebig viele Hüllkurvenpunkte hinzugefügt werden und durch Ziehen kann der Abschnitt zwischen zwei Punkten beliebige Formen annehmen. Dazu kommen noch Laufrichtungen, Synchronisation, Reset und besagte Zeit- und Amplitudenskalierung.
Flexible LFOs
Das Besondere an den FLFO ist, dass sie durch die Parameter SHAPE und WARP (ähnlich der Q-Güte bei parametrischen EQs) fließend zwischen allen Grundschwingungsformen überblendet werden können. Dazu kommt noch SKEW, was eine Streckung/Stauchung der Schwingungsform zur einen oder anderen Seite hin erzeugt. Die Sample & Hold-Funktion wird über die FLFOs und FEG gesteuert. Abschließend gibt es die MIDI SOURCES, die eine Modulation der Makros erlauben.
Und ganz zum Schluss kommen die Settings mit MPE, Aftertouch-Glättung und Global-Tuning, das über MTS-ESP-Dateien gefüttert wird. Das MTS-ESP Session Wide Tuning System wurde von ODDSound erfunden und wird auch von einer Reihe von anderen Software-Herstellern unterstützt, darunter Arturia, Modartt, U-He. TAL und Xfer. Der Standard ermöglicht es, dass alle Softwares in einer DAW gleichgestimmt wird und gleich bleibt.
Die Audiobeispiele wurden auf -6dB FS normalisiert.











































Gutes Design. Halte den Kaufimpuls trotz fairem Preis aber erstmal zurück, denn Granulare sind in meiner Musik nicht unbedingt nötig. Und das Spektrum decken die eine oder andere App schon ab.
Cool, endlich nach vielen Jahren bekommt Quanta hier seinen Auftritt.
Klanglich kann diese Granular Synth deutlich mehr. Hier sind Beispiele von YouTube.
https://www.youtube.com/watch?v=T__Hp_fkVtw
https://www.youtube.com/watch?v=Zn2HxyBwA5k
https://www.youtube.com/watch?v=tfnfKXWGqF8
@Markus Schroeder: Vielen Dank für den Testbericht. Sie können gerne mehr in dieser Richtung liefern. Da gibt es einiges auf dem Markt. Ich liebe diese Klangästhetik.
@Round Robin Hallo Round Robin,
gerne!
Ja, mit Quanta 2 haben AD die App wahrlich nach vorne gebracht!
ich würde gerne mehr liefern, aber leider stehen mir nicht so viele iOS-Veröffentlichungs-Slots zur Verfügung. Das obliegt Chefredakteur Markus Galla. Bitte bei ihm klingeln ;-)
sehr zu empfehlen – auch derzeit im Angebot – Bram Bos Fluss
Grüße M.
PS: keine Notwendigkeit für ein „Sie“ :D
Guter Test…
Warum sind die iOS Version soviel preiswerter?
Ich habe auf iPad 2 und 3 viele Megasynths und Keys installiert. Da lohnt sich ja eine neues refurbished iPad wegen der vielen genialen Synth Apps…
@Wenno Hallo Wenno,
der Preisunterschied kommt wohl daher, dass im iOS-App-Store generell ein niedriges Preisniveau eingebürgert hat und auch aufgrund des „geschlossenen Eco-Systems“.
Auf den Desktops werden halt traditionsgemäß andere Preise akzeptiert. Wobei hier, bis aus wenigen Ausnahmen, die Preise im Durchschnitt auch schon auf 50 Euro gesunken sind.
Wenn ich heutzutage privat mehr für ein Desktop-Plugin ausgebe, muss es schon hervorragend sein.
Grüße,
M.