Test: BC Rich Rich B Legacy Double Neck, E-Gitarre

24. November 2020

Doppelt hält besser!

Die Gelegenheiten, wo sich während des Auspackens eines Instruments ein breites Schmunzeln auf meinem Gesicht ausbreitet, sind rar geworden. Der überwiegende Teil aller Testinstrumente bietet sehr gute Qualität zu teilweise extrem günstigen Preisen, lässt aber zuweilen den berühmten Showaspekt, das „Kasperletheater“, welches den Gitarrenbereich so unterhaltsam macht, außer Acht. Umso schöner, wenn ein Instrument wie die zum Test vorliegende BC Rich Rich B Legacy Double Neck mit ihrer 6-String/12-String Konstruktion nahezu gleich alle Attribute, welche zu einem ordentlichen „Kasperletheater“ gehören, dem Tester geradezu daumendick aufs Brot schmiert ;-)

BC Rich Rich B Legacy Double Neck Test

BC Rich Rich B Legacy Double Neck

Die Konstruktion der BC Rich Rich B Legacy Double Neck

Nur wenige Gitarrenhersteller sind so sehr auf den Hard’n’Heavy Bereich fokussiert wie die von Bernardo Chavez Rico im Jahr 1969 gegründete Firma B.C.Rich. Genau genommen kann man den Begriff „Hard“ auch noch aus dem stilistischen Repertoire streichen, da die zum Teil extrem ausgefallenen Gitarrenformen nahezu ausschließlich im Metal zu finden sind. Auch wenn das Resonanzverhalten insbesondere der höherwertigen Gitarrenlinien des Herstellers tonal durchaus das gesamte Spektrum der Gitarrenmusik abdecken könnte, eine echte BC Rich Form außerhalb des Knüppelns, Shredderns und Prügelns zu verwenden, würde galant formuliert die ungeteilte Aufmerksamkeit der Kollegen und des Publikums nach sich ziehen.

Abgesehen von der für BC Rich Verhältnisse moderaten Korpusform lässt sich das gesamte Erscheinungsbild des Instruments einfach nur als monströs bezeichnen. Das Platzieren des Instruments in einem regulären Gitarrenständer? Völlig unmöglich, daher gibt es auch einen hochwertigen Koffer mit an die Hand! Dass eine Doubleneck an sich schon das reguläre Erscheinungsbild sprengt, liegt auf der Hand, was BC Rich allerdings an schaltungstechnischen Extravaganzen zusätzlich auflegt, findet seinen Ursprung in der Soundästhetik der Achtziger. Seinerzeit war es durchaus gängig, so ziemlich alles an klanglichen Variationen herauszuholen, was passive Pickups seinerzeit anboten und bei dem vorliegenden Instrument zu einer Ansammlung von insgesamt 13! Reglern, Schaltern und Miniswitches führt. Später mehr dazu.

BC Rich Rich B Legacy Double Neck Test

BC Rich Rich B Legacy Double Neck – im Ständer

Auch wenn die BC Rich Rich B Legacy Double Neck in zwei verschiedenen Lackierungen (Trans Red/White) erhältlich ist, die vorliegende transparente Cherry Lackierung wird wohl die stärkste Assoziation zum Urvater aller Doublenecks, der Gibson SG Doubleneck schüren, war selbige doch das Jimmy Page Vorzeigemodell für die Live-Versionen von „Stairway To Heaven“. Der Fairness halber sollte aber auch erwähnt werden, dass Don Felder ebenfalls eine weiße Version für die Live-Darbietungen von „Hotel California“ benutzte, vom Hit-Potential wohl ein ebenbürtiger Konkurrent.

Von der Konzeption her hingegen liegen Welten zwischen den Instrumenten, angefangen bei der Halskonstruktion. Obwohl ebenfalls in Mahagoni gehalten, besitzt die BC Rich bei beiden Hälsen die schwingungstechnisch günstigere Neck-Through Variante, wobei die Hälse nicht parallel, sondern in einem spitzen Winkel Richtung Korpus liegen. Eine extravagante, wenngleich sehr sinnvolle Lösung wurde bei dem 12-saitigen Hals in Sachen Stimmmechaniken umgesetzt. Was auf den ersten Blick wie ein optischer Gimmick wirken mag, hat in Wirklichkeit einen handfesten Grund. Die Rede von der Platzierung der Oktavmechaniken hinter der bei den Hälsen verbauten, einteiligen Brückenkonstruktion und den damit verbundenen 6 Bohrlöchern in der Kopfplatte des Halses.

Zum einen lassen sich die Saiten deutlich entspannter stimmen, da die Tuner nicht so nah am Headstock zusammen sitzen. Zum anderen jedoch, bleibt der BC Rich Rich B Legacy Double Neck die Kopflastigkeit des Gibson Modells erspart, welches aufgrund der 18 Tuner und der riesigen Kopfplatte am 12-saitigen Hals ständig in der Hand des Musikers nach unten drückt. Ein sehr gelungenes Detail.

BC Rich Rich B Legacy Double Neck Test

BC Rich Rich B Legacy Double Neck – Oktavtuner

Die Hardware

Im Bereich Hardware wechseln sich Licht und Schatten ab. Ein Extra Lob geht an die verbauten Super Rotomatic Tuner von Grover, welche zum einen sehr leichtgängig über den synthetischen Knochensattel gleiten und mit ihrer „Stäbchenoptik“ auch optisch einiges hermachen. Auch die BCR Quad Brücke ist im Prinzip eine Vorzeigemodell in Sache Masse und Mechanik, wenn, ja wenn da nicht dieses Schnarren auf einer der hohen E-Saite des 12-saitigen Halses wäre.

Was ist passiert? Nun, nach längerem Suchen konnte ich das Problem im Anpressdruck der Saite auf den Reiter finden. Der Winkel vom Reiter zur Aufhängung des Ball-Ends an der Brücke ist so flach, dass der daraus resultierende Anpressdruck die Saite nicht genügend in die Kerbe drückt und sie somit in der Kerbe anschlägt und schnarrt. Obwohl die danebenliegende H-Saite den gleichen Winkel hat, reicht bereits der minimal größere Saitendurchmesser aus, das Schnarren zu vermeiden. Es geht also tatsächlich um Bruchteile eines Millimeters.

Man könnte das Schnarren verhindern, indem man den Reiter etwas höher stellt, was aber zu Lasten der Saitenlage führt oder aber man befestigt ein winziges Stück Holz/Metall am oberen Ende der Ball-Ends Bohrung, um die Saite etwas steiler im Winkel nach hinten abfallen zu lassen. Alles in allem ein behebbares Problem, aber ehrlich gesagt, eine 2 mm tiefer angesetzte Bohrung würde das Problem erst gar nicht aufkommen lassen.

BC Rich Rich B Legacy Double Neck Test

BC Rich Rich B Legacy Double Neck – Cutaway

Die Schaltungsoptionen der BC Rich Rich B Legacy Double Neck

Um es auf den Punkt zu bringen, mehr Klangvielfalt geht kaum! Ob die extrem vielfältige Klangausbeute sich in der Praxis behaupten kann, steht auf einem anderen Blatt, aber beeindruckend ist der schaltungstechnische Aufwand allemal. Fangen wir doch zunächst einmal mit den drei großen Dreiwege-Schaltern klassischer Bauart an. Neben den typischen Pickup-Schaltung Neck-Both-Bridge (2x), ermöglicht der dritte Schalter die Halsanwahl. Es scheint tatsächlich keine ordentlichen 2-Wege-Schalter für diesen Bereich zu geben, denn der verbaute 3-Wege Schalter ist wie auch bei allen anderen Doublenecks dieser Bauart mit seiner Schaltung „Beide Hälse“ völlig kontraproduktiv, da der zwangsweise aufschwingende zweite Hals einem tonal die komplette Performance zerschießt. Von daher immer ganz rauf oder ganz runter mit dem Schalter.

Weiter geht mit sechs Drehreglern, wobei drei Regler (Volume, Tone, Tone) dem sechssaitigen Hals und drei Regler (Volume, Tone, Tone) dem zwölfsaitigen Hals zugeordnet sind. Richtig los geht es dann mit 3 Miniswitches die von Seymour Duncan designten HB-103 Pickups sowohl in der Phase drehen lassen als auch per Spulenanzapfung ein einspuliges Klangverhalten ermöglichen. Als Krönung gibt es noch eine 5-fache Filterschaltung mittels Drehregler, ähnlich wie sie bei den Top-Modellen der frühen ES-Serie von Gibson verwendet wurden.

Ich empfehle jedem Gitarristen eine Stunde früher als die Kollegen zur Bandprobe zu erscheinen und sich mit den ganzen Möglichkeiten vertraut zu machen oder aber ihr lauft Gefahr, euch den qualifizierten Kommentaren im Stil von „klingt eh alles gleich“ auszusetzen. P.S. Die ganze Klangvielfalt lässt sich nur im cleanen oder ganz, ganz marginalen Crunch herausarbeiten. Wer hier mit High-Gain drüberbügelt, kann sich nahezu sämtliche Schalter schenken.

BC Rich Rich B Legacy Double Neck Test

BC Rich Rich B Legacy Double Neck – Schaltung

In der Praxis

Wer sich mit Doublenecks auskennt, wird den Effekt beim ersten Kontakt kennen. Im direkten Vergleich zu meinen persönlichen Doublenecks liegt die BC Rich Rich B Legacy Double Neck gewichtstechnisch noch moderat in der Mitte, was aber nicht über die Tatsache hinwegtäuscht, dass man sich faktisch zwei Gitarren auf einmal umhängt. Wer sich mit der Situation vertrautmachen möchte, kann sich gerne einmal zwei reguläre Gitarren auf einmal umhängen und dann seine favorisierten Moves auf der Bühne ausprobieren.

Die zweite Herausforderung liegt in dem sauberen Aufziehen der Oktavsaiten des oberen Halses, insbesondere des akkuraten Abschneidens selbiger. Stehen zum Beispiel die abgeschnittenen Enden der E- und A-Saite noch etwas über, bekommt man während der Performance auf dem oberen Hals gerne einmal den rechten Unterarm latent perforiert, respektive zerkratzt, nur etwas für die echten Masochisten unter euch.

Vor dem Einsatz hat man nun die große Freude, 18 Saiten in das richtige Stimmungsverhältnis zu bringen. Insbesondere auf dem 12-saitigen Hals kann dies zu einer zeitraubenden Aktion ausarten, da man aufgrund der gemeinsamen Reiter für jeweils ein Saitenpaar nicht um eine gewissen Grad der Oktavunreinheit umhin kommt. Eine gute „wohltemperierte Stimmung“ ist angesagt. Stimmt man die Gitarre nun so perfekt wie möglich, hat dieser schimmernde Sound durchaus seinen Reiz, aber Gnade dir Gott, wenn auch nur eine Saite aus der Reihe tanzt.

Kommen wir zunächst zum Trockendock, sprich das Spiel ohne angeschlossenen Verstärker. Wer bis jetzt ein eher skeptisches Gesicht gemacht hat, wird nun eines Besseren belehrt. Mit einem Mal ist es da, ein Sustain, welches seinesgleichen sucht. Natürlich war bei der verwendeten Halskonstruktion ein hervorragendes Schwingungsverhalten von mir erwartet worden, was der übergroße Korpus allerdings noch mal mit seiner Masse in die Waagschale wirft, ist atemberaubend. Das Schwingungsverhalten des Instruments ist überwältigend und entschädigt für alles, was man zunächst an Haptik vor den Latz geknallt bekommen hat. Schier endlose Töne ohne jegliche Deadnotes und das bei einer Holzkonstruktion, wirklich beeindruckend.

Klanglich bietet die BC Rich Rich B Legacy Double Neck alles, was man von einer Gitarre dieser Baureihe erwartet. Das Resonanzverhalten ist hervorragend, die Pickups angemessen, die Bespielbarkeit gut. Ein klarer Anwärter für eine „Sehr Gut“-Bewertung, wäre dort nicht die fehlerhafte E-Saiten Aufhängung bei der 12-saitigen Brücke, was für mich einen Punkt Abzug bedeutet.

Die Soundfiles stammen von einem ENGL Savage II, einer Marshall 412 mit Celestion G75-T und 2 Shure SM 57.

BC Rich Rich B Legacy Double Neck Test

BC Rich Rich B Legacy Double Neck – im Einsatz

Fazit

Mit der BC Rich Rich B Legacy Double Neck haben die amerikanischen Meister der optischen Provokation ordentlich zugeschlagen. Die klassische 6/12-Halskombination ermöglicht eine extrem große Auswahl an Sounds und bietet weit mehr als nur die Möglichkeit der Live-Darbietung von „Stairway To Heaven“ und „Hotel California“.

Wer die Kombination einer schimmernden, cleanen 12-Saitigen und einer klassischen 6-String Rock’n’Roll Gitarre innerhalb eines Songs benötigt oder einfach nur einmal optisch richtig vom Leder ziehen möchte, sollte sich die Gitarre unbedingt einmal ansehen.

P.S. Fitnessstudio Abo nicht vergessen ;-)

Plus

  • Sustain
  • Klangvielfalt
  • Schwingungsverhalten
  • Tuner
  • Pickups

Minus

  • schnarrende hohe E-Saite am 12-saitigen Hals

Preis

  • 1.769,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    MatthiasH  

    Die Wichtigkeit der „Beide Hälse“-Stellung wird sich vermutlich erst im Rahmen des nächsten virulenten „N Musiker spielen gemeinsam dieselbe Klampfe“-Videos manifestieren. Aber auch dieses Subgenre ist ja schließlich aus dem zeitgenössischen Kasperletheater-Business kaum mehr wegzudenken :-D

  2. Profilbild
    Django07  

    Noch mehr „Schredder-Axt“ geht natürlich nicht! Was die Unfallgefahr angeht: Würden denn unten Locking Tuner passen/helfen?
    Leider habe ich erst einmal in meinem Leben eine Doppelgitarre live im Einsatz gesehen: Das war auf einem Stadtfest und der Leadgitarrist hatte zwei Steinberger mit Gaffa zusammengeklebt. Wahrscheinlich war das aber als Scherz gemeint…

    • Profilbild
      Axel Ritt  RED

      Locking Tuner würden am Konzept leider nichts ändern.

      Die vorhandenen Tuner sind ja sehr gut, nur der überstehende Saitenanteil muss sehr kurz abgeschnitten werden, dann passt alles.

      Doublenecks sind stark aus der Mode gekommen, da ihre haptische Gewalt vielen Musikern zu viel Aufwand bedeutet und ihr Einsatzbereich stark reduziert ist. Dennoch liebe ich diese Monster, sie versprühen stets den Hauch von Nostalgie, als die Musikerwelt mit guten Gagen, vollen Häusern, fähigen Instrumentalisten und handwerklichem Können noch in Ordnung war …

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