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Test: Blackstar Silverline Deluxe Head, Gitarrenverstärker

22. August 2021

Preis-Wahnsinn - Blackstar Amphead für unter 500,-

Test: Blackstar Silverline Deluxe Head, Gitarrenverstärker

Groß, empfindlich und vor allem schwer präsentieren sich seit nunmehr knapp 6 Dekaden nahezu alle Vollröhrenverstärker dieser Welt, nicht ohne zu vergessen, dass sie das i-Tüpfelchen auf dem Schall gewordenen Phallus-Symbol eines jeden Fullstack darstellten und stellen. Allerdings, wie allgemein hin bekannt, die Zeiten ändern sich und kaum ein Gitarrist ist heute noch bereit, aus klanglichen Gründen einen entsprechenden Head, womöglich noch aus Transportgründen im Flightcase verpackt, zum nächsten Clubgig zu wuchten, um sich dann sowohl von den Kollegen als auch vom FOH zum wiederholten Male anzuhören, dass er wieder einmal viel zu laut auf der Bühne sei. Wer dennoch gerne die nach wie vor ultimative Optik des Rock ’n’ Roll auf der Bühne wissen möchte, jedoch ohne das entsprechende Gewicht zu stemmen, gehört definitiv zur Zielgruppe des Blackstar Silverline Deluxe Head, der sich klanglich anschickt, Bekanntes möglichst gut zu emulieren und Modernes zu präsentieren.

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Die Konstruktion des Blackstar Silverline Deluxe Head

Der Blackstar Silverline Deluxe Head wird teilweise als einkanaliger Hybridverstärker angepriesen, was gleich in mehrerer Hinsicht irreführend ist. Zum einen, da bei der Kombination aus digitaler Vorstufe und analoger Endstufe eine oft im Hybridbereich benutze Röhre im Signalweg vergebens sucht und der sogenannte Einkanaler zum anderen über bis zu 128 Speicherplätze verfügt, die über den optional zu erwerbenden FS-10 Fußschalter oder eine MIDI-Leiste verwaltet werden können. Das Gewicht von knapp 23 kg basiert erwartungsgemäß primär auf der Holzkonstruktion des Gehäuses, die intern verbaute Transistortechnik zeichnet im Gegensatz zu den gewichtstreibenden Bauteilen der Vollröhrenverstärker insbesondere in Form der Eingangs-, Ausgangs- und Netztrafos nur für ein minimales Gewicht verantwortlich und könnte sich problemlos in einem Bruchteil der Gehäuseabmessungen unterbringen lassen.

Optisch präsentiert sich der in China gebaute Blackstar Silverline Deluxe Head in einer Vintage-like angehauchten Optik aus Grau und Silber, der ein wenig in Richtung der aktuellen Sound City Amps geht. Es entbehrt nicht eines gewissen Charmes, Optik und Technik so diametral wie möglich auszulegen. Von den Abmessungen her gibt sich der Head etwas kleiner als das klassische Marshall Brikett und bewegt sich im Range der Rectifier Heads. Von der Verarbeitung her gibt es keine Kritikpunkte, wenngleich Regler und Druckknöpfe einen Hauch von Spiel und Indirektheit aufweisen, die das klassisch „Massige“ eines Vollröhrenheads vermissen lassen, wobei dies der Zielgruppe wohl ziemlich „Latte“ sein dürfte. Der Head bringt eine Leistung von 100 Watt an 4 Ohm, die wie bei allen Transistorverstärkern mit zunehmender Ohmzahl abnimmt, so dass der Amp an 8 Ohm noch ca. 50 Watt und an 16 Ohm knapp 25 Watt leistet. Von daher, bei einer großen Bühne und der Verwendung von 412er Cabinets ist darauf zu achten, dass die Box über einen 4 Ohm Eingang verfügt, alte Marshall Mono-Cabinets könnten einem mit ihren 16 Ohm einen Strich durch die akustische Rechnung machen.

Blackstar Silverline Deluxe Head Test

Blackstar Silverline Deluxe Head Profil

Interessant ist die Wortwahl des Modelers, der tunlichst die Assoziation zu den Blaupausen der klassischen Sounds vermeidet und lediglich bei einigen unverfänglichen Angaben auf bereits etablierte Bezeichnungen zurückgreift. So wird zum Beispiel bei der digitalen Vorstufe von „Voicings“ gesprochen, die in die Bereiche Warm Clean, Bright Clean, Crunch, Super Crunch, OD 1 und OD 2 unterteilt sind. Um ehrlich zu sein, gefallen mir persönlich diese Bezeichnungen um ein Vielfaches besser als die zum Teil schon eher ins Peinliche abdriftende Bezeichnungen einiger Konkurrenzprodukte, die zum Beispiel mit „Fander“, „Saldona“ oder „Marhall“ aufwarten.

Neben der typischen 3-Band-Klangregelung im Preamp und der Resonance- und Presence-Regler in der Endstufe setzt Blackstar auf zwei zusätzliche Klangregelungen, die über das übliche Maß an Soundverwaltung hinausgehen. Zum einen haben die Briten im Blackstar Silverline Deluxe Head ihre ISF-Schaltung verbaut, die das nahtlose Überblenden zwischen einem „amerikanischen Sound“ (eher Scoop-lastig ausgelegt) und einem „britischen Sound“ (Mitten-Peak) ermöglichen soll. Natürlich ist es nicht möglich, mit einem einzelnen Regler zwischen einem Twin Reverb und einem JMP zu überblenden, aber man kann so im Vorfeld seine Präferenzen einstellen.

Als Besonderheit hingegen besitzt der Amp einen Wahlschalter, deer das Klang- und Resonanzverhalten der gängigsten Endröhren (EL84, KT66, 6V6, 6L6, EL34 und KT88) emuliert und so für mehr klangliche Vielfalt sorgen soll. Um auch in Sachen FX zumindest eine rudimentäre Standalone-Lösung anbieten zu können, verfügt der Amp ähnlich wie die Grandmeister- und BS200 Serien von H&K über ein einfaches internes Multieffektgerät, das Modulation, Delay und Reverb per Drehregler vorab anwählt und dann in der Intensität mit einem Level-Regler eingestellt wird. Möchte man entsprechende Effekte benutzen, ist dies leider die einzige Möglichkeit, diese zu benutzen, über einen seriellen FX-Loop, der es erlaubt, gerade Raumeffekte wie Delay oder Reverb zwischen Vor- und Endstufe zu platzieren, gibt es leider nicht – vielleicht eine sinnvolle Ergänzung für die MKII-Version.

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Die Rückseite des Blackstar Silverline Deluxe Head gestaltet sich einfach und dem Konzept des Heads angemessen. Neben den beiden Fußschaltereingängen bietet der Amp noch einen TRS-Eingang für die Zuspielung externer Klangquellen wie zum Beispiel eines MP3 Players und er bietet einen frequenzkorrigierten Ausgang für Demoaufnahmen oder aber für alle, die auf eine mikrofonierte Abnahme der Gitarre verzichten möchten/müssen, eine Direkteinspeisung in die P.A.

Test: Blackstar Silverline Deluxe Head, Gitarrenverstärker

Blackstar Silverline Deluxe Head Back

Der Sound des Blacktar Silverline Amp

Trotz der vielen Einstellungsmöglichkeiten findet man sich auf dem Frontpanel des Blackstar Silverline Deluxe Head schnell zurecht. Erst mal einen Grundsound gewählt und dann grob mit dem ISF-Regler seine bevorzugte Ausrichtung gewählt. Ein Punkt fällt bereits bei den ersten Tönen auf, die aus dem Lautsprecher strömen, der Amp ist nicht primär für cleane Sounds konzipiert worden. Die Klangbeispiele wurden mit einer Les Paul Standard eingespielt, deren Burstbucker-Pickups über einen wahrlich moderaten Ausgangspegel verfügen und dennoch musste der Gain-Regler bis nahe null zurückgefahren werden, um einen mehr oder minder cleanen Sound zu erreichen. Trotz dieser Einstellung kam es bei hartem Anschlag schon zu der einen oder anderen Sättigung, aber letztendlich alles nicht schlimm, ältere JCM haben das auch nicht hinbekommen und zur Not gibt es ja immer noch den Volume-Regler am Instrument.

Der Fokus des Blackstar Silverline Deluxe Head liegt natürlich auf den Endröhren-Simulationen, die den Amp in dieser Preisklasse deutlich aus dem Feld der Konkurrenten herausragen lässt. Ich habe daher alle Klangbeispiele jeweils mit den verschiedenen Endstufen-Simulationen nacheinander aufgenommen, um die klanglichen Unterschiede zu demonstrieren. Der Amp hing dabei an einem H&K Oversize 412 Cabinet mit Celestion Lead 80 Speakern, aufgenommen mit einem MS57 von Fame.

Nimmt man die sechs unterschiedlichen Voicings und kombiniert sie mit den sechs unterschiedlichen Endröhren-Emulationen, das Ganze noch in Kombination mit dem ISF-Regler, ergebt sich für den Amp in der Tat eine sehr hohe Klangausbeute. Dabei ist von schneidend spitz bis pumpend fett alles dabei, was man an Sounds auf den Plan rufen möchte. Insbesondere im High-Gain-Bereich, der im Prinzip schon bei Super-Crunch anfängt, bietet der Amp viele Möglichkeiten, seinen bevorzugten Sound zu bestimmen. Allerdings wirken alle Sounds, als ob sie ihre Unterschiedlichkeit aus unterschiedlichen EQ-Einstellungen in den Presets beziehen, weniger aus der komplexen Interaktion der einzelnen Bauteile, wie es bei einer Röhrenendstufe der Fall ist. Natürlich wird niemand bei einem Ladenpreis von unter 500,- Euro eine perfekte Abbildung der einzelnen Röhrenparameter erwartet haben und bei einigen Kombinationen kann man auch sehr schön die unterschiedlichen Charakteristika der einzelnen Röhren-Emulationen im direkten Vergleich ausmachen, aber es bleibt eine, wenn auch ambitionierte Emulation.

Lediglich ein Punkt macht mich nachdenklich, wenngleich er vom Ansatz her von den Konstrukteuren schon gut mitgedacht ist. Die jeweiligen Endröhren-Emulationen sind im Vergleich in der ungefähren Lautstärke programmiert, die sie auch im Original abgeben, das heißt, die EL84-Simulation ist zum Beispiel um ein Vielfaches leiser als eine KT88-Simulation. Gut gedacht, aber es gibt bei der persönlichen Programmierung der Sounds dies entsprechend zu berücksichtigen. Man kann die unterschiedlichen Lautstärken auch gut bei den Klangbeispielen nachvollziehen.

Klanglich kann der Amp insbesondere bei geringeren Lautstärken überzeugen, wenngleich er mit einem leicht belegten Grundsound zuweilen etwas Probleme hat, sich im Bandkontext durchzusetzen. Wer aber seinen Drummer an einer engen Leine führt und dem Bassisten das 8×10 Cabinet versteckt hat, sollte auch damit klarkommen.

Test: Blackstar Silverline Deluxe Head, Gitarrenverstärker

Blackstar Silverline Deluxe Head im Einsatz

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Fazit

Mit dem Blackstar Silverline Deluxe Head hat der britische Hersteller einen klanglich flexiblen und optisch ansprechenden Head auf dem Markt. Der Amp bietet durch 6 verschiedene Voicings, 6 Endröhren Emulationen und der Blackstar eigenen ISF-Schaltung eine breite Palette an Sounds, die insbesondere im Gain- und High-Gain-Bereich viele Möglichkeiten für kleines Geld bieten. Wer auf der Bühne optisch glänzen möchte, ohne einen Vollröhren-Head transportieren zu wollen, sollte den Head einmal antesten.

Plus

  • Preis-Leistungs-Verhältnis
  • Optik
  • Verarbeitung

Minus

  • kein FX-Loop

Preis

  • 488,- Euro
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Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    guizmorbo

    Bei dem Preis darf man sich eigentlich nicht beschweren. Es gibt mittlerweile so viele Produktangebote im Breich Emulation und das bei angebrachter Lautstärke. Ich bin ein purer Wohnzimmerspieler und kann über die Gig Tauglichkeit dieser Lösungen nicht urteilen. Nachdem ich aber alle grossen Digitalen ausgiebig getestet habe (Helix, Kemper, Axe III, Iridium), bin ich doch froh wieder bei Röhren (in Kombination mit UA Ox) gelandet zu sein. Das ist sicher nicht billiger oder so vielseitig wie die grossen Digitalen, aber für mich klingts besser. Ob es das auch wirklich tut wage ich mal zu bezweifeln, das ist alles sehr subjektiv. Ich finde es toll dass es heute eine Vielfalt an neuartigen Produkten gibt. Vielen Dank für den informativen Test!

  2. Profilbild
    Hein Schlau  AHU

    Klingt wirklich nicht schlecht. Ich habe allerdings bei einigen Audiobeispielen knackende Spratzer im Sound (besonders deutlich bei „04-Blackstar Silverline Deluxe Head OD1“), liegt das an der Aufnahme oder erzeugt der Head die Nebengeräusche?

    • Profilbild
      Axel Ritt  RED

      Die sind wohl bei der Konvertierung entstanden, sorry.

      Die Knackser stammen definitiv nicht vom Head!

  3. Profilbild
    KRYPTYK  

    An den Autor und Tester. Sie schreiben als Minus, dass der Amp keinen Effektloop hat, das ist FALSCH. Er hat einen Effektloop, wenn Sie vor dem Test die Bedienungsanleitung gelesen hätten, wäre Ihnen das sicherlich Aufgefallen. In der Bedienungsanleitung unter Punkt 34, finden Sie folgenden Text.
    34. Mono Effect Loop
    Wenn Sie den Effects Loop über die kostenfreie Blackstar INSIDER Software
    aktivieren, verwandeln sich die Buchsen Emulated Output bzw. MP3/Line Input in
    einen „Preamp Out“ (zur Ansteuerung von externen Effekten) bzw. einen „Power
    Amp In“ (zur Rückführung des Effektsignals in Ihren Verstärker). Das bedeutet, dass
    Sie zusätzlich zu den in Ihrem Verstärker integrierten Studio-Effekten auch Ihre
    eigenen externen Effekte und Bodenpedale einschleifen und zur Optimierung Ihres
    Sounds nutzen können.
    Wenn der Effects Loop aktiv ist, können Sie das USB-Audio-Interface weiterhin als
    Line In/Out verwenden.

    Dies ist genau so wie beim TVP100 der auch keinen sichtbaren Effektloop hat, aber der Effektloop auf die gleiche Weise aktiviert wird.

    • Profilbild
      Axel Ritt  RED

      Hallo Kryptyk

      vielen Dank für deinen Hinweis, aber bei aller Liebe, einen Effektloop erste über eine Software aktivieren zu müssen um dann 2 Buchsen zu verwenden, auf deren Doppelfunktion nicht einmal mittels Aufdruck ober-/unterhalb der Buchsen hingewiesen wird, ist völlig praxisfremd.

      Wer einen Head zumindest optisch für den regulären Live Betrieb konzipiert, sollte das Grundniveau der Buchsenbelegung einhalten. Sollte schaltungstechnischen Sonderlösungen sind keinem Bühnentechniker zu vermitteln.

      Best Grüße

      • Profilbild
        KRYPTYK  

        Hallo Herr Ritt
        Da haben Sie zu 100% recht. Das gleiche Problem hatte ich auch bei dem TVP100 den ich eigentlich kaufen wollte, aber dann den Effektloop nicht gefunden hatte.(Was soll ich dann mit meinem Pedalboard anfangen?) Daher habe ich weder das TVP100 Modell noch das Silverline Modell gekauft. Mit dem Effektloop wurde ich auch erst von meinem Kumpel aufmerksam gemacht, weil der sich den Silverline gekauft hat. Nun ja ich bin jetzt mit meinem Marshall MG100HCFX völlig zufrieden.

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